Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 10 (5.3.1936)
- Date
- 1936-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Gegensatz zu diesen beiden Gegenwartsromanen führt der junge begabte I os e p h Wiessalla, der durch kleinere ^Erzählungen und das Drama „Front unter Tage" Aufmerksamkeit erweckte, in die Vergangenheit und in seine Heimat. Sein erster großer Roman „Die Empörer" zeigt uns die Bauern Oberschlesiens, gerade als sie, von der Bauernhörigkeit befreit, aufs neue von den Grundherren geknechtet und ausgebeutet werden. Der härte Graf Dolina siedelt die von dem ebenso harten Bauern Droste geführte Gruppe auf dem unfruchtbaren Gorek an. Zäh» schlau, wild und grausam, wie ihre Herren, gelingt e§; ihnen„ dort zu wurzeln, Vieh zu züchten, Brünnen'zu' bohren, zu säen und zu ernten'. Wenn die Siedler vor dem Untergang stehen, gehen einmal die Frauen in die Nachbarschaft, sich in fronenden Landdienst zu verdingen, gehen ein andermal die Männer ins tödliche Bergwerk. Die nächste Generation aber baut hier schon, während die Bauern abermals umgesiedelt werden, Eisenbahn und Jndustriewerk, der Bauernsohn zusammen mit dem Herrensohn, die aber — und dies ist in.der sonst ganz unsentimentalen Erzählung das Romanhafte — Brüder sindgezeugt von jenem Droste, der schließlich uralt, als „sein eigenes Denkmal", bei Lebzeiten zum Mythos geworden, einwilligt, daß seine Schöpfung, das aus Oedland gewonnene Ackerland, zerstört und durchwühlt wird, um als Industrieland einer besseren und in besseren Verhältnissen lebenden Menschheit zu dienen. Ein begabter, aber spröder und rauher Erzähler hat dies Prosa-Epos von der siedelnden Schicksalsgemeinschaft geschrieben; seine Art zu erzählen ist so herb wie die Art seiner Menschen, die in dieser Herbheit alle, Bauern wie Herren, znsammengehören. Da gibt es Morde und Feste, Elend und Lebensfreude, unermüdbare Arbeiter und gewissenlose, heuchlerische Schädlinge. Aus uralter Zeit klingen Sagen in die Geschichte, die wiederum ausklingt mit helleren Tönen in eine Zukunft, in der die „Schicksalsgemeinschast einer Bauerngemeindein einen Werkbezirk von Kohle, Eisen und Maschine übertragen" werden soll. Ein Triumphlied von der erdbezwingenden Kraft einer siedelnden Menschengruppe und zugleich von anständiger, geeinter Menschlichkeit, aus der allein diese Kraft sich erzeugen kann. . Kurt Pinthus. , F. A, Kirkpatrick: Die spanischen Konquistadoren. Wilhelm Goldmann Verlag, Bern, Leipzig, Wien. Es gibt vielleicht in der ganzen Geschichte nichts Phantastischeres, allerdings - auch nichts Grausameres und Unmenschlicheres als die Unterwerfung des Aztekenreiches durch Cortez und die Vernichtung des Jnkareiches durch Pizarro. Eine Handvoll Abenteurer, geführt von ehrgeizigen, rücksichtslosen Führern, brachen die Macht zweier mächtiger Reiche in unglaublich, kurzer Zeit* er? oberteu für ihr Vaterland die reichsten Provinzen, durchquerten Wälder und.Wüsten, schneebedeckte Berge und reißende 'Ströme, ebenso gleichgültig gegen ihre eigenen Leiden wie gegen die der Einwohner der von ihnen eroberten Gebiete. Menschenleben galten wenig zu jener Zeit, durch die raffiniertesten Foltern wurden die unglückseligen Indianer gezwungenihre Schätze herauszugehen, kein Vertrag wurde gehalten, jedes ^Versprechen gebrochen, nur ein Ziel stand den Eroberern vor Augen: Gold, Gold und nochmals Gold. Nicht nur unter den unglückseligen Eingeborenen wüteten sie mit beispielloser Grausanzkeit, auch untereinander kannten sie keine Schönung, die meisten der Konquistadoren fielen ihren eigenen Landsleuten zum Opfer, so