Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 9 (27.2.1936)
- Date
- 1936-02-27
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Jüdisches Lehen Von den Grenzen Jüdischer Kultur Zur Vortragsreihe des Berliner jüdischen Lehrhauses Im Rahmen der Donnerstagsreihe des Derliner jüdischen Lehrhauses sprach am 20. Februar Dr. Georg L u b i n s k r über gesellschaftliche Voraussetzungen jüdischer Kultur. Er ging davon aus, daß die Juden auch nach der Zerstörung des Tempels eine eigene Kultur besessen hätten, deren Sprache das Hebräische oder Jiddische, und deren Träger das jüdische Volk in seiner Gesamtheit gewesen sei. Niemals sei das jüdische Volk eine geschichtslose Nation, d. h. eine Gemeinschaft, deren kultureller Schöpfungsprozeß jahrhundertelang unterbrochen worden sei, geioorden. Der Referent wandte sich dann den beiden außerhalb Palästinas bestehenden Zentren jüdischen Volkslebens, Amerika und dem Osten, zu. In Amerika sei trotz eigener Presse, Gewerkschaft und Schule eine Auflockerung des kulturellen Eigenlebens festzustellen. Das gleiche gelte im Prinzip für das o st j ü d i s ch e Leben, wo religiöse Gegensätzlichkeit zwischen der alten und jungen Generation die überkommenen jüdischlegitimen Bindungen zu zerstören drohe. Den Juden in Deutschland fei zum großen Teil das Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volk erst durch die Ausnahmegesetzgebung des Jahres 1933 gekommen. Bis dahin hätten sie in ihrem überwiegenden Teil versucht, sich der Gesetzmäßigkeit der jüdischen Gesamtheit zu entziehen. Für die kulturelle Neubildung kämen die jüdischen Organisationen wegen der jüdischen Ungebildetheit vieler ihrer Führer nur bedingt in Frage. Einen Ansatzpunkt könnte die jüdische Schule bilden. Den Möglichkeiten für die Schaffung einer hebräischen Atmosphäre steht Lubinski skeptisch gegenüber. Kulturbund, Landschulheim und Lehrhaus seien noch nicht jüdische Kulturträger. Sie könnten höchstens diekünftigen Träger einer jüdischen Kultur vorbereiten. Allerdings werde die Schaffung einer jüdischen Kultur in Deutschland auch durch das Fehlen der äußeren Stetigkeit infolge der Auswanderung erschwert. Hinzu komme, daß der Akademikernachwuchs in Deutschland fehle, und daß überhaupt die Ausbildungszeit unserer Jugendlichen erhebliche Abkürzung erfahren habe. In diesem Zusammenhang unterstrich Lubinski die Bedeutung des 10. Schuljahres. Angesichts all dieser Schwierigkeiten einer jüdischen Kultur in Deutschland, in Amerika und im Osten liege die eigentliche kulturelle jüdische Chance in Palästina. Eine heute in Palästina akute Gefahr sei die der Verflachung des Hebräischen. Da diese Sprache von Menschen gesprochen werde, die sie erst nachträglich gelernt hätten, so werde die Berücksichtigung der sprachlichen Feinheiten vielfach vernachlässigt. Den eigentlichen Ansatzpunkt einer sprachlichen Regeneration bildeten die landwirtschaftlichen Siedlungen. Es dürfe ferner nicht übersehen werden, daß der Neuschaffung einer jüdischen Kultur auch erhebliche strukturelle Schwierigkeiten entgegenstünden, da die religiös-legitimen Bindungen heute nicht mehr als allgemein gültig anerkannt würden und die politischen Probleme sich für die Gesamtheit mehr trennend als verbindend auswirkten. Trotz alledem fei Palästina das Zukunftsland — jüdischer Leist auch in kultureller Beziehung, während die Möglichkeiten für eine jüdische Kultur in Deutschland gering seien. Da mit dem Lubinskischen Referat die Vortragsreihe über jüdische Kultur abgeschlossen