Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 10 (5.3.1936)
- Date
- 1936-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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5. Marz 1935 Nr. 10 * 4. Beiblatt Jakob Loewenberg Am 9. März wäre Jakob Loewenberg 80 Jahre alt geworden. Ein gütiges Geschick hat den Dichter vor sieben Jahren aus der Arbeit -genommen, ihn davor bewahrt, dahinzüsiechen und seine Welt zu überleben. Auch er spürte wohl ahnend das Schwere, das über die Juden in Deutschland kommen sollte, als er in den letzten Jahren an einem Drama „Süßkind von Trimberg" arbeitete/ das die Tragik des mittelalterlichen Sängers zum Thema hatte. Seinen letzten Novellenband — stolzes Bekenntnis zu seinem Judentum — nannte er „Der gelbe Fleck" (Philo Verlag 1924). Jakob Loewenberg stammt aus einem kleinen westsälischen Dorf — Niederntudorf —, anderthalb Stunden durch Felder und Wälder ging sein räglicher Schulweg zur nächsten jüdischen Schule. Niemals hat er die Verbindung mit dem Landleben verloren. Unerfüllt blieb seine Sehnsucht, ein Häuschen mit einem Garten zu besitzen. Aber bis in die letzten Jahre hatte er draußen vor der Stadt an der Alster eineil Schrebergarten, den ec mit seinen Schülerinnen bestellte. „Unser aller Tun und Beruf hat ja etwas Gekünsteltes, etwas in der Luft Schwebendes, der Bauer steht mit beiden Beinen fest auf der Erde. Dank Gott . . . wenn Du einige Zeit . . . Wachsen und Werden siehst und selber mitwächst und mitreifst. Ich halte das für einen Segen. Ich bin hier auf dem Dorfe, und das allein genügt schon, mich gleich heimisch zu fühlen." (Brief aus Holzhausen/Lippe. 28. Juli 1918.) Aus dieser tiefen Verbundenheit mit dem Boden stammte die tiefe Liebe zur niederdeutschen Landschaft. Als der Dreißigjährige nach Hamburg kam, das ihm Heimat und Wirkungsstätte wurde, erschloß sich ihm das Meer in feiner Größe und Einsamkeit. Das waren seine schönsten Ferien, wenn er allein in den Dünen Sylts sich aus angeschwemmtem Strandgut eine Hütte baute, wenn nur die Dünenhasen seinen Weg kreuzten, nur der Möwen Schrei ihn aus Dichten und Sinnen weckte. Hier entstanden dann Gedichte und Märchen. . Durch die zitternden Dünengräser Schau ich aufs weite, wogende Meer. Durch die zitternden Dünengräser Blickt die sinkende Sonne her. Wellenschaum und Abendleuchten. Ach, wie schnell der Tag zerrann! Durch die zitternden Dünengräser Blickt mein Leben mich fragend an. (Abendleuchten, Ausgewählte Gedichte, 1926.) Mit dieser Liebe zur Heimat verband sich — wie in einem großen Strome, dessen Wasser „aus zwei Quellen" gespeist sind — des Dichters Liebe zum Judentum. Es war vor allem verwurzelt in der Treue zu feiner Familie, im Stolz auf die Geschichte und das Buch der Bücher, die Bibel. Der Schmerz um eine srühverlorene Schwester, das Andenken an den Vater, der als einfacher Handelsmann die Seinen kärglich ernährte, das immer nahe Bild der Mutter sind die ersten Themen seiner jüdischen Gedichte. Von der strengen Form jüdischen Gesetzes hatte er sich in den Jahren seines geistigen Werdens entfernt, aber so wie die Festtage in seiner Erinnerung an die Jugend fortlebten, wollte er sie auch seine Kinder erleben lassen. Weil es gegen den Sinn der frommen Mutter war, rauchte er nie am Sabbat, an jedem Jahrzeitstag fastete er, am Freitagabend wollte er die Seinen in festlicher Stunde um sich haben. Am Sederabend las er die Erzählung von der Befreiung der Väter aus ägyptischem Joch und deutete die alten Brauche. Wie er in den 