Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 20 (31.1.1948)
- Date
- 1948-01-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 4 — 81. Januar 1948 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE :onb Nr. m einer Von Moritz Goldschmidt; Nur, wenige jüdische Gemeinden Deutschlands hatten vpt 1933 -.einsolch aktives jüdisches Leben aufzuweisen, wie Köln. Stets war man. Trotz aller. Schwierigkeiten sich der Tradition bewußt und der Pflichten als eine der ältesten jüdischen Gemeinden in jeder Hinsicht, im, kulturellen und Kultusbelangen führend voran zu gehen. Köln* hatteaucb das grüße Glück, stets Führer an der Spitze gehabt zu haben, die Garanten dafür waren, die jeweils von ihren Vorgängern-eingeschlagenen Wege, das ' jüdische Leben auf breitester Gründlage lebendig zu gestalten, nicht nur einzuhalten, sondern weiter auszubauen. Auch die in Köln wirkenden Rabbiner erinnern nur an Dr. Abraham Frank, Dr. Ludwig Rosenthal und den heute in New York lebenden Dr. Adolf Kober, deren Namen in der jüdischen Wissenschaft einen guten Klang haben. Das demokratische Prinzip war notwendigsten Einrichtungsraum und den gegenständen. ■" ‘ ” ~ ' ‘ ‘ '* macht sich ein gewisser Lebensoptimismus' breit. Für die alten Menschen hat man ein ■ Altersheim ge-r schaffen, welches von Jakob Mars vorbildlich geführt wird. Eine Notsynagoge ■ besteht im ehemaligen Jüdischen Krankenhaus. Man hat aber den Bau einer für Köln würdigeren Synagoge in Angriff genommen und hofft, diese noch vor den Herbstfeiertagen eröffnen zu können. Jüdisches Leben gibt der Geriteii de ihr Gepräge, was dadurch zum Ausdruck kömmt, daß sich innerhalb der Gemeinschaft bereits wieder vier jüdische Vereine gebildet Köln wieder einen ehrenvollen Platz einhaben, um die kulturellen und Kult.isarbäten räumt. Der heutige Vorstand ist bereit, nicht weiter zu gewährleisten. Auch die jüdische hur alles das zu tun, was zum Wohle der Köl- Jugend ist zusammengefaßt und trägt den ner jüdischen Gemeinschaft erforderlich ist, Namen „Maccabi“ in Erinnerung des großen sondern mitzuarbeiten für die Belange und hebräischen Unterricht, auch die Lehren, unserer biblischen "Geschichte werden nicht vernachlässigt. Die Teilnahme an diesen Fächern ist Zwang, weil es für ein'? Pflicht angesehen wird, die Jugend mit den religiösen . Pflichten vertraut zu; machen. , . Auf dem jüdischen Friedhof soll den Opfern des Naziterrors ein würdiges Ehrenmal errichtet werden. Ueberhäupt werden die notfendigen Aufgaben, unabhängig davon, was e Zukunft auch bringen mag, mit der nötigen Initiative :durehgeführt, wissen wir doch nicht, wie lange es noch dauert, bis sich die zahlreichen Auswanderungswünsche erfüllen lassen. Vielleicht wird die Theorie, daß die einst, so blühende Gemeinde Köln nur in der Vergangenheit ,eine dominierende Stellung einzunehmen . wußte, Lügen gestraft, dadurch, daß auch die Zukunft der Jüdischen Gemeinde cabi dank seiner großen Erfolge vor der Nazizeit erfreut bat. Das Interesse für Erez-Israel ist natürlich sehr groß und ungeduldig erwartet man die erforderlichen Zertifikate, um endlich einmal ein wikllch freies Leauf vorbildliche Weise dadurch gelöst, daß Ansehens, dessen sich gerade der Kölner Mac- Interessen des gesamten Judentums. Es liegt wirklich jeder Jude nach „seiner Facon“ selig werden konnte. Es gab liberale und orthodoxe