ist, so seien auch einige abschließende Bemerkungen zu der Gesamtbehandlung, die das gestellte Problem erfuhr, gestattet. Als das Thema „Jüdische Kultur"', dessen Aktualität gerade für uns und in heutiger Zeit nicht bestritten werden soll, angesetzt wurde, stand von vornherein eines fest: Die Behandlung des Problems mußte dann unbefriedigend ausfallen, wenn man von der Notwendigkeit und Möglichkeit einer alle Juden umfassenden jüdischen Kultur ausging und jüdische Einzelleistung außerhalb des eigenen jüdischen Kulturbereichs als jüdisch unerheblich hinstellte. Denn Grundelemente des allgemeinen Kulturbegriffs sind nun einmal Land und Sprache, und soweit diese fehlen, sind jüdisch-kulturelle Entwicklungsmöglichkeiten nur in verhältnismäßig geringem Ausmaße gegeben. Auch dann sogar, wenn man den Kulturbegriff weiter auffaßt, wie es zum Beispiel Leo Hirsch in seinem Referat tat, wird nur ein bestimmter Sektor jüdischer Kulturleistungen als jüdisch legitim erfaßt. Aber wird der Wert unseres jüdischen Seins dadurch verkleinert, daß die Juden keine kulturell einheitliche Gemeinschaft bilden? Auch wir bejahen die Entscheidung zum Jüdischen und for« dern die Einordnung des einzelnen in die jüdische Gesamtheit. Aber mit einer Verabsolutierung des Jüdischen können wir dem jüdischen Sein in seiner ungeheuren Vielfältigkeit nicht gerecht werden. Unsere Geschichte hat uns gezeigt, welchen Wert die Aufgeschlossenheit für die Kulturen der Umwelt — bei aller auch von uns geforderter Grenzziehung! — in sich birgt, sie hat uns bewiesen, daß das „Minus" an „eigener" Kultur ausgeglichen wird durch den Reichtum, der uns durch die Berührung mit europäischer Kultur und dadurch mit Kultur schlechthin zuteil wurde. Wir hätten es gern gesehen, wenn in den Vorträgen auch einmal diese Seite des Problems ausgezeigt worden wäre, obwohl, oder gerade weil wir wissen, daß dies im jüdischen Leben heute ebenso unmodern geworden ist, wie es — zu dieser Bemerkung halten w i r uns. für berechtigt — vor dem Umschwung unmodern war, sich für das Primat des Jüdischen, für die gesamtjüdische Bedeutung Palästinas, ja für jüdische Arbeit überhaupt einzusetzen. Vielleicht wird auch gerade einem der betont jüdisch eingestellten Nichtzionisten, die sich immer gegen die d i st a n z - lose Identifizierung mit der Umwelt gewandt hatten, erst durch das Entbehren klar, wie stark wir unbewußt diesen Werten verhaftet waren. Wir forderten das hebräische Lied, weil wir das deutsche ohnehin sangen; wir rangen um Bubers und Rosenzweigs Gedankenwelt, weil uns die Gedankenwelt Goethes und Schillers gesicherter Besitz schien, wir begeisterten uns für den „Dybuk", nachdem uns „Fidelio" selbstverständlicher Bestandteil unseres künstlerischen Erlebens geworden war . . . Wenn daher Menschen von dieser Vortragsreihe Abschied nehmen mit der Empfindung, daß das jüdische Leben außerhalb Palästinas nicht oder weniger lebenswert fei als im Lande, so hätte der Zyklus seinen Zweck verfehlt. Wenn sie aber aufgeschlossen worden sind für die ungeheure D?rl fall? gkeil jüdischen SZ?n2, ftfrt sie an dem Teilproblem der jüdischen Kultur erneut gespürt haben, welcher Eigengesetzlichkeit jüdisches Sein unterworfen ist, und wenn ihnen bewußt geworden ist, daß es darauf ankommt, wie mau sich diesem Sonderschicksal gegenüberstellt, ob als Herr oder als Knecht, ob innerlich frei oder innerlich unfrei, ob als Glied der jüdischen Gesamtheit oder als Flüchtling vor dem eigenen Selbst — dann war das Bemühen auch