Der jüdische Herold
- Journal
- Der jüdische Herold
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 6 (10.2.1938)
- Date
- 1938-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Hungarian
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Das offiziehe Organ der liberalen Partei ״Viitorul“ weist darauf hin, dass es schon längst nicht mehr allein um die Ausstossung der Juden geht, sondern dass Codreanu mystische und demagogische Methoden gdbraucht, die auf eine ״Bolschewisierung des Landes“ hinausgehen. Bauerngruppen stehen auf den Strassen und beschimpfen die Behörden, die Lehrer, die Priester, die Grundbesitzer und fragen, warum der eine ein Grundbesitzer und der andere ein armer Bauer sei. Warum der eine ein Gehalt vom Staat bezieht und der andere nicht, wenn doch alle Menschen physisch dieselbe Konstitution besitzen. Die übrige Bevölkerung, schreibt ״Viitorul“, ist wegen der Drohungen beunruhigt, die sie den gan zen Tag über anhören muss. Codreanu hat die Parole ausgegeben, dass die Stimmenzahl seiner Partei gegenüber der letzten Wahl verdoppelt werden muss, bei der bevorstehenden Parl8mentswahl müsse für die Liste der Partei ״Totul pentru Tara“ (Eiserne Garde) eine Million Stimmen abgeben werden. Manche glauben, dass die Cuza־G0* ga-Partei mit der suggesstiven Mach! einer Regierungspartei Codreanu an die Wand wird drücken können. Andere bezweifeln das. In revolutionären Zeiten radikalisie• ren sich die Parteien, die stärkere Farbe schlägt die schwächere. Die Eiserne Gar־ de ist in ihrem Programm entschiedener, auch im Judenpunkt. Die National-Christliehe Partei Goga-Cuza hat den Antisemitizmus zum A und O ihrer Regierungs- Weisheit erhoben. Die gesamte Opposition höhnt: Was ist das schon für ein Regierungsprogramm, wenn es in seinen allerersten Handlungen Kleinigkeiten ankündigt, wie die Entziehung 120 Bahnfreikarten, die Juden gehören! Es werden Jüdisehe Aerzte entlassen, Juden wird das Betreten von Aemtern verboten, in einigen Bezirken werden jüdische Geschäftsleute gezwungen, ihre Läden am Sabbat offen zu halten. Aus einer Reihe Dörfer werden unter Duldung der Sicherheitsorgane alteingesessene jüdische Familien vertrieben. Alf dies, sagt man, ist kein Regierungsprogramm, es löst keine soziale Frage u. hat nur schwere ökonomische Erschütterungen zur Folge, unter denen die Christliehe Bevölkerung ebenso leidet wie die jüdische. Hingegen geht Codreanu aufs Garr ze. Er will den totalitären Staat, will die ״öffentliche Verwaltung reinigen“. Man erwartet, dass die Eiserne Garde aus den kommenden Wahlen noch stärker hervor■ gehen wird als bei den letzten und dass auch die Regierungspartei einen starken Zuwachs haben wird, ein Endresultat lässt;^icb aber nicht ר oröussägen. Viele glauben bestimmt daran, dass das kommende Parlament eine Mehrheit von antisemitisehen Vertretern haben wird, die aber wegen der Verschiedenheit der Programme und der gegenseitigen Animositäten keine gereinigte Front wird bilden können. Goga scheint selbst nicht an die Erringung der für die Prämie erforderlichen 40 Prozent zu glauben und plant eine Aenderung der Wahlordnung mit Hilfe eines könig liehen Dekrets, so dass er schon mit 30 Prozent die Regierungsprämie bekommt. Wie immer auch die Dinge sich gestallen werden, die Parlamentarische Lage der Juden wird sich vtrschlimmern — nicht zuletzt auch, weil die demokratischen Parteien der herrschenden Strömung Rechnung tragen werden. Nur vereinzelt und schüchtern wagt noch eine demokratische rumänische Zeitug ein gutes Wort für die Juden. Nach einem Bericht des ״Universul“ hat das Oberhaupt der Nationalen Bauernpartei (Nationalzaranisten), Maniu, in einer Wahlversammlung wörtlich gesagt. ״Es is traurig uud demütigend für uns, dass erst durch ausländische Intervention die rumänische Regierurg überzeut werden musste, dass auf dem Gebiete des Antisemitismus und der Minderheitenpolitik das nicht durchgeführt werden kann, was der Geist der Toleranz, von dem unser Volk beseelt ist, von Anfang an abgelehnt hat. Darum muss die Nationalcaranistische Partei mit Fanatismus für die Demokratie und gegen die Diktatur kämpfen.“ Und doch ist die Lage der Juden in Rumänien nicht hoffnungslos. Hilfe kommt von innen, von dort, ^wo die Juden am schwersten getroffen werden sollen: von der Wirtschaft, die einen antisemitischen Kure absolut nicht verträgt. In einem noch vielfach so unerschlossenen Lande wie Rumänien stellen die Juden einen starken wirtschaftlichen Faktor dar. Sie prävalieren nicht auf geistigen Gebiete. In der staatlichen Verwaltung sind sie heute so gut wie inexistent. In den freien Berufen werden ihrer von Jahr zu Jahr immer weniger, was sich auf den geistigen Habitus der heranwachsenden Generation leider immer mehr auswirkt. Stark sind die Juden auf dem wirtschaftlichen Gebiete als Kaufleute, als Industrielle, als Gewerbetreibende. Es hat sich nämlich gezeigt, dass schon die Tatsache der Uebertragung der Regierung an die National-Christ iche Partei Cuza-Goga auf das Wirtschaftsleben des Landes erschütternd gewirkt hat. Die Juden sind das geschäftlich unternehmende Element im Lande. Der an und für sich hochbegabte Rumäne zieht sichere Staatsstellungen vor. Der rumänischen Jugend stehen alle Aemter offen, und kein Land ist mit einer relativ so grossen Zahl von öffentlichen Angestellten gesegnet wie gerade Rumänien. Die angestrebte Nationalisierung der Privatbetriebe wird der rumänischen Jugend auch die Privatbeamteekarriere eröffnen, bzw. erweitern. Aber Beamte sind keine Unternehmer. Eine ererbte oder anerzogene Beamtenmentalität scheut das Risiko des Unternehmers, und erobern kann man die Wirtschaft nur durch eigene mit Risiko verbundene Unternehmungen. Hierin liegt die Stärke der Juden. Für das Wirtschaftsleben Rumäniens sind sie vielleicht noch für Generationen unentbehrlich. Heute nach dem Regierungsantritt des Antisemitismus beginnt es schon in den Köpfen zu dämmern, wie sehr man sich ins eigene Fleisch schneidet, wenn man die Juden eliminieren will. Zu den ersten Handlungen der Regierung gehörte die Ankündigung, dass den jüdischen Dorfschenkern die Schanklizenzen entzogen werden, weil sie ״das Volk mit dem Alkohol vergiften“. Alle Welt glaubte, dass das Schankgewerbe fast ausschliesslich in den Händen der Juden liegt. Nun hat die Regierung durch die Direktion der staatlichen Monopole — der ״volksvergiftende“ Alkohol ist ein Monopolartikel — eine Statistik über die ethnische Zugehörigkeit der Schenker machen lassen. Sie ergab zur allgemeinen Ueberraschung dass die Zahl Schenker im ganzen Reich 39.450 und die der Juden nur 3180 beträgt, Die anderen ethnischen Minoritäten •ind mit der Ziffer von 4000