Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 18 (30.4.1936)
- Date
- 1936-04-30
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-9449481-9449348--10320-9448967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 18 *3. Beiblatt CVleitung 30. April 1936 Pa lästina- Umscha u Schwierigkeiten - Das letzte Aufflackern Die Berichtswoche begann mit der sensationellen Aufklärung des Mordfalles, der, wie bekannt, den Agitationsstoff für die Unruhen in Jaffa geliefert hatte. Es stellte sich heraus, dass der eine der beiden angeblich ermordeten Araber ein Jude ist. Er heisst Mordecliai Almand und ist ein jüdischer Einwanderer aus Aegypten. Almani wurde mit dem arabischen Opfer des Doppelmordes auf dem mohammedanischen Friedhof in Jaffa begraben. Im übrigen lassen die Meldungen vom Mittwoch, dem 22. April, noch starke Unruhe im Lande erkennen, wenn sich auch in einigen Gegenden schon ein Abflauen der Zwischenfälle bemerkbar macht. Nach einer ersten Meldung griffen bewaffnete arabische Banden Schechunat Arje zwischen Tel-Aviv und Petach Tikwa an. Die Juden verteidigten sich, bis die Polizei eintraf, die die Araber vertrieb. In der Nacht zum Mittwoch machten Araber den Versuch, Hatikwa anzugreifen. Polizei griff ein und vertrieb die Araber. Ein über diesen Vorfall ausgegebenes Kommunique spricht von einem wohlorganisierten Angriff der Araber. Verschiedene Araber sollen dabei getötet und viele verwundet worden sein. In Tel-Aviv kam es am Nachmittag des Dienstag wiederum zu einigen Ausschreitungen. Ein Jude namens Nahum Hadad wurde sehr ernst verwundet. Er ist inzwischen seinen Verletzungen erlegen. Auch ein anderer Jude, Israel Zeitlin, ist an den erhaltenen Verletzungen gestorben. Ausserdem wurde ein yemenitischer Jude, Schlomo Garbi, von Arabern erstochen, als er versuchte, seinen Geschäftsladen in Neve Schaloin zu betreten. Der Vorfall ereignete sich 20 Meter von einer Polizeiwache entfernt. Während eines Zusammenstoßes zwischen Juden und Arabern wurde ©in. jüdischer Bursche im Alter von 16 Jahren, Israel Schnitzler, von britischen Polizisten verwundet. Die Verwaltung des Hadassa - Krankenhauses teilt mit, dass sieben andere Juden am Dienstag mit sehr ernsten Verletzungen eingeliefert worden seien. Wie die Jüdische Telegraphen- Agentur weiterhin erfährt, ist einer der Verletzten in Lebensgefahr. Man hofft, dass die übrigen im Hadassa-Krankenhaus liegenden .Verwundeten wiederhergestellt werden. In Hebron fanden arabische Demonstrationen statt. Die Behörden versammelten die in Hebron wohnenden Juden zu ihrem eigenen Schutze in einem jüdischen öffentlichen Gebäude. Am Mittwoch abend meldet Jerusalem, 'dass der Nachmittag in Palästina im allgemeinen ohne grössere Zwischenfälle verlaufen sei. Auch am Abend seien nur einige kleinere Zusammenaber Beruhigung stösse vorgekommen. Es fanden aber zahlreiche Brandstiftungen statt. Araber steckten zwei'Häuser und eine Synagoge in der Vorstadt Tel-Avivs Neve Schalem, in Brand. In Abu Kebir zwischen Tel-Aviv und Jaffa zündeten Araber eine im arabischen Viertel gelegene Papierfabrik an. Ein grosses Feuer brach auch an der Grenze von Keren Hatemanim aus. In der Nähe der Kinderkolonie Ben Schemen stehen Felder in Brand. Das Feuer ist weithin zu sehen. Für die Sicherheit der Kinder in der Kolonie bestehen keinerlei Befürchtungen. Es gelang überwiegend, die Brände zu lokalisieren. Ausser der Feuerwehr griff auch zum Teil Militär bei ihrer Bekämpfung ein. Der Brand in Neve Schaloin wurde gelöscht. In einer Vorstadt von Haifa wurde eine sephardische Jüdin durch einen Araber getötet. Die Polizei hat festgestellt, dass es sich aber um einen aus persönlichen Motiven verübten Mord handelt.