Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1937. Bestand LBI
- Issue
- Herbst 1937
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Industrie Wie wir oben sahen, legt die Wirtschaftspolitik Neuseelands vor allem Wert darauf, sich den englischen Markt für die Produkte seiner Viehzucht offen zu halten, und ist dafür bereit, der englischen Industrie niedrige Zollsätze einzuräumen. Infolgedessen genießt die neuseeländische Industrie nur geringen Zollschutz gegen die englische Konkurrenz, während sie — und dies ist wichtig — mit recht erheblichen Zöllen gegen die Einfuhr aus Nicht-Empire-Ländern geschützt ist. Nun bietet freilich die kolossale Entfernung Neu-Seelands von England — man hat gesagt, die nächste Verbindung zwischen den beiden Inselgruppen sei ein Tunnel mitten durch die Erde! — der neuseeländischen Industrie einen gewissen Schutz, doch darf dieser nicht überschätzt werden. Denn während innerhalb Neu-Seelands die hohen Gebirge den Landtransport außerordentlich erschweren und verteuern, bietet die hafenreiche Küste dem neuseeländischen Importeur die Möglichkeit, englische oder australische Waren in den wichtigsten Städten — die ja fast alle am Meer liegen — verhältnismäßig billig anzubieten. Die Bedeutung dieses Faktors wird klar, wenn man sich folgende Zahlen vergegenwärtigt: In Wellington, der zentral gelegenen Stadt, beträgt die Fracht nach anderen Städten der Nordinsel: nach Auckland 24 sh 6 d., nach New Plymouth 25 sh, nach Gisborne 29 sh 6 d. Währenddessen kann man von England die gleichen Waren nach jedem beliebigen Hafen Neu-Seelands für 65 sh verfrachten, und von Australien sogar für nur 36 sh. Allerdings halten die Ueberseedampfer nicht in allen Häfen, so daß häufig zu den Dampferfrachten noch weitere Transportkosten hinzukommen würden. Aber in den großen Städten, die von Ueberseedampfern angelaufen werden, macht sich die englische und australische Konkurrenz überaus fühlbar, so daß als einigermaßen geschützter Markt für den neuseeländischen Fabrikanten mehr das schwer zugängliche Hinterland in Frage kommt. Nimmt man hinzu, daß die Bevölkerung von etwa IV2 Millionen Menschen für alle Artikel der modernen Massenproduktion überhaupt nur ein sehr geringes Absatzfeld bietet (wenn auch die Kaufkraft dieser kleinen Bevölkerung hoch ist), so werden die Haupthemmnisse der neuseeländischen Industrie schon deutlich. Endlich spielen in dieser Hinsicht die hohen Löhne und sozialen Lasten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Vergegenwärtigt man sich diese Schwierigkeiten, so ist die Mannigfaltigkeit der in Neu-Seeland erzeugten Industrieartikel bewundernswert. Freilich, gewisse Produkte der modernen Industrie werden in Neu-Seeland noch nicht hergestellt. Hierzu gehören Stahlwaren, Baumwollwaren, Porzellanwaren und Tafelporzellan, ferner Automobile, Gummireifen, und vor allem besonders komplizierte Maschinen, wie etwa Rotationspressen usw. Betrachtet man die Industrie des Landes im ganzen, so sind zwei Hauptzweige zu unterscheiden. Einmal handelt es sich um diejenigen Industrien, die wir fast überall finden, wo eine starke Erzeugung bestimmter landwirtschaftlicher Export-Artikel stattfindet (zum Beispiel auch in dem mit Neu-Seeland vielfach konkurrierenden Argentinien); so schließt sich an die Viehzucht die Herstellung von Gefrierfleisch, von Fleischkonserven, von Kühlfleisch, von Bacon usw. an, ebenso die Butter- und Käseproduktion, die Wollwäscherei