Balbao, der einzig"Menschliche unter ihnen, der die Südsee entdeckte, Pizarro und Almagro, die Bezwinger des Jnkareiches, Valdivia und viele andere. ■ Kirkpatrick, ein bekannter Historiker an der Universität Cambridge, schildert diese ganze Periode der Entdeckungen in Westindien und Zentralamerika, in Peru und Chile und die Eroberung . der Südsee klar - und übersichtlich in einem einzigen schmalen Bande. Bei. aller Gelehrsamkeit, die den Verfasser auszeichnet, und die das Buch auch quellenmäßig zu einem Standardwerk stempelt, liest es sich eher wie ein spannender Roman als eine trockene Geschichtsdarstellung. Das. Buch ist - das hohe' Lied vom Willen, der über alle äußeren Hindernisse, über alle Schwierigkeiten zu triumphieren versteht. . vr. M. M. Joseph Gregor: Rede auf Oskar Strnad. Herbert Reichner Verlag, Wien und Leipzig, 1936. „Wie nennt man den Mann, der auf der Bühne die Szenen zu bauen hat — Szeniker, Architekt, Maler oder Ausstatter? Es. trifft keines dieser Worte die eigentliche Aufgabe. Er soll durch das, was zu sehen ist, die Visionen des Dichters, Musikers und Regisseurs zur Wirklichkeit bringen. Er muß vollkommen untertauchen können; er ist nicht selbst, sondern er ist ein Teil des ganzen Werkes." Mit solchem Bekenntnis einer ebenso klugen wie bescheidenen Selbstentäußerung hat Oskar Strnad, der in Wien geborene Jude, sein eigentliches Tätigkeitsgebiet und zugleich sein innerstes Wesen umgrenzt, als er die grandiosen Bühnenbilder zu Max Reinhardts Umgestaltung von „Hosfmanus Erzählungen" in die Niesendünensionen des Großen Schauspielhauses irr Berlin hineinstellte. Das Andenken des großen, im Herbst vorigen Jahres verstorbenen Szenenkünstlers und unablässig schassenden, im tiefsten Sinne religiösen Menschen hat Professor Joseph Gxegor, der bekannte Theaterhistvriker und Direktor des Wiener TheatermUseums, in eineur warmempsundenen 'Nekrolog festgehalten, der von einer hohen geistigen Warte ,aus Entwicklung und Lebenswerk Oskar Strnads betrachtet. Gregor rührt vor allem an den tragischen. Zwiespalt im Leben Strnads, der im Jahre 1909 von Josef Hoffmann als Lehrer des Baufachs an die Wiener Kunstgewerbeschule berufen wurde, .und dem es doch, von einigen Villenhäusern abgesehen, niemals vergönnt war, seine eminente architektonische Begabung, die Wahrhaftigkeit und den Ernst seiner baulichen Uebcrzeugung in Stein umzusetzen. So blieb auch der Theaterbatt, die Domäne seines um sechs Jahre älteren, genialen Glaubensgenossen Oskar Kaufmann, für Strnad trotz seinem besonders ausgeprägten Raumgefühl und trotz der Fülle seiner schöpferischen Idee zeitlebens nur Projekt: der von ihm stammende Plan eines antikisierenden Rundtheaters, der den Raumbühnengedanken zuerst verwirklichen sollte, ist weder, wie ursprünglich beabsichtigt war, in Amsterdam, noch in Reinhardts Schloß Leopoldskron zur Ausführung gekommen. Statt dessen wandte sich Strnad, in entsagungsvollem Eifer, der inneren Architektonik der Bühne zu, schuf Inszenierung um Inszenierung, versenkte sich ebenso in die Welt der Klassiker wie der Modernen, der Oper wie des Schauspiels, immer bestrebt, die fest gezogenen Grenzen des Bühnenbildes zum Bühnenraum zu erweitern und auf diese Weise den geschichtlichen oder menschlichen Charakter, den geistigen Gehalt und die Atmosphäre des einzelnen Werkes in der ihm angemessenen bildnerischen Form der Phantasie des Zuschauers so nahe wie möglich zu bringen. Weit über die maßgebendsten Theater seiner Vaterstadt hinaus, ja auch in einem Teil des Auslandes haben Strnads Bühnenbilder, ob sie nun aus Shakespeares