- Der Täter wurde verhaftet. Arabische Mohammedaner kamen heute von Tulkarem nach Jaffa, um, wie sie erklärten, den In Tel-Aviv herrschte am Mittwoch nachmittag und abend vollkommene Ruhe. Aus der Umgebung der Stadt und insbesondere aus den Kolonien werden keinerlei Zwischenfälle gemeldet. Die Anordnungen der Polizei, die auf Grund de>s Belagerungszustandes getroffen wurden, werden von der Bevölkerung in völliger Disziplin durchgeführt, Die Polizei achtet streng darauf, dass die durch den Belagerungszustand bedingten Massnahmen befolgt werden Die Meldungen vom Donnerstag, dem 2 8. April, lassen gleichfalls eine durchgängige Beruhigung erkennen. Grössere Zwischenfälle waren im allgemeinen nicht mehr zu verzeichnen. Es kam nur zu kleineren Zusammenstößen. So wurden im Florentin-Viertel in Tel-Aviv drei Juden bei einem Zusammenstoß mit der Polizei nach Eintritt der Polizeistunde verletzt, In Jaffa wurde ein Jude von Arabern so schwer verletzt, dass er in" ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. Die arabische Zeitung „El Liwaa“ berichtet, dass drei jüdische Fahrgäste eines Omnibusses verletzt wurden. . Der Omnibus, der von Jerusalem nach Haifa fahren wollte, wurde in der Nähe von Nablus von Arabern angegriffen. Polizei nahm sich der Verletzten an und brachte sie nach Haifa. . Die Brandstiftungen haben noch nicht aufgehört. In Jaffa steckten Araber mehrere Häuser im Jüdischen Viertel in Brand. Auch ein Eisenbahnschuppen in Haifa wurde angezündet; Arabern für den Fall beizustehen, dass die moslemische Religion angegriffen werde. Araber versuchten, in Jenin eine Demonstration zu veranstalten. Um etwaigem polizeilichem Eingreifen vorzubeugen, schickten sie Frauen an die Spitze des Demonstrationszuges. Die im Hadassa-Gebäude in Hebron versammelten Juden aus Hebron und Umgebung werden von der Regierung auf ihre Kosten nach Jerusalem gebracht werden. Die Juden können in Hebron nicht mehr verpflegt werden, weil die Araber sich weigern, ihnen Lebensmittel zu verkaufen. Der Generalstreik, der von den Arabern verkündet worden ist, wird nunmehr auch in Jerusalem durchgeführt. Die arabischen Geschäfte sind geschlossen. Zwei arabische Journalisten, unter ihnen ein Redakteur der Tageszeitung „El Liwaa“, wurden von der Polizei festgenommen, weil sie versucht hatten, arabische Kaufleute einzuschüchtern, damit sie der Generalstreikparole folgen. Sie wurden jedoch nach Intervention der Mufti-Partei wieder freigelassen. Wie es heisst, sollen seit vergangenem Freitag dreißig Juden verhaftet worden sein. ebenso Getreidefelder der Kwuza Tel Josseff im Umfange von 100 Dun am. Ein offizielles Kommunique, das in der Nacht herausgegeben wurde, berichtet, dass keinerlei Veränderung der Situation erfolgt sei. Es wird festgestellt, dass in allen Bezirken bis 6 Uhr abends im allgemeinen Ruhe geherrscht habe und dass nur einige wenige Zwischenfälle vorgekommen seien. Der Belagerungszustand in Jaffa und Tel-Aviv wird noch aufrechterhalten. Anders lautende Gerüchte werden in dem Kommunique als grundlos bezeichnet. Die Regierung zieht Polizei und militärische Kräfte in Jerusalem zusammen, um den für Freitag erwarteten Ereignissen entgegentreten zu können. Die Regierung sandte auch besondere Beauftragte in die arabischen Dörfer in die Umgebung yon Jerusalem, die die Araber aufforderten, in ihren Wohnungen zu bleiben. Unbegründete Befürchtungen für den Freitag Glücklicherweise erwiesen sich die ,Befürchtungen, dass es am Freitag in Palästina zu grösseren Zwischenfällen kommen werde, nicht als stichhaltig. Insbesondere ist es auch in Jerusalem zu keinen Ausschreitungen und grösseren Demonstrationen gekommen, was angesichts der arabischen Agitation für wahrscheinlich gehalten worden war. Eine Prozession, die anlässlich des moslemischen Ruhetages am Freitag in Jerusalem bei der Grossen Moschee und der Omar-Moschee um 13 Uhr 30 Min. stattfand, ist ohne bemerkenswerte Ereignisse verlaufen. Der Zug der Betenden löste sich in völliger Ruhe und Ordnung auf. Demonstrationen wurden nicht