Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1938. Bestand LBI
- Issue
- Juli 1938
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 62 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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eines vornehmen Golfclubs werden kann, ist für den aus Europa kommenden Juden vielleicht das Paradoxeste; es erklärt sich aber aus der Struktur der amerikanischen Gesellschaft. y Innerhalb der amerikanischen Öffentlichkeit gibt es verschiedene Einstellungen zum Problem der nicht völlig assimilierten Einwanderermassen im allgemeinen und zur amerikanischen Judenfrage im besonderen. Auf der einen Seite verlangt eine Strömung, als deren Wortführer etwa Lothrop Stoddard gelten kann, die restlose Assimilation der Einwanderermassen an das ansässige alte Amerikanertum. Sie geht davon aus, daß das Gesicht des heutigen Amerika von den Nachkommen der Männer gestaltet worden sei, die im kolonialen Zeitalter aus Nord- und Westeuropa eingewandert und ihre Anschauungen und Ideale auf amerikanischen Boden verpflanzt hätten. An diesen Grundstock haben sich dann, nach der gleichen Anschauung, die Einwanderer der „Old Immigration" im 19. Jahrhundert mühelos angeschlossen und Amerika zu einem der mächtigsten Staaten der Welt gemacht. Die Einwanderermassen aber, die aus Süd- und Osteuropa in den letzten 50 oder 60 Jahren eingewandert sind, gelten diesen Wortführern des „hundertprozentigen Amerikanertums" zum großen Teil als minderwertig, wenn nicht rassisch, so doch wenigstens kulturell. Wenn sie trotzdem volle Gleichberechtigung auch in gesellschaftlicher Hinsicht beanspruchen wollen, so müßten sie sich restlos an das ansässige Amerikanertum assimilieren, — und diesem notwendigen Vorgang müßten Staat und öffentliche Meinung sehr energisch nachhelfen. Eine andere liberalere Strömung aber weist auf Erscheinungen hin, die zu den eben erwähnten Forderungen des amerikanischen Nationalismus nicht recht passen wollen. Erzwungene, überstürzte Assimilation müsse dazu führen, daß die natürlichen Grundlagen jeder staatsbürgerlichen Einordnung erschüttert, wenn nicht gar zerstört würden; so vor allem die Einheit der Familie und der Respekt vor der Tradition. Es könne unmöglich das Ziel des Staates sein, in seinen Schulen eine Jugend aufzuziehen, die ihre Eltern verachte und verlache, weil diese eine fremde Sprache sprächen und anderen Idealen anhingen als den Idealen Washingtons und Jeffersons. Für die Wortführer dieser Strömung ist es bezeichnend, daß gerade unter der zweiten Generation der Eingewanderten außerordentlich viele asoziale Typen, d. h. Verbrecher aufträten; was könne man auch anderes erwarten von Menschen, die sich nirgends zugehörig fühlen, nämlich nicht mehr zur „Alten Welt" ihrer Eltern (auf die sie geringschätzig herabsehen) und noch nicht zur „Neuen Welt" des Amerikanertums, an die sie sich höchstens äußerlich so rasch assimilieren können. Nicht der Einwanderer, der an seinen alten Traditionen hängt, wird hier als eine Gefahr angesehen, sondern vielmehr der Typus des „non-descript", des nirgends zugehörigen und deshalb asozialen Menschen, der durch eine falsche Assimilationspolitik von Staat und Gesellschaft entstehe. Auf dieser Seite glaubt man an die Möglichkeit, daß die Einwanderermassen der New Immigration (und unter ihnen auch die jüdischen Massen) das Beste ihrer alten Traditionen bewahren und als wertvolle Mitgift in ein Amerika der Zukunft einbringen können, — ohne sich und ihre Vergangenheit zu verleugnen und andererseits ohne von der Masse des seit Jahrhunderten einheimischen Amerikanertums durch eine dauernde Kluft getrennt zu bleiben. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Lösung der Judenfrage nicht nur abhängig ist von der Haltung der amerikanischen Bevölkerungsmehrheit, sondern vor allem auch von der inneren Kraft der amerikanischen Juden selbst. Wenn sie die vollste Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten zu verbinden wissen mit einem Festhalten nicht an allen Formen, wohl aber an dem besten Inhalt der jüdischen Ueberlieferung, — wenn sie das Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit weder zu Ueberheblichkeit noch zu einem Minderwertigkeitsgefühl veranlaßt, sondern nur zu gegenseitiger Hilfe und zu gesunder Selbstkritik (die auch eine Normalisierung der Berufsgliederung zum Ziel haben müßte!), dann dürfte ein wichtiger, vielleicht entscheidender Schritt zu einer fruchtbaren Zukunft der Judenheit in Amerika getan sein. B. Jüdisches Leben 1. Die jüdische Bevölkerung Die Vereinigten Staaten von Nordamerika beherbergen die größte jüdische Bevölkerung von allen Ländern der Welt. Sie wird auf 4J/2 Millionen, also ca. 27 o/o der Gesamtzahl von 16 Millionen geschätzt. Selbst Polen mit seiner jüdischen Masse bleibt weit hinter dieser Ziffer zurück. Der Prozentsatz der amerikanischen Juden an der Gesamtbevölkerung des Landes beläuft sich auf mindestens 31/2 °/o. a) Die einzelnen Staaten Juden finden sich in allen Staaten der Union, aber ihre Verteilung ist ungleichmäßig. Die entscheidenden Merkmale sind ein Ueberwiegen in den Oststaaten und eine Konzentrierung in den Großstädten. In den letzten Jahrzehnten ist freilich eine Tendenz zu einer etwas gleichmäßigeren Verteilung und einer Bevorzugung insbesondere des Mittleren Westens zu bemerken. Trotz dieser Einseitigkeit ist für mitteleuropäische Verhältnisse auch der Prozentsatz der Juden an der Bevölkerung der Weststaaten mit 1,66 o/0 (180 000) und der Südstaaten mit 0,65 0/0 (zirka 230 000) nicht gering; sowohl Deutschland wie Frankreich bleiben dahinter mit ihrer jüdischen Bevölkerungsquote zurück. Der judenreichste Staat ist New York mit rund 2 Millionen, also 45 % aller amerikanischen Juden und über 16 0/0 der Gesamtbevölkerung des Staates. Die verhältnismäßig geringste Zahl von Juden findet sich in den westlichen Plateau-Staaten. In nicht weniger als 28 Staaten übersteigt die jüdische Bevölkerungsquote 5 %. Staat Gesamtbevölkerung 1930 Jüdische Bevölkerung 1927 Prozentsatz der Gesamtbevölkerung Prozentsatz der jüd. Bevölk. Vereinigte Staaten 122 775 046 4 228 029 3,58 100,00 Alabama 2 646 248 12 891 0,50 0,30 Arizona 435 573 1 455 0,32 0,03 Arkansas 1 854 482 8 850 0,46 0,21 California 5 677 251 123 284 2,78 2,91 Colorado 1 035 791 20 321 1,89 0,48 Connecticut 1 606 903 91 5-8 5,59 2,16 Delaware 238 380 5 310 2,18 0,12 Distr. of Columbia 486 869 16 000 2,96 0,38 Florida 1 468 211 13 402 0,98 0,32 Georgia 2 908 506 23 179 0,73 0,55 Idaho 445 032 1 141 0,21 0,03 Illinois 7 630 654 345 980 4,74 8,18 Indiana 3 238 503 27 244 0,86 0,64 Iowa 2 470 939 16 404 0,68 0,39 Kansas 1880 999 7 792 0,59 0,18 Kentucky 2 614 589 19 533 0,77 0,46 Louisiana 2 101 593 16 432 0,85 0,39 Maine 797 423 8 480 1,07 0,20 Maryland 1 631 526 70871 4,44 1,67 Massachusetts 4 249 614 225 634 5,32 5,33 Michigan 4 842 325 89 462 1,99 2,11 Minnesota 2 563 953 43197 1,61 1,02 Mississippi 2 009 821 6 420 0,36 0,15 Missouri 3 629 367 80 687 2,30 1,91 Montana 537 606 1578 0,22 0,37 Nebraska 1 377 963 14 209 1,02 0,33 Nevada 91 058 264 0,34 0,01 New Hampshire 465 293 2 779 0,61 0,06 New Jersey 4 041 334 225 306 6,01 5,33 New Mexico 423 317 1052 0,27 0,02 New York 12 588 066 1 903 890 16,67 45,03 North Carolina 3 170 276 8 252 0,28 0,20 North Dakota 680 845 2 749 0,43 0,06 Ohio 6 646 697 173 976 2,59 4,11 Oklahoma 2 396 040 7 823 0,33 0,18 Oregon 953 786 13 075 1,47 0,31 Pennsylvania 9 631 350 404 979 4,16 9,58 Rhode Island 687 497 25 003 3,56 0,60 South Carolina 1 738 765 6 851 0,37 0,16 South Dakota 692 849 1 584 0,23 0,03 Tennessee 2 616 556 22 532 0,91 0,53 Texas 5 824 715 46 648 0,86 1,10 Utah 507 847 2 857 0,55 0,06 Vermont 359 611 2 036 0,58 0,05 Virginia 2 421 851 25 656 1,01 0,60 Washington 1 563 396 14 698 0,94 0,35 West Virginia 1 729 205 7 471 0,44 0,17 Wisconsin 2 939 006 35 935 1,23 0,85 Wyoming 225 565 1319 0,55 0,03 Trento 62