oder Mozarts, aus Shaws oder Ibsens, aus Kreneks oder Werfels Welten sich lvslösten, in ihrer sauberen architektonischen Gliederung, in der Kraft oder Zartheit ihrer malerischen Wirkung, der aufleuchtenden Geistigkeit ihrer Konzeption und Durchführung, dem Namen des Künstlers Glanz und Ansehen verliehen — so gern er auch anonym bleiben wollte. Und mag man es auch aufs tiefste bedauern, daß ein so erlesenes Können sich vorzeitig ausgeben mußte, daß dazu „das wärmste, gütigste,- gläubigste Herz" dem seelischen Konflikt, der den Künstler von der Architektur zum Theater, vom Theater schließlich in -das.Filmatelier trieb, nicht gewachsen: war, so wird man dem Verfasser dieses bündig-liebevollen Nachrufs, überblickt man das geschaffene Werk Oskar Strnads, zustimmen dürfen, wenn er dem Resignierenden bezeugt: „Dein Tag war dennoch voll erfüllt!" ' vr. Hugo Lachmanski. S. Schachnowitz: „Flucht in die Heimat*“ Ein Dokument der Zeit. Hermon-Verlag, Frankfurt a. M. Ein schlagkräftiger Titel, ein anspruchsvoller Untertitel! Beide verpflichten. Halten sie auch, was sie verheißen oder erwarten lassen? Darüber werden wahrscheinlich die Leser je nach ihrer religiösen, nationalen und literarischen Einstellung verschieden urteilen. Für den Verfasser der Erzählung ist, wie sich schon nach wenigen Zeilen klar erkennen und sich ja auch nach dem Titel vermuten läßt, Palästina die Heimat. Im Hause Norbert Wildes, des Bankiers und Großkaüfmanns in Frankfurt a. M., hat bisher jüdisches Leben nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Nun bringt das zufällige Zusammentreffen des jüngsten Sohnes Boris, der sich von da ab Baruch nennt, mit einem polnischen Juden den Anstoß zu einer erstaunlichen Wandlung. Allerdings ist dieser als ein in Wissen, Denken und Fühlen abgeklärter Mann dargestellt. Boris, innerlich dazu vorbestimmt, durch den Unterricht dieses „Rabbi" geistig gerüstet, durch intensiv ausgenutzte Lehrzeit in einer streng gesetzestreuen Hachschara körperlich auss beste trainiert, widmet sich mit Leib und Seele dem Dienste am Ausbau eines tvratreuen Erez Israel. Auch auf den Vater greift-die Wandlung über, gleichfalls herbeigesührt durch Unterhaltungen und „Lernen" mit dem polnischen Raw. Verstärkt wird sie durch nunmehrige Teilnahme an schönen häuslichen religiösen Feiern und vervollständigt durch unverschuldetes Leid. Am Grabe Ratzels wird die feste Zuversicht einen anderen verschollenen Sohn wiederfinden. Kaum nötig zu erwähnen, daß diese Hoffnung unter dramatischen Umständen tatsächlich in Erfüllung geht! Die Erlebnisse im Heiligen Lande sich so stark, daß sich. Wildes zur Uebersiedlung entschließen. Ist das Buch wirklich ein „Dokument der Zeit"? Uns scheint die „Flucht in die Heimat" eher eine ausgesprochene Tendenzerzählung zu sein. Vom künstlerischen Standpunkte aus könnte man ihr den Vorwurf machen, daß sie ihre Tendenz gar zu offensichtlich hervortreten läßt. Auch dürfte die Wahl so vieler symbolischer und teilweise seltsamer Namen manchem Leser etwas ausdringlich erscheinen. M. A. Alice Berend: Ein Hundeleben. Verlag Julius Kittel Nachfolger, Leipzig—M.