Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 17 (23.4.1936)
- Date
- 1936-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Postschluss für Sendungen nach Uebersee , ■- ‘(Wird wöchentlich-mitgeteilt) Nordamerika (New York) 23. 4. ab Berlin (Schiff 24. 4. ab Bröhen •) an 30. 4, Mw York 27. 4. „ ( ,, --29'. -4. j,: Southampton) „ 5.5. „ „ 1. 5s. „ ( „ 2. 5. „ Bremen ) ' v.-v 8. 5. „ 4. 5. „ „ ( ,, 6. 5. „ Be Havre- ) „ 11. 5. „ Südamerika (Rio de Janeiro, Buenos Aires, Sao Paulo, Santos usw.) - a) Seeweg " ' V - ’ 25. 4. ah Berlin (Schiff 29. 4. ab Lissabon). 1 än 11.-5. Rio;-15, 3. Buenos Aires - . 29.. i.t 2. 5. „ Neapel. „ 14. 5. „; 18. 5. „ „ . , „ X, > <;f„ ■ -s.-5. „ Lissabon) 18. h.< „;,22. 5. ... b) Luftweg - ■ ■■■ ‘ '' 1 . ‘‘ "" ' Postschluss “i Berlin-, Postamt C 2: Jeden Mittwoch 21 Uhr (Deutsche Luftpost) Laufzeit 3 Tage Jeden Sonnabend 9 Uhr (Französische Luftpost) „ 5 „ Postschluss in F r a n k f u r t a. M. , Bahnpostamt 19 oder Flughafen: ' Jeden- Mittwoch 24 Uhr (Deutsche Luftpost) Jeden Sonnabend 13 Uhr (Französische Luftpost) - Einwurf ah anderen Orten je 1 Tag früher. . Südafrika (Kapstadt, Johannesburg) . ' a) Seeweg 26. 4. ab Hamburg (Schiff 29. 4. ab Marseille ) Laufzeit ca. 15 Tage 29. 4. „ Köln ( „ .. 1. 5. „ Southampton) ...... „ „ 15 „ 7. 5. „ Köln ( „ 8. 5. „ Louthamplon) „ „ 15 „ b) Luftweg Postschluss'in B e r 1 i n , Postamt C 2. Jeden Mittwoch und Sonnabend 10 Uhr 15 Min. ' Laufzeit 8—9 Tage Einwurf an anderen Orten und Postänstalten je 1 Tag früher. Palästina ä). Seeweg. - 26. 4. 9 Uhr 30 Min. ab München; 24. 4. abends ab Berlin (Schiff 28. 4. ab Piräus ) 29.4. „ ,, ,, ,, „ „; 27.4. „ „• „ '( 30.4. „ Brindisi) l-o. „ ,, „ „; 29.4. „ „ „ ( „ 3.5. „ Neapel) - b) Luftweg (bis Jaffa) Postschluss in B e r I i n , Postamt C 2: Jeden Mittwoch, Donnerstag, Sonnabend, Sonntag früh. Laufzeit 2 Tage. Einwurf an anderen Orten und Postanstalten je 1 Tag, früher. Fremdsprachen, Welche für die Auswanderung Von Bedeutung sind. Vor. Die im Grund- und Haupt-, schulunterricht tätigen Lehrkräfte werden Vom Staat Vertragsmäßig angeftellt. Für die Kostey des Ergänzungsunterrichts haben die Erziehungsberechtigten zusammen mit den jüdischen Gemeinden aufzukommen. In Verhandlungen wirdeine ähnliche Regelung für die übrigen hierfür in Frage kommenden badischen Gemeinden erstrebt. ' - stg.!- C.-V.-Arheit in OstpreusSeri Auf einer, Bezirkstagung des Lande § Verbandes L ft p t e n ß e it des E. - V. in Königsberg sprach am 19. April der Mitarbeiter der Berliner Geschäftsstelle Dr. Adolf Rubinstein über „Das Berufsleben der Inden". Fern einem lebensfremden Optimismus, aber klar und grundlegend, erörterte der Redner die Gedanken, die uns bei der Beratung in den Hauptproblemen leiten. Beherrschend ist die Verantwortung für die Gesamtheit; denn die ganze Gemeinschaft wird dort mitbetrosfen, wo der einzelne nur sein eigenes Schicksal sieht. Der Syndikus des Landesverbandes, Dr. Max An.gerthal, sprach über einzelne Sondergebiete der Tätigkeit des C.