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Central-Verein-Zeitung · 1936-03-26 · 13 (26.3.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
13 (26.3.1936)
Date
1936-03-26
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr.'T3'2. BüiWatt 26. Mörz 1936 G.-V.-Zsfling;AV-f' .'•»VW t»*/.* '‘VlwV/*’‘-VV £-C'irJ -^ »iv * ‘X**ri )*•* *»j£ ».1;i» y.^ •; M> oHj*i\i; >’,|^/^i v «c K.M.- ^;v! :&MS& XS&äR ■: ‘‘.S;'i--': •Jt«*sä 'CÜC/A*V *?CigV^A*■.^<r^> ilV 'IV*'* <77"'^rV<;>*!&'.xK'i.•#'%*? 5i*-'•‘‘V^ Lrr-^M u'b.;-< J: c--?s&V‘ -: .Äüc-.vjJCP ■Vm »*”•IkSk*''* W Vjrtfc&W.V? *■! v1.1' DW^« yfc:V :Ä» UND IHRE ZEIT Maxiass® bau Israel Von Fritz Bamberger - Rembrandt hat das Bild des zweiunddreißigjährigen Manasse ben Israel radiert, in Kleidung, Blick und Haltung den Männern seiner Zeit, die der Maler sonst in Kupfer gestochen, überaus ähnlich. Wie der Maler Jan Asselijn, der Prediger Cornelius Claesz Anslo, der Verleger Clement de Jonge, wie Ephraim Bonus, der jüdische Arzt, trägt er den großen Hut, den weißen Kragen und den talarähnlichen Rock. Die Verschiedenartigkeit von Berus, Neigung und Herkommen ist ihnen nicht anzusehen. Wie Kriegsleute sehen all diese Männer aus. Und geht man ihrem Schicksal nach, begnügt man sich nicht damit, sie ihrem Beruf nach, der wirklich meist ein bürgerlicher Berus war, zu rubrizieren, dann stehen hinter der gemessenen Bürgerlichkeit und der strengen Ordnung phantastische Lebensläufe, unruhig wildschlagende Herzen, Verwegenheit, die bis an die Grenze des Gesetzes führt — und immer Kamps. Die großen Kaufleute sind Strategen aus. dem Feld einer entstehenden Weltwirtschaft, in der Amsterdam die Kapitale ist. Was in ihren Kontoren besprochen wird, reicht in seiner Wirkung um die Welt, setzt Flotten in Bewegung und bedeutet für exotische Völker in unwahrscheinlich fernen Ländern Unterdrückung oder Zivilisation. Die Theologen sind Polemiker, die, fanatisch in ihre Wahrheit verbissen und mit einem unbedingten Willen, der nicht nachgibt, Schlachten des Glaubens schlagen. Alles Nahe, für sich betrachtet deutlich und eindeutig, läuft in eine unendliche Ferne aus; nüchterne Forderung bezieht den Anspruch, mit dem sie auftritt, aus großangelegten Konzeptionen der Welt; ein schlichter Rechensatz führt in die Höhe gottinnigsten Glaubens. Mit all dem ist die Zeit, in der Manasse ben Israel lebte, die Zeit des Barock, schon annähernd beschrieben. Und zugleich ist damit auch schon der tragische Grundcharakter, den diese Epoche in allen ihren Aeußerungen hat, verständlich gemacht. Ihre Form ist unendliche Form, Schweifen ins Ün? begrenzte, Auslösung der Form — aber auf diesem Weg möchte sie immer Form bleiben, ein Beginnen, das in sich verurteilt ist, kein Ende zu finden. Alle Aeußerungen dieser Epoche sind Handlung, ihr Denken ist immer aus dem Sprunge, in Bewegung umzuschlagen. Mathematik, Philosophie und Theologie dieser Zeit bleiben nicht genügsam im Bereich des Denkens; den Weg, den die Meditation sie in die Unendlichkeit führt, wollen sie auch verwirklichen: die Mathematiker, 'Philosophen und Theologen dieser Zeit werden Staatsmänner, und die Staatsmänner, die nicht von Beruf Gelehrte sind, operieren mit den Formeln der.Wissenschaft und der Theologie. Wo die Inkongruenz dieser Formeln mit der Lebendigkeit der Menschen und Staaten in Erscheinung tritt, eröffnet sich von neuem der Blick auf die tragischen Hintergründe dieser Zeit des Barock. In dieser Zeit steht als wirklich dieser Zeit 'entsprechende Persönlichkeit Manasse ben Israel, Rabbiner in Amsterdam, oder, wie er sich selbst gern mit dem Anspruch auf Universalität nannte, „Theolog, Philosoph und Doktor der Physik". Der Vater war noch Marrane in Portugal, einer von denen, die gegen alle Verfolgungen