Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 24 (11.6.1936)
- Date
- 1936-06-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Oie „C.-V.-Zeitung‘ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt uad die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2,30 RM, umgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene Millimeter-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf.. für Familienanzeigen 16 Rpf.. weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Hi« arabische Frage in Palästina Von Dr. Werner Cahnmann Die Darstellung dieses Kernproblems innerhalb der Palästina-Fragen erhält dadurch seine besondere Färbung, daß unser ständiger kulturpolitischer Mitarbeiter während einer Palästina- Reise unmittelbare Eindrücke erhalten konnte. Tel-Aviv, den 3. Juni. Infolge der Ereignisse der letzten Wochen in Palästina ist die arabische Frage aufs tiefste aufgewühlt, und die Warnungen derjenigen sind gerechtfertigt, die der Bagatellisierung dieser Frage von jeher entgegengetreten sind. Flüchtig Reifende haben Begeisterung verbreitet, ohne die Schatten zu beachten, die stets da am tiefsten sind, wo das Licht am grellsten blendet. Agitatoren haben den Wunschtraum von „erez jissrael" wenn auch nicht für bare Wirklichkeit, so doch für etwas ausgegeben, waA jederzeit zum Greifen bereit liege. Aber auch, wer in eben diesen letzten bewegten Wochen im Lande hin und her gereist ist und mit vielen Menschen, langansässigen und kurzansässigen, gesprochen hat, der mußte den Eindruck gewinnen, daß kaum zwei Menschen in der Beurteilung arabischer Dinge miteinander übereinstimmten und daß kaum einer unter ihnen war, den man als ernsthaften Kenner auf diesem für das jüdische Siedlungswerk so wichtigen Teilgebiet hätte ansprechen wollen. Und wer sollte — die Jemeniten ausgenommen, die auf die Bildung einer öffentlichen jüdischen Meinung keinen nennenswerten Einfluß ausüben — schon Kenner sein können? Wer ist mit Land und Leuten so seit Generationen verwachsen, wie die Juden in Deutschland es waren oder wie die italienischen Juden es heute noch sind? Wie wenige sind im Jischuw, die fließend Arabisch sprechen! Dazu kommt eine verhängnisvollerweise weit verbreitete Stimmung, welche den entsetzlich niedrigen Kulturstand des Fellachen, des Beduinen, des hauranischen Hafenarbeiters zum Maßstaü nimmt für eine viel zu tief gegriffene Beurteilung der arabischen Nation im ganzen. Man vergißt zu leicht, daß die Araber einmal zu den führenden Kulturnationen zu zählen waren und daß die jüdisch-arabische Symbiose in Babylonien, in Aegypten, in Spanien eine der fruchtbarsten Epochen unserer eigenen Geschichte gewesen ist. Man vergißt aber auch, daß vor unseren Augen eine neue arabische Nationalbewegung im Entstehen begriffen ist. mit der man auf die Dauer wird rechnen müssen. Und, was das bedenklichste ist: die offizielle jüdische Leitung hat eine eigene arabische Politik nicht geführt, sie vielleicht aus Mangel an verfügbarer Zeit, an ausreichenden Mitteln, Diese Nummer umfasst 22 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Rumänien, von Dr. E. R-z. — Auslandsnachrichten. 1. Beiblatt: Sommerliche Kunstausstellung, von Olga Bloch. 2. Beiblatt: Esther Liebmann, von Bertha Badt-Strauss. — <S. Fischer j Riitten & Loening, von K. P. 3. Beiblatt: Palästina-Umschau. — Jüdische Jugend im Alltag Palästinas. 4. Beiblatt: Sportblatt. —— Wirtschaft der Woche. 5. Beiblatt: Kinderblatt. an genügend vorgebildeten Menschen nicht führen können. Der Tod von Arlosorosf hat auf diesem Gebiet eine bisher nicht aussüllbare Lücke gerissen. Freilich ist es überaus schwer, sich auch nur ein annähernd zureichendes Bild von dem zu machen, was vorgeht. Zu viele Einflüsse laufen nebeneinander und durcheinander und bringen ein Ergebnis hervor, das keiner der Beteiligten gewollt hat. Vom Beginn des Abessinienkriegs schreibt sich die politische Unruhe unter den Arabern, die ökonomische Krise unter den Juden her; der Ausgang dieses Kriegs, der in Wahrheit ein englisch-italienischer Machtkampf war, vollzieht sich ebenfalls aus palästinensischem Boden. Aber man darf diese Einflüsse von außen her nicht überschätzen. Sie könnten sich nicht geltend machen, wenn nicht ein Zustand latenter Spannung zwischen Juden und Arabern bestünde. Man hat sich über diesen Zustand aus jüdischer Seite vielfach hinwegzutäuschen versucht, indem man aus die wirtschaftlichen Vorteile hingewiesen hat, welche die jüdische Einwanderung den Arabern bot und auch weiterhin bietet. Was nun die großen