Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 15 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1886. M15. Jüdisches u«Uiri'IU// Herausgegeben von vr. Rahmer in Magdeburg. Zur Unterhaltung«. Mehrung für dir israelitische Jugend. rv t rx Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Iba Barber VfllKtlt* (Fortsetzung.) — Allerlei für den Familientiscki: Gustav Freytag und Berthold Auerbach. — „Mausetodt", — „mäuschen- 7 still", — „matt". — Räthsel-Aufgaben und Rnthsel-Lösungen. Die Prinzessin. 16 Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) <D0 konnten sie, des Druckes der wühlenden Sorgen ledig, die Schwingen ihres Geistes entfalten. Schätze an Kenntnissen sammeln, ihr Dasein nach Neigung und innerer Nöthigung harmonisch gestalten, durften täglich, ohne peinigende Angst ob des ungewissen Morgen, an dem Heute sich erfreuen, dem Glücke, ihr Kind gedeihen und. in der frischen Gartenluft, rothe Bäckchen bekommen zu sehen, dem Glücke des ungetrübten Zusammenseins sich ganz hingeben. Und doch waren sie, trotz der reichhaltig vorhandenen Bedingungen, kein glückliches Paar. Ein Schatten lag zwischen ihnen, ein dunkles, bedrückendes Etwas, das Gespenst der Vergangenheit. — §ea ahnte zuerst die Anwesenheit des unsichtbaren Gastes, der wie Banko's Geist sich mit zu Tische setzte und den Kelch in der Hand und das Lächeln auf der Lippe erstarren ließ. Schon früher hatte sie zuweilen dessen unheimliche Nähe verspürt und eisige Schauer darob empfunden; nur fand sie, bei der harten Tagesarbeit, keine Zeit, dem Problem der dunklen Erscheinung nachzugrübeln. Jetzt aber, wo die Sorglosigkeit ihr die nöthige Muße zum Nachdenken gewährte, legte sie sich unablässig die Frage vor, weshalb, bei so günstiger Wendung des Schicksals, das Glück gleichwohl sich nicht eingestellt, weshalb es immer nur bis hart an die Pforte des Herzens gelange, ohne doch je einzukehren. Und diese Grübeleien führten sie immer mehr auf sich selbst zurück, versenkten sie in die gefährliche Erforschung ihres Innenlebens, aus der sie mit nichten Heiterkeit und Ruhe schöpfte. Um den Dämonen des Trübsinnes und Mißmuthes zu entgehen, denen sie sich nicht kampflos ergeben mochte, suchte sie Zuflucht bei den Heroen des Gedankens, den prophetischen Ergründet» der menschlichen Triebe; sie sollten ihr das befreiende Wort, des Räthsels Lösung bieten. Sie ergab sich mit verzehrender Leidenschaft der vielseitigsten Lectüre, las zuweilen mit ihrem Gatten, zumeist aber allein, Tag und Nacht, bis zur Ermattung. Aber sei es, daß sie nicht an der richtigen Quelle schöpfte, oder daß man wirklich nichts anderes aus den Büchern empfängt, als was man in sie hineinträgt, und daß uns aus den kalten Buchstaben immer nur unser eigenes Spiegelbild, in den verschiedensten Farbenbrechungen, entgegengrinst, genug, sie hörte nichts als die tönerne Schelle des Wortes und fand in dem Wüste philosophischer Thesen und Systeme auch keine Antwort für die allgemeinen Fragen, zu denen sie, von den persönlichen ausgehend, sich erhoben hatte. Ob unsere Existenz dem bodenlosen Nichts anheimfalle oder in schöneren Regionen zur höheren Entwicklung gelange, ob dieses Hasten und Treiben um des Tages kleinliche Erfordernisse der Endzweck eines armseligen Daseins oder nur eine Zwischenstufe für eine gesteigerte Geistesorganisation, ob wir unfreiwillig und blind einem unbekannten Ziele zugeführt werden, oder mit voller Willensfreiheit und Selbstbestimmung ihm zusteuern, und weshalb wir, wenn von einer höheren Wallung abhängig, also unfrei, doch die Verantwortung unserer Handlungen tragen sollen, und wenn frei, doch nicht nach Willkühr Alles thun und lassen dürfen und in beständiger Begrenzung umhertappen müssen, für diese und eine'Menge anderer, schwer bedrückender Probleme fand sie in den Büchern nichts, gar nichts. Eine Frage erzeugte die andere und die Gegenüberstellung beider ergab keine befriedigende Lösung, nur neuen Zweifel, neue Qual. Ueberall Widerspruch, Hader, Wortklaubereien und kleinliche Eitelkeit, Selbstbespiegelung und Herabsetzung des Andersdenkenden. Aus dem Getümmel des Wortkampfes erklang ihr nirgends die ehrliche Stimme der Ueberzeugung, hallte ihr nur die eine trostlose Wahrheit wieder, daß alles Denken Stückwerk und daß man niemals zu einer reinen, unbezweifelten Erkenntniß gelangen könne. Wenn aber die großen Denker fruchtlos sich abmüheten, wie sollten da die Kleinen nicht in die Irre des Zweifels und zur Dürre der Verzweiflung gelangen? Und gab die Philosophie mit ihren nebulösen Diktaten und bodenlosen apodictischen Behauptungen keine Antwort auf ihr ängstliches Fragen, so hatte die Religion, deren mystische Orakelsprüche nur dem Gläubigen vernehmbar sind, für sie noch weniger eine Stimme. Zu Zeiten erschienen ihr alle Religionen gleich gut, als Träger der von allen Völkern anerkannten, großen Moralprincipien, — als geweihetes Gefäß eines ungleich heiligeren Lebenstrankes. Dann wieder deuchte ihr jedes positive Glaubensbekenntniß hohles Formelwesen, unnütze Schale eines ohnehin gekannten und gewürdigten Kernes. Wenn dem so war, so hatte sie ja recht und im Einklang mit ihrem Denken gehandelt, wenn sie ein den vergangenen Jahrhunderten angehörendes, nunmehr antiquirtes Gewand abgestreift und eine Krücke von sich geworfen hatte, die der Lahme bedurfte, die aber dem aufrecht Gehenden eher noch ein Hinderniß für die Fortbewegung ist. Und doch, weshalb konnte sie aus dieser Schlußfolgerung keine Genugthuung schöpfen, weshalb ließ sich der Mahnruf ihres geängstigten Gewissens nicht von den Scheingründen der allzeit geschäftigen Sophistik übertönen? Eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich ihrer, und lagerte sich wie eine dunkle, immer mehr sich verdichtende Wolke auf Herz und Hirn. Um den besorgten Blicken Stefan's ihre Verdüsterung zu entziehen, zwang sie sich zum Gleichmuth, selbst zur Heiterkeit, aber das erkünstelte Lachen klang wie ein Mißton dem aufhorchenden Ohre, der starre Ausdruck geheuchelten Frohsinnes konnte das Auge der Liebe nicht täuschen. Diese ewig forschende, trübe Beobachtung seitens des Gatten, und vielleicht auch die schwache Hoffnung, in der reinen Luft frische Widerstandskraft zu finden, trieb sie einst, zu einem einsamen Spaziergang, in's Freie. Das Ziel der Wanderung war ihr gleichgültig; während ihres planlosen Streifens fiel ihr indeß ein, daß heute Samstag sei und ehe sie recht wußte, wie sie dort hinge-