Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 51 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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X 51 1885. Jüdisches HervuSgcgebcn von l)r. Rahmer in Magdeburg. Inhalt Jnterconfessionell. Erzählung von Rabbiner Dr. Ehrentheil in Horitz. (Fortsetzung). — Versöhnt. Original-Roman von Jda . Barber. (Fortsetzung.) — Heinrich Heine über Moses Mendelssohn. — Allerlei für den Familientisch: citt* stehen. — Würdige Nachkommen der Makkabäer. — London. — Nacht und Tag. Von Spanier-Altona. — Räthsel-Aufgaven und Räthsel-Lösungen. Jnterconfessionell. 11 Sine Krzäßkung aus hakvvergaugener Zeit. Von Rabbiner Or. Ehrentheil in Horitz. (Schluß.) XII. Wieder, wie bereits einmal im Laufe dieser einfachen, wahrheitsgetreuen, dem Leben abgelauschten Erzählung, finden wir den ehrwürdigen Rabbiner im eleganten Comptoir des Bankiers Kalman», aber nicht mehr in der gehobenen Stimmung, in der er damals als „Landesfcchtmeister", wie er sich scherzweise selber nannte, im Interesse einer armen, verwaisten Braut, einen Sturm auf die Casse des reichen Mannes wagte, der edle, frvnime, und wahrhaft humane Mann war seil einer nur sehr kurze» Spanne Zeit, wie mit einem Schlage sichtlich gealtert, gesenkten Blickes, mit jener Runcnschrist auf der sonst so glatten Stirne, die die Sorge und der Kumnier in nur allzuleserlicher Schrift zu schreiben pflegen, steht der Gottesdiener heute vor dem jovialen Priester Mercurs. — „Des für Sie," sagte dieser, „wie ich merke, ein wenig deprimirenden Geschäftes der Berichterstattung in Sachen meiner Werbung um , die Hand Ihrer so liebenswütrdigen, von mir hochgeschätzten Tochter Fräulein Mathla, kann und will ich Sie — begann derBankier — gerne im Vorhinein entheben. Schon ist Ihr hochwllrdiger, sehr ehrcnwerther, christlicher Amtsbrudcr, Ihnen zuvorgekommen, und hat mir die Geschichte der Abkunft, sowie die Herzcnsgeschichte seines Schützlings Jaroslawsky erzählt. — Der hochwürdige Menschenfreund glaubte, da, wie er mir sagte, der junge Lehrer nun zu seinem angestammten Väterglauben zurückkchren will, ein Schritt, den der strengkatholischc Mann in Anbetracht der Umstände unter denen Jaroslawsky einst Christ geworden, vollkommen billigt — sich auch meiner Erlaubniß zur Aufnahme des jungen Mannes in den Verband unserer Cultusgcmeinde, die ich zu vertreten berufen bin, versichern zu müssen; Jaroslawsky ist ein wackerer, junger Mann und ich gönne ihm, in meiner Entsagung, das Juwel, das er, wie ich nun weiß, mit dem Herzen Ihrer Tochter gewonnen hat, bedauern muß ich nur, daß er nach seinem Rücktritte zum Väterglauben als Lehrer an der hiesigen Stadtschule unmöglich geworden, und jetzt daher auch an Sie, Ehrwllrden, die Sorge berantritt, wie die Existenz dieses, unter Ihrer väterlichen Fürsorge ausgewachsenen, jungen Mannes, sich fortan gestalten werde, kann ich etwas für den jungen Mann thu»? er ist mir, seitdem ich weiß, daß das von mir so hochgeschätzte Mädchen ihn ihrer Neigung werth hält, wahrhaft lieb und Werth geworden."