Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Chancen für die einzelnen Berufe festzustellen. Es ist aber wesentlich, daß Handwerker nicht ganz ohne Kapital in das Land kommen, sondern genügend Geld mitbringen, um — bei dem sehr billigen Leben im Lande — etwa ein halbes Jahr abwarten zu können, bis sich der Betrieb rentiert. Für Handwerker empfiehlt es sich, eine möglichst gute Ausrüstung an Handwerkszeug aus Europa mitzubringen, da alle Importware im Lande sehr teuer ist, insbesondere alles, was aus Eisen ist. 3. Kaufmännische Angestellte Die Arbeitsmöglichkeiten für kaufmännische Angestellte sind gering. „Das Gehalt eines Angestellten, der ohne Kontrakt nach Ecuador kommt und dort Stellung findet, wird die Kosten der einfachsten Lebensbedürfnisse kaum überschreiten." Von größter Wichtigkeit ist die Beherrschung der spanischen und womöglich auch der englischen Sprache. 4. Selbständige Kaufleute und Industrielle Infolge der außerordentlich niedrigen Löhne der einheimischen Arbeitskräfte und der Bemühungen der Regierung, die Industrialisierung des Landes zu fördern, sind die Möglichkeiten für kleinere Unternehmungen wohl nicht ungünstig, doch muß sorgfältig bedacht werden, daß die ungeheure Armut der großen Mehrheit des Volkes und die geringe Bevölkerungsdichte des Landes die Kaufkraft des einheimischen Marktes eng begrenzt, so daß nur bestimmte, sorgfältig auszuwählende Branchen auf ausreichenden Absatz rechnen können. Neue Vertreter haben kaum Aussichten. 5. Akademische Berufe Im allgemeinen sind alle akademischen Berufe ausschließlich Einheimischen zugänglich. Dies gilt sogar für Zahntechniker. Die ecuadorianische Regierung hat jedoch einzelne deutsche Gelehrte und Fachleute in Staatsstellungen berufen; auch ist es einigen jüdischen Aerzten aus Deutschland gelungen, die nötigen Nachexamina zu machen, sich niederzulassen und eine befriedigende Praxis zu gründen. Doch sollen weitere Einwanderungsmöglichkeiten für Aerzte nicht bestehen. Auch für die Betätigung als Zivil- Ingenieur ist, wie wir hören, „kaum Raum". 6. Landwirtschaftliche Siedlung Die Ansiedlung einzelner Landwirte in Ecuador kann zum Erfolg führen, wenn drei wichtige Voraussetzungen gegeben sind: 1. der Siedler muß Kapital haben, um die Rodungsarbeiten durch Indios ausführen zu lassen oder um ein schon fertiges Anwesen zu kaufen; auch muß das Geld ausreichen, um ihn während der Zeit bis zur ersten Ernte zu ernähren; 2. es muß sich um wirkliche Pioniernaturen handeln, die zu jeder Arbeit geschickt, zu jeder Entbehrung bereit und vor allem zum Leben in der Einsamkeit tauglich sind. Bei den ungeheuren Entfernungen und der geringen Besiedlung des Landes, ferner bei der primitiven Kulturlosigkeit der eingeborenen Indianer muß der Einwanderer sehr genau wissen, was er tut, wenn er sich allein zu siedeln entschließt; 3. der Siedler muß sein Fach verstehen, wirklicher Landwirt sein und darf nicht etwa erst in Ecuador umsatteln. Landwirtschaftliche Siedlung ohne Vorkenntnisse und nur mit verzweifelter Arbeitsbereitschaft kann allzu leicht zur Kataströphe führen. Wegen der großen Verschiedenheiten der Klima- und Bodenverhältnisse in den einzelnen Gebieten ist unbedingt notwendig, sich bereits vor der Einwanderung von Fachleuten darüber beraten zu lassen, in welchen Gebieten die Ansiedlung wirklich erfolgreich möglich ist. Allen Projekten zur landwirtschaftlichen Massenansiedlung von Juden aus Deutschland in Ecuador muß das allergrößte Mißtrauen entgegengebracht werden. Die Gebiete, welche die Regierung umsonst zur Kolonisation zur Verfügung zu stellen bereit ist, Hegen weit ab