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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 39 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
39 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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SS. Jüdisches 188«. Herausgegeben von Dp. M. Rahmen in Magdeburg. d -«N* Zur UMHultuug«. Kelthrung für -ie israelitische Jugend. Neujahr 5647. Von vr. I. Goldschmidt--Weilburg. — Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max- VE ohn. — Bankier und Schuster.. Eine Erzählung aus dem holländischen Familien-Leben. Von Alphonse Levy. (Schluß.) — » Allerlei für den Familientisch: Charles Fox und seine Glänbiger. Verzage nicht. — Aus dem Spruchschatz des Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Neujahr 5647. (Sonett.) Das alte Jahr hat seinen Lauf beschlossen, GS rollt dahin, wo auch die früheren sind — Wo sind die früheren, ach? ... die Thräne rinnt, And Wehmuth hat sich mir ins Herz ergossen. Das neue Jahr, es kommt herangessoffen, Das alte stirbt, daS neue gleich beginnt,- O jähe Flucht! Die Spindel saust, es spinnt Die Ewigkeit die Fäden unverdrossen. — Du thöricht Herz! fällt Dir so schwer das Scheiden? Was hast Du denn dem alten Jahr zu danken? Es brachte Dir nur Wunden und Beschwerden. O möchte Dir zum neuen Jahr nur werden * Das neue Jahr! Es stürze alle Schranken, Und. reife endlich deine hohen Freuden! Ar. J. äoldschmfdt-Weiltrar?. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. (Nachdruck verboten). 1. Kapitel. Es war an einen Freitag Abend des reichbewegten Jahres 1848. In einem kleinen Städtchen am Rhein, wohin die Wogen einer möglichen Revolution noch nicht gedrungen waren, wohnte der greise Kantor der kleinen Gemeinde, Abraham Walter. Der Abendgottesdienst war bereits beendet, als der Nestor der Gemeinde noch immer vor einem stattlichen Bau auf und ab ging. Endlich schien ihm das Gehen auch lästig zu werden, denn bald lenkte er seine Schritte einem kleinen Häuslein zu, aus welchem ein Lichterglanz die Straße auffällig beleuchtete. Es war sein Heim. Hastig ging er hinein, doch welch tiefer Frieden herrschte hier, ein Frieden, der dem jüdischen Freitag Abend so eigen ist. Aber da drinnen war es unheimlich still, denn schon viele Jahre waren vergangen, seit dem biederen Manne seine treue Lebensgefährtin entrissen wurde, und nur die alte Hausmagd — Beile war ihr Name — war es, die alles was zum aushalt gehört, in Ordnung hielt. Nur ihr allein, der eugin seines häuslichen Glückes und Leides, galt der „Gut Schabbes!" mit dem der Cantor nunmehr in's Zimmer trat. Dann war es wieder still geworden, und nachdenklich stützte der Alte sein greises Haupt in die Rechte. — Dachte er vielleicht an die besseren Tage, die er im Hause seiner wohlbegüterten Eltern verlebte, bis ein schwerer Schicksalsschlag alles raubte und ihn zwang, seine bereits eingeschlagene Carriere aufzugeben? Oder dachte er an sein trautes Weib, das ihn in früheren Zeiten am Freitag Abend begrüßte? — j Längere Zeit saß er so nachdenklich da. Endlich ermannte er sich aus seinem traumhaften Zustande, und als ob er all die trüben Gedanken längst verrauschter Zeiten verscheuchen wollte, strich er mit der Hand über die Augen, jedoch selbst der aufmerksamen Beile entging es, daß es eine Thräne war, die der Greis von dem bekümmerten Antlitze entfernte. „Bo schftbbosj booh menocbs“ „kommt der Sabbath, zieht Ruhe ein" — murmelte er leise, Ruhe auch für den Geist, der am Schabber kaudesch trübselige Gedanken nicht hegen darf. „Wißt Ihr, Beile, wandte er sich plötzlich an die alte Haushälterin, es gefällt mir garnicht, daß Josef immer und immer wieder bei Sterns ist. Heute war er auch nicht einmal in Schul, und ich habe vergebens auf ihn gewartet. Ich wünschte, er bliebe lieber bei seines Gleichen; denn das vornehme Leben paßt eben nicht für unseren Stand und läßt fürs Leben nur schmerzliche Erinnerungen zurück; ich aber will es verhüten, daß er solche mit auf den Lebensweg nimmt. So lange er jung ist, geht es, später wird er doch nur wenig dort geachtet. Und" — der Kantor wollte noch weiter sprechen, da trat Josef ein. Er war ein hübscher Knabe im Alter von zwölf Jahren. Schnell lief er zum Vater, küßte ihm die Hand, und indem er den üblichen Schabbes-Gruß an den Anfang seiner Worte setzte, sprach er zum Cantor: „Lieber guter Vater, sei mir schon nicht böse, daß ich so lange heute blieb, aber Erna hatte mich gebeten, ihr doch bei den Schularbeiten behülflich zu sein. Auch Sterns wollten mich nicht fortlassen, und als ich bemerkte, daß doch heute Freitag Abend ist, und ich in den Tempel muß, da lachte Erna nnd meinte, es wäre doch nicht schlimm, wenn ich auch einmal beim Gottesdienst fehle. Aber ich will es gewiß nicht wieder thun, und mich verspäten", — setzte er hinzu und Thränen traten ihm in die Augen. „Nun, nun, beruhigte ihn der Vater, wenn Du mir versprichst nicht wieder Dich am Freitag Abend zu verspäten, so ist es weiter nicht schlimm". Jetzt laß uns aber den lieben Schabbes begrüßen! und gar bald vernahm das lauschende Ohr den schönen Scholaum-Gesang. Hell tönte zwischen des Alten Stimme die kindliche Josephs hervor, und gar seltsam mischte sich in diesen Gesang die Stimme der alten Beile. Und wieder tönte Gesang aus dem Cantorenhause. Diesmal war es der greise Vater, der dem lauschenden Kinde die herrlichen Weisen des Semiroth vortrug. Welch' Innigkeit sprachen diese Worte! Ja sie kamen aus' dem tiefsten Herzen, wo Freud und Leid, Luft und Schmerz zum Ausdrucke kommt. Dann war es wieder still geworden, und der Freitag Abend war feierlich beschlossen. Bald ruhte alles im Cantorenhause, nur der Cantor selbst nicht; denn gar mancherlei Gedanken durchkreutzten seinen Kopf. Düster brannte die Oellampe, die immer am Freitag Abend das Zimmer erleuchtete, ein Abbild der Ner tomid.*) Sie erinnerte den Greis *) Die „ewige Lampe", die in den Synagogen beständig brennt.

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