Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 17 (23.4.1936)
- Date
- 1936-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Blich in Me Zeitschriften Vom Wert der Bibel Im Meinungsstreit über die Bedeutung des Alten Testaments für den christlichen Religionsunterricht bringt der Verein Deutscher Evangelischer Lehrerinnen in Nr. 4 seiner Zeitung „Die Evarrgelische Lehrerin" Gedanken über den Wert der Bibel, nach Darbietungen von Dr. Killinger (Kaiserswerth). In aller Kürze sollen hier die wichtigsten Sätze sestgehalten werden. „Die Angriffe, die man gegen das Alte Testament erhebt, sind Angriffe auf Gott und sein Wort. Es gibt auch schon seit langen Zeiten Angriffe, die unbedingt ernst zu nehmen sind. Sie richten sich nämlich gegen die Art, die Menschen des Alten Testaments als Heilige zu sehen. Wer auch für diese Art findet Killinger Verständnis: sie entsteht aus dem frommen, jedoch unbedingt gefährlichen Bedürfnis, die Menschen nicht so darzustellen wie sie sind. Dagegen darf man aus Jakob und Josef keine Heiligen machen. Die Bibel beweist ihre Echtheit und Wahrheit eben gerade dadurch, daß sie Menschen zeigt, wie sie sind — mit ihren Fehlern und Schwächen. Dann zeigt sie jedoch, was Gott aus diesen Menschen mit schlechten Anlagen macht. Man kann beruhigt sagen, dieses „jüdische" Wesen steckt in allen Menschen. Wozu sollen wir etwas verhüllen, was Gott selbst aufdeckt? Es ist trostreich zu sehen, wie aus Jakob ein Israel wird. Wir können den Kindern sagen: Jawohl, Abraham hat gelogen. Aber darin erschöpft sich nicht sein ganzes Leben. Denn Hagen können wir auch nicht nur nach seinem Mord an Siegfried beurteilen. Das Alte Testament will gar nicht in den höchsten Höhen schweben, es will nur Menschen schildern. Trotzdem ist es noch etwas Besonderes, zwischen ihm und den Mythen besteht doch ein gewaltiger Unterschied: Gott hat Menschen herausgegriffen, hat mit ihnen geredet, sie wurden vom Heiligen Geist ergriffen und mußten sprechen, was Gott ihnen gesagt hatte. Wie das aber geschah, ist das ewige Geheimnis. Weil Gottes Wort in ihm wirkt und sein Geist es bezeugt, merken wir auch seine Wahrheit. Dieses Gotteswort bezieht sich nicht auf die Zukunft, was wir unter „Prophezeien" meist verstehen. Die Propheten sprechen in die Gegenwart hinein. Durch sie spricht Gott zu den Völkern, mitten in das politische Leben. Jeremias wird von Gott ergriffen, er muß zum Geschehen seiner Zeit Stellung nehmen — unverstanden von der Volksmasse. Aber auch zur Vergangenheit spricht Gott, die Geschichtsbücher sind Gottes Wort aus der Vergangenheit. Die Schöpfungsgeschichte zeigt uns, außer Gott steht keine andere Macht am Anfang. Wenn das Weltbild der Bibel anders aussteht als unser Weltbild, wissen wir denn, ob unser Bild unbedingt richtig ist, vielleicht hat eine spätere Zeit eine andere Schau? Gott spricht zu den Menschen so, wie sie ihn verstehen können. Abram und feine Umgebung verstanden ihn. Gott hatte also für sie gesprochen und dennoch sind die Worte ewig, für die damaligen und heutigen Menschen haben sie denselben Wert. Die Abramsgeschichte 1. Moses 1l geht von denselben Voraussetzungen aus, die auch für unsere Zeit wichtig sind. Durch ihre Ahnentafel beweist sie den Wert des ewigen Blutstromes. Unbedingt etwas Wahres, ohne daß wir in den dämonischen Fehler verfallen dürfen, diesen Blutstrom Zu vergöttlichen. Aus Gottes Wort lernen die Kinder die Bedeutung der Ahnen, die sie auch einmal werden sollen, verstehen, sie begreifen den Zusammenhang nach vorwärts und rückwärts, sie wissen: dahinter steht Gott! Das jüdische Familieilleben hat den Zusammenhang mit den Ahnen bis in unsere Tage gerettet, fromme Juden haben den Segen