-Ostrau. Illustration von Steffi. Von Alice Berend, dieser humorvollen und gescheiten, dieser gütigen und reifen Frau ist ein neuer Roman erschienen. Er ist nicht lang, er behandelt auch kein großes, welterschütterndes Thema, trotzdem lohnt es sich, sich mit ihm näher zu befassen, näher und inniger als mit so manchem andern, das mehr.als ein „Hundeleben" schildert. Nun, hier ist die Lebensgeschichte eines Dobermanns, von ihm selbst erzählt. Sie ist mit der Lebensgeschichte einer vornehmen Senatorcnsamilie eng verknüft, ein Hund schildert seine Eindrücke von dieser Familie, ein Hund charakterisiert Menschen, ihr Tun, ihr Handeln, ein Hund legt seinen Maßstab an ihr Denken und -Fühlen, ein Hund empfindet das Leben. Ein -Hund,- der seinen jungen Herrn nie anders als seinen „geliebten Herrn" nennt, und. der ihn nicht nur so nennt, sondern jederzeit sein ganzes -Leben ihm in bedingungsloser Treue zu opfern bereit ist, hat sich das Recht erworben, zum Kritiker menschlicher Schwächen und Eitelkeiten, menschlicher Unzulänglichkeit und Dummheit zu werden. Sein Standort, von dem aus er die Welt betrachtet, hat eine beachtliche Höhe. Hört: „Wo jemand in Not ist, hat ein Dobermann hinzuspringen. Diese Lehre sitzt mir im Blute" oder „mit seinem Peiniger Mitleid zu haben, anstatt mit sich selbst, erleichtert das Leben" oder „uns Dobermanns ist unverdientes Lob ebenso beleidigend wie ungerechter Tadel". Irgendwo in dem Buch steht, der Instinkt irre nie, erst der Verstand bringe den Irrtum. Ter Dobermann hat einen guten Instinkt, eine seine Spürnase, sie unterscheidet scharf die Menschen mit „der Katzenatmosphäre" von denen, die mit Hunden gut stehen, sie unterscheidet scharf zwischen echt und falsch, zwischen gut und böse. So schnappt der Hund Worte auf, die den Menschen entschlüpfen und indem er sie wiedergibt, ohne eigentlichen Kommentar, zeichnet er das Porträt der Menschen in seinen wesentlichsten Zügen. Alice Berend legt dem Bruder Dobermann traurige Erkenntnisse, nüchterne Bemerkungen, die Elend und Not in krasser und knapper Weise umreißen, oft ungewollten Hohn auf die menschliche Gesellschaft, ihre eingebildeten Vorrechte und Qualitäten, in seine bellende Schnauze. Und unendlich viel Güte, Humor und Liebe in sein Herz, in sein schlichtes, klares, starkes Hundeherz. Es-werden nicht die schlechtesten unter den Lesern dieses Buches sein, die es nachdenklich lesen und mit nässen Augen zuklappen werden. 6. H. Die Jüdische Buch-Vereinigung sucht Autoren Die JBV teilt uns mit, daß sie für ihre Veröffentlichungen im Jahre 1937 in der Lage ist/ noch einige wertvolle Manuskripte jüdischer Autoren, vor allem gute Romane, zu erwerben. Sie bittet alle jüdischen Autoren, bekannte wie unbekannte, ihre Manuskripte zur sorgfältigen Prüfung zur Verfügung zu stellen. Die Prüfung der eingesandten Manuskripte erfolgt durch den Vorstand nnd die Literarische Kommission der Jüdischen Bnch-Vereinigung, die sich aus folgenden Persönlichkeiten zusammensetzen: Vorstand: Justizrat Tr. Dr. Magnus, -Professor Jsmar Elbogen, Direktor Gerson Bach. Literarische Kommission: Dr. Bertha Badt-Strauß, Dr. Margarete Edelheim, Dr. Ludwig F c u cfj t w a u g e r, Rabbiner Dr. Wiener. Einsendiurgen von Manuskripten sind ausschließlich an die Geschäftsstelle der Indischen Buch- Vereinigung, Berlin W. 15, Pariser Straße 7, zu richten. Das vom RjF im Vortrupp-Verlag, Berlin, herausgegebene Gedenkbuch „Gefallene deutsche Juden, Frontbriefe 1914—1918". (2. Auflage der Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden) liegt jetzt im 6. und 7. Tausend vor. machen, und wenn ihm die Wahl eines Märtyrerstosses wie seines jesuitisch gebundenen Vorgängers Corneille „Polyeucte" auch fern war, so lag ihm stets daran, den antiken Schicksalsbegrisf zu verchristlichen. Die Geschichte der Esther aber fand er „voll großer Lehren von der Liebe zu Gott", sie zeigte, was seine Sache war, „wie man mitten in der Welt der Welt entsagen könnte". Er sah,wahrend er in die Probe bessernd eingrifs, daß ihm die Behandlung des Stoffes darum