von allen Verkehrswegen und würden gewaltige Beträge zur wirtschaftlichen Erschließung erfordern. Dagegen sind verkehrspolitisch und klimatisch günstigere Ländereien für verhältnismäßig billiges Geld zu haben und wären jedenfalls den umsonst zur Verfügung gestellten vorzuziehen. VII. Briefe aus Ecuador Die folgenden Briefe aus Ecuador zeigen, daß es einer Reihe von Auswandern mit Anpassungsfähigkeit gelungen ist, dort Fuß zu fassen. Immerhin wird in diesen und auch vielen anderen Briefen stets betont, daß die Kaufkraft der großen Masse zu gering sei, um einer größeren Zahl von Einwanderern die Eingliederung zu ermöglichen. Daher muß in jedem Falle die Aussicht für die Ausübung eines bestimmten Berufes stets genau geprüft werden. Dies geht zum Beispiel auch aus folgendem Brief hervor: Guayaquil, 10. Juni 1937 „Die Geschäftslage ist hier nicht schlecht. Es können jedoch nur selbständige Kaufleute mit wenigstens 1000 $ ein Geschäft eröffnen. Eine Anstellung finden Kaufleute sehr schwer. Für Handwerker ist es etwas besser. Doch müssen diese auch etwas Geld haben. Es kommt in der Hauptsache auf die Art des Berufes an: Aussichten haben Schlosser, Autofachleute, Elektriker, Schuhmacher, Drucker; — aber auch nur wenige Leute. Diese Handwerker können sich selbständig machen, würden auch leidlich bezahlte Arbeit finden. Ich selbst bin Uhrmacher. Ich hatte Glück, schnell eine Existenz zu finden. Ein Kollege, der des Klimas wegen weg mußte, hat mir sein eingeführtes Geschäft preiswert überlassen. Es gibt unter den Einheimischen eine Menge Uhrmacher; ferner mehrere größere Geschäfte der Branche. Das ist für Guayaquil sehr viel, besonders da der weitaus größte Teil der Einwohner keine Uhren trägt. Noch ein Uhrmacher würde nicht sein Brot finden. So ähnlich ist es mit den meisten Handwerksberufen. Durch die Eingewanderten sind die Preise sehr gedrückt. Ich warne daher, Handwerker außer den vorstehend genannten herzuschicken. Die Lebensmittel sind hier billig, aber auch der Verdienst nicht hoch. Eheleute brauchen hier monatlich etwa 300 Sucres. Das ist ein Lohn für eine gehobene Stellung. Wohnungen sind knapp und teuer. Ich habe mit einer Familie zusammen eine große Wohnung. Meine Frau und ich bewohnen zwei Zimmer; Küche und Toilette ist gemeinsam. Wir zahlen den halben Mietspreis mit 95 Sucres. Einigermaßen brauchbare Läden kosten von 150 Sucres aufwärts. Das Klima ist erträglich, doch nur für gesunde Menschen; wer kranke innere Organe hat, hält es hier nicht aus." Landwirte haben hier gute Aussichten." Der nachfolgende Brief aus Guayaquil ist von einem Kaufmann geschrieben, der nach vielen Schwierigkeiten doch die Möglichkeit gefunden hat, sich selbständig zu machen. Er. berichtet gleichzeitig über Verhältnisse in verschiedenen Orten Ecuadors, die er besucht hat. Guayaquil, den 30. Oktober 1937 „Nachdem ich einige Wochen hier im Lande war, machte ich mich selbst auf die Suche und fand auch eine Stellung. Ich war sehr glücklich darüber, denn es liefen hier schon eine ganze Menge Leute herum, die bereits viel länger im Lande waren und keinerlei Aussicht auf Verdienst hatten. Schon als ich vom Dampfer herunterkam, sagte man mir, gewissermaßen zur Begrüßung: Für Kaufleute ist hier durchaus keinerlei Aussicht vorhanden. Also können Sie sich denken, daß ich mit ungeheurem Mut und mit großer Lust meinen Weg in das Hotel fortgesetzt habe. Nordland-Verkehre U.-t*. BKKLIXCS Inhaber €. T 1 K TJENS Telefon: 51 44 63 Roßstraße 7 Internationale Möbeltransporte für Aaswanderer / Vertretungen an allen Weltplätzen Erledigung der Aasfahranträge bei der Devisenstelle 67