Kreise und sogar streng orthodoxe Richtungen, die sich um die Rabbiner Dr, Wolf und. Carlebach scharten. Köln besaß ein ausgezeichnet'geführtes jüdisches Lehrerseminar; ,ben' führen zu können, in der. St. Aperhstraße und mancher junge Durch die Schaffung. eines Rabbinats Lehrer* welcher hier in jüdischem Wissen urd talmudischer Lehre unterrichtete, '»eroreitete den guten Ruf. dieser Institution in aller Welt. Bei dieser Gelegenheit muß auf die segensreiche Tätigkeit des verstorbenen Direktors Guth hingewiesen,,werden. Köln war auch sehr früh eine Domäne des zionistischen Gedankens. Als man sich in vielen jüdischen Gemeinden kaum mit der Ideologie des Zionismus befaßte, stand hier bereits zionistisches Letten in höchster Blüte. Als der unvergeßliche Theodor Herzl leider, allzu früh die Augen Schloß, gab es keinen würdigeren Nach-. folger als den Kölner David Wolfsohn. Ihm zur Seite stand der ebenfalls in Köln eine Rechtsanwaltspraxis ausübende Dr. Max Bodenheimer, der vor einigen Jahren in Erez Israel verstorben ist. Ich sehe ihn noch heute vor mir, diesen David, Wolfsohn, eine Hühne von Gestalt,*mit lang wallendem schwarzen Bart. Wo er auftrat, wirkt? er nicht nur durch sein Rednertalent, welches, in seiner Sachlichkeit zu überzeugen wußte; sondern auch allein keine Veranlassung vor, resignierend die Hände in den Schoß zu legen, denn unser Hauptaugenmerk muß darauf gedichtet sein, den kleinen Silbersteifen, der sich in Gestalt von Erez-Israel am Horizont' zeigte weiter auszubauen und dafür zu kämpfen, daß die hunfüf die , derttausende Menschen, die heute hoch im britische Zone wird man wohl Gelegenheit Gallutb leben, endlich die Tore geöffnet b@-, erhalten, des öfteren Rabbiner, wenn auch kommen* um in das Land einströmen zu könvieUeicht einstweilen als Gast, in den Gottesnen, wo sie als Willkommene und Gleichbediensten wirken zu sehen. Die Jugend, die rechtigte mit offenen Armen empfangen werwie überall, auch in Köln dezimiert ist, eraält den. Ein Kampf, der sich zu führen lohnt. niiuinuiiiiiiuiiüiiMiiHiiiiiiniiiHiiiuiiiiiiiiniininmiMiöiqiitiuiiu^niuiiiiuHtiuiiHiinHiuuiiiiiiHiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiMiniiiiiiiriiiiiiniMniiiiiHiiiiiiiiiiiiniüuiiiiiimiiimmmmimimiiRiiui Tagung der Jüdischen Gemeinden In Bremen fand am 1L und 12. Januar eine Tagung des 'Arbeitsausschusses und des. Beirats der Arbeitsgemeinschaft jüdischer Gemeinden Deutschlands statt. Die Sowjetische, britische und amerikanische Zone hatte ihre Verte ter gesähdt, während die Repräsentanz der französischen Zone von der amerikanischen Zone mit übernommen wurde. Unter den zur Behandlung gekommenen Punkten war zunächst eine'formelle Begrüßung des UNO-Entscheids in der Palästinafrage. Sodann wurde eine Beratungskommission für Fragen schon durch seine Erscheinung. Sehr . früh v der Rechtsstellung jüdischer Gemeinden in bildeten sich in Köln zionistisch sing stellte Deutschland gebildet Jugendverbände. Die Fahne blau-weiß flat- Ferner wurde ein Juristenausschuß beauftragt, terte stets leuchtend voran. Köln hatte bis eine Ehrengerichtsordnung zu verfassen, da 1933 17800 Juden. Es waeine 'wohlhabende man es für notwendig hielt, etwaige Beschul- Gemeinde und' in caritatlver Hinsicht wurde digungen gegen jüdische Persönlichkeiten überden. ealni* «nal rrol oi rfof Tm i«.