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Jüdische Auswanderung · 1938-07-01 · Juli 1938 · p. Seite 65

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1938. Bestand LBI
Issue
Juli 1938
Date
1938-07-01
Page
Seite 65 (sequence 71)
Language
German
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Der Grund ist hier nicht in Antisemitismus zu suchen, sondern es wird, zumal in den kleineren Orten, vom Lehrer erwartet, daß er an dem christlich-protestantisch orientierten Gemeindeleben gestaltend teilnimmt, was für Andersgläubige eben nicht in Betracht kommt. Das Schwergewicht der jüdischen Lehrerbetätigung verlegt sich daher immer mehr auf die spezielle jüdische Erziehung. An den guten Universitäten besteht für Juden nur dann eine Aussicht auf eine Professur, wenn sie sowohl im Inland wie im Ausland anerkannte Autoritäten sind; der Prozentsatz der jüdischen Studierenden ist an den meisten Universitäten jedoch recht bedeutend. Beamte der einzelnen Staaten, früher ein Monopol der Iren, finden sich unter Juden recht häufig, doch werden auch hier die Aussichten immer geringer. Die Beamtenposten, mit Ausnahme der höchsten Stellen und der Bundesverwaltung, haben nicht die gesellschaftliche Bedeutung wie häufig in Europa. 3. Grundzüge des Gemeinschaftslebens Das jüdische Leben in den Vereinigten Staaten unterscheidet sich in seinem organisatorischen Aufbau grundlegend von dem, das z. B. Juden in Deutschland gewohnt sind. Es gibt dort keine geformten und festgefügten Gemeinden, die — ähnlich den staatlichen Gemeinden, von denen sie die Bezeichnung übernommen haben — die Judenheit des Landes repräsentieren und die für diese notwendigsten Aufgaben auf religiösem, kulturellem, sozialem, rechtlichem Gebiet usw. erfüllen. Die Organisationsformen in den Vereinigten Staaten können nur mit dem auch bei den Juden in Deutschland bestehenden Vereinswesen verglichen werden, mit dem Unterschied, daß sie nicht ergänzend neben Gemeinden stehen, sondern daß sie das gesamte jüdische Leben repräsentieren. Gruppen und Organisationen sowohl für die einzelnen Sachaufgaben wie nach Richtungen getrennt stehen nebeneinander, mit eigenen Mitgliedschaften und eigenen Mitteln. Soweit sie miteinander in Fühlung stehen, geschieht es durch ebenfalls freiwillige Zusammenschlüsse, entweder in Form von (örtlichen oder nationalen) Vereinigungen, von Arbeitsgemeinschaften oder auch durch gemeinsame Ausschüsse, die Verbindung und Ausgleich herstellen sollen. Die ersten Zusammenschlüsse solcher Art sind gegen Ende des vorigen Jahrhunderts entstanden, als bei den Leitungen der einzelnen Vereine die Erkenntnis sich Bahn zu brechen begann, daß bessere Organisation und Zusammenarbeit erforderlich seien, um einen höheren W i r - kungsgrad der Arbeit zu erzielen. Seitdem hat diese Konzentrationsbewegung beachtliche Fortschritte gemacht. Es hat den Anschein, als ob die Gestaltung des jüdischen Lebens sich in steigendem Maße dem Charakter einer Gemeinde nähere. Bislang kann indessen von einem solchen noch nicht gesprochen werden. Eine unliebsame Folge davon ist, daß es keine zuverlässigen Zahlen über die jüdische Bevölkerung, über ihren Umfang, ihre geographische, nationale, sprachliche, altersmäßige, wirtschaftliche und berufliche Verteilung gibt. Die allgemeinen zehnjährlichen Volkszählungen können dem nicht abhelfen, da bei ihnen nicht nach der Religionszugehörigkeit gefragt wird. Daher bleibt den jüdischen Stellen nur der Ausweg, von Fall zu Fall eigene Zählungen vorzunehmen, oft in der Form, daß repräsentative Gruppen erfaßt und von den dabei erzielten Ergebnissen aus Gesamtschätzungen vorgenommen werden. Alle vor- und nachstehend wiedergegebenen statistischen Angaben können, auch ohne daß wir das im einzelnen vermerkt haben, nicht als absolut gültig, sondern müssen als geschätzte und gewogene Annäherungswerte angesehen werden. 