Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 51. (18.12.1878)
- Date
- 1878-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." Nr. 81. Magdeburg, den 18. December 1878. 9. Inhalt: Leitende Artikelr Vom Judenthum im geschäftlichen Leben. Von Max Weinberg. Berichte und «orrespondenren: Deutschland.- Magdeburg. Breslau. Aus Oberschlesien. Myslowitz. Straßburg. Biderach. Oesterreich: Von der untern Donau. /Großbritannien: Liverpol. Rumänien: Bukarest. vermischte und neueste Nachrichten r Magdeburg. Darmstadt. Frankfurt a. M. Hamburg. Wormditt. Hannover. Siest. Fürth. Brünn. Lemberg. Paris. Ponüves London. Bosnien. Rumänien. Bukarest. Serbien. Adrianopel. Jerusalem. Afghanistan. Inserate. _ „ . (Beilage.) Feuilleton r Ein Jrrthum des Kaisers. — Inserate. Feuilleton. Ein Jrrthum des Kaisers. „Die Leidenschaften und Vorurtheile de« Gesetzgebers offenbaren sich immer in den Gesetzen." ILontesguieu, Lsprit des lois. In einem elsässischen Dorfe wohnte im Jahre 1807 ein gewisser MoseS Blum, mit seiner Frau Rebecca und seinem Sohn David. Wie in anderen jüdischen Familien betrieb der Hausvater dar Geschäft, der Sohn studirte in den heiligen Büchern, und die Mutter besorgte die Wirthschaft. Moses Blum war nicht besonders reich, aber er schlug sein Kapital mit äußerster Thätigkeit und geschäftlicher Gewandtheit um und erfreute sich eines solchen Credits, daß er sich getrost auf manche schwierige Unternehmungen einlassen konnte und sie auch glücklich durchführte. — Gleich seinen Geschäfsconcurrenten kaufte, verkaufte und belieb er Grundstücke und sonstige gute Sicherheiten und beschäftigte sich auch mit dem Discontiren von Wechseln. Ehrlich in seinen Geschäften, freundlich und gefällig, war er allgemein beliebt und geachtet; Letzteres wenigstens insoweit als dies in jener Zeit bei einem Juden im Elsaß überhaupt möglich war, denn das VolkSvorurtheil, daß alle . Juden Wucherer, seien, war zu lange eingewurzelt, als daß es leicht ausgerottet werden konnte. David Blum stand in seinem zwanzigsten Jahre, war schlank und hübsch, ruhig und nachdenklich, aber sein kaltes und schüchternes Wesen barg reine Gedanken und edle Gefühle. Er hatte nicht nur die rabbinische Literatur studirt, sondern auch allerlei von deutscher und französischer Geschichte in verstaubten, aus dem Verkauf der Bibliothek eines adligen Emigranten zurückgebliebenen Bücher gelesen. Er galt deshalb als der Bücherwurm des Ortes, und alle heiratsfähigen Mädchen beneideten seine Verlobte Sarah, welche ihm übrigens eine ganz ansehnliche Mitgift zubringen sollte. Die Familie Blum erwartete also glücklich und zufrieden den Hochzeitstag, als alle ihre Freude durch das Erscheinen eines kaiserlichen Erlasses vernichtet wurde. ' Dieses Edict, ein unauslöschlicher Fleck auf der Regierung Napoleons wegen seiner Intoleranz, Ungerechtigkeit und Verachtung der Menschenrechte, verordnele, daß vom 17. März 1808 an jeder französische Jude, den das Loos bei der Conscription betroffen hatte, selbst als Soldat dienen mußte, ohne daß er, gleich Anderen, einen Stellvertreter für sich eintreien lasten durfte. Es wurde ferner, neben anderen harten Anordnungen verfügt, daß kein Jude für irgend eine Rechnung, einen Wechsel, Schuldschein u. dgl. von einem Franzosen Zahlung verlangen könne, wenn er nicht den. Beweis bringen könne, daß. der Schuldner den vollen Betrag der Forderung erhalten hätte. Ein solches Gesetz mußte natürlich im Elsaß, wo alle Geschäfte, und besonders die Geldgeschäfte, von der Proscribirten Nation geführt wurden, den ganzen Verkehr über den Haufen ' Doch wurde keine Familie so hart betroffen, wie die de^<ums.