und alle Gefahr im geheimen Juden geblieben waren. Das Ketzergericht der Inquisition fand den Weg auch zu ihm: aber von der Folter weg gelang ihm die Flucht ins freie Holland. Dort wurde im Jahre 1604 Manasse geboren. Als Fünfzehnjähriger hatte er bereits einen Namen als Prediger, als achtzehnjähriger Jüngling trat er in das Amsterdamer Rabbinatskollegium ein. Sein Name hatte bald europäischen Ruf. Mit den großen Gelehrten feiner Zeit stand er in regem Verkehr. Zehn Sprachen kannte er und war in den Literaturen der Völker wie selten einer zu Haus. Manasse war kein originaler Kops; seine zahlreichen Werke philosophischer und theologischer Art geben keine neuen Grunderkenntnisse. Aber: „Der Name dieses Schriftstellers genügt, ein Werk zu empfehlen, so sehr ragt der Mann Manasse ben Israel Radierung von Rembrandt O* v in der wissenschaftlichen Welt hervor." Der alte Bibliograph, der ihn so einschätzte, bestätigt die Meinung, die uns aus der zeitgenössischen Literatur und besonders aus der Memoiren- und Reiseliteratur entgegentritt. Die Schriftsteller, die ihn zitieren, die vornehmen Reisenden, die ihn aufsuchen, und die gelehrt-höfische Welt, die seine Korrespondenz sucht, bewundern den umfassenden Geist und die Fülle des Wissens, die mühelos ans allen klassischen Quellen sich nähren. Eines zieht sie besonders an: der aufgeschlossene Geist, der fein Wissen allen freigebig spendet, die Grenzen der Religion nicht achtet und der die Kenntnisse besitzt, an der der Zeit so sehr lag, Kenntnisse der Bibel und der Kabbala. Manaffes Wirkung auf feine Zeit und diese Zeit selbst bleiben unverständlich, wenn man nicht die wichtige Rolle versteht, die das jüdische Schrifttum und eben Bibel und Kabbala in dem geistigen System der Zeit haben. Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, und besonders in Holland, ist die Blütezeit der Philologie. In strenger Wissenschaft untersucht sie das Wort und die Sprache. Aber der unternehmende und drängende Geist dieser Zeit läßt es sich damit nicht genügen. Das Wort ist nicht nur Hülle und Form, sondern auch Kraft, die einen in ihm verschlossenen Sinn heraustreibt zu realer Wirkung. Das Wort, das für sich steht, gewinnt, richtig behandelt und mit rechtem andern Wort zufammengebracht, einen lebendigen, aktuellen Sinn und die Kraft dazu, diesen Sinn auch zu realisieren. Wort und Sprache hüllen das Geheimnis der Welt ein und eröffnen sie .dem, der richtig Wort und Sprache befragen kann. Wort und Sprache sind Offenbarung und deuten dem, der sie zu hören versteht, die Welt und ihr Treiben. Die Kabbala ist der Schlüssel zum alten Bibelwort, das durch sie die Geheimnisse offenschließt und die gültigen Anweisungen, Leben und Welt zu lenken, ausliefert. Um solche Anweisungen, um die Deutung Per Geschichtszeiten, die Vorhersage historischer Ereignisse, um den Messias und fein Kommen oder sein Wiedererscheinen geht es in dem Briefwechsel, der zwischen Manasse und seinen Freunden und Verehrern in Holland, Frankreich, Deutschland und England geführt wird. Nüchterne'"Philologie und überspannte Schwärmerei, kühl-realistische Einsicht in die politische Lage und irreale Träumereien vom messianischen Zukunftsstaat gehen da zusammen. Eines der frühen Bücher dieser Art, die Manasse spanisch geschrieben, trügt den Titel „Conciliador“, Versöhner, Vermittler, und ein späteres heißt „Esperan?a de Israel“, Hoffnung Israels. Die Titel geben Kenntnis von den Antrieben, die Manasse zeit seines Lebens bewegt haben. Es ging ihm immer um die große Harmonie, die ungetrübte Uebereinstimmung der großen und der kleinen Welt, der Urzeit und der kommenden Zeit, der Verkündigungen der Bibel und der Einsichten der Großen der Welt in aller Zeit. Wo sie noch nicht vorhanden ist, gibt es