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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 23

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 23 (sequence 25)
Language
German
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Im allgemeinen kann man sagen, daß die klimatischen Verhältnisse in ganz Argentinien günstig sind. Es gibt kaum eine Gegend des Landes, in der der Nordeuropäer nicht leben und körperlich arbeiten könnte. 3. Bevölkerung Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern Südamerikas ist Argentinien ganz überwiegend weißrassig. Man findet kaum Neger und nur verschwindend wenig Negermischlinge, ebenso nur einen geringen indianischen Bluteinschlag. Man nimmt an, daß in ganz Argentinien nur etwa 30 000—40 000 reinrassige Indianer leben. - Am Aufbau der argentinischen Nation haben die romanischen Völker — und zwar außer den Spaniern vor allem die Italiener — den stärksten Anteil gehabt; Frankreich hat nicht viele Menschen an Argentinien abgegeben, verfügt aber über einen sehr starken kulturellen Einfluß. Im letzten Jahrzehnt vor dem Weltkrieg zeigte die argentinische Einwanderungsstatistik ein sehr starkes Ansteigen der Ziffern für Rußland und Oesterreich-Ungarn. Diese Zuwanderung bestand zum größten Teil aus Juden, deren es heute in Argentinien weit über eine Viertelmillion gibt. — Nach dem Weltkrieg ist, infolge des stark gestiegenen Auswanderungsdranges in Mitteleuropa, ein stärkerer Zustrom dieser Nationalitäten erfolgt. Die weitaus stärksten Einwandererzahlen stellten aber auch nach dem Kriege Spanier und Italiener, deren nahe rassische, kulturelle, sprachliche und religiöse Verwandtschaft sie in Argentinien leicht zu einer neuen Nation verschmelzen läßt. In den letzten Jahren stellte Spanien die stärkste Zahl der Einwanderer, was mit den Auswanderungsbeschränkungen des italienischen Faschismus zusammenhing. Der Prozentsatz der in Argentinien lebenden Ausländer ist mit 23 o/o sehr hoch. Der bei weitem größte Teil dieser Ausländer sind Spanier und Italiener. Die letzte Volkszählung war im Jahre 1914. Seitdem hat die Bevölkerung sich sehr stark (um etwa 4,49 Millionen) vermehrt; die Bevölkerung der Pampa allein um 120 o/o. Dieser Vorgang ist in erster Linie auf die sehr hohe natürliche Vermehrung zurückzuführen, zu etwa 20 o/o aber auch auf die Einwanderung. Nach einer offiziellen Schätzung betrug Anfang 1936 die Gesamtbevölkerung Argentiniens 12 372 965 Einwohner. 4. Regierung Die argentinische Verfassung ist der der Vereinigten Staaten von Nordamerika nachgebildet. Sie besteht aus einer gesetzgebenden, einer ausübenden und einer richterlichen Gewalt. Die gesetzgebende Gewalt vertritt der Nationalkongreß mit zwei Kammern, der Abgeordnetenkammer und dem Senat. Die ausübende Gewalt wird vertreten durch den Präsidenten und acht bevollmächtigte Minister. Die richterliche Gewalt wird durch den obersten Staatsgerichtshof als höchste Instanz verkörpert, ferner durch Gerichte 1. und 2. Instanz und durch Berufungsgerichte. Die Verfassungen der Provinzen sind dieser Verfassung nachgebildet. Die Verwaltung steht unter Aufsicht der Fachministerien und diese unter Aufsicht des Ministeriums des Innern. Die Zentralregierung Argentiniens wird augenblicklich durch die Konservativen gebildet. Ein Angehöriger dieser Gruppe, General Augustin P. Justo, ist gegenwärtig Präsident. Es zeigte sich jedoch bei den letzten Wahlen im März, daß die Opposition — unter Führung der Radikalen zu einer „Volksfront" zusammengeschlossen — von ständig wachsendem Einfluß ist und in den meisten Provinzen die Mehrheit bildet. Die politische Lage Argentiniens ist deshalb augenblicklich labil. Es wird sich in nächster Zeit zeigen, ob die oppositionelle Mehrheit die Regierung übernimmt, ob eine Aussöhnung zustande kommt, oder ob die Repräsentanten der gegenwärtigen Regierung eine Diktatur errichten werden. III. Die Wirtschaft 1. Acker- und Gartenbau Argentinien ist in erster Linie ein Agrarland und wird dies aller Wahrscheinlichkeit nach auf lange Zeit hinaus, wenn nicht für immer, bleiben. Zu einer starken Industrialisierung, wie sie etwa in Brasilien oder Chile