Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 22. (31.5.1877)
- Date
- 1877-05-31
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 171 — In Nr. 19 Ihrer „Wochenschrift" wird mir grobe Unwissenheit" vorgeworfen und dieselbe bloß dadurch motivirt, weil ich ein im Talmud vorkommendes griechisches Wort falsch übersetzt habe — denn was die beiden anderen Stellen betrifft, so läßt sich bezüglich der Auffassung streiten (!) — und daraus soll ein womöglich ungünstiger Schluß auf meine Horaahbesähigung gezogen werden. Ich will kein Gewicht darauf legen, daß ich jenen Jrrthum* * **)) einige Stunden später bemerkend, sofort nach Königsberg die Berichtigung in die Druckerei sandte, die aber leider, da ich nie Correktur bekomme, unbeachtet blieb. In einem Werke von über 200 großen Seiten, in dem vielleicht 1000 oder mehr Citate aus Talmud und Midrasch Vorkommen, sind Fehler unvermeidlich, solche berechtigen aber keineswegs dem Autor, wenn er, wie ich Nachweisen kann, seine Gymnasial- und Universitätsstudien redlich und rite durchmachte, „grobe Unwiffenheit" vorzuwerfen, noch weniger aber aus der falschen Uebersetzung eines griechischen Wortes ungünstige Schlüffe auf seine Befähigung bezüglich der Horaah zu machen. Unsere Ga o n im verstanden überhaupt kein Griechisch, und wäre ich orthodox, so könnte ich mich auf folgende talmudische Stelle berufen. Die Weisen sagten: Verflucht sei der, welcher Schweine aufzieht und seine Kinder Griechisch lernen läßt, (]-pj«p fiDDH 122 (Sotah 49b, Jerusch. Schabb. III.) Da ich aber der historischkritischen Richtung angehöre, so nehme ich mit Ihnen an, daß die griechische Sprache hierunter nicht gemeint, und daß dieses Verbot überhaupt nur durch die Brüderkämpfe der beiden Thronerben Johann Hyrkan's, Aristobul nud Hyrkan, wo bei der Belagerung Jerusalems auf den Rath eines verrätherischen alten Hellenisten (64 v.) ein Schwein statt des Lammes zum täglichen Opfer geliefert wurde, entstanden ist, denn schon im Hause Gamaliel I. befleißigte man sich des Griechischen. (Gittin 28, Sotah 49.) Uebrigens kann ich auch mit Genugthuung konstatiren, daß gerade dieses Werk von jüdischen Capazitäten wie Jellinek (Wien), Adler (Cassel), Jotzl (Breslau), Herxheimer (Bernburg) , Herzfeld (Braunschweig), Graneberg (Landau), wegen der darin enthaltenen reichen rabbinischen Quellenkunde u. s. w., anerkannt wird. Genehmigen Sie u. s. w. vr. Schreiber, Rabbiner. F. Aus Oberschlesien, 20. Mai. (Or.-C6rr.) Die in jüd. Kreisen durch die auf Errichtung von Simultanschulen in Oberschlesien gerichteten Bestrebungen der Regierung entstandene Erregung ist noch immer nicht zur Ruhe gelangt. Die Simultanschule, anfänglich von den jüdischen Gemeinden mit Freuden begrüßt, mußte schließlich von jedem denkenden und wahrhaft liberalen Juden abgewiesen werden, nachdem die Regierung für die durch jüdische Beihilfe in Kattowitz entstandene Simultanschule die nachträgliche Definition abgegeben, daß sie unter Simultanschule nicht eine auch für Juden, sondern eine blos für Christen beider Confessionen paritätische Schule verstehe?*) Nach dieser unerwarteten Entmudkenntnisse des Herrn vr. Schr. stelle ich auch jetzt jedem Sachkundigen anheim; die von Herrn vr. L. in Dresden ausgehobenen Proben werden genügen. (Beiläufig: das hebr. Epigramm in Nr. 19 ist Eigenthum des Herrn Correspondenten.) Ob sich „bezüglich der Auffassung streiten" läßt? Es gibt auch allerlei vom lieblichen abweichende Uebersetzungen aus dem Lateinischen und anderen Sprachen, z. B. Cäsar kam nach Gallien oben auf der Olligenee — summa diligentia —- — oder: der Vogel Maecenas ist von den Königen u. drgl. m. Da kann es denn auch auf die Auffassung ankommmen, — zu der Stelle über, griechische Sprache oder Wissenschaft muß bemerkt werden, daß der Talmud selbst klar und ausdrücklich sagt, nur das Erlernen der letzteren sei verboten worden, nicht das der Sprache. (Red.) *) Ich gehöre nicht zu denen, die einen Rabbiner für unfehlbar halten, mir schwebte im Momente das Wort vor. **) Wir haben schon im ersten Jahrgange dieses Blattes gesagt, daß man in Süddeutschland, wo die Simultanschule seit 60 Jahren vorherrschend war, darunter immer die den Katholiken und Protestanten gleiche Rechte gewährende verstanden hat. Haben Juden sich eingeredet, daß