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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 28

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 28 (sequence 30)
Language
German
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tiniens hat die Regierung zu Teilbefreiungen von der Gewerbesteuer und zur Ermäßigung der Einkommensteuer veranlaßt. — Die Staatsschulden konnten im Jahre 1935 auf 100 Millionen Papierpesos heruntergedrückt werden (gegen 1200 Millionen im Jahre 1931). Diese gesunde Finanzlage Argentiniens bewirkte, daß die Kredit-Situation des Staates sich weiter festigte, wozu auch beitrug, daß der Zinsen- und Amortisationsdienst der inneren und äußeren Verschuldung pünktlich geleistet wurde. Die neue Kreditlage zeigte sich darin, daß neu aufgelegte innere Staats-, Provinzial- und Kommunal-Anleihen überzeichnet wurden, und daß die Konvertierung von Provinzial- und Kommunalanleihen in Staatsanleihen gelang. Für das laufende Jahr sind große öffentliche Arbeiten geplant. So wird die Durchführung des 15-Jahre- Straßenbau-Planes begonnen, und es werden im ganzen Lande Getreideelevatoren, Silos und Bewässerungsanlagen angelegt. Diese Maßnahmen sollen gleichzeitig der Stützung der Landwirtschaft dienen. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die gegenwärtige konjunkturelle Lage Argentiniens und die zukünftige Entwicklung des Landes optimistisch beurteilt werden muß. IV. Lebenshaltung und Lebenshaltungskosten 1. Wohn weise, Ernährung und Kleidung Die Wohnweise in Argentinien weist naturgemäß starke Unterschiede zwischen den ländlichen Siedlungen und den Städten auf. Die Wohnstätten der Siedler zeigen jede Bauart, je nach der Lage des Ortes, dem Geschmack und Vermögen des Siedlers, und, nicht zuletzt, dem verfügbaren Baumaterial. — Dagegen ist für die städtische Wohnweise, insbesondere in der Provinz, das Erdgeschoß-Haus mit flachem Dach charakteristisch. Die Straßenfront bietet gewöhnlich nur Raum für die Fenster des nach der Straße gelegenen Zimmers (das den Salon des Hauses darstellt) mit einem kleinen Balkonaustritt. Alle übrigen Räume gliedern sich um den offenen Innenhof, bzw. bei größeren Häusern um die Innenhöfe. Auf diese Höfe münden die Türen sämtlicher Zimmer des Hauses. Sie haben keine Fenster nach außen und erhalten ihr Licht vom Hofe, über dem sich der Himmel wölbt. Auf diesen mit Fliesen bedeckten Höfen versammelt sich an heißen Sommerabenden die Familie zu geselligem Beisammensein. Dem geschilderten, aus Spanien eingeführten Häusertyp hat die arabische Bauweise zum Vorbild gedient. Das Haus kehrt sein eigentliches Gesicht nach innen, dem Hofe zu. Es ist nach außen schmucklos. Mit dem Emporblühen der Großstädte und dem Steigen der Bodenpreise sind in Buenos Aires und größeren Provinzstädten Häuser mit ein, zwei und mehr Obergeschossen entstanden, in Buenos Aires auch viele Wolkenkratzer und viele palastähnliche Villen. In den Provinzstädten aber ist das Erdgeschoßhaus, das immer nur von einer Familie bewohnt wird, allgemein. Die Räume argentinischer Häuser sind hoch und luftig, aber sogenannter „letzter Komfort", d. h. fließendes warmes Wasser, eingebauter Frigidaire, eingebaute Schränke in Wohnräumen und Küche und dergleichen mehr sind Luxuseinrichtungen, die es nur in wenigen Großstädten gibt, und die sehr teuer bezahlt werden. Auch Waschküchen gehören nicht zu den Einrichtungen eines Hauses. In der Stadt läßt man viel außerhalb des Hauses waschen, wobei bemerkt sei, daß ausgezeichnet gewaschen wird. Wäscht man im Hause, so läßt man die Wäsche zumeist nicht kochen, sondern wäscht sie kalt auf dem Patio, dem bereits geschilderten Hof, in einem Holzbottich, wobei man ein Waschmittel, wie Lux u. dgl., benutzt, und trocknet die Wäsche dort im Freien. Auf einfache Badegelegenheit und elektrische Beleuchtung kann man wohl — mit Ausnahme abgelegener Gegenden —■ überall rechnen. In modernen Stadtwohnungen gibt es Gas- und elektrische Herde, aber in den älteren Häusern gebraucht man die auch auf dem Lande überall üblichen primitiven, ans Ziegelsteinen gebauten H erde, mit einigen offenen Kochlöchern und eventl. einer Bratröhre. Man feuert auf dem Lande meist mit Holz, auch mit Petroleum, bzw. Spiritus, in der Stadt mit Holzkohle. Das Feuer des Küchenherdes wird oft den ganzen Tag unterhalten (bei Holzkohle