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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-03-13 · N° 11. (13.3.1878) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 11. (13.3.1878)
Date
1878-03-13
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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j Beilage zur „Israelitische« Wochenschrift." Nr. II. Magdeburg, den 13. März 1877. 9. Jahrgang. - tobt und die Natur Stiefmutter ist oder entblößt, arm und zersetzt in die Fremde flüchten, hinter ihnen Gräber, vor ihnen eine starre trostlose Zukunft. Der kurze Sieg war theuer genug bezahlt mit denr Blute, dem Glücke und dem Gute von vielen Tausenden edler Männer. Das sah ich und weil ich dies sah und weil ich die Bewegung aufmerksam beobachtete von ihrer Geburt bis zu ihrem Grabe, das Gewimmer der Unterdrückten und das Hohnlachen der Unterdrücker hörte — so rufe ich Dir zu; man entwindet dem Löwen seine Beute nicht! Hat sich Polen die günstige Gelegenheit entschlüpfen lassen, die ihm der orientalische Krieg bot, so muß es warteit, bis sein Sieger anderwärtig besiegt i st, oder fein Volk, das ganze Volk, das Volk in allen seinen Schichten für das Werk der Regeneration herangezogen und reif geworden ist!" Es trat eine minutenlange Pause ein, in welcher sich der junge Holdheim seinen Gedanken zu überlassen schien, dann sagte er: „Mit kühler Vernunft, lieber Vater, ist niemals eine Revolution gemacht worden; große Umwälzungen müssen wie gewaltige Eruptionen kommen. Es bedarf eines gewissen Grades der Trunkenheit, des Selbstvergessens und einer Blindheit für die Gefahren, die entgegenstarren, wenn man eine Gewalt brechen will, die uns erdrückt. Der Patriotismus ist eben nur eine Idee und will man die Vernunft klügeln lassen, so sagt sie uns: auch die Freiheit ist nur eine solche und es lohne nicht, sein Blut für Ideen zu verspritzen. Das ist aber eben das Glück, daß die Jugend nicht so haushälterisch ist und sich für Ideen begeistern kann. Sie werden in den Reihen unserer künftigen Armee meist auch nur junge Leute finden, die das Vaterland wieder erobern und es mit ihrem Blute für künftige Generationen düngen wollen." „Uud wenn die Polen einen so großen Einsatz wagen, so werden sie, wenn ihnen das Loos günstig, einen entsprechenden Gewinn: ihr Vaterland, ihre Sprache, ihre Gesetze, ihre Selbstständigkeit, ihre Freiheit haben; was, frag ich Dich, steht uns, den Juden, die man haßt, bevor, wenn wir unser Gut und Blut in einer verzweifelten Sache einsetzen?" „Eine ungleich bessere Stellung, als sie uns gegenwärtig unter russischer Gewalt zu Theil wird, wo man uns den größten Theil des Reiches absperrt, und wo man noch vor ein paar Jahren, wie in Mizraim, uns unsere Knaben raubte, um sie in fernen Ländern, wo sie ihren Gott und ihre Eltern verlernten, dem Kriegsdienste aufzuziehen. Polen wird uns als Brüder aufnehmen und uns unfern Platz am Familientische anweisen." In diesem Momente öffnete sich die Thüre und Hermine, blaß und verstört, trat, gefolgt von einer imposanten Gestalt in glänzender Uniform in das Ziuuner ihres Vaters. „Der Herr Obrist," stammelte Hermine, kaum ihrer Stimme mächtig, „hat an Sie einen Auftrag Sr. Durchlaucht." Auch auf Karls Gesicht wich die Farbe einer Todesbläffe. „Se. Durchlaucht," sagte der Adjutant, dem man den feinen Kurländer ansah, „läßt Herrn Holdheim ersuchen, unverzüglich in's Schloß zu kommen." . Der alte Mann selbst blickte erstaunt auf; auch er konnte eme gewisse Unruhe nicht beherrschen, die noch gehoben ward, als sein Auge auf die entfärbten Gesichter seiner beiden Kinder fiel und an den Adjutanten gewendet, sagte er: „Herr Obrist, ich bitte Sie, sagen Sie mir die Ursache des furnlichen Befehles." „Wenn ich sie