4. Religiöse Richtungen Aus dem Vorhergesagten folgt ohne weiteres, daß es auch keine Gemeindeinstanzen für die religiösen Aufgaben gibt. Die einzelnen Synagogen haben ihre eigenen Rabbiner und Lehrer. Die Stellung des Rabbiners ist im allgemeinen sehr stark, da er die Gemeinschaft sowohl nach innen wie auch gegenüber der Außenwelt repräsentiert; auf seiner Qualifikation beruht zu einem Teil die Wirksamkeit der Gemeinde. Dennoch gibt es einige typische Richtungen, die eine Gemeinsamkeit der religiösen Uebung gewährleisten, und die Tendenz drängt noch weiter im Sinne einer einheitlichen Festlegung. Die drei entscheidenden Strömungen sind mit den großen Einwandererwellen entstanden. Die große Immigration aus Süd- und Westdeutschland insbesondere in den fünfziger und achtziger Jahren brachte die unter Abraham Geigers Einfluß stehende Reform ins Land; die ostjüdischen Massen seit 1881 konstituierten sich in den traditionellen Formen der Orthodoxie, und als Ausgleich zwischen den Richtungen entstand die Konservative Lehre. 1. Die Reform Die entscheidenden Auffassungen der Reform sind im wesentlichen auf der in Europa ausgebildeten Grundlage entwickelt worden. Der wesentliche Unterschied bestand von Anfang an darin, daß weniger die theoretische liberale Gedankenwelt, die in der amerikanischen Umwelt als selbstverständlich galt, sondern mehr die praktische Reform weitergetrieben wurde. So sind der Gottesdienst und die Feiertagsheiligung in starkem Maß von der alten Tradition entfernt und den neueren Strömungen angepaßt worden. Der Hauptgottesdienst findet Sonntags statt, um den durch Geschäftstätigkeit Behinderten die Teilnahme zu erleichtern, Orgel und gemischter Chor finden sich wie in den in Deutschland bekannten religiösliberalen Synagogen, Männer und Frauen sitzen gemeinsam, die Männer tragen keine Kopfbedeckung, die Thoravorlesung erfolgt durch den Rabbiner, es wird durchgängig der zweite Feiertag nicht eingehalten. Die Einheit der religiösen Uebung ist vor allem durch die Einführung des Union Prayer Book, eines verkürzten, vorwiegend englisch abgefaßten Gebetbuchs, gewahrt. Die Gottesdienste sind im allgemeinen sehr feierlich; neben dem Aesthetischen ist maßgeblich der Wunsch nach Ersatz der weitestgehend verlorenen Feiertagsheiligung in der Familie; so gibt es vielfach öffentlichen Seder und Kiddusch. Die Reform hat aber auch ritualschöpferisch gewirkt durch Einführung der auch von der konservativen Gruppe übernommenen Konfirmation der meist 14—16jährigen Knaben und Mädchen, die feierlich in der Synagoge im Zusammenhang mit Schawuoth erfolgt. In neuerer Zeit sind neben die alten Auffassungen des Liberalismus (Judentum als abstrakte Religion, Erwartung der messianischen Zeit an Stelle des persönlichen Messias, Betonung des Universalismus, Vorrang der Erkenntnis vor der Offenbarung) Strömungen getreten, die das emotionale Element der Religion stärker betonen und die im Zeremonial, in der Erziehungs- und Sozialarbeit, in der Ethisierung nicht so sehr der Idee als vielmehr ihrer Träger entscheidende Aufgaben sehen. Die Zusammenfassung der Reformbewegung ist das Werk von Isaac M. Wise. Die von ihm 1893 gegründete umfassende Organisation ist die Union of American Hebrew Congregations (Gemeinden) in Cincinnati, welcher 290 Tempel mit 80000 Mitgliedern angeschlossen sind, zu denen noch die National Federation of Temple Brotherhoods (Nationale Vereinigung der Tempel-Bruderschaften) mit 20 000 und die National Federation of Temple Sisterhoods (Schwesterschaften) mit 70 000 Mitgliedern kommen. Ungefähr die Hälfte der Mitglieder ist ostjüdi- VERSICHERUNGEN FÜR AUSWANDERER Spez. Umzugssutversicheruns ÄSÄ^ / Lebensversicherungen / Renten GEORG CASSIRER, berlin-Wilmersdorf, trautenaustrasse 15 Tel.: 87 34 85 5 65

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