Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 52 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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61. di L L| 9 r | 1 i Ä SU PI et ot "P" -pr I—i—r S9L|3UI M 1. Jüdisches 1886. uwilini’f/tf// Herausgegeben von Dr. Rahmer in Magdeburg. Zur Untrrhaltung u. Kelehruug für die israelitische Jugend. Inhalt Zum WO. Todestage Mendelssohns. Von vr. Goldschmidt-Weilbnrg. — Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Zweiter Theil.) — Allerlei für den Familientisch: Papst Leo XIII. proclamirt die Gewissensfreiheit. — Zum 25jährigen Regierungs-Jubiläum unseres Königs. — Zum Mendelssohn- Denkmal. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Zum Ivv. Todestage Mendelssohns. Die besten Männer seh' ich wallen Des deutschen Vaterlands, Auf einen stillen Grabeshügel Zu legen einen Kranz. Auch wollen sie ein Denkmal setzen Dem, der im Grab dort ruht, Denn, der dort ruht seit hundert Jahren War weise, fromm und gut. Er war kein Held in blut'gen Schlachten, Er saß auf keinem Thron, — Er war ein Jude, ein Freund Lessings, War — Moses Mendelssohn. O setzet ihm ein herrlich Denkmals Wohl hat er es verdient: Er hat als Jude alle Menschen Zu lieben sich erkühnt! Erkühnt im vorigen Jahrhundert- Drum war er Lessings Freund, Die Freiheitskriege deutschen Geistes Schlug er mit ihm vereint.- Das Denkmal, das wir ihm errichten, Es ist ein Heiligtvum. — Es schweige ganz in unsrem Herzen, Die Sucht nach eitlem Ruhm! Der Mit- und Nachwelt nur verkünd' es, Was Mendelssohn gelehrt: «In jedem Stande und Bekenntniß Verleiht nur Tugend Werth!" Denn wer in seiner Zeit den Besten Genug gestrebt, gethan, Dem raubt zu keiner Zeit die Krone Unduldsamkeit und Wahn! Ja wer in seiner Zeit den Besten Ein Kampfgenosse war, Es kämpft für ihn zu allen Zeiten Der Besten edle Schaar! vr. Gold sch midt-Weilburg. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. Die Kleinstadt — man glaubt mit leibhaftigen Augen den grauen engbegränzten Horizont zu sehen und die Schwere und Undurchdringlichkeit desselben scheint uns wie ein physischer Druck auf Kopf und Herz zu lasten. Die Bewohner derselben sind keine Müßiggänger; sie bewegen sich in langsamerem Tempo als die hastenden Arbeiter in den hämmernden, schnaubenden Werkstätten des großstädtischen Getriebes, aber sie schaffen doch rührig sechs Tage tit der Woche; am siebenten, dem Tage der Ruhe, geben sie sich dem einzigen Vergnügen hin, das ihnen zugänglich ist, — sie reden. Das Wort ist ihnen was dem Großstädter Theater, Ball, Concert, ist ihnen Ersatz für jedweden intelectuellen und sinnlichen Genuß, im Worte hauchen sie ihre ganze anderwärts gebundene Kraft, ihre vielfach comprimirte Lebenslust aus, und das Wort wird zur Waffe, mit der manche Wunde geschlagen, wird auch zuni heilenden Balsam für dieselben, — das Wort ist ihnen Handlung und Bewegung. So spinnen sich die Tage im ewigen Einerlei ab, einförmig, staubig dehnt sich der Lebensweg vor ihren Blicken, man wird alt, ohne es recht zu merken, weil keine besonderen Ereignisse, als ragende Marksteine, den schon zurückgelegten Weg bezeichnen. Die einzigen Vorkommnisse von Belang in dem Städtchen Z., an dem Ufer der Weichsel, wie in allen anderen von gleichem Raumverhältnisse und mit vorwiegend jüdischer Bevölkerung, sind: das Erscheinen eines kleinen Bürgers aus den Brettern, die ihre Welt bedeuten, sein im 13. Jahre gebotener Eintritt in den religiösen Verband und die Heirath, jene große Epopö die sich in einzelne, farbenreiche Bilder sondert und in ihrer Gruppirung das bedeutungsvolle Drama bildet, das ein Menschenleben umfaßt. Am Samstag Vormittag eines Hellen Frühlingstages durchschritt ein ältlicher, trotz der wärmenden Sonnenstrahlen in einen Pelz gehüllter Mann die Haupt- oder richtiger einzig wegbare Straße von Z. und trat in das größte dort gelegene Haus. An allen Fenstern wurden neugierige Mädchenköpse sichtbar, um die seltene Erscheinung, einer: Fremden in Z., in Augenschein zu nehmen. Die Männer und Frauen von dem eben beendeten Gottesdienste aus der Synagoge tretend, blieben in gesonderten Gruppen aus der Gaffe stehen, um das große Ereigniß zu besprechen. „Was mag der Moses Feilchenseld nur zu thun haben? Wäre es nicht Samstag", sagten die Einen, „wir könnten vermuthen, ein Geschäft habe ihn hergeführt". „Ein Geschäft, — Dummheit, — Feilchenseld ist zu klug um seine Geschäftsfreunde Herkommen und sich in die Karten blicken zu lassen. Seine Weizenvorräthe liegen nicht hier im Orte und die Verkäufe besorgt er meist ohne Vermittlung, wie wir Alle wissen". „Ja, der ist ein schlauer Fuchs und hat auch schon ein schön bischen Geld in seinem eisernen Kasten, unten im Keller", sagte mit dem Ausdruck unverholensten Neides ein langer, hagerer Mensch, den das Schicksal augenscheinlich nicht so warm gebettet hatte. „Bah, nichts dauert ewig", rief der kleine Schmul, der wegen seiner bösen Zunge von den Anderen als Witzling betrachtet und gefürchtet wurde. „Vielleicht gar ist der Fremde gekommen, um ihm einen großen Bankerott zu melden". „Dann hätte ihm Feilchenseld in Schub nicht mit einer so heiteren Miene die Hand gereicht und zu Kiddusch eingetaden". „Ich will Euch was sagen", schrie ein geweckter, junger Mann dazwischen, indem er die Pelzmütze unternehmend auf die Seite schob, „es ist ein Schadchen und nächstens bekommen wir von einem Maseltow zu hören". „Ein Schadchen, das kann schon sein," pflichtete man, den guten Einfall bewundernd, bei. „Aber für wen? Die Jungen sind noch Kinder und Lea ist auch erst fünfzehn Jahre alt". „Nun was ist", rief eifrig eine ältere Frau, die mit einigen anderen hinzugetreten war, um an die am Samstag. m