Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 14-15. (3.4.1885)
- Date
- 1885-04-03
- Page
- Seite 112 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9586215-9584722--5697-9584740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
112 Aus einem Schreiben des Herrn Dr. W. Herzberg, Director des israelitischen Waisenhauses in Jerusalem. Verehrter Freund! Jerusalem, 28. Schebat 13. Februar 5645. Sie waren so gütig jüngst in Ihrer Spendenliste einige Zeilen aus einem Privatbriefe vonmir abzudrucken, wobei der Setzer mit merkwürdiger Intuition die Zahl unserer Waisen auf sechzehn angab. Ich hatte geschrieben vierzehn und auch das ist eigentlich nicht zutreffend. Etatsmässige Stellen sind nur dreizehn vorhanden, die vierzehnte Waise wird von einem hochherzigen Manne unterhalten, der unsere Anstalt näher kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Dergleichen Acte des reinsten und edelsten Wohlthuns sind in England nichts Seltenes. An der Bristoler Waisenanstalt, wohl der grössten auf der Erde, wo ohne festen Fonds an 2000 Kinder nur durch freiwillige Beiträge unterhalten werden , spenden edle Unbekannte ebenso viel mal 13 Pf. St. — die Unterhaltungskosten einer Waise — als sie selbst Kinder haben. (An unserer Anstalt betragen die Kosten bei der geringen Anzahl der Waisen '£. 16 400 Franken p. a.j Es ist überhaupt rührend, die Berichte des Vorstehers Müller zu lesen. Kein Besucher, der diese Häuser ohne Gabe verlässt; wer nicht Geld hat, giebt Schmucksachen, Silberzeug, Uhren. Solche Opfer bringen vornehmlich Frauen. Kaufleute schicken Kleiderstoffe und Provisionen. Von allen Enden der Erde, wo nur Engländer wohnen, strömen die Gaben zusammen. Ist dies vielleicht ein nationales Unternehmen? Nein, keine Zeitung spricht davon. Es ist einfach das Gefühl der Pflicht, sagen wir lieber des göttlichen Gebotes, welches so viele Menschen antreibt die Hilflosesten auf dem Erdenrunde zu stützen. Aber den Engländern ist gewiss auch in der von ihnen heilig gehaltenen Lehre das strengste Gebot gegeben, sich der Waise anzunehmen; uns Juden ist bekanntlich darüber nichts offenbart und nichts geboten (S. 5. B. M. 24,19—21. D. R) Wir erkennen die Verpflichtung an, soweit es unsere Stadt, höchstens unsere Provinz angeht, —aber für Jerusalem, das heilige Land, — das sind ja für uns nichts weiter als geographische Begriffe. Und doch haben Jerusalemer verlassene Kinder einen doppelten Anspruch an das jüdische Herz. Die Commune ist ohne Behörden, nur zum Zweck des Almosen-Nehmens organisirt. Der Einzelne ist trotz der durchgängigen Mittellosigkeit nach Kräften wohlthätig, aber warum sollte er sich der des Ernährers beraubten Waise eher annehmen als sein wohlhabender Nachbar? So wird, was Jedermann’s Sache ist, Niemands Sache und den elenden Kindern bleibt zuletzt nichts übrig, als ihre Zuflucht zur protestantischen oder katholischen Mission zu nehmen, wenn sie nicht auf den Gassen verderben oder verhungern wollen. Zwei solcher Kinder habe ich seit einigen Monaten im Hause und insofern hatte der Setzer Recht, als er von sechzehn Waisen sprach, zwei andere werde ich demnächst aufnehmen, den einen aus Jerusalem, den anderen aus Hebron. Für den letzteren habe ich noch keine Beisteuer. Für die beiden ersteren zahlt der Verein "CTH3 mn?„ einen Beitrag von 1—2 Mark per Woche und hat einen solchen auch für das dritte Kind zugesagt. Jene lernen bereits ein Handwerk, der erstere wird Schmid, der andere Tischler, daneben besuchen sie Morgens und Abends unsere Schule, wo unsere Lehrlinge vornehmlich in Sprachen (Hebräisch, Deutsch, Arabisch und Englisch) Zeichnen und Rechnen unterrichtet werden. Zu diesen Lehrlingen gehören sechs Waisen unseres Hauses und neun von den Tagesschülern. Diese Placirung und Ueberwachung der Knaben bei ihren Meistern ist ein schweres Werk, und nun ersuchen mich noch Väter aus der Stadt, denselben Liebesdienst an ihren Kindern zu thun. Ich muss zuweilen ein mässiges Lehrgeld zahlen, von Jenen wird stets ein hohes verlangt. Für unsere Kinder verpflichte ich mich den Meistern gegenüber auf eine bestimmte Zeit, — die Jerusalemitischen Lehrlinge pflegten selten länger als ein Jahr auszuhalten. Sobald sie im Stande waren etwas zu verdienen, verliessen sie ihren Lehrherm, um sich selber ihr Brod zu suchen. Um so weniger Interesse hatten auch jene, dass die Lehrlinge etwas Tüchtiges lernten, und so kommt es, dass unter den zahlreichen jüdischen Handwerkern Jerusalems, es mögen wohl an die tausend sein, nnr die Gediegenes leisten, welche im Auslande gelernt haben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wir hoffen auch hierin einen Wandel anzubahnen und freuen uns aufrichtig der munteren Arbeitslust unserer Jugend, wobei die Waisen unseres Hauses mit trefflichem Beispiele vorangehen. Möge es uns an thatkräftigen Stützen und neuen Freunden nicht fehlen! Ihr I>i\ W. He-rxberg. Dnicf Bott David MvuiS WoM m Magdeburg