dieser Vortragsreihe nicht vergebens. Dr. Werner Rosenstock. Arthur Ruppin In diesen Tagen begeht Dr. Arthur Ruppin seinen 60. Geburtstag. Wenn man seine Laufbahn heute überschaut, so bleibt festzustellen, daß vor allem seine praktische Tätigkeit in Palästina eindeutig von reichen Erfolgen begleitet war. In Rawitsch (Posen) geboren, arbeitete er kurze Zeit als Rechtsanwalt in Magdeburg, nahm 1904 an der Gründung des Verbandes für Statistik der Juden teil und leitete dessen Büro in Berlin bis 1908. Im Jahre 1907 besuchte er erstmalig Palästina und übernahm dann ein Jahr später die Leitung des Palästina-Amtes in Jaffa. Eine Fülle von Projekten praktischer Kolonisation (Daganja, Merchawja, Kinereth, Hulda, Emek, die Stadt Tel-Aviv, die Palestine Land Development, Hypothekenbank u. a.) sind ihm zuzuschreiben. Von Anfang an galt feine besondere Zuneigung der Lösung der jüdischen Arbeiterfrage auf der Grundlage organisierter Siedlung. Mit Unterbrechungen gehört er der Zionistischen Exekutive an. Einem größeren Kreis der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ist er im Jahre 1933 durch seinen Vortrag auf dem 18. Zionistenkongreß bekannt geworden, wo er die Idee entwickelte, innerhalb von fünf bis zehn Jahren 200 000 Juden aus Deutschland planmäßig in andere Länder zu überführen. Palästina sollte danach 100 000 Juden aufnehmen, andere Länder weitere 100 000, davon die Vereinigten Staaten von Nordamerika allein 50 000. In jüngster Zeit unternahm Nuppin im Aufträge der Jewish Agency eine Studienreise nach Südamerika, um die Möglichkeiten der Einwanderung von Juden in diesen Erdteil zu untersuchen. Das Ergebnis feiner Reise hat er vor kurzem der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht. Läßt man die Einschränkungen, die vom nichtzionistischen Standpunkt aus gemacht werden müssen, außer Betracht, weil sie in praxi für große Teile der jüdischen Menschen aus Deutschland, die in andere Länder wollen, ohnehin prablematifch sind, so können die Ergebnisse und Schlußfolgerungen seiner Studien als durchaus Positiv und wertvoll für viele wanderungswillige Juden angesprochen werden. Wir müssen Ruppin, der im Verlaufe von nahezu 30 Jahren große Erfahrungen auf dem Gebiet Praktischer Kolonisation in halbentwickeltem Land gesammelt hat, für diese Leistung dankbar sein. Seine reiche praktische Entfaltung hat Ruppin von Anfang an durch wissenschaftlich-politische Betätigung ergänzt. Eine Anzahl Schriften legt davon Zeugnis ab. Wir nennen nur feine Hauptarbeiten: „Die Juden der Gegenwart" (1. Auflage 1904), „Der Aufbau des Landes Israel" (1919), „Zionistische Kolonisationspolitik" (1914), „Syrien als Wirtschaftsgebiet" (1917). Sein Hauptwerk ist die zweibändige „Soziologie der Juden", die im wesentlichen aus Vorlesungen an der Hebräischen Universität Jerusalem, wo Ruppin als Dozent für Soziologie wirkt, entstanden ist. Die Grundzüge dieser Soziologie find bereits in seinem Erstlingswerk „Die Lage der Juden" enthalten, in denen Ruppin noch während seiner ersten juristischen Tätigkeit die sozial- und Wirt- Oppenheim Das bekannte Spezial haus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wilmersdorf er Str. 115-116 Wollstoffe — Samt Seidenstoffe schaftsstatistischen Ergebnisse jüdischer Bevölkerungsentwicklung im Sinne der Untergangskatastrophe durch die Assimilation und ihrer Positiven Umleitung in den „jüdischen Nationalismus" auswertet. Durch feine Arbeit hat er wesentlich zur wissenschaftlichen Formung und Entwicklung einer