- Das fatale Loos der Aushebung fiel auf David. Er war also gezwungen, die Heimath Wochen- December 1878. Kisslew. 5639. Kalender. Mittwoch . . . 18 22 Donnerstag . . 19 23 Freitag .... 20 24 Abends ©hamilu*. Sonnabend . . 21 25 (E. 4 U. 3» M.) ' Sonntag . . . 22 26 (Neumondeinsegnung.) Montag.... 23 27 Dienstag . . . 24 28 unter den heißen Thränen seiner Mutter, die beim AbschiedSkuß auf seinen Wangen brannten, zu oerlasten. Der Vater seiner Verlobten erklärte ihm. allerdings mit zitternder Stimme und offenbar schwerem Herzen, er dürfe nicht erwarten, daß Sarah bis zu der zweifelhaften Rückkehr eines Soldaten ausharren werde, und in der Thal sollte er bald von einer Verbindung mit einem Andern hören. _ Er war kaum zu seinem Regiment gestoßen, als er höchst betrübende Nachrichten erhielt. Moses Blums Schuldner machten sich das kaiserliche Drekel zu Nutze und verweigerten Zahlung, bis er den Beweis geführt haben würde, daß er für die von ihm discontirten Wechsel u. s. w. den vollen Betrag gezahlt habe, und da dies ganz unmöglich war, so war er an einem Tage total rmnirt. Und noch schlimmer war's, daß sein Credit gänzlich zerstört war. Diejenigen, denen er Geld schuldete, und die nicht von seinen) Stamme waren, forderten Zahlung, und da er diesen Ansprüchen nicht genügen konnte, auch wenn ihm nicht das plötzliche Anstürmen um seine Besonnenheit gebracht hätte, und obendrein seine Bücher auch nicht in der vom Gericht verlangten Ordnung waren, weil er manche Geschäftsverhältniffe vertraulicher Art geheim halten mußte und nicht zu buchen wagte, so wurde er des betrügerischen Bankerols für schuldig befunden und zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt. Niemand wußte, wie tief er litt, denn er stieß keine Klagen aus; aber sein Haar wurde weiß, seine Augen verloren ihren Glanz, und der tiefe Kummer seiner Seele brachte seinem Leibe den Tod, eS dauerte nicht lange, da fand man ihn leblos auf dem feuchten Stroh seines Kerkers. Rebecca halte alles bis dahin mit religiöser Ergebung getragen, ne halte ihre Thränen unterdrückt, als sie den Gefangenen besuchte, aber über dem Leichnam brach sie in einen Schrei der Verzweiflung aus, die bald in Anfälle von Wahnsinn überging. Man brachte sie in eine Irrenanstalt, von wo sie bald zur Heimath ihres Galten in der Höhe abgeiufen wurde. Worte sind nicht im Stande, um Davids starres Entsetzen bei diesen schrecklichen Nachrichten zu schildern. Er befand sich damals in Spanien in den Fesseln des Militairdienstes. Sein gerechter Kummer konnte nicht freien Lauf nehmen. Gern würde er sein Leben hmgegeben haben, um seinen Vater zu vertheidigen und seine Mutter zu trösten, und er halte nicht einmal den armseligen Trost, einen Denkstein auf ihren Gräbern aufrichten zu können. Seine Erbitterung machte sich nur in haßerfüllten Klagen gegen den .Kaiser Luft. — Wer weiß, um wieviel auch dieses Dulders Klagen den Chor derjenigen vergrößelten, die, nicht ungehört!, über die Gewaluhaten des Kaisers zu Gott emporschrieen? — Aber auch dieser Grimm erlosch am Ende, und sein Herz glich nur noch dem ausgebrannten Krater. Blätter und Blüthen feines Lebensbaumes waren abgestreist; was übrig geblieben, war der Stumpf, unempfindlich gegen Kummer und Schmerz. . David Blum thal seinen Dienst pünktlich aber mechanisch, er marschirte gleich achtlos auf der Parade wie in der Schlacht. Für das Leven um ihn her war er abgestorben. Schluß folgt.) .