veranstaltet. Die Regierung hatte ausserordentliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Schwer bewaffnete Polizei und mit allen modernen Waffen ausgerüstetes Militär war, in und in der Umgebung von Jerusalem zusammengezogen worden. Starke Patrouillen sicherten die Zugänge zum jüdischen Viertel und hielten vor und nach der Prozession die Ordnung aufrecht. Auch aus dem übrigen Lande werden keinerlei Zwischenfälle gemeldet. Der Sonnabend verlief gleichfalls, ohne dass sich im gesamten Lande grössere Zusammenstöße oder Brandstiftungen ereignet hätten. Ein von der Regierung herausgegebenes Kommunique teilt mit, dass nur in Tulkarem eine arabische Prozession aufgelöst worden sei. Dabei sind besonders zu erwähnende Umstände nicht zu verzeichnen gewesen. Auch die Brandstiftungen haben im grossen ganzen nachgelassen. Nachdem, wie bereits gemeldet, ein Eisenbahnschuppen in Haifa gestern in Brand gesteckt worden ist, wobei ein grosser Sachschaden entstanden ist, sind heute nur einige kleinere Brände auf Feldern in der Umgebung von Beisan und Nazareth, sowie im Süddistrik vorgekommen,. Unklare Lage Der Generalstreik dauert an. Er wird jedoch nicht überall in vollkommener Einheitlichkeit durchgeführt. In Jaffa sind mehrere einflussreiche arabische Kaufleute beim Distriktskommissar Crosbie vorstellig geworden und haben ihn gebeten, die Initiative für eine Verständigung mit den Juden zu ergreifen, damit der Streik, der sie ruiniere, aufhören könne. Auf der anderen Seite wird von arabischer Seite miitgeteilt, dass der Streik in der vergangenen Nacht auch auf die Verkehrsmittel in Haifa ausgedehnt worden sei. In Tel-Aviv wurden die Massnahmen, die auf Grund des Belagerungszustandes getroffen worden sind, teilweise abgeschwächt. Auch in verschiedenen Teilen der Stadt Jaffa ist der Belagerungszustand gemildert worden. Die Regierung hält jedoch alle Machtmittel bereit, um gegebenenfalls einschreiten zu können. Es wurden wiederum verschiedene Verhaftungen •vorgenommen. Auch der Sonntag verlief in ganz Palästina ohne wesentliche Zwischenfälle. Es wurden nur •kleinere Zusammenstöße sowie Brandstiftungen gemeldet. Im Emek Jisreel kamen nicht weniger als fünf Brände vor. Verschiedene Obstpflanzungen wurden zerstört. In Kibbuz Rodges und in Bet Alpha wurden Baracken angezündet. Bei Bet Alpha wurde Getreide auf 200 Dunam jüdischem Boden vernichtet. In der Altstadt von Jerusalem wurde ein jüdisches Restaurant angezündet. An der Peripherie von . Tel-Aviv, in Schechunat Marginia, Anzeichen der Beruhigung Das Böse Auge in Jerusalem Von M. Y. Ben-gavriel Jerusalem ist sozusagen eine moderne Sta.dt, wenn man den intensiven Gebrauch neuester technischer Errungenschaften in Betracht zieht. Aber, Jerusalem ist auch, und dies darf nicht vergessen werden, die Stadt der Gegensätze und überdies: das grösste und wohl reichhaltigste folldoristisclie Museum der AVelt, das lebende Völkermuseum schlechthin. Wie es eben eine Stadt sein muss, wo das vierzehnte Jahrhundert knapp neben der Moderne wohnt, wo es Gegensätze fast unvorstellbarer Art gibt wie etwa das Quartier Stanibulije und das Viertel Rehäviah. So ist es fast selbstverständlich, dass es in einer solchen, zu allem mit Religion und mit pararelfgiösen Elementen überaus gesättigten Atmosphäre, die die Atmosphäre von etwa zweite undvierzig Völkern und Sekten ist, Dämonen- .glaube, Dämonenabwehr und all das, was mau als Aberglaube schlechthin bezeichnet, in beträchtlichem Mass geben muss, in seiner Fülle aber überraschend deswegen, weil, nun eben weil Jerusalem sich all der modernsten Ergebnisse sozusagen aberglaubenfeindlioher Wissenschaft und Erkenntnis ohne Zögern reichlich bedient. Der Autolenker, der die Funktion des Dynamos, die Tatsache der Benzinverbrennung als Antriebquelle seines Fahrzeuges für selbstverständlich hinnimmt, wird sich aber vor den