Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 11 (12.3.1936)
- Date
- 1936-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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- Ukraine 3× ep/1001131
- Odesa 1× ep/1000834
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Russland Die Zerstreuung der Juden über die Erde (XXIX.) 1. Vorkriegs-Russland Die größte geschlossene Masse von Juden lebt heute ebenso wie vor dem Kriege im Osten Europas, dem zahlenmäßig wichtigsten europäischen Zentrum der . Judenheit. Das heutige Sowjetrußland, das Teile der> judenreichsten Gebiete des Zarenreiches an die Republik Polen und die Ostseerandstaaten abgeben mußte, hat heute immer noch etwa drei Millionen jüdische Einwohner, d. h. etwa 2 Prozent der 150-Millionen- Bevölkerung dieses Staates, der sich über die Grenzen Europas bis weit.nach Asien hinein erstreckt. Nicht nur absolut, sondern relativ ist diese Zahl von hoher Bedeutung innerhalb der Gesamtmasse der Juden in der Welt: leben doch f a st ein Fünftel der 16 Millionen Juden, die die Erde bevölkern, gegenwärtig in dem r u s s i s ch e n S t a a t e n g e b i l d e. Nachdruck verboten land außerordentlich angewachsen. 1897 findet die' erste, nach modernen Gesichtspunkten durchgeführte Volkszählung des Zarenreiches statt; sie ergibt, daß die Zahl der Menschen jüdischer Religion im damaligen Rußland auf über 5 Millionen innerhalb einer Gesamteinwohnerzahl von rund 126 Millionen gestiegen ist. Der jüdische Bevölkerungssektvr ist um ein Vielfaches schneller angewachsen als der der übrigen Bevölkerung mit der Folge, daß nicht mehr zwei — wie 1836/1838 —, sondern vier von hundert Einwohnern des Zarenreiches jüdischen Glaubens sind. Hunderttausende von Juden wandern in den Jahren der Verfolgungen und danach aus. Allein ***.! Ie - h c ■R A itN u Das Zaristische Vorkriegsrußland ist seit vielen Jahrhunderten die Heimat von Juden geworden, die aus deutschen Gebieten und durch deutsche Lande gewandert waren, in einem Größenumfang, der selbst für heutige Begriffe eine erstaunliche Höhe erreicht. Für das russische Zarenreich existiert eine Statistik aus dem Jahre 1836, nach der aus dem damaligen Staatsgebiet 1 033 000 Juden sestgestellt werden. Diese Ziffer wird durch einen bekannten russischen Statistiker bestätigt, der zwei Jahre später, im Jahre 1838, der Russischen Akademieder Wissenschaften das Ergebnis einer Untersuchung vorlegt, nach der sich in diesem Jahre die jüdische Bevölkerung auf 1065 000 beziffert; das entsprach einem Anteil von 2 Prozent innerhalb der 54 Millionen Menschen der damaligen russischen Gesamtbevölkerung. Die Bedeutung dieser jüdischen Millionenziffer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, daß die Gesamtzahl der Juden aus der Erde um die Jahre 1835 bis 1840 herum rund 3% Millionen betrug; also fast ein Drittel aller damals in der Welt lebenden Juden waren russische Untertanen. Diese damals in Rußland lebenden jüdischen Menschen sind die Väter und Vorväter, die Mütter und Großmütter nicht nur der Millionenmassen von Juden, die noch heute in Osteuropa wohnen, sondern sie sind auch die Vorfahren des weit überwiegenden Teiles der amerikanischen Juden der Gegenwart. Bis zum Beginn der Judenverfolgungen ist im 19. Jahrhundert die jüdische Bevölkerung in Ruhin den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, noch vor der Volkszählung des Jahres 1897, sind über 430 000 russische Juden nach den Vereinigten Staaten ausgewandert, von 1896 bis 1914 . folgten weitere 1 200 000 jüdische Auswanderer nach den USA und weitere viele tausend nach anderen Ländern Es kommt der Krieg, in dem die russischen Juden ihren Anteil zum Heere stellen wie alle anderen Bevölkerungsgruppen. Leider sind amtliche Zahlen der russischen Kriegsverluste nicht auffindbar und so ist auch die Zahl der Juden, die auf russischer Seite gefallen sind, nicht bekannt. Trotz der Millionenauswanderung, trotz der