Latisundienbesitzer, die Effendis, betrisst, so ist der Vorteil auf der einen Seite durch einen Nachteil aus der anderen Seite ausgewogen: die Landpreise steigen, aber es steigen auch die Preise der Fellachenarbeit, es steigt das Selbstgefühl des Lohnarbeiters. So wird die politische Stellung des ■ alten Feudaladels, der großen Familienclans, von zwei Seiten her untergraben: durch die Penetration paelkigue, mit der die Juden das Land durchdringen und durch die allmähliche Emanzipation breiter bisher durch die Effendis in Abhängigkeit gehaltener Schichten der arabischen Bevölkerung. Es ist ein Kampf um die Macht, der ausgefochten wird, und er wird dadurch verschärft, daß die führenden Familien untereinander sich den Rang abzulaufen suchen. Die wechselnden Phasen in der Einstellung der Husseinis, der Nashashibis und der übrigen arabischen Gruppen zum Vorschlag des Legislative Council und der Einladung nach London sind hierfür bezeichnend gewesen. Der Kamps um die Macht wird weiterhin dadurch verschärft, daß hinter diesem Schleier der Einzelkämpfe die Front des intransigenten arabischen Nationalismus sich bildet, des „Istiklal“ (Unabhängigkeit) und der straff organisierten Jugendorganisationen. Diese Front ist der erste Versuch zu einer modernen politischen Willensbildung im arabischen Lager. Sie hat soeben im benachbarten französischen Mandatsgebiet Syrien einen unleugbaren Erfolg errungen und ihr Programm für Palästina ist eingestandenermaßen der Terror: Terror gegenüber den Juden durch andauernde Unsicherheit auf den Straßen, Terror gegenüber der eigenen Feudalität durch Ueberbieten an radikalen Forderungen, Terror gegenüber der arabischen Bevölkerung durch Erzwingung des Streiks, der weder dem Bauern, noch dem Arbeiter, noch dem städtischen Kaufmann und Handwerker angenehm ist. Und das Ziel des „Istiklal" ist die Beseitigung der englischen Herrschaft. Augenblicklich gibt es demgegenüber nur eine Forderung: den Terror zu brechen. Aber was dann? Es ist wahrscheinlich und große Teile des Jischuw erwarten es mit Bestimmtheit, daß das jüdische Aufbauwerk alsdann verstärkt fortgeführt werden kann. Die Erteilung der 4500 Arbeiterzertifikate und die Erlaubnis zum Abladen von Gütern in Tel-Aviv sind der erste Schritt auf diesem Weg. Wer aber ermöglicht es, daß man diesen Weg gehen kann? Nur England. Alle Vorwürfe, die man so vielfach in diesen Wochen hierzuland gegenüber der Haltung der englischen Verwaltung hat hören können, sind unberechtigt, insofern sie die Ueberlegung zum Ansgang haben oder in sie ein- Die Reisen Der Völkerbundsoberkommissar für Auswandererfürsorge, General Sir Neill Malcolm, in Begleitung des Sekretärs der politischen Abteilung des Völkerbundes, Tevfik Erim (Türkei), weilte im Mai in Kopenhagen, wo er eine Besprechung mit dem dänischen Außenminister Munch abgehalten hat. Später konferierte Sir Neill auch mit dem Vorsitzenden des syrischen Hilfskomitees, Gemeindevorsteher C. B. Henriques, dem Vorsitzenden des Hilfskomitees für geistige Arbeiter, Professor Friis, und dem Vorsitzenden des Mateotti-Fonds, Hansen. Am 5. Juni sind Sir Neill Malcolm und Tevfik Erim im Flugzeug nach Holland weitergereist, von wo sie sich nach Genf begeben, um das gesammelte Material für die am 2. Juli stattfindende zwischenstaatliche Regierungskonserenz vorzubereiten. Vertretern der Presse erklärte der Oberkommissar, der Zweck seiner Reise sei ausschließlich ein informatorischer. Die Aufgabe, den in der ersten Zeit Ausgewanderten festen Boden unter' den Füßen zu schaffen, fei nicht leicht, glücklicherweise aber habe der Zustrom neuer Auswanderer in die europäischen Länder jetzt fast aufgehört. Die genaue Zahl der Ausgewanderten sei nicht festzustellen. Für diejenigen jüdischen Auswanderer, die sich zur Landarbeit eignen, seien in Palästina, wo es noch genug Raum gebe, reiche Möglichkeiten vorhanden. Abgesehen von den gegenwärtigen Unruhen — die Wiederherstellung der Ordnung fei bloß eine Frage dex Zeit —, seien die Verhältnisse dort ausgezeichnet, und die Juden, die sich in Palästina der Landwirtschaft gewidmet haben, hätten es gut; sie seien aber auch tüchtige und fleißige Menschen. * Der Vorsitzende des Council kor German Jewry, Sir Herbert Samuel, ist von König Leopold III. von Belgien empfangen worden. Es verlautet, daß Sir Herbert dem König über die Lage der Juden in Deutschland und das Hilfswerk für Auswanderer Bericht erstattet hat. In Schweden gibt sich starkes Interesse für eine Auswandererhilsskonferenz kund. münden: ist die englische Politik araberfreundlich