die große Hoffnung auf die Zeit, die alles schlichtet und alle Herrlichkeit erstehen läßt. Manasse hat sich nicht damit begnügt, diese Gedanken und Hoffnungen nur literarisch zu vertreten. Es hat ihn getrieben, selbst zu ihrer Verwirklichung beizutragen. Er ist darangegangen, die Hoffnung in Wirklichkeit umzusetzen, aus Gedanken Leben zu schlagen. Er hat die Situationen, aus denen nach feiner Ueberzengung Erfüllung entstehen mußte, ausgesucht und, wo sie nicht vorhanden waren, sie geschaffen oder gar erzwungen. Im Jahre 1644 kam in Geschäften ein Mann namens Aron Levi, mit spanischem Namen Antonio de Montezinos, nach Amsterdam und brachte eine sensationelle Nachricht. Nichts weniger und nichts mehr wußte er zu erzählen, als daß er bei Reisen in Südamerika aus Juden gestoßen sei, die längst vor der Entdeckung als Reste der verloren geglaubten zehn Stämme dorthin gekommen seien. Ein Halbindianer habe ihm davon erzählt, seine Nachforschungen seien unterbrochen worden, weil er, Montezinos, dort von der Inquisition verfolgt worden sei. Er habe dann seine Untersuchungen wiederausnehmen können Von Hilde Rosenthal ÖIRllNiBIJ,.TOKIO 02251 IHS Abschied von Europa Und dann ist auch das Schwerste überstanden: der Abschied von der Familie, von den allerbesten Freunden. Langsam rollt der Zug aus der Halle, Taschentücher wehen letzte Abschiedsgrüße. Die Kehle ist zugeschnürt in Abschiedsschmerz und Beklommenheit vor der Zukunst, aber es gilt, sich nicht unterkriegen lassen, Haltung bewahren, es geht ja einem neuen Lebensabschnitt, einer neuen Welt entgegen .— Japan. Eine Stadtbahnstation nach der anderen durchfährt der Zug; mir ist, als ob die Lichter meiner Heimatstadt noch niemals so eindringlich ausgeleuchtet Hütten. Glücklicherweise bleibt keine Zeit dazu. Die Bettkarteninhaberin Nr. 2, mit einiger Unruhe erwartet, betritt das Abteil. Eine gegenseitige kritische Musterung, ein hörbar erleichtertes Ausatmen auf beiden Seiten, belanglose Worte werden gewechselt. Der Kontrolleur erscheint, verlangt den Paß, das Billett, die Devisenansfuhrgenehmigung. Natürlich findet man nichts von alledem, ist völlig durcheinander. Gemeinsam wird gesucht, gejammert, gestruden, der Kontakt ist da. „Sie fahren wohl nur bis Warschau?" fragt meine ungewöhnlich schöne Reisekameradin etwas von oben herab. „Oh, nein, ich reise nur bis Tokio", versuche ich möglichst unbefangen zu erwidern, so, als ob es sich um eine Fahrt von Berlin nach Luckenwalde handelte. Das ändert die Situation mit einem Schlage. Aus der elegant-überlegenen großen Danre wird aus einmal ein ganz natürliches Menschenkind. „Aber das ist ja herrlich, wunderbar! Ich habe mich ja schon so geängstigt, daß ich so weit allein reisen müßte. Da fahren wir ja durch Sibirien zusammen. Ich lebe in Manchukuo, in H . . ." Auch mir wird leichter ums Herz. Der Gedanke, so mutterseelenallein durch dieses unermeßlich große Land ohne Kenntnis der Sprache zu fahren, war mir an der Reise als das Bedrückeudste erschienen. Nun hatte ich gleich von Berlin aus eine Reisegefährtin für den größten Teil der Fahrt gefunden — eine junge Ausländsdeutsche übrigens —, die russisch und chinesisch sprach, und die ich deswegen natürlich restlos bewunderte und beneidete. Sie war das erstemal in ihrem Leben in Deutschland, um endlich ihre Heimat kennenzulernen. „Ich bin vor vier Monaten mit meinem Mann nach Deutschland gekommen, habe meine Hochzeitsreise dorthin gemacht." Ich wage nicht zu fragen. Ihre Trauerkleidung verrät ein tragisches Schicksal. Das Leben prüft auch andere Menschen schwer... Das ist mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen in der ersten Nacht im unaufhörlich vorwärtsrollenden Zrig. Frühmorgens führt der Zug in Warschau ein. Ich bin enttäuscht, man