Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1934. Bestand LBI
- Issue
- August 1934
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Fme Existenzmöglichkeit isl hier noch schwieriger als sonstwo, denn in China ist eben alios chinesisch, auch die Sprache. Englisch ist ein kläglicher Notbehelf in einigen wenigen Fällen. Chinesisch kann man aber erst in Jahr (>n erlernen. Allerdings ist es hier fabelhaft billig. Die Arbeitskräfte kosten auch dementsprechend nichts. Shanghai ist eine Großstadl mit amerikanischem Verkehr und Lärm. In Betracht Eür Ärzte kommen vorwiegend nur ca. 40 000 Europäer, die sich streng an ihre nationalen Ärztefirmen halten. Ans Charbin, Mandschukuo sind viele jüdische russische Ärzte hergekommen, die sich den Japanern gegenüber nicht behaupten können. Ihr Dumping, das auch die hiesigen Kaufleute hart trifft, hat zur Folge, daß es auch hier sehr viele europäische Arbeitslose gibt. In diese Situation sind nun schon über 40 Ärzte neu aus Deutschland gekommen, von denen mir schon manche ihr vergebliches monatelanges Warten auf Patienten geklagt haben. Jedes neue Schiff bringt neue Ärzte, alle versuchen hierzubleiben, weil die politischen Unruhen im Innern Chinas, wo vielleicht mehr Aussichten wären, abschrecken. Meine einzige persönliche Hoffnung ist, daß meine ausgefallene Spezialität! Neurologie, Psychiatrie) im Gegensalz zu Internen, Chirurgen, Frauenärzten im Augenblick —- noch nicht so überschwemmt ist. So sieht die Lage nüchtern aus, wenn man sich über die Anfangsliebenswürdigkeilen, die etwas billigeren Lebensmittelpreise und das reichlich billige Personal keinen falschen Illusionen hingibt. Zudem ist das Einleben für uns nicht einfach: Sauberkeit läßt zu wünschen übrig, die Ameisen und das schlechte Wetter, der lärmende Betrieb und die Unsolidität vieler blendenden Scheinexislenzen — neben dem wechselvollen Klima — Selbstverständlichkeiten des Alltags! - — Andererseils ist eine kosmo- Dolilische Großzügigkeit angelsächsischer Gesinnung sehr wohltuend. Die meisten Kollegen aus Deutschland sind hier vorläufig noch recht einsam und unglücklich, das Verhältnis zu den älteren hiesigen jüdischen Ärzten findet seine natürliche Grenze, wo es ums Brot geht. Es liegt noch folgende Nachricht über Shanghai und speziell die Schwierigkeiten für neu hinzuziehende Arzte vor: Shanghai isl kein leichtes Pflasler. Voraussetzung ist für jeden, der hier herauskommt: Welt- und gesellschaftlich" Gewandtheit, Sprachtalent, Anpassungsfähigkeit, Besitz, von mindestens 5000 RM., wenn mit Familie mindestens 8000—10 000 RM. Die Anwesenheit der Ehefrau erhöht die Spesen durch Vergrößerung der gesellschaftlichen Verpflichtungen um 100 o/o. Ferner tadellose Spezialausbildung. Für praktische Ärzte keine Möglichkeit. Aussichten für 2—3 Augenärzte, 1 Vollurologen, evtl. einen Orthopäden, alles andere augenblicklich slark überbesetzt. Aon seilen der englischen, deutschen usw. Ärztegruppen machen sich gegen unerwünschte Konkurrenz starke Gegenströmungen geltend. Immerhin haben diese Gruppen durch das Firmensystem Vorsprung, der praktisch überhaupt nicht einzuholen ist, d. h. alle englischen Firmen und sämtliche europäischen städtischen Beamten sind direkt bei einer alle Spezialitäten umfassenden englischen Ärztegruppe versichert. Behandlung frei, außer Medikamenten und hei größeren Eingriffen. Alle deutschen Firmen und viele Chinesen bei der deutschen ,.Firma" in derselben Weise. Die französischen Beamten im französischen Settlement bei einer ähnlichen französischen Gruppe. Für die neu angekommenen jüdischen Ärzte bleibt bloß der Rest und die starke Durchlöcherung dieses Versicherungssystems, d. h. die Leute gehen, soweit sie das pekuniär können, trotzdem zur Kontrolle noch zu anderen Ärzten. Die neuen jüdischen Ärzte haben versucht, von sich aus eine neue Firma zu bilden, aber die Aussichten für diese sind sehr gering. Die chinesische Gesandtschaft hat uns freundlichst die neuen Vorschriften für die Bewilligung ärztlicher Lizenzen mitgeteilt; wir lassen sie in Übersetzung folgen: Eine Bekanntmachung des öffentlichen Ges u n d h e i t s - D e p a r t e m e n I s der chinesischen Regierung bezüglich der Bewilligung der Lizenz für ausländische Ärzte, den Beruf als Arzt oder Chirurg in China auszuüben. 