Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ware geachtet wird. — Mit Deutschland besteht seit 1934 ein Verrechnungsabkommen. Entsprechend den engen Handels- und Finanzbeziehungen zu England ist jetzt das englische Pfund die wahre Basis des Papierpeso. Die Zentralbank setzt täglich den offiziellen Kurs für den Ankauf wie für die Abgabe von Devisen fest. Seit Anfang 1934 beträgt der offizielle Kurs, zu dem die autorisierten Stellen Devisen ankaufen, 15 Papierpesos für 1 Pfd. Sterling, aber der Abgabekurs ist, ebenso wie der Kurs auf dem freien Markte, Schwankungen unterworfen. So beträgt der offizielle Abgabekurs jetzt (September 1938) 16 Papierpesos für 1 £ und der Kurs des freien Marktes etwa 18,87 Papierpesos. Der Kurs der „freien" RM. beläuft sieb zur Zeit auf etwa 1,77 Pesos, also 1 Peso 0,56 RM. Die Differenz zwischen den beiden offiziellen Kursen, nämlich dem Ankaufs- und dem Abgabekurs, stellt einen Buchgewinn der Zentralbank dar, der zum großen Teil zur direkten und indirekten Unterstützung der landwirtschaftlichen Unternehmen benutzt wird. Der Wirkung nach ist der Goldpeso also abgeschafft und der Papierpeso ist die Währungseinheit, obgleich keine neue gesetzliche Goldparität bis jetzt festgesetzt ist. 5. Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre Die Wirkungen der Weltagrarkrise, die allenthalben Preiszusammenbrüche auf den Rohstoffmärkten zur Folge hatte, hat Argentinien verhältnismäßig schnell überwunden. Im Verein mit der allgemeinen Besserung der Weltlage leitete die Abwertung des Peso einen Konjunkturanstieg ein, der während des Jahres 1935 anhielt und sich bis in das Jahr 1937 fortsetzte. Jedoch setzte dann eine Krise ein, die teils auf den schlechten Ausfall der Ernte des Jahres 1937 zurückgeführt wird (wodurch die Ausfuhr verringert und dadurch die Kaufkraft des Binnenmarktes geschwächt wurde), die zum andern Teil aber auch in einer zeitweiligen Ueberproduktion der einheimischen Industrie begründet sein soll. Sollte, wie man annimmt, die Ernte 1938 besser ausfallen, so dürfte eine Wiederbelebung des Binnenmarktes etwa zu Beginn des Jahres 1939 zu erwarten sein. Infolge der schlechten Lage der Wirtschaft hatte die Regierung zeitweilig die Einwanderung gesperrt. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die zukünftige Entwicklung des Landes optimistisch beurteilt werden muß. IV. Lebenshaltung und Lebenshaltungskosten 1. Wohnweise, Ernährung und Kleidung Die Wohnweise in Argentinien weist naturgemäß starke Unterschiede zwischen den ländlichen Siedlungen und den Städten auf. Die Wohnstätten der Siedler zeigen jede Bauart, je nach der Lage des Ortes, dem Geschmack und Vermögen des Siedlers, und, nicht zuletzt, dem verfügbaren Baumaterial. — Dagegen ist für die städtische Wohnweise, insbesondere in der Provinz, das Erdgeschoß-Haus mit flachem Dach charakteristisch. Die Straßenfront bietet gewöhnlich nur Raum für die Fenster des nach der Straße gelegenen Zimmers (das den Salon des Hauses darstellt) mit einem kleinen Balkonaustritt. Alle übrigen Räume gliedern sich um den offenen Innenhof, bzw. bei größeren Häusern um die Innenhöfe. Auf diese Höfe münden die Türen sämtlicher Zimmer des Hauses. Sie haben keine Fenster nach außen und erhalten ihr Licht vom Hofe, über dem sich der Himmel wölbt. Auf diesen mit Fliesen bedeckten Höfen versammelt sich an heißen Sommerabenden die Familie zu geselligem Beisammensein. Dem geschilderten, aus Spanien eingeführten Häusertyp hat die arabische Bauweise zum Vorbild gedient. Das Haus kehrt sein eigentliches Gesicht nach innen, dem Hofe zu. Es ist nach außen schmucklos. Mit