Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 39 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492351-9579404-9574369--0713-9574372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
157 'keine Mutter mehr hatte, und da er sie nie gekannt hatte, so konnte er noch nicht das Gefühl der Sehnsucht nach ihr Habens das sonst ein kindliches Gemüth für seine Mutter hegt. Ihm war sein Vater sein alles. Für ihn lebte er, und dieser für ihn nur, so mußten sic sich gegenseitig auch ergänzen. Sehen wir nun, was bei Sterns während dieser Zeit vorging. Der alte Stern war zu sehr Geschäftsmann, als daß er zu großes Interesse für das Studium hegen tonnte und wollte. „Ist Karl nicht versetzt", sagte er, „so ist es weiter nicht schlimm". Mit diesen Gedanken beruhigte er auch seinen Sohn, der sich garnicht zu trösten schien. — Auch Karl hatte keine- Mutter. In demselben Jahre in welchem dem Kantor die Gattin starb, starb auch Frau Stern, und so blieben Karl und Erna einer Erzieherin überlassen. Aber lErna war ein kluges Kind und verrieth schon frühzeitig den häuslichen Sinn. Obwohl unter denselben glänzenden Verhältnissen wie Karl aufgewachsen, äußerte sie doch Bescheidenheit, und war gut und zutraulich zu jedem. Was Wunder daß ihr Josef ein besserer Spielgefährte war, als ihr Bruder, der sie fast garnicht beachtete. Heute war -es ein Triumph für sie, daß Karl nicht versetzt wurde, obgleich er immer prahlerisch von seiner Versetzung gesprochen hatte. Und mit einem gewissen kindlichen Stolze blickte sie auf den Cantorensohn, der trotz seiner Jugend schon weiter war als ihr Bruder. In ihrem kindlichen Glücke sagte sie sich oft: „Wenn Josef ein Gelehrter wird und ich erst groß bin, dann verheirathen wir uns und ich werde mich so sehr freuen, einen solchen gelehrten Mann zu haben". Auch Josef gegenüber äußerte sie scherzend gar oft diesen Gedanken. Wie gerne sehen sich überhaupt die Kleinen nicht schon erwachsen, und wie gern ahmen sie in ihren Spielen den Großen nicht nach! Josef sagte aber dann zu Erna: „Weißt Du liebe Erna, daß ich bloß der Sohn des armen Cantors bin? Ich gehöre garnicht in Eure feine Familie". — _ (Fortsetzung folgt). Bankier «nd Schuster. Eine Erzählung aus dem holländischen Familien-Leben. Von Alphonse Levy. (Schluß.) Seit jener Nacht sind zwei Jahre vergangen. Auf dem Bahnhofe, wo der Zug nach Arnheim in wenigen Minuten abdampfen soll, steht der Bankier Moritz Cohn und verabschiedet sich von seinem ersten Prokuristen. Der Börsenfürst ist sehr verändert und scheint schwer leidend. „Ich ließe Sie, van Renseleer, ganz gern nach Arnheim fahren, denn die Gicht plagt mich heute wieder fürchterlich. Ich bin aber im voraus überzeugt, daß bei der Generalversammlung Paul Da Costa die Vorschläge unseres Konsortiums bekämpfen und unsere Absichten zu durchkreuzen suchen wird. Da muß ich, so schwer es mir wird, unsere Interessen selbst wahrnehmen. Der Teufel soll Smitt, Alinson und Kompagnie holen, daß sie diesen Portugiesischen Schusterjungen zum Sozius gemacht haben! Er hat etwas bei mir gelernt, das ist wahr; wollte Gott, mein Julius wäre wie er, statt in Paris sich geistig und körperlich zu ruiniren. Daran ist wieder die verwünschte Schusterfamilie schuld, die dem Jungen das Leben in Amsterdam vollständig verleidete!" Kopfschüttelnd steigt Moritz Cohn in den Waggon erster Klasse und der Zug fährt ab. In Arnheim hilft sein Diener ihm bei dem Aussteigen, als Paul Da Costa bleich und finster vorübergeht, aber, seinen ehemaligen Prinzipal erkennend, artig grüßend den Hut lüftet. Wie Moritz Cohn den Verhaßten sieht, taumelt er plötzlich, und ehe es der Diener verhindern kann, stürzt er auf die granitenen Platten des Perrons und wird wenige Minuten später blutend und bewußtlos in ein Gastzimmer des Bahnhofes getragen. Die