auch sie ohne Weiteres, ohne besondere gesetzliche Bestimmungen oder Stimulationen, lediglich kraft des scheidung der Negierung haben noch manche jüdische Gemein den rechtzeitig den Rückzug angetreten, in dem sie die Beibehaltung ihrer confeffionellen Schulen einer die jüdische Gleichberechtigung aufopfernden Connivenz gegen die Regierung vorgezogen haben. Nur die jüdische Gemeinde Gleiwitz, die durch ihren jüdischen Sinn wie durch Intelligenz gewiß zu den besten Oberschlesiens zählt, machte hierin eine unbegreifliche Ausnahme. Trotz der traurigen Erfahrungen in Kattowitz hat dieselbe vor einiger Zeit sich für das Aufgeben ihrer guten und wohlgeleiteten Gemeindeschule und für deren Einreichung in die Simultanschule entschlossen. Doch darüber läßt sich ja streiten; der Eine begnügt sich mit einem formalen Fortschritt, der Andere ist nur für einen sachlichen. Die Leiter der jüdischen Gemeinde und unter deren Einfluß die jüdischen Stadtverordneten in Gleiwitz mögen also in der Simultanschule trotz des Ausschlusses jüdischer Parität einen formalen Fortschritt oder eine schrittweise Annäherung an den wirklich sachlichen gesehen haben, als sie sich dafür entschieden. Sie haben ohne Zweifel bona üäo* gehandelt. Um so unbegreiflicher ist aber die alle Grenzen liberaler Objectivität überschreitende Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Herren Vorsteher gegen den Rabb. Hrn. vr. H i r s ch f e l d wegen seiner Opposition gegen die Simultanschule vorgehen. Es ist wohl wahr, Herr vr. H. hat seine Ansicht geändert. Er war früher für die Simultanschule, weil er sie auch für jüdischparitätisch hielt: er ist nun gegen die Simultanschule, weil sie in Wirklichkeit die jüdische Parität ausschließt. Nur die Oberflächlichkeit vermag darin eine Jnconsequenz zu finden. Herr Vr. H. hat es aber gewagt, seinem Schmerze oder seinem Zorne über diese von ihm nicht gewollte Art der Simultanschule in einer Predigt Ausdruck zu geben und dadurch einen liberalen ehrsamen Vorstand zu Gleiwitz so fürchterlich entrüstet, daß derselbe alsbald den liberalen Entschluß faßte, die Predigten des Rabbiners mit einer Cenfur zu belegen, und weil derselbe einem solchen Ukas eines Hochmeisen Vorstandes sich wahrscheinlich nicht fügen wollte, für das Wochenfest die Kanzel zu entziehen, haben die Herren das Ungeheuerliche eines solchen Vorgehens gegen einen Mann bedacht, der beinahe dreißig Jahre in ihrer Mitte fungirt? Wo zeigt sich da die Achtung gebildeter Männer vor der Gelehrsamkeit, die man ja vr. H. sicherlich nicht absprechen kann, wo die jüdische Ehrerbietung vor dem Alter? Wie schreckten die Herren am grünen Tische vor dem anmaßenden Gedanken nicht zurück, sich zum Richter und Kritiker zu erheben über die Predigten eines Mannes, an deffen Gelehrsamkeit und Bildung wohl Keiner derselben heranragt! Gesetzt, der Ingrimm des Vorstandes gegen vr. H. wäre ein gerechter — wir sind mit den amtlichen Internen nicht so genau vertraut — so war das Vorgehen des Vorstandes doch maßlos, unbescheiden und unwürdig dieser großen, schönen und sonst so wohl geleiteten Gemeinde. So lange Herr vr. Wollner an der Spitze der Gemeinde stand, verstand man in Gleiwitz die hohe Weisheit, allen Sympathien und Antipathien zum Trotz, immer objectiv und maßvoll zu sein; es wäre im allgemeinen jüdischen Interesse doch sehr zu beklagen, wenn es nun anders würde. Schreiber dieser Zeilen zählt nicht zu den persönlichen Freunden des vr. H., aber er ist ein Freund des Judenthums und der Gerechtigkeit. (Der Gedanke, der sich uns bei Entgegennahme vorstehender Correspondenz zunächst ausdrängte, kleidet sich in die Worte: MD' 22L1N KPPUÖ ni2ptf2 vr. Hirschfeld, der schon im Jahre 1840 mit einem bedeutenden Werke (Geist der halach. Exegese) auftrat, gehört jetzt schon zu den Veteranen der jüdischen Wissenschaft und zu den bedeutendsten unter den zugleich talmudisch und clasiisch-gelehrten Rabbinen Wortes „Simultan" gleiches Recht mit den Christen haben würden, so ist das eine Selbsttäuschung, an der die Regierung nicht schuld ist. Ebenso haben Juden oft genug geglaubt, wo von „Consessionen" in den Gesetzen die Rede sei, da sei auch das Judenthum miinbegriffen; wurden sie nachher enttäuscht, so hatten sie sich selbst getäuscht. Rur keine Illusionen! (Red.)