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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-04-07 · N° 14 u. 15. (7.4.1880) · p. Seite 129

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 14 u. 15. (7.4.1880)
Date
1880-04-07
Page
Seite 129 (sequence 5)
Language
German
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— 129 — Entree den Worten des „Weisen", welcher über Innungen und — nebenbei auch über Juden sprach. Letzteres soll ihm aber nicht besonders gut bekommen sein. Der Redner stieß, als er auf sein Steckenpferd, die Juden, kam, auf Opposition, die es ihm rathsam erscheinen ließ, dies Thema für seine Manier noch ziemlich glimpflich zu behandeln. Was ich darüber berichte, das habe ich natürlich nur von Hörensagen, denn Sie erwarten hoffentlich nicht von Ihrem Referenten das Martyrium persönlicher Anwesenheit in solchen Versammlungen. Einen Eindruck scheint der Apostel hier nicht hinterlaffen zu haben. Ueberhaupt will michs bedünken, es habe bei uns in Breslau die Antisemiten-Agitation ihren Höhepunkt bereits überschritten. Die „Schles. Volkszeitung" allerdings sondert noch nach wie vor übelriechende Artikel ab, aber man hat aufgehört, den Geruch piquant zu finden; man macht, daß man vorüber kommt. Ab und zu krächzt ein Rabe des Reuen Wahlvereins in der Stadtverordneten-Versammlung sein Klagelied über die verhältnißmäßig große Zahl jüdischer Aerzte in dem Curatorium eines Hospitals, aber schon finden sich Leute, die das rechte Wort gegen solche Mißtöue auszusprechen sich nicht scheuen. Inzwischen geht ja ungestört die gute Sache ihren Weg, und die „Schles. Volkszeitung" hat neue Veranlassung, sich in Sack und Asche zu hüllen, da trotz ihrer Lamentationen über Verjudung selbst hier in Breslau, dem Entstehungsort ihres „jüdischen Referendars", zu dem schon seit lange hier vorhandenen jüdischen Amtsgerichtsrath auch ein jüdischer Amtsrichter getreten ist. Auch der vor Kurzem zum Regierungsrath ernannte Dr. Kaiser ist ein Breslauer Kind und gleichfalls aus dem ehrsamen Stande der „jüdischen Referendare". Letzten Sonntag hatten wir hier ein erhebendes Erinnerungsfest, die hiesige „Gesellschaft der Brüder" feierte ihren hundertsten Geburtstag. Vormittags um 12 Uhr begann die Feier im festlich geschmückten Saale der Gesellschaft der Freunde mit einer erhebenden Rede des hies. Rabbiners Dr. Joel, in welcher derselbe die Verdienste der Gesellschaft während ihres nunmehr hundertjährigen Bestehens seit jener Zeit, da die ersten Emancipationsbestrebungen der deutschen Juden unter dem Einfluß von Moses Mendelssohn sich vorbereiteten, bis auf unsere Tage besprach und unsere Zeit an den Dank erinnerte, den wir den Männern schulden, die unvergängliches Verdienst sich um die Veredlung und Bildung ihrer Glaubensgenoffen als Staatsbürger und als Juden erworben. An die Predigt schloß sich ein Gebet für das Seelenheil der verstorbenen Mitglieder der Gesellschaft. Gesänge, ausgeführt von dem trefflichen Chor des HerrnCantor Deulsch, welchen derselbe leitete, eröffneten und schloffen die Feier. Rach diesem gottesdiknstlichen Theil der Feier versammelten sich in demselben Saale am Nachmittag ca. 300 Festtheilnehmer, unter ihnen die hervorragendsten jüdischen Namen Breslaus, zu gemeinsamen Mahle, welches durch ernste und heitere Reden und Lieder gewürzt bis zum späten Abend sich hinzog. Eine treffliche Monographie, herausgegeben im Aufträge des Vorstandes von Di*. M. ©rann, schildert in edlem Wort und gründlicher, erschöpfender Darstellung das Wirken, der Gesellschaft. Einzelnes aus dem intereffanten Schriftchen herauszuheben, ist hier nicht der Ort; es wird wohl im „Jüd. Literaturblatt" als wissenschaftliche Arbeit von bleibendem Werthe eingehender Besprechung gewürdigt werden.