jüdischen Volkstumsideologie beigetragen. Wie die Vielzahl der akademischen Führer des Zionismus zeigt und wie es in den Abhandlungen RuPPins in Erscheinung tritt, ist allerdings oft die jüdische Frage allzusehr unter dem Gesichtspunkt der besonderen Lage des Ostjudentums betrachtet worden. Häufig hat sich auch sein aus feiner Denkweise entstandener Pessimismus überschlagen, wenn er z. B. aus nicht sehr bedeutsamen Ereignissen in New-Pork im Jahre 1920 den Schluß zog, daß „fast, über Nacht aus dem freien Amerika ein antisemitisches Land geworden ist". , . Im Laufe der Jahre hat er sein fozwloglsches System immer stärker zu untermauern und zu vertiefen versucht, wobei sein sich stark weitender Gesichtskreis und die mit dem Alter wachsende Erfahrung eine stärkere Schließung der Lücken und dadurch eine Abglüttung und Dämpfung jener Gedankensührung mit sich brachten, die im jugendlichen Feuer entstanden war. Ruppin wird, nachdem er die Schwelle des Alters überschreitet, sicherlich fein Werk weiter vertiefen und mit der Weisheit des Alters befruchten. Die Erfahrungen gerade der letzten Jahre sind ihm gewiß ein Beweis für die zweischneidigen Folgen jeder Ideologie. Mer es bleibt ihm das befriedigende Bewußtsein, sich mit ganzer Tatkraft und der Fülle seiner Anregungen für ein praktisches Abfangen der Folgen dieser Ideologie in Palästina erfolg, reich eingesetzt zu haben. —1—n. Lehrhaus Berlin. Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Lotte Pulvermacher „Hebungen im Betrachten von Kunstwerken" findet am Sonntag, 1. März, 10 Uhr. eine Führung durch, die Liebermünn-Gedächtnis-Ausstellung im Jüdischen Museum statt. Teilnahme für Hörer des Jüdischen Lehrhauses nur nach vorheriger Anmeldung im Sekretariat, Marburger Straße 5 (10 bis 13, 16 bis 18 Uhr). * Der Nervenarzt Dr. Gustav Oppenheim in Frankfurt a. M. hielt kürzlich in der Studie n - gesellschaft für parapsychologische Untersuchungen in Amsterdam einen vielbeachteten Vortrag über „Elektrische Felder am menschlichen Körper und ihre Bedeutung für die parapsychologischen Erscheinungen". Am Tage nach dem Vortrag führte er in einem Laboratorium Experimente vor. Die niederländische Tagespresse brachte über diese wissenschaftlich« Veranstaltung umfangreiche Berichte. * An der „Ungarisch-Jüdischen Freien Universi-« tät" in Budapest sprachen Professor Armin B i l l es über „Europäische und amerikanische Juden" und Dr. Heinrich Guttmann über „Deutsche Juden im 19. Jahrhundert". * 3it dem Bericht in Nr. 7 der C.-B.-Zeitung vmn 13. Februar über das Sozial- und Heilpädagogische Seminar Frankfurt a. M. wird uns ergänzend mit« geteilt, daß feit dem 1. Februar 1936 in Berlin« Schöneberg, Goltzstraße 8, I., ein heilpädagogischer Beschäftigungszirkel für Kinder von drei bis zehn äahren besteht. Dieser Kindergarten, der von der tadt Berlin genehmigt ist, wird von Elisabeth Wächter geleitet. Die speziell ausgebildete Leiterin hat langjährige Praxis mit anormalen Kindern in großen, anerkannten Anstalten Deutschlands. Frage, ob Vater Geld mitbringt und wieviel. Es muß erst noch etwas abgerechnet werden. Mit wem denn? Mit Herrn Wittelsthal, dem Verleger der Zeitschrift; denn er ist derselbe, dem auch die jüdischen Gebetbücher und Betkleider gehören. Was? Die gehören nicht Vater? Hein, denn dann wäre Vater Ladenbesitzer; aber weil die Kisten, Pakete und Schachteln in dem Oberzimmer hinter dem Geschäft von Krant Herrn Wittelsthal gehören, darum ist Vater Vertreter. Aber wer bekommt denn das Geld? Herr