stattfindet, fehlen Argentinien wichtige natürliche Voraussetzungen, vor allem Kohle und Eisen. So hat die Industrialisierung bisher nur in beschränktem Umfang Platz greifen können, und zwar vor allem da, wo es sich um die Verarbeitung der Hauptprodukte der argentinischen Landwirtschaft handelt. Unter den Agrarländern der Welt aber steht Argentinien mit in vorderster Reihe, und zwar sowohl durch seine Weizen- und Maisproduktion, wie durch die Erzeugnisse seiner Viehzucht, insbesondere Fleisch und Wolle. Argentinien gehört schon heute zu den größten Agrarländern, insbesondere zu den größten Getreideproduzenten der Welt, obwohl erst ein geringer Teil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche bebaut und auch dieser Teil im allgemeinen nur ganz extensiv bewirtschaftet wird. Infolgedessen ständen, die entsprechende Nachfrage nach argentinischen Agrarprodukten auf dem Weltmarkt vorausgesetzt, noch ungeheure Möglichkeiten für die Vermehrung der Produktion offen. Eine vom argentinischen Landwirtschaftsministerium veröffentlichte Uebersicht über die wirtschaftliche Bodenstruktur des Landes teilt das gesamte Gebiet Argentiniens folgendermaßen auf: 1. Anbaufähige Ländereien: a) für Getreidebau geeignet b) künstliche Weiden (Alfalfa) und andere Futtermittelkulturen c) natürliche Weideflächen d) für besondere Kulturen geeignet 2. Naturwälder (ohne Buschwald) . 3. Berge, Seen, Sümpfe und Oedländer ha 80 000 000 25 000 000 65 526 900 5 000 000 175 526 000 74 740 000 29 004 400 279 271 300 Es ergibt sich somit, daß insgesamt eine Fläche von 175 Millionen ha bebaubar wäre; tatsächlich sind aber von diesen nur etwa 26 Mill. ha wirklich bebaut — also etwa 15 o/o. (Nach: Louis Ferdinand, Prinz von Preußen, „Theorie der Einwanderung, dargestellt am Beispiel Argentiniens", Berlin 1931.) Im Gegensatz zur Viehzucht ist der Ackerbau in Argentinien eine verhältnismäßig junge Wirtschaftsform, die sich erst im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts entwickelt hat. 1870 standen nur 0,6 Mill. Hektar, 1888 2,4 Mill. Hektar, 1916 schon genau das Zehnfache (24 Mill. Hektar) und heute eine wohl noch etwas größere Fläche (etwa 26 bis 28 Mill. Hektar) unter Kultur. 1880 mußte Argentinien noch Getreide einführen, dagegen steht heute Argentinien unter den W eizenexpo rtländern der W elt an zweiter Stelle, nur von Canada übertroffen; zirka 30 % des W7eltweizenhandels stammt aus Argentinien. Der argentinische Ackerbau wird vielfach noch primitiv und durchaus extensiv auf Flächen, die für argentinische Maßstäbe ziemlich klein sind, nämlich auf sogenannten Chacras von 50 bis 200 ha, betrieben; der Bebauer hat das Land meist in der Form der Halbpartnerschaft oder Halbpacht oder auch in der der Vollpacht vom Großgrundbesitzer übernommen. Meist ist damit die Anbaufläche nicht etwa für immer als Kulturland gewonnen, sondern der Ackerbau dient in erster Linie zur Verbesserung des jungfräulichen Bodens, und nach einiger Zeit wird das Land wieder zur Weide umgewandelt. Das Pachtsystem hat eine gewaltige Verbreitung, was mit dem Vorherrschen des Latifundienbesitzes — der Hauptwurzel der sozialen Frage in Argentinien — zusammenhängt. — Der Boden und die ebene Geländeform begünstigen in hohem Maß diese Art der Bebauung und eine Familie von 4—5 Menschen genügt, um unter weitgehender Benutzung von Maschinen eine Fläche von 100 ha, die nicht gedüngt wird und auf der man wenig Fruchtwechsel kennt, zu bewirtschaften. Zur Ernte braucht allerdings die argentinische Landwirtschaft viele Hilfskräfte, was lange Zeit hindurch zur Masseneinwanderung meist italienischer Saisonarbeiter geführt hat. — Meist wird die ganze Fläche entweder mit Weizen oder mit Leinsaat oder Hafer oder Mais bestellt. Diese Anbauwirtschaft arbeitet so unter günstigsten Bedingungen; doch wird die Ernte häufig entweder durch Dürre oder durch übermäßige Niederschläge und Hagelschlag im Gefolge von Gewitterstürmen oder durch Heuschreckenschwärme ganz oder teilweise vernichtet. Die weitaus wichtigste Kulturpflanze Argentiniens ist der Weizen, der vor allem in den Provinzen Buenos 23

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