wüßte, lieber Herr Holdheim. Mir ist der einfache Befehl geworden, Sie in's Schloß zu bescheiden und belleben Sie sich unverzüglich dorthin zu begeben, da der Fürst mcht gerne wartet." Und nachdem der Offizier das Haus verlassen, eilte Herr Holdheim, sich für die Audienz vorzubereiten. Run warf sich Hermine schluchzend an Karl's Hals und es dauerte einige Minuten, bis sie ihren Schmerz in Worte kleiden konnte. „Karl, Karl," rief das Mädchen, Vorwurf in Blick und Miene, „Du hast ein grenzenloses Unglück über unser Haus gebracht. Du hast durch Deine unselige Betheiligung an dem Revolutionswerke Deine Familie, unsern alten Vater geopfert, der nun abgeholt wird, Deinen Leichtsinn zu büßen, und bevor er dort ist, wird unser Haus umzingelt, die Druckerei aufgehoben, und wir ebenfalls abgeführt werden!" Karl selbst stand einige Zeit wie vernichtet da, in Schmerz und Gedanken versunken. Endlich raffte er sich auf; es schien ihm wohler geworden zu sein; er küßte seine Schwester auf die Stirne und ihr lächelnd in die feuchten Augen blickend, sagte er: „Seit wann werden in Rußland Hochverräter mittelst von Adjutanten überbrachter Einladungen verhaftet? Glaubst Du, man würde so den Vater vor den Fürsten zu irgend einem Verhöre bringen, wenn man ahnte, daß ich Mitglied der revolutionären Behörde sei?" Diese Bemerkung verfehlte ihre Wirkung nicht. Hermine seufzte auf, wie wenn sie aus einem bösen Traume erwachen würde und lächelte dankbar ihren Bruder an. Dieser fuhr fort: „Es ist nirgends ein sicherer Versteck, als hier im Hause. Kein Mensch wird hier die bleierne Armee suchen, die wir mit Erfolg gegen Rußland operiren lassen und Niemand hier in einem gottgeweihten Winkel dieses stillen Hauses den Ursprung jener Plakate und fliegenden Blätter vermuthen, die wir über Polen ausbreiten. Im ersten Momente war ich selbst erschrocken als der Offizier mit dem Befehle erschien, der Vater solle sich unverzüglich in's Schloß verfügen, denn der Schreck ist schneller als die Ueberlegung und gibt nicht vorerst bei der Vernunft seine Visitkarte ab; doch jetzt sehe ich klar, daß wir nichts besorgen müssen. Es wird ein Auftrag, eine Erkundigung, vielleicht gar eine Belohnung für sein loyales Verhalten sein, welche die Berufung des Vaters zum Statthalter veranlaßten. Du wirst es sehen, Hermine." „Ich wollte, der Vater wäre schon zurück!" „Er wird zurückkommen und bis dahin eile ich zu Hedwig, um den Vorfall mitzutheilen, der jedenfalls wichtig ist." „Du gehst nicht, wahrhaftig Du gehst nicht, Bruder, mir wird angst und bang sein, wenn ich allein bleibe, ich werde in jedem Geräusch draußen eine nahende Gefahr hören. Der Schreck hat meine Nerven aufgestört." „Aber Kind," sagte Karl, „ich muß doch zu ihr!" „Sie und immer sie!" rief Hermine, ungeduldig und ärgerlich geworden. „Alle Welt geht Dir auf in Hedwig! Vater und Schwester, ja selbst Gott stehen ihr nach, die Dein ganzes Wesen ausfüllt und der zu Liebe Du uns Alle aufgiebst. Wohin wird es dich führen, Karl?" „Zuerst zum Sieg und dann zum Altar!" „Zum Sieg, das hoffe ich in Deinem Interesse und im Interesse der Sache, der auch ich diene, so unbedeutend und schwach ich bin. Aber zum Altar — das verhüte Gott! Wirst Du Deinen greisen Vater, wirst Du Deine Schwester und all' Jene, die Dir im Leben zunächst stehen, hinter Dir lassen, um in eine Familie und einen Religionsverband zu treten, die nicht die unsere und in denen Du immer fremd, immer der Renegat bleibst?" „Das werde ich auch nicht thun. Ich bleibe Jude und Hedwig wird Christin bleiben, uns wird nur das Band der Liebe vereinen." „Also eine Mischehe, wie sie Dein ehemaliger Freund Josef eingegangen? Und schreckt Dich sein Beispiel nicht? Be-

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