Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 39 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 152 — schichte beweist es ja deutlich und klar, daß Gott stets noch Zur rechten Zeit seinem Volke beigestanden und ihm wieder aufgeholfen hat. Ich las vor Kurzem die Biographie des großen Gelehrten Moses Mendelssohn; erstünde uns heute ein solch herrlicher Mann, dann müßte es bald wieder besser um das Judenthum aussehen. Das gute Beispiel regt immer an und es ist falsch, zu denken, daß ein Einzelner keine Besserung der Zustände Hervorrufen könne, ein jeder Mensch kann dazu beitragen, der eine weniger, der andere mehr!" Ich lauschte ihr oft stundenlang, wenn sie so begeistert für das Judenthum eintrat. Es war mir interessanter und wirkte besser auf mich, wie die schönste Predigt, welche ich je gehört. Wie tief der Eindruck ihrer Worte auf mich wirkte, beweise ich wohl am besten dadurch, daß ich sie heute noch so getreulich wiederzugeben vermag. Am segensreichsten wirkte wohl jene Aufmunterung auf mich, daß jeder Einzelne zum Wohle seiner Nation beitragen könne; sie feuerten mich an, immer mehr nach Vervollkommnung zu streben. Ich wollte zum Dank dafür, daß mir der liebe Gott an der Seite meiner lieben Mutter ein neues, schönes Leben erblühen ließ, und als Sühne, daß ich mich früher an meinem Volke versündigt, demselben wieder zum Segen gereichen. Ich vertiefte mich in die jüdische Litteratnrgeschichte. Die Weltgeschichte ist ja das Weltgericht; auf diesem Wege gedachte ich am besten an's Ziel zu gelangen. Immer reger ward mein Interesse entfacht; wie viele Nächte habe ich damals über den Büchern zugebrachl und ganz klein und niedrig kam ich mir vor neben den großen Helden, von deren Existenz ich bis jetzt nur so wenig gewußt hatte. So saß ich auch wieder einmal bei dieser meiner Lieblingsbeschäftigung. als unerwartet Recha mit ganz verstörtem Gesicht in mein Zimmer trat und nur mühsam die Worte hervorbringen konnte: „Kommen Sie rasch, lieber Herr Heinemann, ihre Mutter ist plötzlich unwohl geworden und verlangt nach Ihnen." Als ich hin zu ihr kam, sah ich auf den ersten Blick, daß mir Schreckliches bevorstand; es war eingetroffen, was sie so oft mit Bange erfüllt: ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein Ende gemacht! Erlaß es mir, von dieser Zeit zu schreiben. Es ist mir, als müßte mein Herz stille stehen, schon bei der Erinnerung daran. Dieser plötzliche Tod hat mich ja zu dem gemacht, was ich jetzt bin, zu einem gelähmten, kranken, unglücklichen Mann!" — Hier endigte das Manuscript und nur mühsam preßte Röschen die Worte hervor: „Mein armer, guter Vater!" Dann sank sie erschöpft auf ihr Lager. Das hatte sie nicht erwartet. Warum hatte sich ihr Herz denn nicht empört, als sie des Vaters Geständniß, daß er ein Wucherer gewesen, gelesen? Hegte sie denn nicht die tiefste Verachtung für diese Art Menschen? Wohl war ihr für einen Augenblick die arme Familie Peters vor Augen getreten, aber auch nur für einen Augenblick. Denn daß das ihr Vater nicht über sich vermocht hätte, das wußte sie doch zu gut und nur em Gefühl erhielt sich rege in ihr und ließ sie keine Ruhe finden: Das Mitleid über des Vaters verfehltes Leben. Wie dankte sie aus vollem Herzen dem lieben Gott dafür, daß der Vater wieder gesund geworden. Er hatte im Anfänge seines Berichtes gesagt, daß sie ihm dazu bestimmt schiene, wieder gut zu machen und ausgleichen zu helfen, und das sollte von nun an auch ihr Bestreben sein. War es denn nicht schon eine gnädige Fügung des Himmels, daß sie in Rüben einen gleichgesinnten Gatten gefunden. Was wohl Rüben dazu sagen wird? Sie trug keinen Augenblick Bedenken, ihn von Allem zu unterrichten. Oder sollte er es vielleicht gar schon wissen? Fast schien es