Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 1 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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VORWORT Die vorliegende Neuausgabe des Südamerika-Heftes unserer Zeitschrift „Jüdische Auswanderung" bedarf an sich kein-r Rechtfertigung. Ist doch das Heft in seiner ursprünglichen Gestalt in 15 000 Exemplaren in die Hände jüdischer Auswanderer gelangt und hat vielen Tausenden, die kaum eine Vorstellung der neuen Welt hatten, die sie in Südamerika erwartet, ein Bild des Kommenden und einen Anhaltspunkt für die praktische Vorbereitung ihrer Auswanderung gegeben. Ja, es darf mit einem gewissen Stolz darauf hingewiesen werden, daß die drei bisher erschienenen Hefte der „Jüdischen Auswanderung" weit über den ursprünglich ins Auge gefaßten Leserkreis hinaus Interesse gefunden und selbst in Schulen und jüdischen Lehrhäusern als Handbuch zur Geographie und Kulturkunde der überseeischen Länder gedient haben. Da nunmehr die alte Auflage des Heftes nach zwei Jahren (trotz eines inzwischen erfolgten unveränderten Nachdrucks) nicht nur vergr ffen, sondern vor allem auch in bestimmten Teilen veraltet war, ergab sich die Notwendigkeit einer auf n letzten Stand gebrachten Neuauflage. Hierbei konnten — abgesehen von der selbstverständlichen Berücksichtigung der neuesten Einwanderungsr. bestimmungen, der veränderten Wirtschaftsverhältnisse usw. — vor allem die reichen Erfahrungen nutzbar gemacht werden, die in fast allen Ländern des südamerikanischen Kontinents inzwischen von unseren Auswanderern selbst gemacht worden sind und dem Hilfsverein in Gestalt von Tausenden von Auswandererbriefen zuströmten. Die Wandlung des auswanderungspolitischen Bildes, die sich im Laufe dieser letzten zwei Jahre ergeben hat, ist gewaltig. Als in der ersten Auflage des Südamerika-Heftes mit großem Nachdruck auf Columbien hingewiesen wurde, handelte es sich um ein selbst unter den gebildeten Juden Deutschlands fast völlig unbekanntes Land, in das eine Einwanderung bis 1936 noch kaum gelangt war. Heute ist Columbien, in das inzwischen mehrere tausend jüdische Auswanderer aus Deutschland eingewandert sind, ein Land, dessen Zustände uns durch zahllose Briefe genau bekannt sind, und mit dem die noch in Deutschland verbleibende jüdische Bevölkerung durch die mannigfachsten Bande verknüpft ist. Auch bei anderen Ländern hat sich durch die Erfahrungen der letzten zwei Jahre eine erhebliche Wandlung des Gesamtbildes ergeben, die ihren Ausdruck in diesem Hefte findet. Aber wenn auch vom publizistischen Gesichtspunkt aus die vorstehende Neuauflage keiner Rechtfertigung und kaum eines Kommentars bedarf, so muß mit allem Nachdruck auf die wanderungspolitische Verschlechterung der Situation in den letzten zwei Jahren hingewiesen und die Frage nach den Ursachen aufgeworfen werden. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß kaum ein einziges südamerikanisches Land heute der jüdischen Einwanderung aus Deutschland noch in dem Maße offen steht wie vor zwei Jahren. Besonders bedauerlich sind die Einwanderungserschwerungen in Ländern wie Columbien, Ecuador, Venezuela, Brasilien, Peru und Chile. Auf der andern Seite sind Erleichterungen gegenüber der früheren Situation nur in einem einzigen Land, nämlich in Bolivien, bis zu einem gewissen Grade zu verzeichnen. Diese verhängnisvolle Verringerung der Einwanderungsmöglichkeiten in Südamerika zu einer Zeit, in der die gesamte jüdische Bevölkerung in Deutschland vom stärksten Auswanderungsdrange erfaßt ist, und in der, über die Grenzen des erweiterten Reiches hinaus, auch die Juden anderer europäischer Länder in steigendem Maße ihr Heil in der Auswanderung suchen, ist gewiß zum Teil in Umständen begründet, die außerhalb des Einflußbereiches jüdischer Menschen und Institutionen liegen. Insbesondere gilt dies für die großen Schwierigkeiten des Transfers, die selbst bemittelten jüdischen Auswanderern die Mitnahme. eines nennenswerten Kapitals unmöglich machen. Es ist auch nicht zu leugnen, daß schon seit langer Zeit — in gewissem Grade seit Ende des Weltkrieges, in viel höherem Maße aber seit der Weltwirtschaftskrise — ganz allgemein eine Tendenz zur verschärften Kontrolle der Einwanderung bei den Ueberseestaaten besteht. Aber auf der andern Seite sind ganz unzweifelhaft die neuesten Einwanderungsbeschränkungen in Südamerika zum großen Teil d i e F o 1 g e