Wittelsthal kriegt das meiste, aber Vater bekommt „Kommission" — so nennt man das. Vater empfängt zuerst das Geld von den Leuten, die gekauft haben, und dann schickt er es gleich an Herrn Wittelsthal. Warum macht Mutter nun so ein sonderbares Gesicht, als wüßte sie selbst nicht, ob sie lachen oder betrübt aussehen soll? Geht es denn so nicht? Meistenteils wohl . . . aber manchmal läßt Vater es erst etwas auflausen; denn das Schicken von kleinen Beträgen ist oft zu umständlich, dazu hat Vater auch nicht immer Zeit mit seinen vielen Berufen, und so hat Vater nun gerade in der letzten Zeit getan, und es war sogar ziemlich viel zusammen gekommen . . . und darum weiß Mutter nicht, ob Vater wohl noch etwas nach Hause bringt von dem Geld für das Buch, wenn alles ausgerechnet und abgerechnet ist. Und darum möchte Mutter nur, daß es schon halb sechs wäre. Ach ja, das wollten die Kinder auch. Dürfen sie Vater vom Schiss abholen? Ja . . . und wenn Vaters Koffer schwer ist, dann können sie ruhig glauben, daß Vater auch noch Geld in seiner Tasche hat. Aber nicht gleich merken lassen, daß Mutter ihnen schon soviel von allem erzählt hat. Wenn man aus der Enge des steilen Weges, zwischen den hohen Gartenzäunen der großen Häuser um die Ecke, aus der Straße kommt, sieht man gleich das Wasser breit vor sich, und das Wasser ist immer schön und gibt einen herrlichen, frischen Geruch von sich. An dem kupferroten Schimmer der kleinen Wellen, an der tiefen Farbe des Turms, der rundherum in der Sonne steht, sieht man, daß die Tage bereits kürzer werden, daß es jetzt schon aus den Abend Zugeht. Nun schnell über die Schleuse, ehe sie geöffnet wird. . . um die Ecke, hinunter, da ist der Steiger, nun riecht man das Wasser erst richtig, und immer wieder weht aus der Ferne eine leichte Holzluft vom Hasen heran. Das Schiss! Rauch steigt über den fernen Bäumen aus, jetzt fährt es um die Ecke, und ist noch unsichtbar, noch einen Moment . . . und man sieht es ..da...quer hält es ans die Mitte zu, hart an dem Schleppboot vorbei — ein Angstschrei ertönt. Es fährt vorder Sonne her und sieht ganz schwarz aus, es dreht den Vordersteven zum Steiger und erscheint nun kurz und schmal, es macht eine Schwenkung und wird wieder breiter und länger . . . gleich wird es pfeifen, dann werden die Kinder den Steiger heruntergejagt . . . dann werden die Gitter geschlossen, die Männer halten sie schon bereit und blicken grimmig über ihre weißen Pfeifen; aber sagen noch nichts. . . Sahst du das? Erst kam der Dampf aus der Schisfspfeife, und dann hörte man es erst! Herunter! Herunter! . . . Ja. ja, wir gehen schon, wir sind schon weg! Ein Manu rollt schwarze Fässer heran, es dröhnt wie Donner, und zwei kippen große, weiße Kisten wieder und wieder, daß der Staub aus den Brettern fliegt, paff' auf deine Füße ans, solche Männer sehen sich nicht vor. Man sieht die Passagiere bereits auf dem Teck, man hört das Schiff stampfen und dampfen . . . jetzt auf einmal nicht mehr . . . mm muß der Kapitän etwas durch das Sprachrohr nach unten gerufen haben ... das Schiss treibt ohne das geringste Geräusch ... es treibt langsam an den Steiger heran . . . alles an ihm wird mit jeder Sekunde größer und deutlicher ... es gibt sich nun keine Mühe mehr . . . aus ist die Reise, und eine kleine halbe Stunde darf es ausruhen, wird in dieser Zeit entleert und wieder vollgeladen — und ist dann das Boot von sechs Uhr geworden. „Tag, Vater! Tag, Vater!" Trägt Vater schwer an seinem Kosser? Ach, woran soll man das