90er Jahren in den „Liedern eines Semiten" gegen Stöcker gekämpft hatte, so war er immer da zu finden, wo es galt, gegen die Anfechtungen der Gegner ein mannhaftes Wort zu sagen, so in der Kunstwartdebatte 1912. lieber allem aber stand ihm als Lehrer und Dichter der Mensch. Ihn heranzubilden, wirkte er unermüdlich und unerschütterlich im Glauben an das Gute im Menschen. Die Welt, in der Jakob Loewenberg lebte, ist vergangen. Schneller als wir glaubten, ist seine Gestalt geschichtlich Der andere Sohn verfettet in der von europäischer Zivilisation überschwemmten südchinesischen Großstadt. Und wir erleben nun das' Schicksal der Enkel, die zwischen der starren, erprobten Tradition und der alles umstürzenden europäisierten, amerikanischen Gegenwart stehen,, schwankend, kämpfend, sich verlierend, sich behauptend. Einer verfällt ganz den oberflächlichen Genüssen moderner Gesellschaft und Kunst, alle Probleme von sich fernhaltend; ein anderer stellt sich resolut auf die Seite der Revolution, ein ewiger Aufrührer und Reformer; ein . dritter, Hauptgestalt des Buches, der Sohn des Kriegsherren' aus dem Norden, in die Großstadt des Südens zur gütigen, innerlich feinen, zweiten Frau des Vaters geflüchtet, fühlt seine und Chinas.Zwiespältigkeit. Er ist „noch nicht ganz neuartig und doch auch anders als die Alten", er steht in der Mitte „zwischen dem neuartigen Haus (der Zivilisation) und dem Lehmhaus (der ländlichen Vorfahren)". Und dies „geteilte Haus", das Hin- und Hergeworfenwerden zwischen zwei Epochen, wird zum Titel, zum Leitmotiv des Buches. Alle leben im „geteilten Haus", und das bedeutet die Tragik des heutigen China. „Er hatte kein wirkliches Heim, und sein Herz war ein gar einsam Herz, das weder hier noch dort ganz sein konnte." Zumal nachdem Puan in Amerika einige Jahre studiert und sein Doktorexamen gemacht hat, fühlt er sich entwurzelt und „möchte gern Wurzel fassen". Er kann weder mit dem Radikalismus der politischen Revolution gehen, noch mit dem Vetter und der schönen Halbschwester, die in der allzu schnell assimilierten europäischen Zivilisation ihr Selbst verlieren. Aber er erkennt auch, wie die uralte Tradition in Moder und Elend zerfällt. „In der Mitte zwischen Altem und Neuem stehend, dachte er, vielleicht könne kein Mensch etwas schaffen, der nicht mit ganzer Seele irgendwo lebt." Zwei Frauen lieben ihn, erst die konsequente, düstere Revolutionärin, dann in Amerika die klare, helle Tochter des Professors; er kann beide nicht wiederlieben. Schließlich findet er Halt und Ziel in der Liebe zu einem Mädchen seiner Raffe, einem Findelkind, von seiner vornehmen Stiefmutter aufgezogen, das mit der eingeborenen Sicherheit und Geschlossenheit der Tradition den Weg zum Neuen schreitet, indem es, zur modernen Frau erwachsen, als Medizinerin, das Neue nützt zur Besserung und Festigung ihres in den Wehen der Wandlung zerrütteten Landes. Das gute Alte als Grundlage des guten Neuen, — so wird das geteilte Haus wieder einheitlich. Um dieses Grundmotiv wuchtet in leuchtender Fülle der Reichtum des Romans; Nordchina und Südchina; armes, von Grundherren ausgebeutetes Ackerland; xasch emporgeschossene Großstadt mit entsetzlicher Armut und prunkendem Amüsement; Bauern, Soldaten, Räuber, Revolutionäre; alte Trachten und Bräuche im Kampfe mit europäischer Kleidung, mit modernen Sitten und Unsitten; und immer wieder im Elend verkommende und demoralisierte Massen, Krieg, Genußsucht, neues Wissen, neue Wissenschaft. Das ist der Wirbel, in dem die