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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-04-28 · N° 18. (28.4.1880) · p. Seite 161

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 18. (28.4.1880)
Date
1880-04-28
Page
Seite 161 (sequence 7)
Language
German
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abschnitte wurden sie nur mit dem in aller Augen erniedrij genden Epitheton „Chaber", nie aber auch zur Anhörung des dritten, sechsten Abschnittes der Pericope, aufgerufen. Diese Abschnitte hatten Rabbiner, Vorsteher oder sonstige hervorragende Morenu's für sich occupirt. Am Rüsttage des Veri söhnungstages, wo jeder orthodoxe Jude in würdiger Büßfertigkeit sich auf dem Estrich des Gotteshauses niederließ und sich einer pro forma Geißelung unterzog, machte sich der Unterschied zwischen einem Morenu und einem Chaber in - empfindlicher Weise geltend. Während ein Morenu mit dem Kantschuh nur zart bestrichen ward, als gelte es das Kleid, welches seine „naive Rückseite" einhüllte, abzustäuben, und , auch dies nur mit wenigen Streichen, bekam der arme Prostak volle 39 wirkliche Geißelhiebe. Selbst an den Gemeindelasten hatten die Prostaken bei weiten: mehr als jeder Andere zu tragen. Zu dieser unglücklichen, jüdischen Kaste gehörte, wie schon sein Name besagt, auch unser Chaim Prostak. Was half ihm i der Ruf seiner Rechtlichkeit im Handel und Wandel, welcher ihm bei allen angesehensten polnischen Rittergutsherrn der ganzen Umgegend einführte, die ihn vor allen andern Kaufleuten bevorzugten, was half es ihm, daß er ein Günstling des Grafen P. und des Fürsten Jablonski war, daß er sich ein ansehnliches Vermögen erworben und eine große Anzahl jener jüdischen Vornehmen, der gelehrten Morenu - Kaste, bedienstete, wenn sie ihn im Gemeindeleben, wie in der Synagoge tief unterstellten. Was war ihm die Ehre, die er aus-; wärts wegen seines Geschäftsgeistes nnd seiner Handelstüchtigkeit einerntete — und die unzweideutige Achtung, die man ihm selbst in adeligen Kreisen, seines biedern Sinnes und lautern Charakters wegen, entgegenbrachte? wenn sich dies Alles in Dunst auflöste, sobald er an Sabbath- und Feieri tagen, von den Geschäftsreisen heimgekehrt, die Synagoge j besuchte :md er sich sagen mußte, er stehe auf der niedrigen r, Stlife der von ihren eigenen Brüdern unverdient verachteten I Prostaken. Die Festtage gestalteten sich daher für ihn zu den qualvollsten Tagen seines Lebens. Man zeichnete ihn zwar einseits vor allen andern seines Gleichen dadurch aus, daß man ihn nie übersah und ihn stets mit einer Alijah (Aufrufung zur Thora) beehrte, allein man nahm ihm mit der einen mehr als man ihm mit der andern gab. Er wurde beinahe immer nur zum Maphtir gerufen und er, der mit dem Hebräischlesen immer seine liebe Noth hatte, er sollte öffentlich vorlesen. War es nicht eine unerhörte Grausamkeit, ihn aus einem Buche, das ihm eine terra incognita war und blieb, öffentlich vorlesen zu heißen und dies vor jenen Leuten, die, wie er es sich sagen mußte, es darauf abgesehen hatten, ihn f zu demüthigen und seine Unwissenheit der ganzen Gemeinde \ vor Augen zu führen. Zu diesem niederdrückenden Gefühle ü gesellte sich wie gewöhnlich noch das Lampenfieber, und der l, bedauernsmerthe Chaim Prostak machte in der Thal die curil osesten Bocksprünge, die gröbsten Lesefehler, die auch die Lach- Muskeln der ernstesten Leute erregen mußten. Diese rühmte \ man ihm gewöhnlich so lange nach, und dienten so lange zum Tagesge spräch der Leute und ihrem billigen Unterhalt, bis er sie wieder durch neue ersetzte. Was Wunder, daß die Sams- und Feiertag: Chaim Prostak zu Trauertagen wurde. Seine treue, edele und liebevolle Gattin Ester, „die Gütige", wie man sie schon nach wenigen Jahren in Javlowce und der Umgegend allgemein nannte, weinte vielleicht nie so viel, als an diesen Tagen, da sie es aus der Frauen-Gallerie des Bethauses selbst anhören mußte, wie man sich so rückhaltlos über ihren Gemahl lustig machte, und auch die Frauen schonungslos darin einstimmten. Die gewähltesten Speisen, die zu Ehren des Sabbath und der Feiertage vorbereitet wurden, verwandelten sich ihnen zu bitterem Wermuth. Umsonst gab er zu wiederholten Malen seinen Wohlthätigkeitssinn in der Gemeinde, in der unzweideutigsten und eclatantesten Weise zu erkennen; umsonst nahm er jeden Sabbath