in die Zeit des Fluches mit hinübergenommen. Die Berufung' Abrams! Aus einem Lande höchster Kultur zieht er weg, er trennt sich von seinem Blut, von feinen Stämmen, er lvill im „Elend" sein, in — wie es im Deutschen ausgedrückt wird — „aliante" im Auslande. Und warum? Nur weil er Gottes Stimme hört und ihr gehorcht, wagt er, was da auch kommen mag. Ihm wurden keine Reichtümer versprochen, er glaubt nur und handelt. In Aegypten sehen wir wieder den sündigen Abram. Er verzweifelt an Gott, sucht bei Menschen seine Hilfe. Aber bald kommt wieder das Große: Gott hilft dem sündigen Abram, der ein Mensch ist wie wir. In seinem Verhalten gegen Lot können wir den Kindern zeigen, wie hoch er über jedem materiellen Vorteil steht, wie Abram „nur" durch die Gottesverheißung glücklich ist. Die Rettung Lots, eine echte Kriegsgeschichte für Jungen, das wichtigste daran aber: die innere Haltung Abrams. Das größte Wort Gottes an uns und Abram ist die Opferung Isaaks. Abram hat nichts mehr in seiner letzten Not als die Gefolgschaftstreue dem unsichtbaren Gott gegenüber. Nicht die schauerlichen Einzelheiten brauchen wir den Kindern auszumalen, sie verstehen Abram, der Gott nicht versteht, der nur weiß: ich muß gehorchen! „So ist die Morijageschichte eines der größten Gottesworte nicht nur an Abram, sondern auch an uns. Denn wenn es nicht auch an uns gerichtet wäre, so brauchte die Geschichte nicht in der Bibel zu stehen." Der Jude im Anbruch des werdenden Staates In diesen Blättern haben wir sehr oft Gelegenheit gehabt, auf die erhebliche Bedeutung hinzuweisen, die die nationalsozialistische Geschichtsanschauung der Judenfrage beimißt. Im gegenwärtigen Prozeß der Umwälzung der bisherigen Anschauung der deutschen Geschichte erfährt demnach auch die Beurteilung der Rolle der Juden in der deutschen Geschichte eine vollständige Verschiebung, die geeignet ist, unsere Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Für heute ist zunächst von zwei Abhandlungen nationalsozialistsscher Historiker zu berichten, in denen jener Revisionsprozeß der bisherigen Anschauung an zwei besonders wichtigen Abschnitten der deutschen Geschichte vollzogen wird. (Beide Auffassungen sind an gemeinsamer Stelle niedergelegt, wodurch ihre innere Uebereinstimmung betont wird: „Nationalsozialistische Monatshefte", 7. Jahrg., Nr. 71.) Der Regierungsrat im Reichskriegsministerium, Dr. Walther K a y s e r, veröffentlicht einen Aufsatz „Marwitz und die unvollendete preußischdeutsche Erhebung", eine Vorstudie zu einem größeren Werk „Marwitz. Ein Schicksalsbericht arrs dem Zeitalter der unvollendeten preußischdeutschen Erhebung", das demnächst in der Hanseatischen Verlagsanstalt, Hamburg, erscheinen wird. Kayser geht von der Grundthese aus, daß die neuere deutsche Geschichte durch das bis zum Durchbruch der nationalsozialistischen Revolution unerfüllt bleibende Ringen um die endliche Volkwerdnng der Deutschen gekennzeichnet sei. Vom Zeitalter der Reformation und des Bauernkrieges bis zum Zeitalter des Nationalsozialismus stehe schicksalhaft hinter allen Ereignissen und Gestalten der deutschen Volksgeschichte "die unerfüllte Sehnsucht, der unvollendete Kampf um die deutsche Volkwerdung. Zweimal hätten diese Sehnsucht und dieser Kampf die deutsche Nation mit der Naturgewalt einer das deutsche Leben in allen seinen Tiefen erfassenden Bewegung ergriffen: einmal im Zeitalter der Reformation und des Bauernkrieges, zum anderen im Zeitalter der preußisch-deutschen Erhebung. Beide Male sei das Endziel der revolutionären völkischen Bewegung infolge einer verhängnisvollen Zwiespältigkeit unerreicht geblieben. Kayser wendet sich sodann gegen die Auffassung der bisherigen zünftigen