dem Emporblühen der Großstädte und dem Steigen der Bodenpreise sind in Buenos Aires und größeren Provinzstädten Häuser mit ein, zwei und mehr Obergeschossen entstanden, in Buenos Aires auch viele Wolkenkratzer und viele palastähnliche Villen. In den Provinzstädten aber ist das Erdgeschoßhaus, das immer nur von einer Familie bewohnt wird, allgemein. Die Räume argentinischer Häuser sind hoch und luftig, aber sogenannter „letzter Komfort", d. h. fließendes warmes Wasser, eingebauter Frigidaire, eingebaute Schränke in Wohnräumen und Küche und dergleichen mehr sind Luxuseinrichtungen, die es nur in wenigen Großstädten gibt, und die sehr teuer bezahlt werden. Auch Waschküchen gehören nicht zu den Einrichtungen eines Hauses. In der Stadt läßt man viel außerhalb des Hauses waschen, wobei bemerkt sei, daß ausgezeichnet gewaschen wird. Wäscht man im Hause, so läßt man die Wäsche zumeist nicht kochen, sondern wäscht sie kalt auf dem Patio, dem bereits geschilderten Hof, in einem Holzbottich, wobei man ein Waschmittel, wie Lux u. dgl., benutzt, und trocknet die Wäsche dort im Freien. Auf einfache Badegelegenheit und elektrische Beleuchtung kann man wohl — mit Ausnahme abgelegener Gegenden — überall rechnen. In modernen Stadtwohnungen gibt es Gas- und elektrische Herde, aber in den älteren Häusern gebraucht man die auch auf dem Lande überall üblichen primitiven, aus Ziegelsteinen gebauten Herde, mit einigen offenen Kochlöchern und eventl. einer Bratröhre. Man feuert auf dem Lande meist mit Holz, auch mit Petroleum, bzw. Spiritus, in der Stadt mit Holzkohle. Das Feuer des Küchenherdes wird oft den ganzen Tag unterhalten (bei Holzkohle durch Aufschütten von Holzkohlenstaub, wie bei Grude, bei Holzfeuerung durch Einlegen von Holzstücken in die Kochlöcher). — Auch der „Brasero", ein eiserner Dreifuß, der beliebig transportiert werden kann, dient als Kochgelegenheit. Auf diesem Brasero hält man in primitiveren Häusern und auf dem Lande stets Wasser warm. Zentralheizung gibt es nur in den ganz modernen und luxuriösen Bauten der Hauptstädte, sonst meist gar keine Heizung, im Bestfalle Kamine, elektrische, Gas- oder Petroleumöfen. Die Ernährungsweise in Argentinien ist absolut europäisch. In den Städten kann man Speisen aus aller Herren Länder bekommen. Alle Zutaten, die eine Hausfrau für ihre Art zu kochen benötigt, kann sie erhalten. Milch, Eier, Butter, Gemüse, Fleisch, Fisch, Obst sind sehr billig. Das Klima erfordert keinerlei besondere Ernährung. Es ist üblich, zwei warme Mahlzeiten am Tag einzunehmen: ein dem englischen Lunch entsprechendes zweites warmes Frühstück und eine warme Hauptmahlzeit abends. Das traditionelle Hauptgericht ist der P u c h e r o, ein Gericht, das etwa dem Berliner „Rindfleisch mit Brühkartoffeln" entspricht, nur daß außer den Kartoffeln die Zugabe zu der sehr reichlichen Fleischportion aus vielerlei Gemüse besteht, darunter Maiskolben, Kürbis, verschiedenen Kohlarten, Rüben, Erbsen, Bohnen usw., die in der Brühe mitgekocht werden. — Auf dem Rost und am Spieß gebratenes Fleisch, ohne Soßen, wird ebenfalls viel gegessen. Einen leichten, billigen Landwein trinkt fast jeder zu den Mahlzeiten. Wie in allen warmen Ländern, so ist auch in Argentinien von starkem Alkoholgenuß sehr abzuraten. Wer sich an Mate, d. h. Paraguay- Tee, statt des Tees oder Kaffees gewöhnt, trinkt ein sehr billiges und bekömmliches Getränk. Was die Wohnungseinrichtung angeht, so ist dem Einwanderer das Mitnehmen von Einrichtungsgegenständen, soweit ihm unentgeltlicher WILHELM GRÄSSOW Ubersee-* Stadttransporie ~ ~s" B E R.LI N-REINICKE N DO R.F -MARKSTR; 10-11 RUF:49091?