und die Kürschnerei. In diesen Zusammenhang gehören wegen ihrer engen Verbindung mit der Urproduktion auch die Düngemittelindustrie und die Sägemühlenindustrie. Alle diese Zweige sind in Neu-Seeland zu einer recht erheblichen Entwicklung gediehen. Den andern Hauptzweig der neuseeländischen Industrie bildet die mit der Urproduktion nicht unmittelbar verbundene Herstellung von Gebrauchsartikeln oder Produktionsmitteln. Von diesen werden in Neu-Seeland u. a. folgende erzeugt: Eisenbahnlokomotiven, Beton-Mischer, Nägel, Radioapparate, Musikinstrumente, Aluminiumwaren, Grammophone, Tonfilm-Apparate, Gasöfen, elektrische Oefen, Feuerlöscher, Kühlapparate, Mähmaschinen, Waschmaschinen, Drahtmatratzen usw. Ferner folgende Konsumartikel: Kammgarnstoffe, Decken, Seidenstrümpfe, Korsetts, Lederwaren, Handschuhe, Schirme, Filzhüte, Zigaretten, Zahnbürsten, Gesichtscreme, Spiegel, Papier, Schokolade, Margarine, Mineralwasser usw. Der größte Teil der neuseeländischen Industriebetriebe gehört dem Typus des Mittel- oder Kleinbetriebes an. So ist etwa in der Schuhindustrie, die 32 Fabriken zählt, Verteilung folgendermaßen: Fabriken beschäftigen über 200 Arbeitskräfte „ „ zwischen 150 und 200 „ „ „ zwischen 50 und 60 „ „ „ zwischen 20 und 50 „ „ „ weniger als 20 „ die 5 2 5 12 Im Gesamtdurchschnitt der neuseeländischen Industrie sind etwa 15 Personen in jedem Betrieb beschäftigt. Auch heute noch ist also Neu-Seeland ein Land der Klein- und Mittelbetriebe; die Konkurrenz ist nicht übermäßig scharf; es herrscht mehr ein Geist des „leben und leben lassen". Andererseits hat aber die schwere Wirtschaftskrise der Jahre 1930—1933 den Aufbau der neuseeländischen Industrie stark berührt und eine große Reihe von rückständigen Betrieben und Produktionsmethoden ausgemerzt, so daß augenblicklich die neuseeländische Industrie im ganzen in einer gesünderen Lage ist als vor der Krise; dies zeigt sich vor allem darin, daß der Umfang der Gesamtproduktion größer ist, obwohl ihr Wert (infolge des Preissturzes) bis zum Jahre 1936 die frühere Höhe noch nicht wieder ganz erreicht hatte und die Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte erst allmählich auf den Vorkrisenstand gestiegen ist. Folgende Tabelle zeigt die Bewegung der neuseeländischen Industrieproduktion dem Werte nach und die Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte in den letzten Jahren. Die Zahlen umfassen weder die sogenannten Public Utilities, d. h. im wesentlichen die öffentlichen Verkehrsunternehmungen und solche Betriebe wie Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke, noch die früher erwähnte Aufbereitung landwirtschaftlicher Artikel. Jahr, endend am 31. März 1930 1931 1932 1933 1934 1935 1936 Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte Wert der Produktion in 1000 N.Z.l' 66 000 62 000 53 000 53 000 55 000 62 000 66 000 (Schätzung) 43 250 39 200 31000 30 000 31750 36 000 38 000 (Schätzg.) Die Zahl der Industriebetriebe nahm während der schlimmsten Jahre der Wirtschaftskrise ab, um in letzter Zeit — wohl besonders infolge der stärkeren Entwertung der neuseeländischen Währung gegenüber der englischen, die auf die neuseeländische Industrie wie ein starker Zollschutz wirkt — wieder zuzunehmen. So betrug die Gesamtzahl der Industriebetriebe 1929/30 5168, 1931/32 nur noch 4969, aber 1934/35 schon 5270; zweifellos ist sie zur Zeit weiter im Steigen. SILBERSTEIN *. 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