Geschichtfchreibuug, die jenen schicksalsschweren Zeitraum zwischen 1805 und 1815 überwiegend nach chen national-liberalen Gesichtspunkten der Reichsgründungszeit im 19. Jahrhundert betrachtet habe. Jene unvollendete preußisch-deutsche Erhebung müsse als eine unerfüllt gebliebene völkische Aufbruchsbewegung gewürdigt werden. Man müsse die Menschen und Kräfte jener Zeit danach unterscheiden, ob sie Freunde oder Feinde des neuen völkischen Staatsdenkens waren. Die Unterscheidung der politischen Kräfte des Erhebunaszeitalters nach ihrer völkischen und nichtvölkischen Tendenz führe zu folgender neuer Gegenüberstellung.' Man sehe auf der einen Seite die Idee der völkischen Staatsreform, verkörpert in der Gestalt Scharnhorsts, in den Gestalten Steins, Marwitzens und Jahns, in den Gestalten Fichtes, Arndts und Kleists. Und man sehe auf der anderen Seite den Staatskanzler Hardenberg als Gegner und Zerstörer der völkischen Staatsreform: man sehe das die gesamte innerdeutsche Entwicklung von 1810 bis 1933 schicksalhaft bestimmende bürokratisch-kapitalistische „System Hardenberg", das die verschiedenartigsten liberalistischen und reaktionären Triebkräfte in sich vereinige, von dem Wirtschaftsindividualismus Schöns'und dem Bildungsindividualismus Humboldts bis zur Polizeistaatsdespotie Metternichs. „Welche Darstellung des Zeitalters der preußischen Reformen", so fragt Kayser in diesem Zusammenhang, „untersucht die Stellungnahme der führenden Männer zum Judentum, zur Freimaurerei, zum PolitisckM Katholizismus? Diese Fragen existieren scheinbar nicht. In Wirklichkeit bewegten sie die Männer der Erhebungszcit tiefgehend und leidenschaftlich. Wer hat uns bisher zur Darstellung gebracht, daß Stein sowohl wie Marwitz uno Jahn überzeugte und entschiedene Gegner der Politischen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung der Juden, des unsichtbaren Einflusses der Freimaurerei, des geistigen Herrschaftsanspruchs der römischen Kirchenpolitik waren? Und wo ist entsprechend zum Ausdruck gekommen, daß, in schroffem Gegensatz zu Stein, Hardenberg in Uebereinstimmung mit Humboldt die geistige und wirtschaftliche Vorherrschaft des Judentums in Preußen-Deutschland begründete, den Vorstellungen freimaurerischer Humanität folgte und sich durchaus unbefangen und unbeschwert im Zeichen der Restauration mit dem politischen Katholizismus Metternichts verbündete, während Metternich ebenso leichten Sinnes die Vorstellungen der römischen Kirche in praktischer Bundesgenossenschaft mit Freimaurern und Juden vertrat?" lieber Marwitzens Kampf gegen Hardenberg bemerkt Kayser: „Er bekämpfte in der Person des Staatskanzlers das System volksfremder Regieriuigsdespotie und vvlkszerstörender Geldherrschaft, und er erblickte hinter Hardenbergs System die unheimlichen anonymen Gewalten des internationalen Finanzkapitals im Bunde mit Judem tnm und Freimaurerei, der verderbenbringenden allgemeinen Verstädterung und Verjudung Preußens" Geisteswende in Frankreich In einem Aufsatz „Französische Jugend" („Deutsches Volkstum", 18. Jahrgang, Nr. 1) hat Karl-Heinz Bremer eine vorzügliche Studie über die Entwicklung der Geisteshaltung, die bei der gegenwärtigen jungen Generation Frankreichs hervortritt, veröffentlicht. Die französische Jugend der Vorkriegszeit — so führt er aus — kannte vor allem politische Parteienkümpfe: die Probleme der Dreyfus-Asfäre bestimmten auch ihr Gesicht. Sie war in zwei Lager gespaltet Laizismus, Demokratie und Republik gegen Katholizismus, konservative Reaktion und Monarchie. Der Antiklerikalismus siegte, und mit dem Kriegsausgange wurden Demokratie und Republik fester denn je konsolidiert. Indessen tauchten Probleme auf, denen die alten