sehen? Auch wenn er mit Blei gefüllt wäre, könnte man es Vater noch nicht anmerken, so einem starken Mann. . . Die Reisenden kommen über die Lausbrücke und passieren die Barriere. Vater gibt seine Karte dem ältesten Mann, endlich?. . „Tag, Vater! Tag, Vater!" Wer darf Vaters Kosser tragest? Beide abwechselnd; aber das Mannsvolk geht vor. Der Knabe nimmt ihn froh und behende dem Vater ab, und hinter Vaters Rücken fragen ihre Augen und antworten die seinen ... ja, er ist schwer, kolossal schwer! Also. . . also . . . also . . . Aber sie dürfen nichts fragen, nicht einmal sich etwas merken lassen. Und da dem Mädchen wieder wie nachmittags vor lauter Fragen ein dicker Pfropfen im Halse steckt, sagt sie nicht, sieht nur schräg in die Höhe nach Vaters Gesicht, nach ihrem tüchtigen Vater! Bis zu dem Lebensmittelhändler an der Ecke darf der Junge den Koffer tragen, dort bleiben sie stehen und er übergibt ihn seiner Schwester. War er sehr schwer? Ja, wenn Vater es selbst fragt ... sie werden alle beide rot und brechen beide in Lachen aus, Vater lacht auch, und sie gehen weiter. Und wenn der Koffer auch schwer ist, er hängt an ihrer Hand. Herrlich, so alle drei nach Haus zu Mutter zu gehen, zwischen den fremden Menschen hindurch .. . Und Vater weiß doch nicht genau, was sie wissen, aber sie wissen auch nicht, was Vater weiß, das sie wissen. Nun gehen sie den schmalen Pfad zwischen den Gartenzäunen hinab, nun sind sie in der Stille ihrer Straße und gleich zu Haus. Totenstill steht das Wasser in den Gräben, zu beiden Seiten der kleinen Brücke, totenstill und grün und sieht beinahe so dick aus wie Erbsensuppe. Mutter steht auf der Schwelle und späht und späht, aber sie sieht nicht, und sie sehen Mutter schon lange, sie ist auch ein bißchen kurzsichtig. „Tag, Mutter! Tag, Mutter!" Ha, nun winkt sie endlich zurück. Verstohlen schaut das Mädchen nach Vater und hebt dann mit einem gespielt schmerzlichen Gesicht — so schrecklich schwer ist der Koffer! — ihre Last ein Endchen in die Höhe. Ob Mutter begreift? Oh, sie lacht, sie lacht. . . Nun braucht man nicht zu denken, daß Vater sofort zu erzählen anfängt, sobald sie zu Haus fein werden. O nein, bei Vater geht alles seinen geregelten Gang. Hut und Mantel an den Garderobenständer und Mutter bekommt einen Kuß. Und dann ist immer die erste Frage: „Briese oder Bestellungen?" Hat Vater es diesmal gefragt? Das Mädchen wollte daraus achten und hat es doch nicht getan. Vater hat den Koffer aus den Tisch gestellt und sie stehen rund herum. Und Mutter blickt Vater an und fragt mit den Augen. An Vaters Gesicht kann man nichts sehen. Es könnte ebensogut schlimm wie gut sein, was er zu erzählen hat. Aber der Koffer war doch so schwer! Die Kinder sehen deutlich, wie Musters Gesicht bereits ängstlicher wird, ihr Mund öffnet sich . . . „Und?" „Elf . . Wie schroff und trocken das klingt! Sie blicken einander an, sie schauen nach Vater, sie schauen nach Mutter . . . Oh, sieht Mutter blaß aus! „Elf Groschen . . .?" Mutter sagt es so leise, als ob sie es beinahe nicht herausbringen kann. Ja, es muß wohl auch sehr wenig sein. „Elf Gulden . .Es klingt wieder genau so unerschütterlich ruhig. Aber plötzlich begreifen sie. Es ist alles nur Scherz, daß Vater so spricht, daß Vater so tut. Denn sieh nur Mutters Gesicht! Und ja, nun lacht Vater selbst auch, und die Kinder ebenfalls. Ja, Mutter, wir wußten es sofort, denn fühl' nur mal, wie schwer der Koffer ist . .. (Berechtigte l/cbersctzung aus dem Holländischen von Willy Blochert)