besonders leicht gefallen war, weil er die Dichtung mit Szenen, die „Gott selbst vorbereitet hatte", ausschmücken konnte; Racine hielt es nämlich für eine Art Gotteslästerung, „wichtige Umstände, die uns die Heilige Schrift hinterlassen hatte, nach Gutdünken zu verändern." Von „Esther" und „Athalia", dem anderen für St. Cyr zwei Jahre später geschriebenen religiösen Schauspiel, sagt ein moderner Franzose, Jean G i r a u d o u x > sie seien nicht christlich, sie seien israelitisch, und niemals sei Racine der antiken Wahrheit hier in biblischer Form näher gewesen als in der Beschreibung der Größe und des Wirklichkeitssinns der Juden, von denen er vielleicht nie einen einzigen Vertreter gekannt habe. Schon früher hatte Racine einen jüdischen Stofs gestaltet, das Schauspiel von der Geliebten des Titus, „Berenkike", aber das Jüdische ist hier nuk Farbe wie das Türkische in „Bajazet", das Römische in „Britanniens" oder das Asiatische in „Mithridates". In ^Athalia", mehr noch als in „Esther", hat er ^endlich eine Schicksalhastigkeit gesunden, die noch unerbittlicher ist als die antike, deren Kraft durch die Ungläubigkeit der. Griechen und die poetische Verklärung gemildert wird. Hier hat er sein Volk gesunden. Bei den Juden kann er sein griechisches Schicksal mit Jehovah vertauschen, mit einem Jehovah, der über die angeborene Grausamkeit des Zeus hinaus bestimmte Absichten mit den Menschen verfolgt" (Giraudoux). Der-neueste, und seit Schiller erste schöpferische deutsche Nachdichter Racines, Rudolf Alexander Schröder, bemerkt von den Chören der „Athalia", sie stünden in einer Parallele zum deutschen Kirchenlied, aber einer Uebertragung ins Hebräische würden sie sich vielleicht weniger entziehen als einer dichterischen Verdeutschung. Obgleich „Athalia" zwei Kinderrollen enthielt und obgleich der Chor der Hungen Mädchen aus dem Stamme Levi" von denselben „süßen Täubchen" gesungen wurde, die — nach Boßler — die „Esther"-Aufsührungen „mehr und mehr zu einem Leckerbissen für ältere Feinschmecker machten", wurde dieses Bibelspiel >nur einmal im geschlossenen Saal und ohne Kostüm vorgetragen. „Man muß verzweifeln, für „Athalia" die Schauspieler zu finden, die solchem Pathos bei solcher Innerlichkeit gewachsen waren" (Boßler). Das Lebenswerk eines Philosophen Zum Tode von Xavier Leon Bor einigen Tagen berichteten die großen französischen Blätter in ausführlichen Nekrologen vom Tode des Philosophen Xavier Leon. Leon hat keine so überragende Stellung in der modernen französischen Philosophie eingenommen wie etwa Bergson, Levy-Bruhl oder Leon Brunschvicg. Auch die Tatsache, daß er Jude war, soll nicht ausschlaggebend sein, um ihm, dessen Name außerhalb Frankreichs wohl nur in Fachkreisen bekannt sein dürste, und seinem Werk an dieser Stelle eine ausführlichere Würdigung zukommen zu lassen. Das, was lavier Leon in vierzig Jahren unablässiger Tätigkeit im Dienste der Philosophie anstrebte, war, durch die Schaffung neuer Einrichtungen die Möglichkeiten zu geben, ohne die Unabhängigkeit des Einzelnen einzuschränken oder gar aufzuheben, in gesteigertem Maße philosophischer Erkenntnis zu dienen. Aus der Einsicht, daß in unserer Zeit mehr denn je der Philosoph Gefahr läuft, sich mit seinem Werk zu isolieren und keine Resonanz zu finden, wollte er nach dem Vorbild antiker Philosophieschulen Zentren lebendiger geistiger Auseinandersetzung ins Leben rufen. Als Vierundzwanzigjühriger gründete er mit seinen Freunden Leon Brunschvicg und Elie Halevy, mit denen zusammen er im Philosophie-Unterricht auf dem Pariser Concorcet- Gymnasium die ersten