Hauptgestalten enttvickelt werden. Die chinesische Trilogie der Pearl S. Buck wird als Darstellung unserer Zeit zu den bleibenden Werken dieser Zeit gehören. Dies gilt nicht von dem im Wien unserer Tage abrollenden Roman „Die Blendung" von Elias Canetti. Aber er kann als charakteristisch bezeichnet werden für eine Epoche, die sich in Europa unter ebenso schweren Erschütterungen umschichtet wie in China. Nur wird mau hier nichts von politischen und sozialen Umwälzungen gewahr. Aber sie deuten sich in den seelischen Verwirrungen und Irrungen scheinbar abseits lebender Menschen und in der Technik, mit der die Menschen dargestellt werden, an. Diese Technik besteht methodisch in der Psychoanalyse und künstlerisch in jener assoziativen Erzählungsart, die als Erster und Radikalster James Joyce im „Ulysses" angewandt hat. Wir erfahren nicht Wir suchen Häuser für schnellentschlossene Käufer. Barauszahlung* 6 H Cl 61*“ I in in ob i I ien Bruno Bender, Linkstr. 32. Bl, Kurfürst 1165/66, nur, was die Menschen tun, sondern es wird gewissenhaft registriert, wie ihr Denken und Fühlen im Zickzack springt, vom Hundertsten ins Tausendste rast, gespeist zugleich aus abgründigen Inhalten des Bewußtseins und aus Reizen von der Oberfläche her. Die Menschen dieses Romans muten wie Irrsinnige, wie Anormale an, und doch geschieht alles konsequent aus den unheimlichen tiefsten Tiefen ihres Wesens, bis in die abstrusen Lächerlichkeiten und teuflischen Scheußlichkeiten, die uns erbarmungslos und rücksichtslos berichtet werden. Manchmal möchte der Leser das Buch wegwerfen, weil es abstoßend und weit-l schweifig wirkt, aber der Fanatismus des El." Zählers, der uns ebenso verrannt erscheint wie feine Gestalten, hält uns mit der Intensität seiner Wortkraft, mit dem auf jeder Seite überreich hingeworfenen Bewußtseinsmaterial seiner Figuren gesesM und gepackt. Ein stiller, menschenabgewandter, gelehrtes Sonderling, in pedantischer Hingegebenheit nur feinen Büchern lebend, heiratet aus Mitleid feine alte ordinäre Wirtschafterin, die mit durchtriebe-« ner Energie Besitz von seiner Welt ergreift, diese Welt mitsamt chrem Schöpfer zerstört und damit in ihrer Geldgier und unbefriedigten, verwirrten Sinnenlust sich selbst. Von diesem zerstörerischen Irrsinn wird das Haus, die Straße, die Unter-? weit, die Behörde, die Stadt, die Menschlichkeit und Menschheit ergriffen, und als endlich der Irrsinnigste all dieser Irrsinnigen, ein Irrenarzt, Bruder des Gelehrten, glaubt, durch seine überhebliche Analyse Ordnung im Chaos geschaffen zrt haben, da zündet der anscheinend Geheilte seine Bibliothek an, sich selber richtend, und damit eigentlich zugleich die Methode des Buches und den Seelennarren, den Büchernarren, der dies unter die absonderlichsten Romane der Weltliteratur zu zählende Werk schrieb. Romane aus fernen Welten Pearl SL Buck: „Das geteilte Haus“ Paul Zsolnay Verlag, Wien. Elias Canetti: „Die Blendung“, Herbert Reichner Verlag, Wien. Josef Wiessalla: „Die Empörer“, Bruno Cassirer Verlag, Berlin Zwischen drei ungewöhnlichen Romanen, die der Zufall zusammengetragen hat, soll nicht gewaltsam ein Zusammenhang konstruiert werden. Aber diese Bücher haben alle drei das eine gemeinsam, daß sie in Welten vo sich gehen, die uns ferä sind; das eine ist uns örtlich fern: es spielt in China, das zweite ist uns seelisch fern: es spielt in den Abgründen absonderlicher psychischer Verwirrungen, das dritte ist uns zeitlich fern: es spielt zur Zeit der Bauernbefreiung