Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 39 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 39. Jüdisches 188«. L^Ulk»°K!s// Hirauigegiben »ott Dr. M. Rahme» in Magdeburg. -0^4 ZU ZlBtkrhaitBBg n. KklrhkBBg für dir israelitische Jugend. Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Schluß.) — Bankier und Schuster. Eine Erzählung aus dem holländischen * Familien-Leben. Von Alphonse Levy. — Aus dem Spruchschatz des Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — * Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Schluß.) „Du kannst nicht ahnen, Röschen, was ich an jenem einen Tag, der mich noch von dem Wiedersehen mit der Mutter trennte, ausgestanden habe. Die ganze Nacht durchwachte ich, gequält von Reue und Selbstvorwürfen, bis endlich der Tag herannahte, der mir meine Mutter bringen sollte. Aber war denn das wirklich mein Mütterchen noch, das dort am Arme der alten Recha nach unserem Hause zuwankte? Ach Gott, was war aus dieser sonst so rüstig und heiter dreinschauenden Frau geworden? Kaum zum Wiedererkennen war sie und mit einem markerschütternden Schrei sank ich zu ihren Füßen nieder. Ich mag wohl lange Zeit bewußtlos gewesen sein, als ich wieder erwachte, lag ich in meinem Bett und vor mir saß meine Mutter mit verweintem Gesicht und hatte den kleinen Richard auf dem Schooß, der schon ganz vertraut mit ihr that. Nun ich erwacht war, sank sie mir um den Hals und küßte mich lange und innig. Lange Zeit hielten wir uns fest umschlungen und erleichterten uns durch reichlich fließende Thränen einigermaßen unfern Schmerz. Ich wollte ihr dann erzählen, sie um Verzeihung bitten für Alles, was ich ihr zugefügt, aber sie duldete es nicht; sie wisse schon Alles von Recha; ich solle sie und mich nicht mehr aufregen mit der Vergangenheit, sondern vorerst gesund werden und dann an die Zukunft denken. Es war ordentlich, als sei mit ihr ein andrer Geist bei uns eingezogen. Jetzt, da mir die Mutter verziehen, hoffte ich auch wieder auf Gottes Verzeihung und welches Glück: sie wollte für immer bei uns bleiben. Ich erfuhr jetzt, daß der Vater sich seit vergangenem Jahre zur Ruhe gesetzt und daß sie beschlossen hätten, hierher zu ziehen; es sei dem Vater in D. zu geräuschvoll, er müffe Ruhe haben und da hatte nun die gute Mutter nicht eher geruht, bis er beschlossen, mit nach H. zu kommen. Jetzt wirst du auch in deinem Herzen wieder froh werden, sagte ich mir und mit der Zeit ward ich es auch. Ich lebte nur noch meinen Eltern und den Kindern und wenn daneben noch ein Gedanke Raum hatte, dann war es der, daß ich viel wieder gut zu machen habe. Meine Mutter ward auch wieder rüstiger und hing mit großer Liebe an ihren Enkelchen. Sie war ordentlich eifersüchtig auf Recha, der besonders Du sehr zugethan warst. Nur der Vater war ernst und verschlossen; schon kurze Zeit nach dem Umzug begann er zu kränkeln! „Ich werde wohl nicht lange mehr zu leben haben, Riekchen," sagte er zur Mutter und' es war kaum ein Jahr verflossen, da trug man ihn fort in sein letztes Heim. Noch einmal in demselben Jahre kehrte der Todesengel bei uns ein. Die böse Diphteritis war ausgebrochen und raffte manch blühend schönes Kind hinweg; auch Du und Richard erkranktet. Das waren wieder schreckliche Tage für uns! Richard starb schon am zweiten Tage seines Unwohlseins und auch an Deinem Bette stand der Arzt mit bedenklichem, rathlosem Gesicht. Du mußtest operirt werden und wie erlöst fiel mir die gute Mutter schluchzend um den Hals als die Operation gelungen und Du dem Leben wiedergegeben warst. Du warst und bliebst von nun an der Sonnenschein unseres Hauses. Der Mutter sorgenvolles, betrübtes Gesicht klärte sich auf, wenn sie Dich erblickte und Du warst ganz ihr Ebenbild. Je größer Du wurdest, desto mehr trat die Aehnlichkeit hervor; aber nicht allein im Aussehen, nein, bei jeder Regung des Gemüths gewahrten Recha und ich zur größten Freude, daß Du doch ganz wie die Großmutter geartet seiest; hauptsächlich einen Zug hattest Du schon als kleines Kind mit ihr gemein: Deine Freude am Wohlthun! So lebten wir acht Jahre! Ich behielt nach wie vor meine Stelle als Buchhalter bei und hatte an meinem Chef einen wahren, wohlmeinenden Freund gefunden. Das Vermögen, welches mein Vater hinterlassen, ward zur Hälfte für Dich, liebes Kind, auf Zinsen gestellt, die andere Hälfte gab meine Mutter zum Besten einer Erziehungsanstalt für Waisenkinder. Seit der Vater gestorben, war sie ganz zu uns gezogen; es war ihr ganz recht, daß ich mich fortan nur noch meiner Familie widmete. Und wie viel war es mir Werth, dieses Zusammenleben mit der braven, herzigen Frau. Die vielen trüben Erfahrungen der letzten Jahre hatten mich früh altern lassen, wir standen uns gar nicht mehr gegenüber wie Mutter und Sohn, sondern wie Kameraden, wie Freunde! Wie viel habe ich noch von ihr gelernt, mehr wie damals draußen in der Welt. Mit welcher Treue und Anhänglichkeit sprach sie von ihrem Volke. Ganz empört war sie, wenn sie von Juden hörte, die eine Ehre darin suchten, nur mit Christen zu verkehren und um zu dieser Ehre zu gelangen, womöglich ihren Glauben verleugneten. Ihre Liebe aber erstreckte sich auf jede Kreatur; wenn es galt, einem Menschen Gutes zu erweisen, dann war ihr Jeder gleich. „Nur durch unser Betragen können wir den übrigen Nationen beweisen, daß wir das nicht sind, wozu ihr Vorurtheil uns gestempelt und wie viel leichter ist es uns schon geworden, wie unfern beklagenswerthen Vorfahren. Soll es nur die Zuchtruthe über uns vermögen, daß wir als ein einig Volk zusammeuhalten und uns da nicht aufdrängen, wo man uns doch nur duldet und uns nie von Herzen zugethan sein wird? Fast scheint es so! Denn wer weiß, ob heute noch viele Juden zu unserer Fahne schwören würden, wenn ihnen die Wahl gestellt würde zwischen Glauben und Leben. Ich weiß nicht, ist es Leichtsinn oder der Strom der Zeit, der einen Juden nur vorwärts blicken läßt. Leben und Genießen, das ist die Parole der Jetztzeit, und darob wird alles geistige Leben hintenangesetzt. „Was unsere Vorfahren mühsam erkämpft, wird unbedacht verschwendet. Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß es sich bald ändern und bessern wird. Die Ge-