ihr so; seit ihr Vater drüben bei Rubens gewesen, kam er ihr ganz verändert vor; gewiß hatte er sich dem alten Manne anvertraut! Und war es denn nicht auch sehr eigenthümlich, daß gerade der Umstand, den sie als Haupthinderniß für ihr Glück gehalten, dasselbe nur gefördert hatte? Es wäre ein großes Glück für die Juden, wenn sie ihre Kinder dem Handwerk mehr zuwendeten und so den Beweis lieferten, daß sie bereit sind, sich von dem Vorwurf, daß sie dem Volke durch Schacher und Handel Nachtheil bringen, befreiten. Dächten doch alle Menschen wie der gute, alte Herr Cahn, es wäre Alles weit besser bestellt. Diese und ähnliche Worte hörte sie täglich vom Vater und deshalb hatte er einen großen Laden bauen lassen, und unentgeltlich sollten arme, jüdische Knaben als Lehrlinge ausgenommen werden, so war es bestimmt. Mit einem guten Beispiel sollte das junge Paar vorangehen. Das Alles überdachte Röschen in der langen, schlaflosen Nacht und am anderen Morgen streichelte ihr ihr Vater zärtlich die Wangen und sagte: „Hast gewiß gut geschlafen, Röschen? Du siehst heute viel munterer aus als gestern, oder macht es die frohe Erwartung, daß heute Raben zurückkommt?" „Wohl Beides Väterchen," und noch ein Drittes dazu: „Du gefällst mir jetzt auch so gut, siehst ordentlich viel jünger aus, seit Du Dir mit Deinen Bauplänen und Anordnungen so viel Beschäftigung machst. Dich scheint die Arbeit mehr anals auszuregen, da freue ich mich nun doppelt auf die Zukunft. Du wirst mit uns Kindern wohl viel zu schaffen haben. Wenn das Geschäft so. groß betrieben werden soll, werden wir Dich wohl als Geschäftsführer engagiren müssen." So wird's auch, Röschen, ich will wieder arbeiten, ich fühle, daß es geht. Auch Rüben fand seine Braut vergnügter, denn je bei seiner Rückkehr und freute sich nicht wenig darüber. So kam es denn, daß Röschens Vater sein vorgestecktes Ziel erreichte, er hatte nicht unlsonst darnach getrachtet, sein Scherflein zum Wohle seines Volkes mit beizutragen, es war ihm gelungen. Und einen glücklicheren, alten Mann, wie den Schuhmacher Eahn, konnte es gewiß auch nicht geben. Nicht einen Jeden belohnt Gott schon in dieser Welt so für das Gute, wie diesen Greis. — Die beiden Paare feierten ihre Hochzeit an einem Tag. Sara's Gatte bekam die Lehrerstelle in H. und die treue alte Recha ward von Rüben und Röschen geliebt und behandelt wie eine Mutter. Bankier «md Schuster. Eine Erzählung aus dem holländischen Familien-Leben. Bon Alphonse Levy. (Fortsetzung.) Währenddessen hat ihr Vater einen Entschluß gefaßt; er will die Familie Da Costa kennen lernen. Es ist zwar Freitag und seine Freunde erwarten ihn im Klub zur L'hombre-Partie; aber die Familienangelegenheiten sind ihm doch wichtiger. Er befiehlt dem erstaunten Kutscher, statt nach dem Klub, nach dem alten Judenvicrtel am Hafen zu fahren, und dort angekommen, steigt er aus der Equipage, die er an der Ecke warten läßt. Langsamen Schrittes geht er tiefer in das Gewirr der engen Gaffen hinein und blickt erstaunt auf das ihm völlig fremde, eigenartige Treiben, das sich daselbst allwöchentlich in ähnlicher Weise am Freitag in der Dämmerstunde bei dem Herannahen des Sabbats entwickelt. Die Handelsleute packen die ausgestellten Waaren ein und beginnen die Läden zu schließen. Von den hölzernen Vorbauten nehmen die Frauen die frischgewaschenen Kattunkleider, um sie noch rasch für den Festtag anfzuplätten; dort reinigt man Kleidungsstücke, hier das Geschirr, welches zum Festmahle dienen soll. Zärtlich drückt eine arme Wittwe ihr fast unbekleidetes Kind, dem sie kein Feiertagsgewand schaffen konnte, an ihr Herz. Da ist doch dort oben auf dem Mauervorsprunge die Katze glücklicher; sie streichelt ihre Jungen ebenso zärtlich, ohne um sie Sorge tragen zu müssen,