Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 39 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 156 — an seine Vergangenheit, wo er in der Blüthe seiner Kraft stand, sie mahnte ihn an einen Ort, wo eine treue Person ruhte. — Und wie das Oel sichtlich abnahm, so schwanden auch die wenigen Tage seiner Pilgerfahrt, bis er auch ruhte, dort, wo kein Leid mehr herrscht. — „Warte nur, warte nur, bald ruhest du auch!" flüsterte er. — Von diesen trüben Gedanken befreite ihn endlich ein süßer Schlummer, der seinen aufgeregten Geist beruhigte. 2. Kapitel. Der Schabbes war hingegangen, und in dem Kantoren« Hause war es noch stiller, als am Schabbes selbst. Joseph besuchte das Gymnasium des kleinen Ortes und machte auf dieser Anstalt durch seinen regen Geist wie seinen unermüdlichen Fleiß recht erfreuliche Fortschritte. Bald war das Semester beendet, und der kommende Herbst sollte ihn auch in eine höhere Klasse bringen. Ihn brauchte der alte Vater, dessen einzige Hoffnung sein Sohn Joseph war, nicht erst aufzumuntern; ebensowenig spornten ihn die kleinen Geschenke an, die der Banquier Stern ihm stets zur Versetzung gab. Er wußte, daß es nicht die Versetzung war, die ihm diese Benefizien von Seiten des reichen Nachbars zuwandte, sondern daß dieselben nur Entschädigung dafür waren, daß er Karl, dem einzigen Sohne des Banquiers gar oft zur „Notversetzung" verhalf. Karl Stern, unserem Joseph an zwei Jahren voraus, hatte schon jetzt jenen aristokratischen Dünkel, der da glaubt, daß Geld allein zu allem verhelfen kann, auch zu einer etwaigen Versetzung. Gar oft wenn Joseph fleißig bei der Arbeit war, sagte Karl zu diesem : „Mein Vater ist ja reich und ich werde auch Banquier. Dann brauche ich mich für die langweiligen Philister nicht zu quälen. Was hilft auch alles Lernen, wenn man kein Geld hat". Gar oft mußte Joseph hören: „Weißt du Joseph, wenn Du mir das Exercitium machst, dann darfst Du auch auf meinem Velociped fahren". Joseph reizte das alles nicht. Aber eine Person war es, der zu Liebe er alles gethan hätte; denn Erna Stern hatte den Cantorensohn wirklich gern und war auch in ihrem Wesen das Gegentheil ihres Bruders. Daher kam es auch, daß Joseph so oft und so gern bei Sterns war. Noch hinderte nicht der Cantor die Besuche bei Sterns. Glückliche Kindheit! Du ahnst noch nicht, was in der Welt vorgeht, Dir strahlt alles noch gülden entgegen! Joseph arbeitete rüstig seiner Versetzung entgegen und fand nebenbei noch Muße genug, um bei seinem Vater auch Kenntnisse des Hebräischen sich anzueignen. Mit derselben Aufmerksamkeit widmete er sich dem Hebräischen wie jeder anderen Disziplin, und gar oft trieb ihn sein reger Geist zu Fragen, welche seinen Vater in Erstaunen versetzten. Einstmals übersetzte er die Pirke Aboth. Als er der Stelle begegnete: „Dränge Dich nicht nach der Tafel der Großen", da fragte er seinen Vater: „Sag' mir doch, lieber Vater, gehören Sterns auch zu den Großen?" „Ja", sagte der . Vater;^denn hier sind mit „den Großen" die Neichen gemeint. /Diese Stelle mahnt uns also, stets bei unserem Stande zu bleiben und uns nicht an die Reichen zu drängen, denn die Reichen sehen uns nur so lange gerch als sie uns ausnützen können, sonst meiden sie uns, weil sie es unter ihrer Würde halten, mit uns Geringeren umzugehen". „So darf ich nicht mehr zu Sterns gehen, lieber Vater?" „Doch, doch",, entgegnete ihm der Gefragte. „Vor allem aber strebe darnach, " Kenntnisse zu erreichen, denn Kenntnisse zieren mehr als Gold, und wenn Du durch eigenen Fleiß Dein Wissen bereichert hast, dann zählst Du auch einmal zu den wahrhaft Großen, zu denen, die gelehrt sind, und diesen sollen wir uns bestreben nachzueifern, damit wir würdig sind, uns an ihrer Seite zu zeigen". „Ich will mich bemühen, lieber Vater, Dir stets Freude zu bereiten", versicherte Joseph, „damit ich auch