- n_ j* Tv«« sdbiedene» Zonen stets zir einer engen Zusammenarbeit bereit sind, lind daß sie für die teilweise auseinandergehenden Meinungen volles Verständnis finden. . Dem Vorsitzenden der Gemeinde Bremen, Carl Katz, ist es besonders gut gelungen, durch seine Fürsorge, diese Tagung zy. einem Erfolg zu madjen.; . Ein jüdisches Krankenhaus Vor kurzer Zeit hat die Militärregierung das große Krankenhäus, d^ts außerhalb des Lagers. Bergen-Belsen liegt, zum Central Jewish Hospital for the British Zon? (Jüdisches Zentral- Krank enhaus für die britische' Zone) erklärt. Alle in der britischen Zone : lebenden Juden können in diesem Krankenhaus Aufnahme finsehr, viel geleistet Vorbildlich geführte Institutionen, Waisenhaus, Kinder- und Altersheime, eine eigene lßklassige Volksschule. Später kam noch ein Gymnasium dazu, legten beredtes Zeugnis ab von dem pulsierenden jüdischen Leben; —. und was hat das Hitlerreich prüfen zu lassen, falls diese Fälle überzqnate Das unter der Leitung von Dr. Sacha Gott- Bedeutung haben. Bef dieser Gelegenheit lieb (Jewish Relief Unit) stehende Kranken- - wurde festgestellt, daß es schädigend für jühaus ist mit den modernsten Mitteln ausgedische Interessen sei, wenn ein Jude Beschulstattet. Unter dpr Aufsicht von erstklassigen digungen gegen Glaubensgenossen in der' nicht-: Fachärzten verfügt das Krankenhäus über eine jüdischen Oeffentlichkeit erhebt* von diesrngipst so blühenden Gemeinde übrig- Weitere Themen waren die Wiedergutmach- - gelassept>1pä^^ als; ein-Wrack. Heute leben ung, die auch auf. der Zusammenkunft in Berhier zirkMf®} . jüdische Menschen, größtenteils' lin im Oktober 1947 behandelt wurde, sowie seelisch und körperlich zerrüttet von der jah- Fragen der kulturellen Betreuung der Gerelangen KZ-Haffc oder durch die Verhältnisse, meinden in welchen sie unter Zurücklassung ihre; Habe und ihres Guts in. den Verstecken leben mußten. Bei jedem Einzelnen herrscht riesengroße Enttäuschung darüber daß bis heute in der Wiedergutmaehungsfrage so wenig geschehen ist und daß überhaupt v >n »Jen Versprechungen, die während der Verfolgungszeit gemacht worden sind, so wenig gehalten wird. Nur wenige Mitglieder hauen eine Existenz, die ihnen einen angemessenen "Lebensunterhalt gewährleistet *— Unaolässig kämpft der Vorstand mit den deutschen und Militarstellen um die Beschaffung ^ön Wohn- Im Laufe der Versammlung zeigte es sieh, daß Vertreter der jüdischen Gemeinden der verchirurgische, innere,, Entbmdungs-, gynäkologische, Tuberkulosen-, Haut-, Infektion^-, so- -wia eine Hals- und Ohrenabtejlung. . Das Krankenhaus befindet sich etwa 5 km von der Bahnstation; Bergen (bei Celle) entfernt. ..Anmeldungen und Anfragen sind zu richten an G lyn Hughes Hospital, Hann.) Bergen (Krs. Celle- , Ursache oder Wirkung „Jüdische Jugend! Ihr seid der Grundstein für den Neubau unseres Volkes! . Auf Euch ruht die Verantwortung des* Aufbaus unseres neuen Staates! Ihr, jüdische Jugend der , Welt, seid die Hoffnung PalästinasP Solche und > ähnliche Worte werde nheute von allen Rednerpulten jüdischer Versammlungen, Tagungen, Kongressen den jungen jüdischen Maischen zügerufen. Auch in Deutschland, auch in Norarhein-Westfalen bemühen sich enthusiastisch Vertreter der zionistischen Idee, inmitten der Trümmer des Naziregimes, die einstige Verbundenheit der jüdischen Gemeinden wiederherzustellen. Stets auf die Zukunft unseres Volkes bedacht, wenden sie sich dazu an die tragisch kleine Zahl der jüdischen Jugend* Und eine wahrlich schwere Aufgabe wird ihnen gestellt. . ‘ .