-V. in Ostpreußen und über die in letzter Zeit begonnene Bildungsarbeit für die Mitglieder in Königsberg, die die Mitglieder zur Teilnahme an der Pflege des jüdischen Lebens im Geiste gesamtjüdischer Haltung befähigen soll. Der Vorsitzende des Landesverbandes, Sanitätsrat Dr. Pollno w, der die Tagung leitete, gedachte eingangs in ehrenden Worten Ludwig Holländers. Der Besuch der Tagung aus Stadt und Provinz war sehr befriedigend. Dr. Rubin stein (Berlin) sprach ferner in den Ortsgruppen M a r i e n b u r g (am 18. April) und T i l s i t (am 21. April). In R a st e n b U r g und L ö tz e n fanden Einzelberatungen statt. Schachaufgabe Nr. 62 von Dr. M. Lewltt Weiß am Zuge gewinnt; Weiss: Kf3, Bb2, b5, h6 (4) Schwarz: Ka5, Lb6 (2) * Am 1. April 1936 verstarb nach längerem Leiden im 73. Lebensjahre Sanitätsrat Dr. Moritz Lewitt in Berlin. Mit ihm verliert die Schachwelt eine bekannte und geschätzte Persönlichkeit. In seinen jüngeren Jahren war er ein Schachspieler von beträchtlicher Stärke, der an der Humboldt-Hochschule Schachlehrkurse gab. Sein Haupterfolg auf schachlichem Gebiet war die Komposition von Endspielstudien, und seine Probleme, etwa 260 an der Zahl, sind wohl in fast allen Schachzeitungen des In- und Auslandes erschienen. — Die obige kleine, gefällige Studie ist erstmalig vor drei Jahren in der Schweizerischen Schachzeitung gebracht worden. — Um den Werdegang der Berliner Schachgesellschast hat sich der Verstorbene große Verdienste erworben, deren langjähriger Vorsitzender und langjähriges EhrenmiMlieo er war. P. R. Wochen vor Chanukka oder vor. Purim durch Unsere Schulklassen ging, der wird sich vielleicht eher in eine Werkstatt als in eine Schule versetzt gefühlt haben: Ueberall wurde oft mit dem primitivsten Material eifrig gebastelt, geschnitten, genäht, geklebt, geformt, gemalt, um die der Schule 'oder vor allem den Eltern zugedachte „lieber-. räschüngC rechtzeitig fertigzustellen. '.' 'Die Form der „Ueberraschung" nun scheint NM-eine wertvolle Brücke zwischen Schule und E l t e r n h a u s darzustellen, eine Brücke, die wir fast bei jedem jüdischen Feiertag benutzen, um Zugang zu gewinnen zu den Eltern unserer Kinder. In einem Elternabend am Ende des Sommer- Halbjahres richteten wir den ernsten Appell an die Eltern, durch eine absolut ernsthafte Einstellung zur Schulordnung und Schulzucht mit dazu-beizutragen, die Würde der Schule'und die Ärmlichkeit ihres Charakters vor sich -selbst, vor den Kindern und vor der jüdischen Oefsentlichkeit zu wahren und so die von der Schule unnachsichtig zu fordernde Boraussetzung für «in gedeihliches Zusammenwirkenvon Schule und Elternhaus zu 'schassen. Heute können wir mit Befriedigung feststellen: .Nicht nur in den schultechnischen Belangen, nein,-weit darüber hinaus in bezug auf chen Wesenskern unserer Arbeit sind wir bei allen -Eltern a-st soviel Verständnis, ja vielfach auf soviel persönliche Einsatzbereitschaft gestoßen, wie wir es vor einem Jahr kaum zu hoffen wagten. Aehnlich harmonisch gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den anderen Instanzen, Organisationen und Einzelpersönlichkeiten in der'Gemeinde: Wir denken zunächst daran, wieviel Verständnis der Gemeindevorstand unserer Arbeit dntgegenbrachte. Und wenn