1. Nach dem Gesetz und den Bestimmungen der Republik China sollen alle Ärzte fremder Nationalität, die ihren Beruf in China auszuüben gedenken, sich gemäß dem festgesetzten Verfahren an das öffentliche Gesundheitsdepartement des Ministeriums des Innern wegen eines Ärztezertifikats wenden. Der Bewerbung ist ein Diplom einer medizinischen Fakultät von anerkanntem Ruf beizufügen und ein Ärztezertifikat, das von des Bewerbers eigenem Lande ausgestellt ist, die von dem Konsul dieses Landes, der in China seinen Sitz hat, zu beglaubigen sind. Wenn er ein Ärztezertifikat von dem genannten Departement erlangt hat, welches diese Zertifikate nur ausgibt, nachdem es die Beglaubigungsschreiben in Ordnung befunden hat, soll sich der Bewerber an die zuständige lokale Regierungsstelle wenden, wo er seinen Beruf auszuüben gedenkt behufs Registrierung und Erlangung einer Lizenz zum Praktizieren. Kein Arzt ist ermächtigt zu praktizieren, wofern er nicht und bis er eine Lizenz dazu erhalten hat. 2. Die Ausübung des ärztlichen und chirurgischen Berufes steht in engster Beziehung zur Gesundheit des Volkes. Das öffentliche Gesundheitsdepartemenl der Zentralregierung von China und die öffentlichen Gesundheitsbüros, die in verschiedenen Orten eingerichtet sind, legen der Aufsicht über diese Praxis große Bedeutung bei. Wenn fremde Ärzte in China zu praktizieren wünschen, so ist zu fürchten, daß viele Schwierigkeiten bei der Ausübung ihrer Funktionen entstehen würden, falls sie nicht mit der chinesischen Sprache vertrau! sind. 3. Obwohl die Zahl moderner Ärzte und Chirurgen in China nicht groß ist, so finden es doch viele von ihnen schwierig, mit ihrer Praxis durchzukommen, da dir Praxis westlicher ärztlicher Kunst noch nicht in vielen Teilen des Landes allgemein geworden ist, und der Lebensstandard der Bevölkerung sie noch nicht in den Stand setzt, vollen Gebrauch davon zu machen. Sogar in den großen Städten wie Shanghai, Kanton, Tientsin usw. haben die Ärzte, sowohl chinesische wie ausländische, noch mit großen Schwierigkeiten in ihrer Praxis zu kämpfen, wegen der großen Zahl von Praktikern gleichen Berufs und natürlich eines sehr scharfen Wettbewerbs, so daß es ziemlich schwer ist, dort eine Praxis zu beginnen. 4. Infolge dieser Situation, wie sie oben angeführt ist, und in Rücksicht auf die Wichtigkeil der Gesundheit des \ olkes und im Interesse der chinesischen und ausländischen irzte wird die chinesische Regierung die Zahl der Lizenzen für fremde Ärzte, in den verschiedenen Städten oder Distrikten zu praktizieren, wo Fremden erlaubt ist, gemäß den Verträgen zu wohnen, beschränken, unter Zugrundelegung der Bevölkerungszahl in solchen Städten oder Distrikten. 5. Allen fremden Ärzten, die nach China zu kommen gedenken, mil dem Zweck, ihre Profession auszuüben, wird geraten, die chinesischen Behörden vor der Einschiffung zu konsultieren. Diejenigen, die von Europa kommen, sollten sich mit dem permanenten Büro der chinesischen Delegation bei dem Völkerbund in Genf in Verbindung setzen (Le Bureau Permamenl de la Délégal ion Chinoise auprès de la Société des Nations. 18. Rue Charles Galland. Genève) und diejenigen von Amerika sollten sich an die chinesische Legation in Washington, D. C. in den Vereinigten Staaten, wenden. — Es sei bemerkt, daß nach einer Information aus China die Kenntnis der chinesischen Sprache notwendig für diejenigen Ärzte ist, die in den inneren Provinzen von China praktizieren, daß aber die Kenntnis des Englischen für diejenigen genügend ist, die sich in den ausländischen Konzessionen von Shanghai und Tientsin zu etablieren beabsichtigen. Publikationen der Reichsstelle für das Auswanderungswesen vom Januar und März 1934 entnehmen wir folgendes: K ei n Bed arf an a u s 1ä nd i s ch en Ärzten Aach den letzten Veröffentlichungen des Stadtrats von Shanghai praktizieren dort bereits 475 fremde und chinesische Arzle. wodurch der Bedarf weil über das erforderliche Maß hinaus gedeckt ist. Da die chinesischen Arzte infolge ihrer Kenntnis der Landessprache und ihrer mäßigen Honorarforderungen hauptsächlich von der eingeborenen Bevölkerung in Anspruch genommen werden, verbleiben den ausländischen Ärzten nur die Angehörigen der verhältnismäßig kleinen Fremdenniederlassungen. Diese sind aber bei weitem nicht ausreichend, um alle ausländischen Ärzte zu beschäftigen, so daß man bereits von einem Proletariat, besonders unter den russischen Ärzten, sprechen kann. Neben den 14 deutschen Ärzten, die in Shanghai ansässig waren, sind in letzter Zeit weitere zwölf aus Deutschland ausgewanderte, nichtarische Ärzte zugezogen, um sich in Shanghai eine Praxis zu gründen. Mehrere dieser Ärzte haben inzwischen bereits die Aussichtslosigkeit eines solchen Unternehmens eingesehen und bemühen sich, an anderen Plätzen Chinas eine Erwerbsmöglichkeit zu finden, obgleich die Lage im übrigen China, wie aus Mitteilungen hierüber gefolgert werden kann, nicht viel günstiger ist als in Shanghai. Mit Rücksicht auf diese Sachlage muß von einer Auswanderung nach China abgeraten werden. Warnung vor dem Zuzug nach Shanghai Seit dem 1. September 1933 haben sich allein in Shanghai nicht weniger als zehn deutsche praktische Ärzte und zwei Zahnärzte niedergelassen. Von unterrichteter Seite wird dies zum Anlaß genommen, erneut vor dem Zuzug nach Shanghai aufs Geratewohl zu warnen. Die Arbeitslosigkeit unter den Ausländern aller Berufe hat dort einen solchen Umfang angenom- 20