Kriegsverluste,ist die physische Lebenskraft der russischen Juden so stark, daß sich' in der Gegenwart auf dem Gesamtgebiet des früheren Zarenreiches rund Millionen Juden finden; dabei bleibt zu berücksichtigen, daß sich die Auswanderung von Juden besonders aus den zaristischen Nochfolgestaaten auch nach dem Kriege fortgesetzt hat und die Ziffer von 100 000 weit übersteigt. In diesen knappen Zahlenstrichen zeigt sich die außerordentliche Fruchtbarkeit der Juden des Ostens, eine Erscheinung, die um so bemerkenswerter ist, als man sich die Gesamtlage der Juden im zaristischen Rußland vor Augen führen muß. Diese wenigen Zahlen zeigen, welcher tiefe und unerschütterliche Glaube diese Menschen beseelt haben muß, der seine ungebrochene Lebenskraft immer wieder aus den überkommenen religiösen Grundgedanken und Grundsätzen des Judentums geschöpft und gestärkt hat. 2. Gesamtüberblick über das heutige Russland Das zaristische Rußland erhält nach Kriegsende ein völlig verändertes Bild. Große Teile an' der Westgrenze des Landes werden zur selbständigen Republik Polen, ein anderer Teil im Nordwesten bildet sich zu den autonomen Republiken des Baltikums um. die in dieser Aufsatzreihe bereits im Blickfeld der soziographischen große Volkszählung Auskunft, die genau vor einem Jahrzehnt, im Jahre 1926, in umfassender Weise J-tNlNG SOWJET Statistik behandelt worden sind (vergl. die Abschnitte II in Nr. 6, III in Nr. 7, IV in Nr. 8 und VIII in Nr. 13 der C.-V.-Zeitung, Jahrgang 1935). Mit dieser politischen Neuverteilung geht etwa die Hälfte der Juden des Zarenreiches an andere Staatscinheiten über, lieber die Größenordnung der Judenheit, die im heutigen russischen Staatenverbande verblieben ist, gibt eine veranstaltet worden ist. Die amtlich veröffentlichten Ergebnisse — über 40 starke Bände! — bilden die Grundlage für die statistische Betrachtung des jüdischen Bevölkerungssektors des Landes. Zwar ist bei der Volkszählung des Jahres 1926 nicht das Religionsbekenntnis der Einwohner erfaßt worden, die Zahl der Inden wurde aber dadurch sestgestellt und näher durchleuchtet, daß die Nationalität, 8. ■ h. der völkische Ursprung jedes einzelnen Staatsbürgers erfragt bzw. ermittelt wurde. Im Rahmen dieses Merkmales ersaßt das große russische Volkszählungswerk der Nachkriegszeit innerhalb der vielen, weit mehr als 100 Volksstämme, auch die Juden. Das wichtige Endergebnis sei vorangestellt. Im Jahre 1926 wurden nach dem volklichen Ursprung in ganz Sowjetrußland 2 672 000 Juden gezählt, das sind 1,8 Prozent der 147 Millionen Bewohner dieses Staatsgebildes. In dem seit der Zählung vergangenen Jahrzehnt bis zur unmittelbaren Gegenwart (Mitte 1936) dürste die Zahl der Juden in Rußland durch Eigenzuwachs weiter gestiegen sein. Wenn auch die amtliche russische Statistik die Zahl der Geburten und Todesfälle als Grundlage der Berechnung des Geburtenüberschusses nicht nach Nationalitäten trennt, so ist doch nicht anzunehmen, daß der natürliche Bevölkerungszuwachs bei den Juden Rußlands sehr erheblich von dem ihrer Umwelt abweicht. In Gesamtrußland ist noch in den letzten Jahren ein Geburtenüberschuß sestgestellt worden, wie er in der Nachkriegszeit in keinem anderen Lande der Erde, für das statistische Unterlagen vorliegen, erreicht wird. Selbst wenn man — in Analogie zu anderen Ländern — mit den Juden Rußlands eine geringere Geburtenquote als bei ihrer Umwelt ansetzen will, so ist mit hochgradiger Sicherheit für die Gegenwart mit einer Zahl v o n 2 950 000 Iuden in S o w jetrußland zu rechnen. Die natürliche Bevölkerungsbilanz der Juden Rußlands wird durch Ein- oder Auswanderung nicht erheblich beeinflußt. Eine Einwanderung kommt aus den verschiedensten Gründen kaum in Frage, auch die Auswanderung hält sich in sehr engen Grenzen. In den letztverflossenen anderthalb Jahrzehnten sind knapp 30 000 Juden aus Rußland nach Palästina gewandert. Die Auswanderung nach Uebersee hat im letzten Dezennium 