ersten, die sich mit dem Verunglückten beschäftigten, sind Paul Da Costa und sein Schwager, der Prediger Meyers. Der herbeigerufene Arzt findet den Fall höchst bedenklich und einen weilen Transport für gefahrbringend. Den Vorschlag des Predigers, den Patienten in sein nahes Haus schaffen und dort verpflegen zu lassen, erklärt er als überaus günstig. Bald ruht Moritz Cohn im Hause Joseph Meyer's, wo ihm Esther's sorgsame Hand alle mögliche Pflege angedeihen läßt. Paul Da Costa telegraphirt den Vorfall nach Paris an Julius Cohn und an Fernando Mendez, der inzwischen Anna Cohn geheirathet hat, und ängstlich erwartet man das Eintreffen eines Familiengliedes, um der schwersten Verantwortung überhoben zu sein. Von Zeit zu Zeit kehrt das Bewußtsein des Bankiers zurück; dann fragt er ängstlich, ob nicht sein Sohn und seine Tochter bald kommen würden. Endlich langt Antwort aus Paris an, doch ist sie derart, daß man sie dem Patienten gar nicht mittheilen kann. Der Sohn ist durch eine Einladung zur Fuchsjagd verhindert, nach Holland zu reisen; die Tochter will der zärtlich besorgte Gatte nicht einer Aufregung aussetzen, die ihren Nerven verderblich werden könnte; der Schwiegersohn kann der Ultiino-Regulirung wegen Paris nicht verlassen. Mendez telegraphirt, er wisse seinen Schwiegervater in den besten Händen, werde jede Auslage vergüten und, wenn er erfahre, daß der Zustand wirklich besorgnißerregend sei, selbst nach Arnheim kommen. Joseph Meyer verlangt von dem behandelnden Arzte offene Auskunft über den Zustand des Kranken; dieselbe lautet trostlos. Die Verletzungen, die Gehirnerschütterung und der Blutverlust würden keine Lebensgefahr in sich schließen, aber durch den jähen Fall ist ein altes Bruchleiden verschlimmert worden und eine Einklemmung wahrscheinlich. Für eine Operation besitzt aber der Patient nicht mehr Kraft genug; der Zustand ist also hoffnungslos. Der Bankier erkennt seinen Zustand, und in einem Momente, wo die Schmerzen etwas Nachlassen, verlangt er den Prediger zu sprechen und erfährt bald, warum seine Kinder ihm in solcher schweren Zeit fernbleiben. „Es sind meine Kinder!" sagte er. „Es thut nichts; sie sind verständig und denken erst an sich. Aber es ist doch hart! Sagen Sie, Herr Prediger, was macht Ihr Schwiegervater, Da Costa? Lebt er noch? Er ist wohl sehr glücklich?" „Ja und nein, Herr Cohn; er ist alt und schwach geworden. Paul's ehrenvolle Stellung macht ihm Freude, weil sie die ganze Famlie gegen Nahrungssorgen schützt; aber er grämt sich, daß sein Lieblingssohn niemals ein heiteres Gesicht macht, sich wahrscheinlich niemals verheirathen wird und offenbar Ihre Tochter nicht vergessen kann." „Das thut mir leid; grüßen Sie Ihren Schwiegervater; er soll mir verzeihen. Sie sehen ja, ich büße schwer!" Mit diesen Worten dreht sich Moritz Cohn der Wand zu und bleibt von da an theilnahmlos. Am Abend desselben Tages hatte er ausgelitten. Am andern Morgen trifft Fernando Mendez in Arnheim ein und ordnet alles Geschäftliche, ohne die geringste Rührung zu zeigen und ohne sie zu empfinden. Die irdische Hülle seine Schwiegervaters will er gar nicht sehen, — wozu sich aufregen? Seine kühle, gefühllose Art verletzt die Familie, welche ihren Feind so treu bis zur letzten Stunde gepflegt hat, auf das tiefste. Vor der Beerdigung trifft noch der alte Da Costa in Arnheim ein; er hat längst den Hochmuth des Bankiers vergessen und widmet seinem traurigen Ende aufrichtiges Mitgefühl. Er fährt mit Mendez, seinem Sohne Paul und seinem Schwiegersöhne, Meyers, nach Amsterdam zurück, wo Moritz Cohn so prächtig begraben wird, wie dies die enggezogenen Grenzen des jüdischen Ritus gestatten. Der Geistliche hält an dem Grabe eine überschwengliche Standrede, weil Moritz Cohn viele milde Stiftungen mit reichen Legaten bedacht hat, und was er