Parteien, Trennungen und Schlagworte nicht mehr, gerecht werden konnten: Krieg oder Frieden (Nationalismus und Internationalismus), die Wirtschaftskrise (Krise des Kapitalismus, Liberalismus und Marxismus), die soziale Not der Jugend, die sie in allen Kreisen traf und allmählich zusammenschmiedete. Weil nach dem Kriege keine Erneuerung durch jüngere Männer und keine Auffrischung durch jugendlichen Geist erfolgte, begriff die französische Jugend seit 1919 langsam, daß das alte System blutleer und ohne wahre idealistische Weltanschauung war. Gemeinsame Not führte sie zur gemeinsamen Aktion gegen das alte System und den individualistischen Liberalismus, und sie bedingt auch die hier und dort auftretenden Zeichen eines wachsenden Antisemitismus (besonders bei den Studenten). Der gesamten Nachkriegsjugend war daher die Entwicklung zu antibürgerlichen, antikapitalistisch-sozialistischen Gedanken und zur Kampfstellung gegen den Opportunismus gemein: die Jugend wollte bewußt revolutionär sein. Seit 1933 besteht der „Neosozialismus", den viele als „Faschismus der Linken" bezeichnen. Der Neosvzialismus versucht, dem Sozialismus seinen marxistis ch-internationalen, klassenkümpferischen und volkszerstörerischen Charakter zu nehmen, um aus ihm eine volksverbindende, national aufbauende Weltanschauung zu machen: Ordre-Autorite-Nation sind seine Schlaglöorte. Alle Jungen — fährt Bremer fort — sind antikapitalistisch und fordern eine neue speziale Gerechtigkeit, die meistens auf ständischen und korporativen Gedanken begründet werden soll. Sie sind sozialistisch, aber gegen den Klassenkampf, sie kärnpfen für einen neuen Idealismus, gegen den Materialismus. Wesentlich ist es jedoch, daß das Ringen der Jugend um französische weltanschauliche und politische Erneuerung, trotz des steten Blickens nach dem Auslande, nie zum Rufe nach einem totalitären politischen System geführt hat: auch die politisch-weltanschauliche Einheit glauben sie allein durch Aufrechterhaltung der Freiheit für die verschiedenen politischen Kräfte erreichen zu können. Die französische Jugend betont stets die Achtung und Wahrung der „Ubertes äemoeratiguss", den sie erkennt in den Grundfreiheiten die Grundwerte des französischen Denkens, die ein politischer und weltanschaulicher Neubau nicht außer acht lassen darf. Das allgemeine Sträuben gegen Totalität erklärt sich aus der Tradition des 'französischen Geistes, die auch von der I irgend anerkannt wird, besonders aus der Tradition des Humanismus und des Christentums. Gerade die Forderung nach einer Er-» Neuerung des Humanismus ergreift immer weiters Kreise der Jugend aller politischen Färbungen. Er ist eine Weltanschauung, die alle durch Materialismus, Kapitalismus, Kommunismus und politische Auflösung zugeschütteten Werte des Menschen wieder freilegen und den wirklichen Menschen, die freie Persönlichkeit, als Grundlage für Denken und Handeln erziehen will. F. F. Zum Andenken von George A. Kohut haben 44 namhafte jüdische Wissenschaftler, vor! allen: Amerikas, einen Band „Jewish Studies^ mit 727 Seiten englischen, 148 Seiten hebräischen Materials aus den verschiedenen Gebieten jüdischer Wissenschaft in New-Pork heraus«» gegeben. Den Anfang macht Stephan S. W i s e mit einer Biographie, den Schluß die 411 Prosaarbeiten, 208 lyrische und 16 herausgeberische Arbeiten des Verstorbenen umfassende Bibliographie. Konzerte und Vorträge in Berlin und im Reich Sonntag abend sang Beatrice Freudenthal-Waghalter zum ersten Male vor dem Berliner Kulturbund-Publikum. Man weiß nicht recht: ist sie eigentlich eine Bühnensüngerin oder eine Chansonette. Sre beherrscht offenbar alle Variationen des Kunstgesanges. Was man sicher weiß, ist: sie ist eine Künstlerin von großem Format und eine Frau von warmem Gefühl, klugem Verstand und gepflegter Schönheit. Sie singt zunächst Volkslieder aus allen möglichen Ländern Beatrice Freudenthal-Waghalter FoL Frau Kikoler, Berlin „ ' i in italienischer, spanischer, tschechischer und auch deutscher Sprache, und inan wünschte manchmal, daß sie diese Lieder etwas einfacher und weniger dramatisch nähme. Erst im zweiten Teil, bei Chansons und Operettenlredern, fand sie den vollen Kontakt mit dem Publikum, das auch hier die Vielseitigkeit ihres sprachlichen Könnens neben der sehr schönen Stimme und dem temperamentvollen Vortrag bewundern konnte. Hier offenbarte sie einen köstlichen Humor, besonders in den drei Chansons „dlous resterons ober: nous", „Du paßt so gut zu mir" und „I raiseä wv bat", in dem sie sich bis zu burlesker Komik lockerte. Die Innerlichkeit ihres Wesens aber kam am stärksten im dritten Teil zumAusdruck: Jüdischen Liedern und zwar besonders in dem Ghettolied ihres Vaters Ignatz Waghalter (von dem sämtliche jüdischen Lieder überarbeitet waren). Es war nicht nur die Verbundenheit mit dem Inhalt, die das Publikum hier begeisterte, sondern die Innigkeit des Vortrags, die Beseeltheit des Ausdrucks, die die fröhliche Stimmung förmlich in Andacht wandelte. Leo S ch ö n b a ch begleitete Beatrice Freudenthal-Waghalter mit sehr feiner Einfühlung. Wir wünschen ihr, die auf vielen Bühnen des Auslandes schon Erfolg gehabt hat, daß sie beim nächsten Male ein größeres Publikum in Berlin vorfinden möge, das sicherlich ihre Freude, in ihrer Heimatstadt Berlin zu singen, durch die Freude am Genuß ihrer Kunst erwidern würde. Dr. M. E. Das Programm eines Konzerts von Paula Salomon-Lindberg und Wilhelm Guttman n muß als vorbildlich bezeichnet werden, weil es künstlerisch kompromißlos und apart und dabei publikumswirksam war und jüdischen Komponisten Raum gab. Die große Wirkung ergab sich nicht aus der klanglichen Harmonie der beiden Stimmen, sondern im Gegenteil aus ihrer Verschiedenheit in Typ und Charakter. Paula Lindberg brachte als Wesentlichstes Schumanns „Frauenliebe und Leben". Subjektive Auffassling mochte sich da manches leidenschaftlicher, überschwänglicher denken, aber jedenfalls wird man den Zyklus kaum edler, stiller, kümmermusikalischer hören können. Den Wolf-Liedern war die Künstlerin eine vertiefend gestaltende Interpretin. Wilhelm Guttmann war besonders bei den Rumänischen Volksliedern von Sekles in seinem Element. Was er aus diesen an sich ganz überlebten Stücken machte, war außerordentlich. Hier wurde ein Höchstmaß an dramatischer Verve eingesetzt. Beim lustigen Kehraus (Kanons von Kahn) hatten die Künstler ein entzücktes Publikum vor sich. Am Flügel der ausgezeichnete Rudolf Schwarz. L. A. In einem Hauskonzert in Wannsee spielte Basia P o l i s ch u k die zweite Violinsonate von Brahms, mit sauberem Ton, vertraglich mit ruhiger, beherrschter Geste, so daß in hohem Maße das Klassische in Brahms betont wurrde. Eine erfreuliche Leistung. Als sicherer Spieler und Begleiter betreute Waldemar Liachowski den wichtigen Klavierpart. Alice Hanues-Cassirer hat eine hübsche, sympathisch klingende Stimme und könnte sich ruhig eine freiere, ungehemmtere Gestaltung zutrauen. Auch Susanne K u z n i tz k i hat Material; Technik und Darstellung sind aber noch völlig unzulänglich. Der Rezitator Fritz Eisenb e r g hatte mit allerlei Ernstem und Heiterem Beifall. Es wirkten noch Regina Jonas (Pessachbetrachtung), Kantor W e ch s e l m a n n, der Cellist M a n e r y k und der Pianist Sabel mit. L. A. Der erste „B unte A b e n d" des Kulturbundes Breslau gab einer Reihe einheimischer Künstler Gelegenheit, wieder vor das Publikum