1000 bis 1200 Köpfe jährlich kaum überschritten, nach westeuropäischen Ländern kommt höchstens noch dann und wann eine Einzelauswanderung in Betracht, so daß die Wanderungsbewegung, die in früheren Jahrzehnten viele Hunderttausende russischer Juden insbesondere nach Uebersee, aber auch nach England geführt hat, für die jüngere und jüngste Vergangenheit keine nur irgendwie damit vergleichbare Bedeutung mehr hat. Die soziographische Betrachtung des jüdischen Volksteiles in Rußland muß von den amtlichen Ziffern des Jahres 1926 ausgehen., Zunächst er- Oppenheim Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Chärloftenburg, Wilmersdorf er Str. 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe scheint bei der großen geographischen Ausdehnung des Landes ein Blick auf die Verteilung der Juden über die einzelnen Gebietskomplexe des heutigen Rußland am Platze. Der gegenwärtige russische Staat gliedert sich bekanntlich in sieben Räte-Freistaaten. Nur ein Viertel des großen. Gebietes liegt in Europa, drei Viertel gehören zum asiatischen Erdteil. Umgekehrt ist das Größen- Verhältnis der Bevölkerung. Von den 147 000 000 Einwohnern, die 1926 sestgestellt worden sind,, leben 115 000 000 auf europäischem Gebiet und 32 000 000 auf asiatischem. Von den 2,67 Millionen Juden Rußlands leben rund 2,45 Millionen aus" europäischem Gebiet und nur etwa 0,22 Millionen im asiatischen Rußland, Unter 1000 Einwohnern des europäischen Rußland leben also 20, Juden, unter 1000 Einwohnern des astatischen nur etwa' sieben Juden. Das sind jedoch Durchschnittswerte^ die in den einzelnen Gebietsteilen von der Wirklichkeit sehr stark abweichen, wie die nachfolgenden Ausführungen bestätigen werden. Nach der Größe des jüdischen Bevölkerungsanteils in den sieben Räte-Freistaaten ergibt sich folgende Verteilung: Es leben in der U k r ai n e. 1 575 000 Juden, das find 54 unter 1000 Einwohnern, fast 60 Prozent aller Juden, die in Rußland wohnen.' In Zentralrußland sind 600000 Juden beheimatet, das sind sechs unter 1000 Einwohnern, von der Gesamtzahl aller Juden Rußlands etwa 22 Prozent. Aus europäischem Gebiete dieser großen Einheit leben rund 475 000 Juden, aus asiatischem rund 125 000. In Weißrußland, dem Gebiete nördlich der Ukraine, längs der polnischen und litauischen Grenze, find 400 000 Juden augesiedelt, das sind 82 jüdische Menschen unter 1000 Einwohnerin Das ist die höchste Quote, die im Rahmen der' selbständigen Staatengliederung Rußlands besteht. Von der Gesamtheit der Juden Rußlands befinden sich etwa 15 Prozent in Weißrußland. In den Gliedstaaten Transkaukasien« T u r k m e n i st a n, U s b e k i st a n und T a * dschiskan leben insgesamt rund 100 000 Juden. 3. Ukraine Der russische Gliedstaat mit der absolut höchsten Zahl von Juden ist die Ukraine, wo bei der Volkszählung von 1926 rund 1 575 000 Juden gezählt worden sind. Von diesen Juden der Ukraine lebten rund 1,2 Millionen in den größeren und kleineren' Städten des Landes, aber immerhin wohnen 350 000 über das flache Land verstreut. Zunächst ist sestzustellen, daß die Juden der Ukraine mit ganz geringen Ausnahmen fast ausschließlich Aschkenasim siud. Neben diesen leben etwa 2500 Karäer und auch wenige sogenannte Krim-Juden in der Ukraine, außerdem noch einesehrgeringeZahlvonsogenannte n B e r g j u d en, ihre Gesamtzahl wird in Rußland aus etwa 26 000 veranschlagt. Wie in Gesamtrußland, so ist auch in der Ukraine die Sexualproportion deshalb unbefriedigend, weil der Frauenüberschuß bei den Juden als übermäßig hoch anzusprechen ist. Es stehen rund 735 000 Männer etwa 840 000 Frauen gegenüber; das bedeutet also ein Plus von 105 000 Frauen. Damit gehört die Ukraine zu denjenigen russischen Gebietsteilen, in denen der Frauenüberschuß der Juden mit 1145 Frauen auf 1000 Männer der weitaus höchste ist, der überhaupt festgestellt worden ist, sowohl innerhalb der jüdischen Sektoren Rußlands wie auch iunerhalb der Gesamtbevölkerung. Das