wir es auch mit Vorbedacht vermeiden, Namen zu nennen, so : müssen wir hier eine Ausnahme machen und den Namen des Mannes erwähnen, der uns unermüdlich jederzeit zur Seite stand: des Vorsitzenden der Gemeinde, „unseres" Geheimrats Falkenheim. Nur wer einen tieferen Einblick in die Dinge hat, kann ermessen, mit welch jugendlichem Eifer, mit welch bewunderungswürdiger Einsatzbereitschaft bis in die jüngste Zeit hinein der fast Achtzigjährige unserer Schule aus so manch einer kritischen Situation herausgeholsen hat. — Wir denken weiterhin an die Opferwilligkeit des S ch u I * Vereins und das vertrauensvolle Verhältnis zu den Jugendbünden aller Richtungen. So entstand, abseits vom innerjüdischen Parteienstreit,, ein pädagogischer Bezirk, in dem man ein Schulwerk von der bloßen Organisation zum lebendigen Organismus umwandeln konnte, der unseren Kindern den Weg wies, wie wir ihn in unserer Peßach-Hagada vorgezeichnet finden: „Aus der Knechtschaft zitr Freiheit, aus Kummer zur Freude, aus der Finsternis zu hellem Licht..." Einrichtung jüdischer Schulen in Baden Der badische Minister des- Kultus und Unterrichts hat sich damit einverstanden erklärt, daß die bisher als Klassen der allgemeinen Volksschule geführten jüdischen Schulklassen in Mannheim, Heidelberg und Bruchsal zu abgeschlossenen jüdischen Schulen ausgebaut werden. . Der Unterricht in diesen jüdischen Schulen wird bereits in den allernächsten Tagen ausgenommen. In Aussicht genommen sind zehnklassige. Schulen mit Befreiung der Schulbesucher vom Besuch der allgemeinen Fortbildungsschule. - Neben Hebräisch sieht der Unterrichtsplan Aus den Familien Rechtsanwalt D. Aschkanasy (Königsberg) verschied nach langem schweren Leiden am 19. April. Der Verblichene war viele Jahre einer der gesuchtesten Strafverteidiger des Ostens, der durch die wissenschaftliche Fundierung seiner praktischen Tätigkeit sich einen Namen weit über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus erworben hat. Rechtsanwalt Aschkanash gehörte einige Jahre dem Vorstand des Landesverbandes Ostpreußen des Central-Vereins an und hak ihm seinen Rat stets gern zur Verfügung gestellt. Wir werden ihm ein ehrendes. Andenken bewahren. -V David Behrendt (Beuthen, O.-S.), Mitglied des oberschlesischen LaNdeSverbandsvorstandes des Central-Vereins, wurde am 13. April 70 Jahre alt.. — Markus Beuthn e r (Beuthen, O.-S.) feierte am 14. April seinen 80. Geburtstag. — Frau Golde Feldberg geb. Selig (Berlin W 30) vollendete am 18. April ihr 90. Lebensjahr. — Frau Amalie Vasen (früher Krefeld, jetzt Berlin) wurde am. 22. April 90 Jahre alt. — Max Schweitzer (Dresden) begeht am 25. April seinen 80. Geburtstag. — Frau Moses Schwabe (Jever i. O.) vollendet am 26. April ihr 80. Lebensjahr. — Jakob Frankenberg (Krefeld) feiert am 30. April seinen 80. Geburtstag, — Frau Lina Habermann geb. Löwenstein wird am 2. Mai 70 Jahre alt. — Isidor Jsagksotzn und Frau Hulda geb. Laster (Berlin-ChaÄottenburg) feiern am 5. Mai das Fest der goldenen Hochzeit. — Frau Doris G r on a u geb. Levh (Berlin-Wilmersdorf) verschied im 63. -Lebensjahre. — Frau Johanna Friedländer geb. Gronau (Berlin-Charlottenburg) starb im 44. Lebensjahre.'