und Festtag ein Minjan, sage zehn Orchim (wandernde Arme) in sein Haus ’ auf, bewirthete sie freundlich und wetteiferte mit seiner Frau, um sie während dieser Tage ihrer Armuth vergessen zu lassen. , Umsonst beschenkte er mit vollen Händen die Cultusbeamten der! Gemeinde, den Religionsweiser, seine Dajanim und Assesoren, den Magid, die Schamaschim (Gemeindebediensteter), Melamdim (Winkelschullehrer) u. a., in der Hoffnung, wenn sie ihn nicht auch von dem auf ihm so schwer lastenden, grade nicht sehr schmeichelhaften Epitheton „Prostak" befreien und zum Morenu erheben würden, so würden sie ihn doch nicht mehr dem öffentlichen Gespötte aussetzen und ihn mit der zweideutigen Ehre des Haphtaravorlesens verschonen. Umsonst! Sie konnten sich nicht entschließen, von dem Vorrang, den sie an sich gerissen, Etwas zu vergeben, waren vielmehr offenbar bemüht, gerade jene, die an irdischen Gütern ihnen so sehr überlegen waren, wenigstens diesen Mangel talmudischen Wiffens auf's Empfindlichste fühlen zu lassen. Ein Hoffnungsschimmer schien endlich Chaim Prostak aufzugehen. Reb Chaskel Hospitalnik, so genannt, weil alle fromme Wanderbettler bei ihm Absteigequatier zu nehmen pflegten, trat bei ihm in Dienst als Besteller, und was noch mehr war, dessen Frau Jentele die „Kluge", wie sie in Jaslowce Jude und Nichtjude nannte, war die Schwester des Jaslowcer Religionsweisers, in dessen Macht es stand, Chaim Prostak in den Morenu-Stand zu erheben. Seit jenem Tage suchte die „kluge" Jentele sich im Hause des Brodherrn ihres Mannes zu schaffen zu machen; klug wie sie war, sah sie auch bald ein, daß Ester die „Gütige" nicht nur gut war im negativen Sinne des Wortes, wie es die Leute ihr nachzurühmen pflegten, „sie habe keine Galle und erzürne keine Katze", sondern „gut" auch in der positiven Bedeutung; Ester war unerschöpflich im Geben und Gewähren und gab zum hundertsten Mal mit demselben Wohlwollen wie zum ersten Mal. Jentele knüpfte daher ein intimes Freundschaftsverhältniß an und nützte es nach bester Möglichkeit aus; um sich aber der empfangenen Wohlthaten verdient zu zeigen, erbat sie sich die Erlaubniß, bei ihrem Bruder, dem Religionsweiser, die Jntiative zur Ertheilung des Morenudiploms für Chaim P. ergreifen zu dürfen. Ester drückte ihrer Freundin die Hand mit Innigkeit: „Verbinden Sie sich meinen Mann und Sie sollen es nicht bereuen," feuerte sie die kluge Jentele an. „Verlaßen Sie sich darauf, ich werde meinen ganzen Einfluß bei meinem Bruder dafür anwenden," entgegnete Jentele. Eine geraume Zeit, seitdem sie die Vermittlerrolle übernommen hatte, war breits abgelaufen. Chaim Prostak war von einer längeren Geschäftsreise zurückgekehrt. Es war Samstag. Mit pochendem Herzen betrat er die Synagoge, sich in der frohen Hoffnung wiegend, heute werde für ihn der große Tag sein, in welchem er aus der tieferniedrigenden Ausnahmsstellung der Prostaken erlöst werden würde; aber ach, welche arge Enttäuschung, er wurde abermals mit Chaber und wieder zum Maphtir gerufen. Zu seinem an ihm so hartnäckig haftenden. Lampenfieber gesellte sich diesmal sein empörtes, weil enttäuschtes, Gefühl und längst verschloffener Verdruß, daß er zur Kurzweil der Leute herhalten mußte, und er machte in der That die possierlichsten Lesefehler, daß sich auch seine bestwollendsten Freunde nicht enthalten konnten, selbst im geweihten Orte und in seiner Gegenwart laut aufzulachen. Chaim nahm es für eine absichtliche Verspottung, und hierüber höchst entrüstet, schlug er in der Mitte seiner Haphtaravorlesung das Buch zusammenund prallte aus der Synagoge Nicht Wenige verspürten die Lust, ihn wegen Mißachtung einer religiösen Handlung zur Verantwortung zu ziehen. Manche seiner Neider ließen sich vernehmen: „Wenn man reich ist, glaubt man schon die Heiligthümer mit Füßen treten zu dürfen, in der Synagoge gilt reich und arm gleich, die Synagoge kennt keinen Unterschied." — Da erhob sich ein simpler Kaufmann, aber gewiegter Talmudist, der wegen seiner Anspruchlosigkeit, Unparteilichkeit und« angesehenen Abkunft in der Gemeinde sehr viel galt und selbst von deren Spitzen geehrfürchtet wurde. Namens Abraham Lippczyc, und machte sie auf das ganze Verwerfliche ihres Betragens aufmerksam, das er in den schärfsten Ausdrücken, rügte. (Fortsetzung folgt.)

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