fielst kaum etwas von der Stadt, stellt nur fest, daß an den Bahndämmen viel gebaut wird, Schienenstränge, Schienenstränge... Knapp bemessen ist der Aufenthalt, gerade daß man schnell noch eine Ansichtskarte als ersten Gruß von unterwegs in den Kasten stecken kann. Dann geht es durch polnisches Land der russischen Grenze zu. Abends, kurz nach 8 Uhr, ist sie erreicht. Raus mit dem Gepäck. Zur Zollstation. Zollkontrolle. Besonders scharf wird sie von den Frauen allsgeübt, sie kehren das Unterste zu oberst. Dabei wird mir etwas unheimlich zumute, denn zum ersten Male verstehe ich nicht recht, was die Leute von mir wollen. Meine Reisebegleiterin ist ein vorzüglicher Dolmetsch. Der Besitz an Devisen, an Goldsachen, an Juwelen wird notiert, der Photoapparat muß im Koffer verschwinden, das betreffende Gepäckstück plombiert werden. Photographieren ist in Rußland untersagt. Ein kugelrunder kleiner Engländer nebst Landsmännin führen mit den Beamtinnen lebhafte Debatten. Mißverständnisse über Mißverständnisse. Kein Wunder übrigens, denn Mr. Love versucht seinen Namen, der ordllungsgemäß auf einigen Zetteln vermerkt werden muß, durch edle Zitate und beschwörenden Augenaufschlag den Beamtinnen verständlich zu machen. Leider vergebens, und Mr, Love meint ernsthaft bekümmert: „They really don’t know tlie word „love“, poor girls!“ Im Transsibirischen Express Schon wird zum Einsteigen abgeläutet (das einzige Mal übrigens während der Fahrt durch russisches Gebiet), beeilen, beeilen, ein letztes Wühlen, ein hastiges Verschließen, schnell die Koffer raus, nein, nicht hier, Hort Hinalls, hinüber aus die andere Seite, zum Transsibirischen Expreß, zum fahrenden Wohnhaus für acht Tage und Nächte. Der Zug geht los, alle Leute sind auseinandergerissen, haben andere Abteile, andere Plätze. Auch meine Reisegenossin und ich werden getrennt. Wer mir wohl jetzt für die kommenden acht Tage vom. Schicksal, d. h. der hohen Bahndirektion, zugeteilt werden wird? Aber — ist denn das überhaupt möglich? Jttlurer wieder starre ich auf mein Billett, auf dem deutlich „Damenplatz" zu lesen ist. Damenplatz hin, Damenplatz her! Meine Reisegefährtin für acht Tage und Nächte entpllppt sich als •— der kleine kugelrunde Engländer! Er ist genau so, erstaunt wie ich über diese russische Anordnung, ist sogar höchst indigniert. Wir lächeln uns höflich verlegen an, innerlich fest entschlossen, der hohen Bahndirektion entschiedensten Trotz zu bieten. „Mr. Jntourist", das „Mädchen für alles" im Transsibirischen Expreß, schafft, unterstützt von der jungen Deutschen, die allch einen Herrn als Abteilgenossen „zugeteilt" be? kommen hat, Rat. Wir bekommen ein gemeinsames Abteil und reisen nun zusammen weiter. Nach diesem Intermezzo installieren wir uns im Abteil „aus lange Sicht"; der Paß wird an den „Chef du Irain" abgegeben, inzwischen ist es zehn Uhr abends geworden, seit Stunden haben wir nichts gegessen und fühlen plötzlich einen nichtigen Hunger. Da nun jeder zur Zufriedenheit untergebracht ist, heißt die allgemeine Parole: „Auf in den Speisewagen." Russische Küche. Das erste, was einem in unvertilgbarer Menge geboten wird: Caviar, Caviar und nochmals Caviar. Und Speisen in riesigen Quantitäten. Und Wodka, und nochmals Wodka. Da hat man bald so von ungefähr einen leichten Schwips und einen schweren Magen, schläft jedoch mit Hilfe von Beruhigungspulver langsam, aber immerhin noch ohne jedes Alpdxücken ein. Halb zwölf Uhr. vormittags, Ankunft in Moskau, Belarußki-Bahnhos. Wie eine Henne Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charloiienburg, Joachimsihaler Sir. 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde. Telefon Bismarck 6506 Zusendung nach allen Stadtteilen

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