geistigen Anregungen empfangen hatte, die „Revue de metaphysique et de morale“, die bald zu einer der führenden Philosophie-Zeitschristen in Frankreich wurde. Die Revue, die er bis zu seinem Tode herausgab, bildete das Forum aller Geistigen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, einerseits die Quellen und Hintergründe der Realität, in der Metaphysik zu ergründen, und anderseits ans der theoretischen Erkenntnis die moralischen Gesetze abzuleiten, die unsere Handlungen bestimmen. Um, aber zwischen den Geistigen mittelnd 31t wirken, begnügte sich Leon nicht mit der Herausgabe der Vierteljahrszeitschrist-. Zehn Jahre nach ihrer Gründung rief er die- „Looiete irancaise de philosophie“ ins Leben. Er wollte nicht nur die Resultate philosophisch Strebender, nicht nur die geistigen Produkte, sondern die Geister selbst vereinigen. Er wollte den Denker aus den Klammern der Einsamkeit reißen und ihn als lebendiges Glied in die Gemeinschaft derer stellen, die sich ihm wesensverwandt erwiesen. Und wie die Academie Frangaise Kollektivarbeiten aus literarisch-philologischem Gebiet durchführt, die einem Einzelnen zu vollführen versagt sind, so unternahm auch die von ihm gegründete philosophische Gesellschaft die Bereicherung philosophischer Erkenntnis durch Gemeinschaftsarbeit; auf diese Weise entstand zum Beispiel das „Vöcabulaire technique et critique de la Philosophie“. Aber noch eine dritte bedeutsame organisatorische Aufgabe im Bereiche der Philosophie sollte Xavier Leon durchführen. Das Band zwischen den Geistigen, erkannte er, durste nicht nur innerhalb der Grenzen französischer Philosophie geknüpft werden, sollte nicht auf das Attribut: universal in bezug auf den Begriff des „Geistes" Verzicht geleistet werden. So schuf er die internationalen Philosophie-Kongresse, deren ersten er im Jahre 1900 erösfnete und dessen neunter im nächsten Jahre in Paris stattsinden wird. Auch dieses größte Unternehmen der Zusammenführung von Geistigen war aus der Idee entstanden, daß die schöpferischen Kräfte in den Begegnungen und Auseinandersetzungen der Geistigen entscheidende Auslösung finden und auseinander befruchtend einwirken. Das nun, was Xavier Leon gewissermaßen als „Organisator" im Bereiche des philosophischen Wirkens anstrebte, war ihm auch Impuls zu seinen-eigenen philosophiekritischen Arbeiten. Es war kein Zufall, daß er sich speziell dem Studium - F i ch t e s zuwandte, dessen Ergebnis in den drei Bänden „Fichte und seine Zeit" abgeschlossen vorliegt. Er suchte in Fichte weniger den Volksfüyrer, der durch sein Werk den entscheidenden Einfluß auf das nationale Erwachen Deutschlands zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ausübte, er -sah in ihm vielmehr den Denker, der die geistige Freiheit über alles stellte, nicht nur als Möglichkeit, sondern als Verpflichtung, als Ziel, das zu erfüllen höchstes Gebot ist. Darin beruht die Sonderstellung und einzigartige Bedeutung Leons: daß er beispielhaft die Synthese, mehr noch: die Ganzheit'schuf zwischen Geist und Leben, Zwischen Wollen und Tun, zwischen Erkenntnis und Tat. In jeder Phase seines Lebens war er Diener am Geiste, ob er nun in eigenen wissenschaftlichen Studien sich mit den Problemen der Erkenntnis auseinandersetzte, ob er seine Zeitschrift redigierte oder in mühseliger organisatorischer Arbeit die „Kongresse der Geistigen" vorbereitete. Sein Werk war wie sein Leben im Sinne der klassischen französischen Forderung nach der harmonischen Nebereinstimmung von Form und Inhalt, von innerem Streben und äußerem Ansdruck das eines Philosophen. H. B—n.