•••'• Denn 'diese Jugend hat nicht die geistige Empfänglichkeit derer,. die eine tief religiös® Erziehung im Rahmen einer liebevollen Familie genossen haben, sondern diese Jagend ist zum großen Teil das basierte und leidende Produkt hines von Entbehrung, Erniedrigung und Haß erfüllten Jahrzehnts. Blasiert, weil sie trotz zweijährigem sogenannten Friedens noch keinen Grund gehabt ifät, in der Menschheit einen, wahrhaft, gütigen Kern zu sehen, -Leidend, weil sie das, was sie in zehn Jahren erlebt hat, nicht in zwei Jahren vergessen kann., und nicht vergessen sollte. / - Die Reaktion dieser schrecklichen Jahre ist nun bei vielen dieser jungen -Menschen eine wahre Sticht nach oberflächlichen Vergnügungen, nadi Essen, Musik, und Tanz, und nach. Geld, das all dies ermöglicht. Jedes tiefdankende Befassen mit jüdischen oder anderen ernsten Problemen wird jedoch von den meisten scheu Und indirekt, aber klar erkennoay, abgelehnt. Diejenigen^ oder die wenigen, die. die Notwendigkeit einer umfassenden Zusam* menarbeit zu» Aufbau des neuen palästinensischen Staat™ erkannt haben, werden es ott schwer finden, die jüdische Jugend-von heute auf diese Aufgabe zu konzentrieren. Besonders in den zahlreichen. Fällen, bei denen schon Im Elternhaus das jüdisch-nationale . Bewußtsein nicht mehr betont wurde. A11‘ dies klingt nan* und so enttäuschend es ist: es ist wahr. Im Jüdischen Jugendbund für Nordrhein-Westfalen ist nun der Grundstein für ein nafciona* des Schaffen gelegt; In der Aufführung von „Jacobs Traum“ in Düsseldorf hat der Jugenabund sein erstes‘kulturelles Können . gezeigt. Hoffentlich gelingt es dem Jugendbund, seine Mitglieder so zu erziehen, daß sie nicht nur an den vergnüglichen Veranstaltungen, sondern auch geschlossen an dem jüdisch-kulturellen Schaffen der Vereinigung teünehmem Eines Tages wird auch der leicht „blasierten“ und; der halb assimilierten jüdischen, Jugend Vno heute der Einm und die-Notwendigkeit -eines geschlossene nationalen Lebens vor Augen treten. : Bis dahin, laßt uns, ihnen zurpfen: - * „Jüdische Jugend, Ihr seid der Grundstein für den Neubau unseres Volkes!“ ' '| Heinz J. Themai, Düsseldorf, Geschäftsstellen ons allen wichtigen Platzen Seit 75 Jahren im Dienste der hei dir Westzone en Dr. Max Salzberg: Neujahr der Bäume Roschanko hieß der Wald der sich auf dem höhen Ufer des Flusses weithin erstreckte, je nach der Jahreszeit blaugrün und leuchtend oder aschgrau und trübe Den gleichen Namen trugen auch das Gut, zu dem der Wald gehörte, und der Besitzer. Daß aber auch Rabbi Chazkel, der Leiter eines kleinen Cheders (Privatschüle), in W. auch so genannt wurde, das bedarf einer Erklärung* zumal er doch einen guten Familiennamen „Katzensohn“ hatte und in W. außerdemder Vorname die Hauptsache war. Roschanko konnte auch nicht sein Snitzname gewesen säin, denn der Rabbi war sehr beliebt bei Eltern und Schülern Auch hatte niemand bemerkt, daß der stille, ‘ freundliche Mann sich je über diese Bezeichnung aufgeregt hätte. Spötter meinten, sein ütmit» wucherndes Kopfhaar erinnere an einen Wald, sein Bart an Ge-, strüpp. Schon recht, aber warum gerade Roschanko? ' Wer privatim mit Rabbi e*^*nch, der begriff es sofort: er konnte keine Unterhaltung führen, ohne diesen Wald zu erwähnen, ■ ebne einen Hymnus.auf P*-» tränen, auf seine geraden, mächtigen Bäume, seinen weichen, federnden Boden, seinen Duft, auf, den Gesang, der in ihm tönte. ' / Rabbi Chazkel war vön seiner Liebe zu ihm besessen. Der frühere Schmied Rabbi Jaakel, der schon so alt war, daß die Soötter von ina sagten, er hätte bei „Thübäl Kain“, der, bekanntlich der erste Schmied war, dies Handwerk erlernt; und der viele Generali m m in W. überlebt hatte, erklärte diese Liebe mit dom Beruf des Urgroßvaters des Rabbi-Chazkel, der Holzfahrer gewesen war. Nitht, daß er Roschanko-oft aufsuchte —. ein Rabbi, der sich täglich zehn Stunden .und mehr mit seinen .Schülern abquält, hat für Spaziergänge keine Zeit; an den schulfreien Sonnabendnachmittagen durfte er den weiten Weg dahin von Gesetzeswegen ’ nicht» - unternehmen. Doch sah man ihn zuweilen heimlich auf den Boden der Synagoge steigen, wo die zerrissenen, heiligen Bücher aufjbewahrt lagen; dort stand er lange vor der Luke und schaute in die Farne. Diejenigep, die ihm nachstiegen und ebenfalls Ausschau hielte53* begriffen: sie erblickten -den Silberstreifen des Flusses und darüber, in der Sonne leuchtend, den Wald "Roschanko Den alljährlichen Ausflug mit seinen, Schülern am „Lag-Baomer“ machte er nach diesem Wald trotz des Protestes vieler Eltern, , denn um dahin zu gelangen, mußte man sich mit der Fähre übersetzen lassen, und das war ein bedenkliches Unternehmen. Wehl schaukelte, sich die Fähre in ihrer sicheren Bucht, allein der.Fährmann konnte nur mit Mühe und vielen guten Worten dazu bewogen werden, sich in seinem Schlafe stören zu lassen und die Ruder4 zu ergreifen. Er hatte Besseres zu tun. . Es hieß, er 'habe eine heimliche Schnapsbrent nerei in seiner Scheune, und er selber sei der alleinige Konsument seines Produktes. Uns Kindern blieben diese Ausflüge unauslöschlich in Erinnerung; die Bäume schienen nicht weniger, auf uns gewartet: zu haben als wir auf sie. Kam die feierliche Stille von ihnen oder vom Rabbi? Wie der Waldgott ging er in» der Mitte seiner Kinderschar. Die' durch das Laub, gefilterten Sonnenstrahlen verklärten sein blasses Gesicht, und wenn er uns etwas erzählte-, — das tat er immer im Walae —, lauschten .die Bäume und die Vögel andächtig wie wir.' Beim Mittagsgebet war er der Vorbeter. Wie schön sang er dann! Seine Stimme schier^ nicht aus i’ seiner Brust zu kommen, sondern wie von Hiinntjel durch die Baumkronen auf uns herabzufallen. Daß er auch-' am fünfzehnten Sch'wat, * dem Gerichtstag für die Bäume, dem Tag, an dem im Himmeln ihr Geschick im neuen Jahr be* stimmt wird, nach Roschanko ging, um kn ‘ weißen Gebetsmantel Neujahrsgesänge und Gebete dort vorzusingen, wie man sich in der Stadt zuflüsterte, entspricht nicht der Wahrheit. Fünfmal erlebte ich diesen Tag in seinem Cheder, und der Rabbi war immer dabei. Am langen Tisch saßen wir Schüler, des Rabbis eigene Kinder daneben an einem kleinen Tisch. 