ist damit bewiesen, daß im Durchschnitt Gesamtrußlands auf 1000 jüdische Männer 1112 jüdische Frauen entfallen, bei der Gesamtbevölkerung dagegen nur auf 1000 Männer 1070 Frauen kommen. Die Ukraine liegt also ebenso über dem jüdischen Durchschnitt des Landes wie über dem Gesamtdurchschnitt. Die.Erklärung hierfür liegt darin, daß die Ukraine in , besonderer Weise in den früheren Jahrzehnten A b w a n d e rungsgebiet war und dadurch von jüdischen Männern fühlbar evakuiert worden ist. Für die Ukraine ist die Altersgliederung sowohl der Juden wie der Gesamtbevölkerung bekannt; sie läßt erkennen, wie dieses wichtige Zentrum der osteuropäischen Judenheit trotz der tiefgehenden wirtschaftlichen Nöte, in denen Hunderttausende von Juden mit Millionen der übrigen Bevölkerung leben, durch eine besondere Fruchtbarkeit gekennzeichnet ist. Die 150-Millionen-Bevölkerung Gesamtrußlands zeichnet sich durch eine Fruchtbarkeit und durch einen Geburtenüberschuß aus, der, soweit Zahlen vorliegen, in Europa und auch in Uebersee keinen Vergleich findet. Nach den amtlichen statistischen Angaben betrug der Geburtenüberschuß z. B. im Jahre 1925: 22 Menschen aus 1000 Einwohner der Gesamtbevölkerung Rußlands. Vergleichsweise sei erwähnt, daß er in Deutschland im Durchschnitt der Jahre 1921 bis 1925 bei etwa neun, im Jahre 1932 nur nahe bei vier gelegen hat. Die Folge einer derartig außerordentlichen russischen Fruchtbarkeit drückt sich naturgemäß im Altersaufbau aus. Obgleich in dem Bundesstaat der Ukraine der Geburtenüberschuß prozentual niedriger liegt, als im russischen Gesamtdurchschnitt, so stehen doch etwa 49 Prozent der ukrainischen Gesamtbevölkerung (1926) im Alter bis einschließlich 19 Jahre. Vergleichsweise sei erwähnt, datz in Deutschland der Anteil der bis einschließlich 19 Jahre, alten Bevölkerung (1933) etwa 31 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung beträgt, bei den Juden Deutschlands (1933) sogar etwa nur 21 bis 21,5 Prozent. Nun zu der Ziffer, die für die ukrainischen Juden gilt. Von den 1 575 000 Juden (1926) sind rund 657 000 19 Jahre alt und jünger, das sind W5/55 «USHD. mm ü/ k R Ä jcHARK0wv H V N E > 3EkÄTERi NOSUVV ODESSA TAMBöW 50 ROSTOW m e h r als 42 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung der Ukraine. Hierin liegt eine Sicherheit für den quantitativen Bestand der Judenheit in dem wichtigsten Teile Osteuropas. Daß noch große Teile der russischen und damit auch der ukrainischen Gesamtbevölkerung in allen ihren Volksschichten A nälphabeten sind, ist' bekannt. Von Staatswegen wird gegen diesen Zustand in besonderer Weise angekümpst, wie aus' Berichten hervorgeht, die in Deutschland veröffentlicht sind. Im Jahve der Volkszählung, 1926,: ist die Quote der Analphabeten noch außerordentlich hoch: von den 29 Millionen Einwohnern konnten immerhin 16 Millionen nicht lesen, das sind 55 Prozent der Bevölkerung. Innerhalb des jüdischen Volksteils der Ukraine ist der Bildungsgrad günstiger: von den 1 575 000 Juden konnten 475 000 nicht lesen, das sind etwa 30 Prozent. Der Grund, warum JE>ct den Juden der Prozentsatz der Analphabeten so erheblich niedriger liegt als bei der Gesamtbevölkerung ist der, daß sie zu. einem viel höheren Bruchteil in Städten wohnen, wo die Bildungsmöglichkeiten natürlich erheblich größer sind als in den zum Teil doch sehr dünn besiedelten Landstrichen. Wenn auch diese letzten Zahlen jetzt, nach einem Jahrzehnt, überholt sein dürften und es in allen Volksschichten weit weniger Analphabeten > geben wird, so bleibt doch auch noch bei dem Juden ein Rest zurück, der um so rascher überwunden sein wird, als die bildungshungrige' Jugend in der Geschlechterfolge nachwächst. __ Fortsetzung folgt. Hauptschriftleiter: Dr. Alfred Hirschberg* Stellvertr. und verantwortlich für die Aufnahme von Bildern: Dr. Margarete Edelheiia. Verantwortlich für Sport: Dr. Ernst G. 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