*) Aus der dem Merkchen beigegebenen Uebersicht über das mildthätige Wirken der Gesellschaft in den letzten 45 Jahren entnehmen wir, daß trotz der Unterstützungen von 14569 Thlr. und Darlehen von 6297 Thalern das Gesellschaftsvermögen von Thlr. 8115 (im Jahre 1836) auf 36.078 Thlr 108234 Mk. (im Jahre 1880) also auf das 4^/,fache gestiegen ist. Möge der Gesellschaft noch recht lange ein segensreiches Wirken zum Heile der Gesamwtheit beschieden sein! Hannover. Am 22. v. Mts. starb hier nach längerem Kränkeln der langjährige Leiter der Hannoverschen Lehrer- *) Es ist uns bis jetzt nicht zugegangen. (Red.) bildungs-Anstalt, Herr SeminardirectorProfefforvr.Frensdorff. Indem wir uns Vorbehalten auf Leben und Wirken dieses herrlichen Mannes noch ausführlicher zurückzukommen, sei hier dem Herzenserguß eines treuen Schülers desselben, des Hrn. A. I. Tawrogi, Jnspectors des isr. Waisenhauses in Königsberg i. Pr., Raum gewährt: am ‘jiOIpn XJDK X-ION 1 ,,Ach! Israel empfindet den Verlust eines großen Mannes, wrrd Jedermann betrübten Herzens ausrufen. wenn zu ihm die erschütternde Trauerkunde von dem Ableben des in weiten Kreisen bekannten und verehrten Seminardirectors, Herrn Prof. vr. Frensdorff zu Hannover, gelangen wird. Und wir, seine Schüler, die das Glück gehabt haben, Jahre lang in seiner Nähe zu weilen und aus seinem Wissensborn für unfern Beruf zu schöpfen, beklagen wehmuthsvollen Gemüthes unfern hochverehrten Lehrer, der seinen Schülern ein liebevoller Freund und Rathgeber gewesen, betrauern in dem Dahingeschiedenen den Vater, der seine Kinder, so pflegte er uns zu nennen, mit einer seltenen Liebe und Fürsorge umfaßt hat. Seine Liebe erstreckte sich nicht nur auf die Seminarjahre, sondern wenn wir auch schon im Amte waren, war unsere Wohlfahrt Gegenstand seiner Sorge. Die Nachricht, daß es seinen Schülern gut gehe, erfüllte ihn jedes Mal mit unbeschreiblicher Freude. Hunderte von Lehrern verdanken die Stellung, die sie jetzt im Leben einnehmen, dem Dahingeschiedenen. Im beginnenden Jünglingsalter sind sie fast alle unter seine Obhut getreten, und mit einer beispiellosen Fürsorge hat er ihr geistiges und körperliches Wohlsein überwacht. Seine Lebensaufgabe stellte er ganz in den Dienst dessen, wozu ihn der Allgütige auf Erden erkoren hatte, nämlich: die ihm anvertraute Jugend zu brauchbar.» Lehrern in Israel heranzubilden und sie mit Wissen und jnx “pl für ihre Zukunft auszurüsten. Wir Alle durften uns getrost seiner Leitung anheim geben; denn ein leuchtendes Vorbild war er uns in Wort und That. Er verband mit einer strengen Consequenz Milde und Freundlichkeit; zu seinem großen Wissen gesellte sich Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit. Seine Pflichttreue, Gewlffenhaftigkeit und Pünktlichkeit waren eine fast peinliche. Mochte das Winterwetler noch so stürmisch sein; mochte die Nachmittagssonne in den Sommermonaten noch so heiße Strahlen aussenden, er erschien doch zu seinen Unterrichtsstunden, die er stets mit einer seltenen Hingebung ertheilte. Selbst das heftigste Unwohlsein konnte ihn nicht von seiner Pflichterfüllung zurückhalten; das Bitten seiner Familie und seiner Schüler scheiterte in solchen Fällen an dem Eifer und dem großen Fleiße des treuen Lehrers. Trotz seines hohen Alters arbeitete er bis zur späten Abendja Nachtstunde an der Vollendung seines epochemachenden Werkes: „24a880ra magna.“ Mit dem Geschicke eines tüchtigen Pädagogen unterwies er uns in den Lehren der Religion, die er unverfälscht in unser Inneres pflanzte. Seine Stunden waren für uns die interessantesten; er verstand den Stoff zu beherrschen und denselben in einer populären, anschaulichen Weise vorzutragen. Wie belehrend waren die Stunden, in welchen er uns über allgemeine Dinge unterwies, mochten diese noch so sehr seinem Fache fern liegen, er schöpfte immer aus dem Vollen. Seine Familie hat den Stolz ihres Hauses verloren, das Seminar, das er über drei Jahrzehnte hindurch mit hingebender Liebe und Sorgfalt gepflegt, steht ziemlich verwaist da, klagend ob des Verlustes seines Leiters; die rnassoret. Wissenschaft ist eines ihrer tüchtigsten Förderer beraubt, die Gemeinde Hannover, die das Glück gehabt, den theuren Dahin* geschiedenen den „Ihrigen" zu nennen, ist eines weithin leuchtenden Sternes verlustig gegangen. Nicht weniger haben sämmtliche jüdische Gemeinden der Provinz Hannover, in denen seine Schüler in seinem Geiste gewirkt und noch wirken, Grund, den theuren Todten zu beweinen; denn auch sie haben ihn verloren, und muß es für sie eine heilige Pflicht sein, daß in ihrer Mitte dem Dahingeschiedenen zu Ehren ein Trauergottesdienst abgehalten werde. Möge der Allgütige die trauernden Hinterbliebenen trösten, möge der Geist der Anstalt,

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