4Statt der Bibel und der TalmüdfoUanten Tstanden jetzt Teller1 und Schüsseln mit Kartoffelpuffern vor uns, die extra für das Fest in Mohnöl gebacken worden waren und von denen jeder zwei, mit feinem Zucker bestreut, essen : durfte. Eigenhändig verteilte der Rabbi Spelten von Apfelsinen, auch zwei für jeden, und Teile Aon Feigen, Datteln unc^ Stücke von Johannisbrot. Für diese Schätze batten wir lange vorher gesammelt. Der Rabbi wollte uns durch den Genuß der herrlichen Früchte Liebe zürn gelobten Lande einflößen, aus dem, wie er versicherte, all1 diese Herrlichkeiten gekommen waren. , \; ln der Dämmerstunde, wenn unsere Gesichter und dfe Gegenstände im Raum Zu verblassen Degannen, erzählte er das Märchen des Tages, das 'wir alle seit langem kannten und denrxocn jedes Jahr wieder atemlos anhörten. Es handelte von einem stillen, abgelegenen Walde, der reich, ’^n Gold war, weil Menschen große Schätze in seine hohlen Eichen versteckt und; später dort vergessen haften! Durch diesen Reichtum seieh die hohen Tannen übermütig geworden und 'hätten für ihr Neujahrsfest eineh; Vorbeter aus der- Stadt begehrt,, da sie ihn *doch mit Gold entlohnen, konnten. Der Sturm wurde mit diesem Auftrag betraut,, und. er löste wirklich die Aufgabe zu ihrer Zufriedenheit „Hu, wie er heulend durch die Gegend schnob, die Schneemassen aufwirbelte, daß sie die eisige Luft 'wie mit Milde füllten, die Wege' verschütteten und unkenntlich., machten! O. wie mühsam die starken Pferde, die den Schlitten zogen, durch den -Schnee wate-, teh, dar den berühmten Vorbeter zur Hochzeit eines reichen Gutsbesitzers bringen sollte! So verirrten sie sich und gelangten in jenen stillen Wald . . . Wieso der Sturm den Vorbater zürn- Singender Neujahrsgebete’ zwang, wollt Ihr wissen? Er brauchte nicht gezwungen sa werden: mit Schnee bedeckt standen die Bäu-, ,me wie die Menschen in der Synagoge mit ihren Gebetsmänteln, und als der Sturm schwieg, guckte auch die Sonne ' durch . die WipfeL Es glitzerte und leuchtete —- da sang der Vorbeter jenes schöne Gebet ganz von selbst, und die Bäume hörten 'andächtig zu, nichts rührte sieb . . . Wie der Vorbeter su seinem Lohn kam, wollt. Ihr auch wissen? Nun .gut! Der Sturm setzte plÖiziich| ein,- schüttelte eine hohle Eiche» daß der Schatz darin erklang . . .“ Ja, Rabbi Chazkel war 'am fünfzehnte Sch'wat immer im Cheder unter seinen Schülern. Nur einmal ging er an jenem Tage nach Roschanko, aber damals war er unser Rabbi nicht mehr, und dieser Besuch im Walde bestimmte sein weiteres i Lebern Es geschah so: Wir hätten, öfters gesehen, wie der Rabbi beim Unterrichten die Hand aufs Herz legte. Daß er blaß und kraftlos aussah und oft blaue Lippen hatte,' das merkten wir nicht, wir hatten noch kein Verständnis . dafür. Eines Tages schlug er mit dem Kopf auf den Folianten i nd stöhnte dabei so laut, daß wir alle vor Angst schrien. . " . Das war unser letzter Tag bei dem euten Rabbi .Chazkel, denn ddr Feldscher und der Doktor kamen, und* er mußte viele Tage 'm Bett bleiben. Unser Rabbi durfte er nicht mehr sein, Obgleich er uns nicht mehr unterrichtet», wurde ihm das Geld für das ganze Semester von allen Eltern bezahlt, damit er, sich einen andern Erwerb beschaffen könnte. *. Nun ging er oft nach Roschanko; er tat es auch schön deshalb, weil er den Obstgarten des Gutes pachten wollte, um sich dadurch zu ernähren, wie viele Juden in’ unsrer Stadt es zu tun pflegten. Der Verwalter zeigte sich dem Rabbi geneigt, aber der Vertrag sollte gemäß dem eingebürgerten Brauch bei den ■ jüdischen Pächtern erst am fünfzehnten Sch'wat, dem Neujahr'der Bäume, geschlossen werden. In jenem Jahr war der W'-ter?tren<* und sehr schneereich;- im Monat sch'wat schien indes