- Joses Heine m a n n (Düsseldorf), der Seniorchef der Niederrheinischett Margarinewerke Josef Heinemann in Neuß, wird am 25. April 70 Jahre alt. Josef Heinemann ist seit Jahrzehnten Mitglied and eifriger Förderer der Ortsgruppe Düsseldorf des Central-Vereins.. Lehrer Ferd. Stern .(Frankenberg, Eder), der Inhaber der dortigen Volksschule, blickt am 1. Mai auf eine 25jährige Tätigkeit im Lehramt zurück. Sunitätsrat Dr. Gossels feiert am 4. Mai sein goldenes Doktorjubiläum. Lösung der° Aufgabe Nr. 60: 1. Sd5—b4, (drohend 2. 81)4—a6 matt) ... , LelXM, 2. Df8—f2 matt ... , Lh5—f7f, 2. Se7—da matt . . . , Th7Xe7, 2. Df8—e7 matt ... , Kc5Xb4, 2. Se7—c6 matt 1. Df8—b8 scheitert an Lho—e8! Lösung der Aufgabe Nr. 61: 1. e4—eö, f6Xe5; 2. Tc6—b6, eö—e4: 3. Tb6—b3f, a4Xb3; 4. Db7Xe4, b3—b2 matt. * Richtige Lösungen der Aufgaben Nr. 60 und 61' gingen ein von: Gustav Lewi, Rechtsanwalt Ludwig Mayer (Berlin), Siegmund Austerlitz (Gießen), Dr. med. I. Meyerhoff (Rotenfels), Rechtsanwalt Dr. Ernst Boehm (Brieg), Tierarzt Max Koschminski (Landsberg), Hans Steinberger (Bayreuth). Gottfried Gumbel (Stuttgart), Max Pniower (Hindenburg), Dr. med. Oster (München). Weitere Lösungen der Aufgabe Nr. 60 von: R. Liebert, Arthur Friedländer, Walter Joelsohn, Rechtsanwalt Dr. Herbert Fraenkel (Berlin), Dr. med. Hans Schlesinger (Mannheim), Rabbiner Dr. Tänzer (Göppingen), L. Mehrländer (Konstadt), Jacob Baumann (Köln), Georg Arnheim (Spandau), Lothar Schönthal. Karl Bechhöfer (Nürnberg), Otto Spanier' (Bünde i. W.), Frau Tilde Adler (Landsberg), Dr. med. Erich Kaufmann (Elsen-Grevenbroich), Mux' Lehmann (Nördlingeu), Adolf Schück (Breslau), Michael Levh (Krefeld). Weitere Lösungen von Nr. 59 gingen noch ein von: Michael Levh (Krefeld), M. Hehnemann (Düsseldorf), Rechtsanwalt Ludwig Mayer (Berlin). * W. 238. (Berlin). Ihr erster Versuch ist leider nicht druckreif. Namensänderung des BDJJ Der Bund Deutsch-Jüdischer I u *: geud hat seinen Namen in „Der Ring, Bund jüdischer Jugend" geändert. Ne Mittel für den Unterricht werden aufbringen können. Die Kinder werden eben runter nach Thorn in die Jüdische Volks-, schule gehen müssen." - Diese so vorsichtig wie möglich vorgebrachte Eröffnung war ein unüberwindlicher Schlag für den alten Mann, der sich nicht vorstellen konnte, was er ohne die täglichen'Pflichten beginnen sollte. Mit müden, trüben, tränenden Augen sah er den bekümmerten Gemeindevorsteher an.; „Machen Siesich mal keine Gedanken, lieber Freund", fügte er tröstend hinzu, ^solange ich hier bin, wird für Sie gesorgt werden." * " Die Mehrzahl der jüdischen Männer von Unterzoßnitz war während der Woche unterwegs. Sie handelten mit Kurz- und Miänu- . fakturwaren, mit Kämmen, Spiegeln, Knöpfen, Bändern und Stoffen, mit Vieh und Getreide. Die übrigen teilten sich in die Berufe des Schlächters, Bäckers, Schusters Und Schneiders und erwarben so ihren kärglichen Verdienst. Viele in dieser alten, immer mehr zusammenschrumpfenden Gemeinde waren mehr oder weniger miteinander verwandt, was zu mancherlei Streitigkeiten und Eifersüchteleien führte. In (einer jener