Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 114 (sequence 120)
- Language
- German
- Belongs to
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IV. Kultur und Jüdisches Leben Die vorherrschende Religion Venezuelas ist der Katholizismus, doch werden alle anderen Bekenntnisse geduldet. Die katholische Kirche gilt aber als Staatskirche und ist insofern bevorrechtigt, als sie allein Staatszuschüsse empfängt. In den Volksschulen wird Religionsunterricht nur denjenigen Schülern erteilt, deren Eltern dies ausdrücklich wünschen. Die Landessprache ist in Venezuela, wie in ganz Latein-Amerika außer Brasilien, das Spanische. Was das Bildungswesen angeht, so ist in den Volksschulen der Unterricht frei; für Kinder von 7 bis 14 Jahren besteht Schulzwang. Doch hatte das ganze Land 1933 nur 2810 öffentliche Volksschulen, die zusammen mit ein paar Privatschulen ungefähr 121000 Schüler zählten. Bei einer Bevölkerung von drei Millionen ergibt sich daraus, daß der Schulzwang nur auf dem Papier steht. Den bestehenden Schulen fehlt es sehr an brauchbaren Gebäuden. — Nicht besser als um die Volksschulen ist es um die höheren Bildungsanstalten bestellt, deren man 47 (öffentliche und private) zählt. Endlich bestehen zwei Hochschulen, die Zentral-Universität in Caracas mit etwa 710 Studenten und eine kleinere Universität in Merida. Der Bildungsstand der breiten Masse in Venezuela ist ziemlich niedrig; sowohl unter der Bauernschaft wie unter der Arbeiterschaft ist das Analphabetentum sehr verbreitet und soll jetzt unter der neuen Regierung durch Abendschulen und ähnliche Maßnahmen bekämpft werden. Es gibt aber eine gebildete Oberschicht, die lebhaftes Interesse für Kunst, Wissenschaft und Forschung zeigt und sich rühmt, bedeutende Gelehrte und Schriftsteller hervorgebracht zu haben. Im ganzen bleibt das Niveau der allgemeinen Bildung in Venezuela erheblich hinter dem des columbianischen Nachbarstaates zurück. Die Zahl der Juden in Venezuela ist gering; man schätzt sie auf etwa 100 0. Der größte Teil von ihnen ist schon lange dort ansässig und besitzt die venezolanische Staatsangehörigkeit. Außer der Hauptstadt Caracas zählen noch die Städte Miranda, Zulia, Trujillo und Sucre eine nennenswerte Anzahl von Juden. Die Haupterwerbszweige der jüdischen Bevölkerung sind der Hausierhandel (besonders in der Gegend um Maracaibo), sowie der Exporthandel und die Plantagenwirtschaft; aber auch zahlreiche Ladengeschäfte und Fabriken sind in jüdischen Händen. Der Herkunft nach sind die venezolanischen Juden teils Sephardim, die ursprünglich aus Nordafrika und Vorderasien kamen, teils Aschkenasim aus verschiedenen, vorwiegend osteuropäischen Ländern. — Sehr ungesund ist das zahlenmäßige Verhältnis der Geschlechter unter den dortigen Juden. Sind doch mehr als 60 o/o Männer, während die Gesamtbevölkerung des Landes einen Frauenüberschuß aufweist. Unter den jüngeren Mitgliedern der Judenheit von Caracas ist vor einigen Jahren ein stärkeres Interesse an jüdischen Dingen, verbunden mit dem Wunsche nach einer jüdischen Einwanderung nach Venezuela, erwacht. Zeitweilig erschien auch eine besondere jüdische Monatsschrift in spanischer Sprache, doch mußte diese ihr Erscheinen wieder einstellen. Irgendwelche nennenswerten Erscheinungen von Antisemitismus sind bisher in Venezuela nicht zu verzeichnen gewesen. V. Aussichten für Einwanderer Die Strenge der bisherigen venezolanischen Einwanderungsbestimmungen erklärt sich vor allem aus dem politischen Zustand des Landes; der Diktator Gomez konnte kein Interesse daran haben, in das von ihm völlig beherrschte Land Elemente einzulassen, deren politische Gesinnung man nicht kannte. Auch augenblicklich erseheint die spannungsreiche innerpolitische Atmosphäre kaum geeignet zu einer Lockerung der