gefährlichen Folgen dieses technisch-chemischen Prozesses durch eine Schnur blauer Glasperlen, angebracht am Kühlerkasten, sichern, wie der Jemenite, der mit einer selbstverständlichen Handbewegung das Radio einschaltet, den Dybbuk aus dem Körper einer Wahnsinnigen unter altem, seit Jahrhunderten überlieferten Zeremoniell — wie es vor nicht allzu langer Zeit in einem Jerusalemer Jemenitenquartier stattfand —- austreibt, oder wie der Bauherr, der ein neues Haus mit allem Komfort der Neuzeit baut, schliesslich eine Schnur mit einem blauen Glasring und einem Knoblauch über den Eingang hängen wird, wenn das Haus fertig ist. Selbstredend birgt dieses Völkermuseum Jerusalem auch eine ungeheure Sammlung von viel gebrauchten Talismanen, Amuletten und allen Arten vorbeugenden wie auch heilkräftigen Dämonen-Abwehrmitteln. Es gibt ja nichts, das niciit gegen übernatürliche Einflussnahme geschützt werden müsste, kein Ding, kein Mensch, kein Haus und kein Tier. Glasperlen, zumeist blauer Farbe, am Hals des Menschen, am Kopf des Kamels, am Auto oder an der Maschine, schützen vor dem Bösen Blick, ebenso wie alle Arten von Schmuck in Hand- oder Halbmond- bzw. Sternform. Münzen am Kopf des Kindes zeugen vom (fiktiven) Verkauf des Kindes, um es vor Beschädigung durch einen die Mutter verfolgenden Dämonen —• Qarine- — zu schützen. Ist aber ein Mensch schon von einer Krankheit — also von einem Dämonen — ergriffen, dann geht man zwar — nicht immer, aber meistens — zum Arzt, bedient sich aber dennoch geschriebener oder gedruckter Amulette aus Papier, Holz, Tierknochen oder Metall, während andererseits Weizenkörner, Halbedelsteine und besonders Alaun, getragen am Kopf, an der Hand oder am Leib, nicht nur als Heilmittel, sondern auch als Schutzmassnahmen zu gelten haben. Die Zahl der gebräuchlichen Talismane (arabisch Hidjäb oder Titas in, bzw. Talsam, (hebräisch Qamea') ist unübersehbar und weder .nach Religion noch nach Nation geteilt. Die Gebrauchsgrenzen verschwimmen, und der Hilfesuchende greift gern gelegentlich auch in das Gebiet der Dämonenabwehr des. benachbarten Volkes. So besitze ich aus jüdisch-teimanischem Besitz einen kubischen Halbedelstein mit Münze, dessen Ecken abgeschliffen sind, wie ihn Kanaan (Aberglaube und Volksmedizin im Lande der Bibel, Hamburg 1914) als typisch arabisches Abwehrmittel gegen Druck für Schwangere und Gebärende anführt, während ich anderseits bei arabischen Frauen silberne Talismane kabbalistischer Art mit deutlich erkennbaren hebräischen Inschriften (zumeist das Notarikon eines Psalmes) feststellen konnte. In welchem Mass die Grenzen zwischen beiden Volksgebieten verwischt sind, zeigt schon die Tatsache, dass der Schutz gegen Angriffe von gefährlichen Mächten gegen Häuser hier wie dort auf fast gleiche Weise bewerkstelligt wird. Hier wie dort, bei Juden wie bei Arabern finden wir an Häusereingängen den „Lebensbaum“ oder das Fünffingerzeichen, zumeist den Abdruck einer in Farbe getauchten Hand, wie auch die Blau-Kalkung von Fenster- und Türumrissen und der Treppen. Als typisches Beispiel für die Bereitschaft, sich therapeutischer Wundermittel aus dem fiillii * j * MMW . - ■■ ' ämmmm Von links nach rechts: Blaue Perlen am Kamelkopf — Perlenschnur auf dem Kühlerkasten — Persisch-kabbalistische Armspange. Trägt in hebräischen Buchstaben das Notarikon eines Psalmes und den Namen der Besitzerin: Sarah bat michal. (Bemerkenswert: bat michal, also der MutUrname, wie er statt des Vaternamens beinahe immer in der Dämonenabwehr gebraucht wird.) — Münztalisman am Kopf. Das Kind ist „verkauft“ — Eine der interessantesten Sammlungen aller Arten von Dämonenabwehr an einem arabischen Haus in der alten Stadt. Nicht nur die Hand, sondern auch der Lebensbaum — oben ein doppelter Lehensbaum, wie er sehr selten vorkommt, und Kur’änsuren nebst dem Namen des Besitzers. Fot. M. Y. Ben-gavriel