mit den Großen mich zeigen kann. Dann werden sie mich gewiß nicht verachten". „Amen!" sagte der Greis und legte wie segnend seine welke Rechte auf das blühende Haupt seines geliebten Kindes. „Möge Gott Dich", fuhr er fort, „in Deinen guten Vorsätzen stets stärken und Dich im Leben vor jedem Schaden bewahren". Joseph fühlte wohl kaum die inhaltsreichen Worte seines Vaters, doch Thränen traten ihm in die Augen, als er den Segen seines alten Vaters empfing. So war die hebräische Conversation würdig und feierlich beendet und Joseph war wieder zu Sterns gegangen, denn sein Vater hatte es ihm ja nicht verboten. — Während dieser Zeit studierte der alte Cantor in einem dicken Folianten und ergötzte sich an den Erzeugnissen seiner Ahnen, die ihm stets neue Kräfte verliehen, wenn er, vom Schicksal schwer heimgesucht, am Rande der Verzweiflung stand. ‘ 3. Kapitel. Der Herbst war heran gekommen und mit ihm die Versetzungszeit. Vor dem Gymnasium des Städtleins konnte man die verschiedensten Physiognomien beobachten. Hier eilten einige, die Fortuna begünstigt hatte, freudestrahlend mit dem offenen Zeugniß heim, als wollten sie der ganzen Welt ihr Glück ansposaunen. Dort wieder gingen andere langsam und traurig einher. Sie ahnten wohl, was ihnen bevorstand, und wußten nur zu gut, daß sie noch^ schnell genug heimkamen. Ganz zuletzt kamen noch zwei Schüler. Wir erkennen in ihnen Joseph und Karl. Aber was ist denn vorgefallen? Beide gehen schweigend nebeneinander! Sollten sie auch nicht versetzt sein, der fleißige Joseph nicht in eine höhere Stufe gerückt sein? Beruhige Dich, alter Vater, der Du Deines würdigen Sohnes harrest. Ec ist, obwohl der Letzte, der nach Hause eilt, doch als Erster glänzend versetzt worden. Sieh', das schöne Werk unter seinem Arm kann Dir, als Prämie, Zeugniß davon geben, mit welchen Ehren er versetzt ist, und wie alle Lehrer über ihn denken und urtheilen- Er ist nur so mißgestimmt, weil es ihm trotz aller Bemühungen nicht gelungen war, Karl Stern auch versetzt zu sehen. Doch diesem scheint dies etwas weniger nahe zu gehen; denn als Joseph ihn über diesen, wie es ihm, den Braven, scheint, so untröstlichen Fall trösten will, erwiderte ihm Karl lachend: „Nun so bleibe ich noch ein Jahr in der Klasse. Ich werde ja doch kein Gelehrter und um Banquier zu werden brauche ich ja nur Geschäftskenntnisfe. Mich ärgert es bloß daß Erna wieder auf Dich Hinweisen und Dich als Muster für mich hinstellen wird, denn sie ist Dir mehr gewogen als mir. Weißt Du was, komm in diesen Tagen garnicht zu uns, damit Erna nicht Dein Zeugniß lesen kann; dann ist bald alles wieder vergessen?" „Ja", sagte Joseph, „wenn ich /Dir damit einen Gefallen thun kann, so will ich nicht mehr kommen". So gingen sie heim. Freudestrahlend zeigte Joseph seinem Vater die Versetzungscensur und das Prämienbuch. Doch der Alte, obwohl innerlich aufjubelnd, lobte ihn nicht, sondern sagte nur: „Fahre so fort, mein Sohn, dann wird noch alles gut gehen". Nur die alte Beile hatte Joseph heute eine Freude bereitet, und ihm ein Buch, das er schon lange sich gewünscht hatte, geschenkt. Mögen die Owausawausseinu (Urväter) und Deine gute lichtige Mutter bei Gott für Dich bitten und Dich die Malochim (gute Engel) beschirmen" sagte sie und dabei küßte sie ihn auf die Augen und auf die Stirne. Zum ersten Male in seinem Leben hörte er heute etwas von seiner Mutter, die er noch nie gekannt hatte; denn sein Leben war ihr Tod gewesen. Nie hatte der Vater etwas von ihr gesprochen. Wo war sie geblieben! Warum, kam sie nicht und nahm Theil an dem Glück ihres Kindes!'!/,-— „Wo ist denn meine Mutter?" fragte Joseph innerlich, bewegt. „Deine liebe gute Mutter ist bei den guten Malochim und betet immer für ihr Kind, damit sie es beschützen", gab Beile ausweichend zur Antwort. Josef gab sich damit zufrieden. Ec wußte nun, daß er