-„So kann nur ein Biedermann sprechen", sagte der wie von einem Alp befreiete, tief aufathmende Rabbiner, „verzeihen Sic nur, edler Mann, wenn ich nur einen Augenblick fürchten konnte, Sie würden dem Ihnen im Herzen meiner Tochter zuvorgekommencn jungen Lehrer gram geworden sein, indeß Sie mir hochsinnig und edel denkend Ihren Beistand für Jaroslawsky antragen, für einen jungen Mann, gegen den sich der Fanatismus eines Verblendeten einst schwer vergangen und den Gottes wunderbare Fügung so liebevoll geleitet hat; ich will den Herzen der jungen Liebenden keinen Zwang auflegen. Herzen, die sich auf verschlungenen Wegen in so sichtlich wunderbarer Weise gefunden, sollen von mir nicht gehindert werden, wenn Zeit und Umstünde günstig erscheinen werden, einer endlichen Vereinigung fürs Leben zugeführt zu werden, nur um die künftige materielle Existenz des jungen Mannes ist's mir für jetzt noch bange; seine Lehrer-Carriere ist mit seinem Rücktritte zur jüdische» Confessio», in der er geboren, abgeschlossen, denn die gegenwärtige Zeitströmung hat es glücklich dahin gebracht, daß jüdischen Lehrern an öffentlichen Schulen, die zumeist von nichtjlldischen Schülern besucht werden, keine Stelle zu Theil werden kann und für specifisch jüdische Schulen ist er bei jedem noch religiöse Gesinnung hegenden Schulvorstande schon aus dem Grund« unmöglich, weil ihni, als im Christenthume erzogen, jedes jüdische Wissen abgeht". — „Und muß denn ein junger gebildeter, besonders im Schreib- und Rechenfache tüchtiger Mensch gerade auf dem Gebiete der Pädagogik als Volksschullchrer seine Kräfte üben und verwenden?" — frug Herr Kalman mit freundlichem, bedeutungsvollem Lächeln — „wäre denn eine für die erste Zeit bescheidene Stelle als Correspondent in einem Comptoir nicht wenigstens eben so verlockend, als der wenig lohnende, ewige Kampf mit den ungeberdigcn A B C-Schlltzen in der dumpfigen Staub'Atmosphäre der Schulen? Was, glauben Ehrwürdcn, würde der junge Lehrer mir antworten, wenn ich ihm die eben genannte Stelle in meinem Comptoir anbieten würde?" — „Ich dächte, er würde mit Freuden in Ihre Dienste treten, und würde, wie ich von seiner Biederkeit und seinem Fleiße überzeugt bin, das in ihn zu setzende Vertrauen mit der Zeit wohl vollkommen rechtfertigen". — — Roch eine Weile besprachen die beiden Biedermänner die Zukunst Jaroslawsky's, der merkwürdiger Weise eben durch seine Liebe, die ihm das Herz des Bankiers als Rivalen hätte entfremden können, sich die Neigung und Werthschätzung des Biedermanns erworben; und als der Rabbiner dann in gehobener Stimmung das Comptoir des Herrn Kalman verließ, war eine gewisse freudige Zuversicht in seinen Mienen zu lesen. XTTT Nur ein Monat, ein einziger Monat, welch' eine kurze Spanne Zeit! nur vier kurze flüchtige Wochen sind dem Besuche bei Herrn Kalmann ins Land gegangen, und was ist aus dem ehemaligen Hilsslchrcr Jaroslawsky seitdem geworden? Er ist in erster Linie nach einer einstweiligen allernothwendigstell religiösen Vorbereitung seitens des Herrn Rabbiners, und nachdem auch den Anforderungen des Staatsgesetzes entsprochen worden, in de» Schooß seines Vaterglaubens zurllckgekehrt; er ist, nachdem er den Schulstaub vollends abgeschllttelt, in's Comptoir des Herrn Kalman als Corrcspondenz-Adjunkt eingetreten, und wirkt zur vollsten Zufriedenheit seines Chefs, der sichs zu der ihn hochehrenden edlen Aufgabe gemacht hat, in dem jungen Manne einen