um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Oberschlesien. Und diese Bücher haben als zweites gemeinsam, daß sie in mehrfacher Hinsicht starke Bücher sind. Stark im Umfang, jedes ist etwa 500 Seiten stark; stark im Stofs, der jedesmal neuartig und packend wirkt; und stark in dem besonderen Stil, der, jedesmal völlig anders, aus der Art des Gegenstandes und der Persönlichkeit des Verfassers organisch erwächst. Jeder der drei Autoren ist geradezu besessen von seinem Thema und schafft aus dieser Besessenheit besessene Menschen. Pearl S. Buck, Tochter eines angelsächsischen Missionarchepaars, in China ausgewachsen, hat schnell Weltruhm erworben mit ihren chinesischen Romanen, die mehr als Romane sind, nämlich: Kulturgeschichte, Menschengeschichte, Sozial- Jakob Loewenberg Fot. Schallenberg, Hamburg geschichte aus jenem Reich, das noch heute und gerade heute geheimnisvoll erscheint, weil seine Struktur, seine Sitten und seine Menschen zu allen Zeiten sich wesentlich von den Epochen europäischer Geschichte unterschieden. Pearl S. Buck bringt uns mit zarter und doch eindringlicher Hand Zustände, Sitten und Bewohner Chinas in künstlerischer Erzählung näher als es bisher wissenschaftliche Schilderung vermochte. Chinesische Dichtung bleibt uns immer, bei aller bewundernden Erkenntnis, fremd, weil sie mit chinesischer Technik ausgesührt, mit chinesischer Weltanschauung ausgefüllt ist, die sich in Lyrik, Drama und Erzählung von der europäischen Dichtkunst ebenso unterscheiden wie etwa die Perspektive der chinesischen Malerei von der europäischer Bilder. Pearl S: Bück aber schildert mit europäischer Technik chinesische Menschen und Zustände in einer selbstverständlichen, verstehenden, innigen Art, die uns die geheimnisvollen Bewohner des Riesenreiches plötzlich in allen Schichten als vertraut und brüderlich, und die geheimnisvollen Vorgänge und Entwicklungen, auch die wirtschaftlichen und politischen, ganz natürlich aus diesem Menschlichen entsprossen erscheinen läßt. Diese Autorin gibt eigentlich niemals Erklärungen und Schilderungen, sondern sie erzählt immer; alles Zustündliche, gleichviel ob es seit Jahrtausenden beständig oder in Umschichtung befindlich ist, wird allein im Tun der Menschen vorgesührt. Und dies Tun und Geschehen erzählt sie in so einfacher, aussagender, tatsachengesüllter Weise, wie Homer einst von den griechischen Helden erzählte. Deshalb werden ihre Prosabücher zur Dichtung, zur epischen Dichtung hohen Ranges, zur Weltliteratur. Ihr berühmtester und schönster chinesische'): Roman heißt „Die gute Erde" und hat den Untertitel „Roman des chinesischen Menschen". Hier fängt sozusagen die Geschichte des chinesischen Menschen, der in äußerster Primitivität sein Land debaut, noch einmal ganz von vorn an, wie die Geschichte des europäischen Menschen in dem großartigen nordischen Gegenstück, in Knut Hamsuns „Segen der Erde". Ein Kleinbauer, aus dem alten Landbewohnergeschlecht der Wang, entwickelt sich, nach harten Schicksalsschlägen, durch zähen Fleiß, naive Klugheit und glückhaftes Festhalten am Land, zum reichen Grundbesitzer, lieber den zweiten Band, „Söhne", das Schicksal der Söhne der nun „großen Familie Wang" darstellend, weitet sich das Werk mit dem abschließenden neuen Buch „Das geteilte Haus" zur Trilogie, die in unseren Tagen endet. Der eine Sohn, altgewordener Kriegsherr der alten Schule, verkommt) eigenmächtig noch in der Zeit der Selbstherrlichkeit lebend, die nicht mehr existiert; er wird in seiner Verblendung ein Opfer der