schmalen Gassen von Unterzoßnitz, wo die meisten Vtenschen so altersgebeugt waren wie die einstöckigen Häuschen, die sich am Rande des holprigen,' mit Moos und Gras Überwucherten Kopssteinpflasters. mühsam aufrechterhielten, wohnten beispielsweise nicht weniger als vier Familien W'reschner. Diner dieser Wreschners vertrat ein Unternehmen, das sich mit der Herstellung eines angeblich garantiert geruchlosen Rasierpulvers beschäftigte. Ueber mangelndes Einkommen konnte er nicht klagen. Er ließ, sogar einen Sohn ein Internat in Breslau besuchen. Aber ein tiefer Schmerz wühlte in seiner Brust: daß er . es noch nicht zum Gemeindevorsteher gebracht hatte, wo doch der Loewenthal, der um Iiaarez schon zum drittenmal zum zweiten Parneß gewählt wurde, und zwar gegen die Gemeindesatzungen. Es war keineswegs Bedürfnis nach religiöser Pflichterfüllung, was Moritz Wreschner zu einem Ehrenamt trieb. Es war auch nicht um seiner Frau willen, die sich gern als Frau Parneß gefühlt und hinter dem Gitter aus der Franenempore in der Synagoge an bevorzugter Stelle gestanden hätte. Moritz Wreschners sehnlicher Wunsch entsprang lediglich einer persönlichen Eitelkeit, sozusagen einem- Bedürfnis nach dekorativer Wirksamkeit. Aus den Dienst am gewöhnlichen Sabbat würde er keinen allzu großen Wert legen. Da kamen doch nur immer die paar gleichen Leute in die Synagoge. Aber am Rosch Haschana und am Jom Kippur, wenn die ganze Gemeinde versammelt war, und allenfalls noch an Simchat Tora, da hätte er sich gar zu gerne in der Würde des Parneß gesehen. Er würde sich auch nicht mit so manchem gelegentlich verfeinden wie der im Amt befindliche „Kollege", weil der nach Meinung einiger Synagogenbesucher die Mizwot am Sabbat bei der Toravorlesung ungerecht verteilte. Zwei Häuser weiter wohnte der Koscherschlächter Löb Wreschner mit Frau und fünf Kindern, von denen drei Mädchen bereits in erheblich heiratsfähigem Alter standen. Und noch einen Wreschner gab es in der kleinen Gasse, ein winziges, ehrwürdiges Männchen, das seine Gespräche mit Bibelzitaten schmückte, bei keiner Beerdigung auf dem verwitterten Friedhof weit draußen vor dem Ort fehlte und die Pflicht des Toravorlesers mit heiligem Ernst erfüllte. Reb Moische, wie er allgemein hieß, betrieb an der Ecke sozusagen ein Warenhaus en miniature. Er war neben dem Rabbiner, Kahane, dem vermögenden Erwin Mendel und dem von allen verehrten Henoch Hartmann die populärste Erscheinung von Unterzoßnitz. Bei ihm konnte die Bevölkerung des Ortes ihre Bedürfnisse an Schnürsenkel und Schmierseise« an Holzpantinen, Knöpfen und Sicherheitsnadeln decken. Rotznasige Kinder preßten ihre Gesichter an die ebenso schmale wie trübe Scheibe mit den lockenden Auslagen, und sie wählten viertelstundenlang, ehe sie sich entschlossen, in welcher der drei Sorten bunter Bonbons, die in gläsernen Säulen das Schaufenster flankierten, sie ihre drei Pfennige anlegen sollten. Moische Wreschner kannte sich nicht nur in den heiligen Schriften aus, sondern auch in den Seelen seiner Kundschaft. Es wurde in seinem Lüdchen nie etwas verlangt, was er nicht vorrätig hatte, und er hatte stets just . das am Lager, was seine Käufer gerade benötigten. Auch er gehörte wie so viele in Unterzoßnitz zu den durch die Bank Geschädigten. v In Unterzoßnitz hatte sich die durch örtliche Tradition geheiligte Einrichtung herausgebildet, daß die männlichen Mitglieder der Gemeinde sich an jedem Sonnabend abend, eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes, über dem noch der Abglanz des scheidenden Sabbat liegt, auf dem freien Plätzchen vor der Synagoge versammelten. Es war eine Art Oneg Schabbat, in der religiöse und weltliche Dinge bedeutsamer und nebensächlicher Art mit der Gründlichkeit von Talmudgelehrten erörtert wurden. An diesem Sabbatausgang bildete der Bankkrach in Thorn das einzige Gesprächsthema. Es gab nur wenige Gemeindemitglieder, arme und wohlhabendere, die von dem Zusammenbruch der Bank nicht betroffen waren.. Vor einer Reihe von Jahren hatte es sich in dem kleinen Ort herumgesprochen, daß sich eine Anlage des Geldes in der Thorner Sparbank empfehle, weil es dort gut verzinst wurde und besonders gesichert schien. „Immer neue Zores", meinte der Rasier- > Pulververtreter Wreschner, der nun vollends die Hoffnung auf das ersehnte Amt schwinden sah, nachdem Rabbiner Dr. Grützmacher, der Tage zuvor bereits in Thorn Erkundigungen eingezogen, die trostlose Situation für die Gemeinde geschildert hatte. Er hatte bis dahin die Ergebnisse seiner Besprechungen nur Mendel und Henoch Hartmann mitgeteilt. „Es besteht leider kein Zweifel", sagte er jetzt, „daß unserer Gemeinde harte Entbehrungen auferlegt werden. Die Schule müssen wir schließen. Aber unsere „Abrahams Hütte", unser Kranken- und Siechenheim, kann mit Gottes Hilfe weitergesührt werden. Ein Wohltäter, der ungenannt sein will, stellt die Beträge dafür zur Verfügung." „Wozu noch "n Krankenhaus," meinte der dicke Kartosfelhändler Priester sarkastisch, „wenn uns nur der Friedhof erhalten bleibt!" Benjamin Grützmacher wies den vorlauten Sprecher mit einem mild strafenden Blick aus gütigen, braunen Augen zurecht und fuhr fort: „Ich kann Euch, meine lieben Freunde, weiter Mitteilen, daß unsere vom Unglück verschont gebliebenen Glaubensgenossen Freitische in reicher Zahl zur Verfügung gestellt haben. Kein Mitglied unserer Gemeinde wird ohne Obdach und Essen sein. Wenn es nicht anders geht, wird man zwei Mittelstandsküchen einrichten und die Wohnungsmieten stunden. Ob wir die Synagoge aus die Dauer werden halten können . . ." Er sah nachdenklich vor sich hin, und sein Blick streifte den ganz in sich zusammengesunkenen Joseph Kahane. „Im Notfall muß auch ein Beetsaal genügen. Herr Hartrnann würde uns sein Arbeitszimmer gern zur Verfügung stellen." Bäckermeister Wolfs, der zwischen Orthodoxie und Orgelsynagogentum hin und her schwankte und stets beim Gemeindevorsteher seine Beschwerden anmeldete, wenn der Vorbeter einmal heiser war und aus diesem Anlaß zur Schonung seiner Stimme einen gesanglichen Schnörkel durch eine einfachere Vortragsweise ersetzte, erregte sich: „Und die Frauen? Sollen die vielleicht im gleichen Zimmer mit uns Gottesdienst abhalten?! Eine Schmach und eine Schande wäre das!" (Fortsetzung folgt.H