durch Aufschütten von Holzkohlenstaub, wie bei einem Grude, bei Holzfeuerung durch Ein- 28 legen von Holzstücken in die Kochlöcher). Auch der „Brasero", ein eiserner Dreifuß, der beliebig transportiert werden kann, dient als Kochgelegenheit. Auf diesem Brasero hält man in primitiveren Häusern und auf dem Lande stets Wasser warm. Zentralheizung gibt es nur in den ganz modernen und luxuriösen Bauten der Hauptstädte, sonst meist g a r keine Heizung, im Bestfalle Kamine, elektrische, Gas- oder Petroleumölen. Die Ernährungsweise in Argentinien ist absolut europäisch. In den Städten kann man Speisen aus aller Herren Länder bekommen. Alle Zutaten, die eine Hausfrau für ihre Art zu kochen benötigt, kann sie erhalten. Milch, Eier, Butter, Gemüse, Fleisch, bisch, Obst sind sehr billig. Das Klima erfordert keinerlei besondere Ernährung. Es ist üblich, zwei warme Mahlzeiten pro Tag einzunehmen: ein dem englischen Lunch entsprechendes zweites warmes Frühstück und eine warme Hauptmahlzeit abends. Das traditionelle Hauptgericht ist der Puchero, ein Gericht, das etwa dem Berliner ,,Rindfleisch mit Brühkartoffeln" entspricht, nur daß außer den Kartoffeln die Zugabe zu der sehr reichlichen Fleischportion aus vielerlei Gemüse besteht, darunter Maiskolben, Kürbis, verschiedenen Kohlarten, Rüben, Erbsen, Bohnen usw., die in der Brühe mitgekocht werden. — Auf dem Rost und am Spieß gebratenes Fleisch, ohne Soßen, wird ebenfalls viel gegessen. Einen leichten, billigen Land wein trinkt fast jeder zu den Mahlzeiten. Wie in allen wannen Ländern, so ist auch in Argentinien von starkem Alkoholgenuß sehr abzuraten. Wer sich an Mate, d. h. Paraguay- Tee, statt des Tees oder Kaffees gewöhnt, trinkt ein sehr billiges und bekömmliches Getränk. Was die Wohnungseinrichtung angeht, so ist dem Einwanderer das Mitnehmen von Einrichtungsgegenständen, soweit ihm unentgeltlicher Frachtraum zur Verfügung steht, und die Zollfrage keine Rolle spielt, zu empfehlen. Allerdings sind die Preise für einfache Möbel, Hausbaltungsgegenstände usw. nicht teurer als in Deutschland. Haushaltungswäsche, Bettwäsche, Glas und Porzellan sollten mitgenommen werden, schon um das Budget nicht gleich zu belasten. Federbetten werden in Argentinien nicht benutzt. Bei Mitnahme elektrischer Geräte ist zu bedenken, daß die Voltspannungen in den einzelnen Gegenden Argentiniens verschieden sind. In Buenos Aires wird vorwiegend Wechselstrom von 220 Volt angewandt. Ueber die in Argentinien übliche Kleidung entnehmen wir einem Bericht der Firma N. Israel, Berlin, folgendes: Ausgesprochene Tropenklcidung empfiehlt sich nicht. Die Spanier legen ganz besonderen Werl auf große Eleganz; doch wird die Mode nicht so sehr von Paris, als von New York bestimmt, d. h. in Argentinien wird in erster Linie Wert auf Eleganz und häufigen Wechsel, aber nicht in dem in Deutschland gewohnten Maße auf Haltbarkeit gelegt. Besonders wird auf elegantes Schuhwerk geachtet. Damen tragen im Sommer Kleider aus Seide (gegenüber Kunstseide zu bevorzugen) oder Leinen, im W inter aus Wolle. Für Herrenanzüge werden Fresko- oder andere poröse Wollstoffe getragen; dunklere Farben gelten als bevorzugt. Im Sommer trägt der Herr auch Leinenanzüge. Im Sommer werden Sporthemden mit angeschnittenem Kragen, im Winter solche mit abnehmbarem Kragen getragen. Die Mitnahme von wollener Unterwäsche für den feucht-kalten Winter ist unbedingt erforderlich. — Keinesfalls sollten Gummimäntel getragen werden, da Gummi die Schweißbildung erhöht, ohne die Verdunstung zu ermöglichen, und außerdem in dem Klima Argentiniens leicht brüchig wird. Zu bevorzugen sind wasserdichte Popeline-Mäntel. 2. Lebenshaltungskosten Ueber die Kosten der Lebenshaltung läßt sich nichts absolut Gültiges sagen, da sie stetigen Schwankungen unterworfen sind und zudem eine leichte Preissteigerung infolge der Mißernten des vorigen Jahres zu erwarten ist. Die Preise, die wir angeben, gelten für Buenos Aires. Selbstverständlich sind Provinzstädte billiger; die Preisunterschiede sind in dieser Hinsicht etwa dieselben wie in anderen Ländern. Die Kaufkraft eines Peso in Argentinien entspricht etwa der Kaufkraft von 1 bis 1,20 R M. in Deutschland. Für Unterkunft ohne Verpflegung im Hotel muß man für eine Person einen Betrag von 1,50 Papierpesos

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