oder judensreundlich? Sie ist keines von beiden, weil sie allein das englische imperiale Interesse zum Ziel hat. Dieses Interesse verlangt eine jüdische Siedlung von ausreichender Stärke. Ist sie da, so ist der Zeitpunkt zu einer rounck tadle Conferenz mit den Arabern gekommen, zu der die Initiative von den Juden ausgehen muß. Die Frage steht dann so: bei welcher Gruppe der Araber kann man den Hebel ansetzen, der zu einer Gesamtverständigung führt? Die Feudalherren werden nie verläßliche Partner sein. Jede gemäßigte Gruppe wird durch Terror der öffentlichen Meinung unmöglich gemacht werden. Das Programm des „Istiklal" ist radikal feindselig. Erwägt man dies alles, so wird es für die jüdische Politik von entscheidender Wichtigkeit, mit den arabischen Nationalbewegungen außerhalb Palästinas, im Irak, in Syrien, in Transjordanien und Saudjeh, in Aegypten, ja selbst mit den Mohammedanern in Indien, in Verbindung zu kommen. Man muß sich mit der Macht verbinden, die aufsteigt, und das ist der Nationalismus der jungen arabischen Intelligenz. Kann man den Zugang zu seinen Trägern in Palästina selbst nicht finden, so muß man ihn von außen her suchen. Kommt einmal der arabische Staatenbund und ist es gar England, das sein Kommen fördert, so müssen wir seine Freunde sein. An der Bewältigung Maleolms die am 13. und 14, Juni in Paris stattsinden soll. Es wurde eine Anzahl von Komitees gebildet, die sich mit dem Studium der einschlägigen Fragen befassen. Zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, unter ihnen auch der frühere Justiz- und Außenminister Oesten Unden, haben beschlossen, sich an der Konferenz zu beteiligen. Eine besondere Arbeitsgemeinschaft wurde gebildet, um die spezifisch schwedischen Gesichtspunkte bei dem Auswandererproblem zu bearbeiten und eine zufriedenstellende Lösung auf internationaler Basis vorzubereiten. Aus Norwegen wird gemeldet, daß auch die dortige Arbeiterpartei und der Gewerkfchaftsbund an der Konferenz teilnehmen werden. * Amtlich wird bekanntgegeben, daß die Vereinigten Staaten an der zwischenftaatlichen Regierungskonferenz zur Regelung der Rechtslage aus Deutschland ausgewanderter Personen, die am 2. Juli in Genf Zusammentritt, nicht aktiv teilnehmen wird. Wie der Jüdischen Telegraphen-Agentur vom amerikanischen State Department (Außenamt) mitgeteilt wird, ist zwar die aktive Beteiligung Amerikas nicht in Aussicht genommen, doch werden sich die Vereinigten Staaten bei der Konferenz durch einen Beobachter vertreten lassen. Das State vepartment hat den amerikanischen Konsul in Gens, Mr. Gilbert, ersucht, den Verhandlungen der Konferenz beizuwohnen. Diese Stellungnahme der amerikanischen Regierung wird in der Mitteilung an die ITA damit begründet, daß auf der Tagesordnung der Konferenz ausschließlich die Behandlung von Fragen steht, die den rechtlichen Status von Flüchtlingen betrifft; der Status von Ausländern, die nach den Vereinigten Staaten kommen, sei jedoch bereits gesetzlich geregelt, wobei kein Unterschied gemacht wird, ob es sich um „Flüchtlinge" oder andere Personen handelt. — Sir Malcolm hatte bekanntlich auch an die nicht im Völkerbund vertretenen Staaten, die für eine konstruktive Lösung der Auswandererfrage in Betracht kommen, die Einladung gerichtet, an der Konferenz teilzunehmen, insbesondere an Amerika. dieser Aufgabe wird die Diplomatie des jüdischen Jischuw scheitern oder siegen. * . Ein interessantes Zeugnis dafür, wie die Araber vor etwa 50 Jahren die jüdische Emigration beurteilt haben, finden wir in dem Erinnerungsbuch Shmarha Lev ins „Jugend in Aufruhr^. Hier lesen wir im 8. Kapitel „Minsk" (das der Mitte der 80er Jahre zugehört): „Wir pflegten fast allabendlich zusammenzukommen und während einiger Stunden in einer reinen Palästinaatmosphäre zu atmen. Die erste Studentenorganisation zur Gründung einer Kolonie in Palästina — die der Biluim — war bereits im Heimatland am Werk. Aus Gederah, der ersten Kolonie, kamen regelmäßige Berichte, die von solcher Freude und Begeisterung beseelt, von so farbenreichen Schilderungen erfüllt waren, daß wir sie in unseren zwanglosen Versammlungen immer wieder und wieder lasen. Sie malten Palästina als ein irdisches Paradies. Von den Arabern wurden Geschichten erzählt, die geradezu aus den arabischen Nächten stammten: erstens redeten sie eine Sprache, die fast hebräisch war, und zweitens erkannten sie freiwillig das Recht der Juden auf Palästina an. So z. B. hatte ein alter Scheik einem der Kolonisten gesagt, er wüßte persönlich, daß der Messias nahte . . (S. 121t).