Einwanderungsbeschränkungen. Es kommt hinzu, daß die Venezolaner ein starkes politisches und kulturelles Selbstbewußtsein besitzen und von der angeblichen Überlegenheit des Europäers nichts wissen wollen. Diese nationalistische Tendenz macht sich neuerdings gerade unter den Arbeitern und Angestellten stark geltend, die sich jetzt, nach dem Tode des Präsidenten Gomez, organisieren dürfen. Infolgedessen ist (nach einem Rundschreiben der Reichsstellc für das Auswanderungswesen vom 6. Juli 1936) zur Zeit sogar mit der Möglichkeit zu rechnen, daß in Venezuela (wie es in anderen südamerikanischen Staaten vielfach schon geschehen ist) der Arbeitsmarkt für Ausländer auch gesetzlich eingeschränkt wird. Auf der anderen Seite aber unterliegt es gar keinem Zweifel, daß das zum großen Teil noch menschenleere, an Naturschätzen so reiche Land aus einer stärkeren Einwanderung von Europäern großen Nutzen ziehen könnte, und tatsächlich sind auch im Lande selbst in der letzten Zeit eine Reihe derartiger Stimmen laut geworden, ohne indes schon zu konkreten Ergebnissen zu führen. So dürfte sich auf Grund der heutigen Lage — wenigstens solange nicht ausführlichere und zuverlässige Nachrichten vorliegen — nur folgendes über die Aussichten der einzelnen Berufe sagen lassen: Akademiker haben im allgemeinen in Venezuela keine Aussichten, es sei denn, sie würden dorthin berufen, wie es in einigen wenigen Fällen bei Juden aus Deutschland geschehen ist. Die Universitäten bilden genügend Juristen, Ärzte und Ingenieure aus, um die normalen Bedürfnisse des Landes zu befriedigen. Dies schließt jedoch nicht aus, daß gewisse Spezialisten (etwa bestimmte Ingenieure usw.) im Staatsdienst oder in der Wirtschaft Anstellung finden mögen. Die Niederlassung ausländischer Ärzte ist zwar nicht ausdrücklich verboten, wird aber von Seiten der einheimischen Ärzte fast unmöglich gemacht. Die ausländischen Ärzte müssen ein schwieriges medizinisches Examen in spanischer Sprache ablegen. Ist dieses bestanden, dann bieten sich wirkliche Niederlassungsmöglichkeiten fast nur auf dem Lande, wohin die einheimischen Ärzte nicht gern gehen. Für Kaufleute und Industrielle, die etwas Kapital besitzen und die spanische Sprache wenigstens einigermaßen beherrschen, dürften sich aus der fortschreitenden Industrialisierung des Landes mancherlei Möglichkeiten ergeben; vor allem spricht die ziemlich gute Wirtschaftslage der schon länger ansässigen, größtenteils im Handel tätigen Juden für die Existenz solcher Möglichkeiten. Im einzelnen bedürfte es jedoch jeweils sorgfältiger vorheriger Erkundigungen im Lande, um die Chancen eines geplanten Unternehmens festzustellen. Für Arbeiter, mittellose kleine Kaufleute, kaufmännische Angestellte und Handwerker scheinen zur Zeit nur ganz geringe Aussichten vorhanden zu sein. Daß Venezuela für landwirtschaftliche Kolonisation noch reiche Möglichkeiten, auch in klimatisch für Europäer günstigen Teilen bietet, erscheint an sich nicht zweifelhalt, und zwar käme für jüdische Einwanderer weniger der eigentliche Ackerbau als Gemüse- und Obstzucht in Frage, die im Lande noch sehr rückständig ist und große Entwicklungsmöglichkeiten bieten soll. Doch kann vorläufig, ehe die Voraussetzungen einer jüdischen Kolonisation nicht in ganz anderer Weise geklärt sind, keinem Juden geraten werden, etwa allein das Risiko einer landwirtschaftlichen Ansiedlung in Venezuela auf sich zu nehmen. Der Lebensstandard soll in Venezuela ungefähr dem europäischen entsprechen; als Existenzminimum für einen ledigen Einwanderer sind monatlich ungefähr 250 bis 300 Bolivares anzusetzen. Nicht höher, teilweise noch niedriger (etwa 200 bis 300 Bolivares) liegen in den uns bekannt gewordenen Fällen die Gehälter, die für kaufmännische Angestellte mit Sprachkenntnissen angeboten werden. 114