zu treten. Der erfolgreiche Abend war der heiteren Muse gewidmet und sollte ein Ansporn für weitere ähnliche Veranstaltungen sein. Leo Lenne r las aus eigenen Dichtungen, die dem Rahmen eines Kabaretts gut angepaßt waren. Auch Erich G u t t st a d t stellte sich mit zwei launigen Szenen als Dichter vor. In der „Ballbekanntschaft" (mit Ursel Berliner) als flotter Abenteurer, im „Antrag" (mit Joseph Halpern) als Pallenbergtype verhalt er ihnen zum darstellerischen Erfolg. Ursel Berliner brachte noch eigene „Kinderszenen" und war darin originell und reizvoll. Lotte Schwarz (Rosenbaum) stellte ihre wertvollen künstlerischen Fähigkeiten auch in den Neumannschen Parodien, die viel Heiterkeit hervorriefen, ' unter Beweis. Lotte Lausers klarer und mit voller künstlerischer Feinheit durchgebildeter Koloratursopran konnte sich in einer Arie aus dem „Barbier" und einem Walzer aus der „Boheme" gut entfalten. Rosel Gerstel (Albach) schwelgte in Wiener Melodien. Ihr „Wiener Bilderbogen" war im Ausdruck und im Gesang von bekanntem Temperament und echtem, künstlerischem Leben. Egmont Pollak begleitete am Flügel mit verständnisvoller Sorgfalt und holte sich mit Solovorträgen lebhaften Beifall. . Die Tanz-Kapelle „EJO" musizierte diszipliniert und war sehr vielseitig. Joseph Halpern conferierte gefällig und mit unaufdringlichem trockenen Humor. Schw. Der Jüdische Musikverein Breslau hat mit der Verpflichtung Chemja W i n a w e r s und seiner Sänger abermals bewiesen, daß er sich seiner verantwortungsvollen Aufgabe, Altes und Neues, Allgemeines und Jüdisches zu pflegen, wohl bewußt ist. Winawer hat die schönsten ihm verfügbaren Männerstimmen zu einem Ganzen vereint, das in Bezug auf Reinheit der Intonation, auf Modulationsfähigkeit und rhythmische Energie — trotz gelegentlicher Ueberspitznng ins Artistische — nicht so bald ein Seitenstück anfweist, im Bezirk unseres jüdischen Kunstlcbe::8 aber ohne Zweifel eine einmalige Erscheinung ist. Das Programm nannte synagogale Gesänge sowie Volkslieder der Chassidim und aus Palästina. Manches davon kannte man auch hier, aber erst jetzt lernte man es wahrhaft kennen. Denn Chemja Winawer ist ein Meister der Chorerziehung; alles, was er, vom gehauchten Pianissimo bis zum brausenden Forte, aus seinen Sängern heraushvlt, dient nnr dem einen Ziel: die tiefe religiöse Weihe, die oft unergründliche Mystik und die lebensbejahende Kraft dieser Gesänge dem Hörer nahezubringen. Hki. Im Jüdischen Kulturbund, Königsberg (Pr.) spielte das Kroyt-Quartett (Boris Kroyt, Charlotte Salvmvnski-Rosen, Werner Lywen, Gottfried Zeelandcr) herrlich aufeinander abgestimmt und eingespielt, Haydn, Schubert und Borodin. Wer vermag es, den Charakter jedes einzelnen Komponisten so klar herauszubringen wie diese vier Künstler? Für viele Hörer wird das Notturno-Andante aus Borodins Quartett v-äur der Höhepunkt des Abends gewesen sein. Das Publikum hörte mit andächtigem Entzücken zu, und der spontane Beifall kam jedem aus dem trefsten Herzen. I.lvlr. Der Jüdische Kulturbund Rhein-Ruhr bot seinen Mitgliedern unter anderem einen Abend „Kleine Kunst großer Leute", der von den Erlebnissen des Tages zu harmloser Heiterkeit wegführte. Willi Prager verzichtete in seiner Conference allerdings nicht auf die philosophischbesinnliche Note, die ihm „seinem" Publikum seit langem wert macht. Mit immer gleicher Freude und Herzlichkeit wird im Rheinland Alfons Fink begrüßt, der in einer lustigen Szene, die er schrieb, und mit Alfred Berliner (Balthoff) frisch herunterspielte, großen Beifall erntete. In ihren Struwwelpeter-Szenen und Chansons hatte Gerda K o e p p l e r Erfolg, die indessen in ihrem Programm das parodiftische Element stärker be-