Räuber. geworden. Aber uns und unseren Kindern bleibt sein mahnendes Wort: Halt fest, mein Kind, verlier Dich selber nicht. Die Scharte nur, die du dir selbst versetzt. Wird nie im Leben wieder ausgewetzt. Ob auch die Menschen in dir untergehn. Der Mensch soll um so herrlicher erstehn. Und reißt man dir die Blüten aus dem Garten, Wir sind vom alten Stamm, wir können warten. Sei fest, sei stolz, und eins 'noch laß dich lehren: Dich wehren. Jung, dich wehren! Dr. Ernst Loew enberg Racines Esther Von Dr. Lutz Weltmrann Die Demoifelles von St. Cyr, der berühmten Anstalt, in der junge Damen aus ganz Frankreich für ein gottessürchtiges Leben erzogen wurden, befanden sich in angeregter, erwartungsvoller Stimmung. Nach zwölfjähriger Pause hatte der Dichter der „Phädra" die Feder wieder zur Hand genommen, um für sie eine dramatische Dichtung zu schreiben, das biblische Schauspiel „Esther". Und sie sollten diese Tragödie mit Chören, für die Jean Baptiste Moreau eine Musik geschaffen hatte, im Jahre 1689 zum ersten Male spielen! Der Verfasser, der große Racine, wohnte einer Probe bei. Die adligen Zöglinge des Pensionats, die eine besonders schöne Stimme hatten, sangen die Chöre israelitischer Mädchen, und der fünfzigjährige Dichter machte dem Komponisten das Kompliment, seine Gesänge wären das Angenehmste am ganzen Stück. Moreau hatte Bedenken, ob die Musik des letzten Chores, der sich an Esthers Worte: „OGott.wie wunderbar sind deine Wege oft. Die deiner Weisheit. Rat uns führet unverhofft!" anschloß, nicht ein wenig zu lang wäre. Racine sagte darauf mit Nachdruck: „Die jungen Israelitinnen haben dem Höchsten in ihrer schrecklichen Gefahr alle möglichen Gelübde getan. Hätten sie sich nach deren Al Wendung mit einem mittelmäßigen Dank begnügen sollen? Sie hätten damit ja gege die lobenswerte Einrichtung ihres Volkes bei stoßen, für die empfangene Wohltat Go! sofort durch'lange Gesänge zu danken. Lese Sie in der Bibel nach, was über Mirjan des Mose Schwester, geschrieben steht, un was über Deborah und Judith. Und ich Hab mir sagen lassen, daß die Juden noch heut mit großen Dänkeserhebungen den Ta feiern..." Zu den Zerstreuungen der Maitresse de Königs, Frau von Maintenon, gehörte di Hauptaufsicht über St. Cyr, wo die Schülc rinnen die schönsten Stellen aus den bestem Dichtern auswendig lernen mußten, um sic die aus den Provinzen mitgebrachte fehler hafte Aussprache abzugewöhnen. Da di meisten und besten der Dichter nur weltlich Stoffe behandelten, hatte Frau von Main tenon von Racine ein Werk erbeten, da Gottesfurcht und Sittenlehre in reinliche: Alexandrinern ausdrückte und Erzählun mit Gesang durch eine dramatische Hand lung verbände. Da ihm auch geraten wurde, der „Lange weile keinen Zugang zu gestatten", benutzt er die Gelegenheit, den jugendlichen, Zu schauern ein größeres Vergnügen zu bereiten zu einem häufigeren Wechsel der Szenerie zwar wahrte er die „Einheit des Ortes" in sofern, als die ganze Handlung sich innerhäll von Ahasvers Palaste zutrug, aber er schal tete doch mit dieser Einsicht weniger strem als in seinen früheren Tragödien. Sehr will kommen war ihm die Anweisung, die Hand lung mit Chor und Gesang zu verbinden, dc er damit einen alten Vorsatz ausführer konnte: den Chor zur Lobpreisung des wahrer Gottes zu verwenden, wie die Griechen di« Chöre ihrer Tragödien zur Verherrlichunc ihrer Götter. Racine, der im Grunde seines Herzens eine religiöse Natur war, hatte immer Hemmungen empfunden, die heidnischen Götter zu Lenkern des Schicksals zu