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Central-Verein-Zeitung · 1936-02-06 · 6 (6.2.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
6 (6.2.1936)
Date
1936-02-06
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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I" «WHM-Ji!! araectb MAi’^fVrflit'wCl kersitäten Reims, Lyon und Paris, Zu dem Schüler in unendlicher Zahl in bewundernder Verehrung empvrblicken, und der mit de'r scharfen Waffe feiner Dialektik jeden Gegner vernichtend schlägt, vergißt und verliert sein Leben um feiner großen menschlichen - übermenschlichen Leidenschaft wrllen zu Heloise. Zwischen „himmlischer Gnade", und höllischem Leid bewegt sich das Leben eines Mannes, der um seine >,Sünde" weiß und um dieser Erkenntnis willen die Sühne mit der Einsamkeit seines Lebens trägt, wie er dankerfüllt die Gnade seiner Liebe erlebt hat. Dieses Leben, dieses unendlich reiche und doch so leidvoll arme Leben spielt sich ab auf dem bunten Hintergrund der 'Landschaften der Bretagne, der engen mittelalterlichen Straßen und Plätze der Universitätsstadt 'Paris, des dämmernden Halbdunkels der Kathedralen, der freudlosen Gänge der Klöster. Wir hören das Rauschen der Fluten der Loire und der Seine und wandern mit Abälard und Heloise durch das sommerliche Grün heiterer französischer Landschaften. Heber das Grau einer Zeit fällt ein gnadenvolles Licht unendlich großer menschlicher Liebe! — Helen Waddell schrieb mit diesem Roman ein Buch, für das ihr jeder danken wird, der in 'der dichterischen Darstellung der Wirklichkeit nicht die Nüchternheit des Alltags, sondern die des zeitlos Unvergänglichen sieht. Dr. E. F. Rene Fülop - Miller: Katzenmusik (Herbert Reichner, Wien, Leipzig, Zürich). Was ist das für ein glänzender Fund, der Titel „Katzenmusik"! Kein anderer wäre eindrucksvoller und sinngemäßer der Eigenart des Romans gerecht geworden, der in der lapidarsten Form alle schrillen Töne andeutet, von denen der Roman erfüllt ist, schrille Töne, deren menschliche Stimmen und Seelen fähig sind, kein anderer Titel wäre mit der Grimasse, die das geschilderte Schicksal für eine kurze Spanne Zeit, schneidet,, so verwachsen, daß er bis zur letzten Seite mittönt. Er verdient, mehr als es sonst bei Nomantiteln üblich ist, beachtet zu werden; denn er umreißt prägnant und unmißverständlich das Thema, er charakterisiert es und gleichzeitig distanziert er sich etwas ironisch davon, so daß er auch dem Leser den richtigen und notwendigen Abstand zumeist, um ihn vor der Verwirrung zu bewahren, in die ihn diese großartig geschilderte Groteske ziehen könnte. In einem großstädtischen Hinterhaus lebt die Familie Maladin von dem miihsam verdienten Geld der Näherin Christine. Im Lehnstuhl sitzt, seit Jahr und Tag gelähmt und unbeweglich, die Großmutter, eine Greisin, „deren niedrigste Lebensäußerungen sich nur durch ein paar mechanische Laute und Bewegungen von einer Toten unterschied, und doch als dieses ärmliche Ueberbleibsel des einst.Gewesenen auf die Maladins eine magische Macht ausübte" —, an der Nähmaschine sitzt seit Jahr und Tag ihre Tochter Christine, „deren Leib längst zu einem bloßen Bestandteil dieser Maschine geworden, zu einem Mechanismus aus Muskeln, Sehnen und Bändern, die alle nur der Funktion dienten — dem Heben und Senken der Beine, dem Hin und Her der Arme, wie die Arbeit es erfordert", in der Küche wirtschaftet das . vierzehnjährige Dienstmädchen Julie, eine rührend einsame Kreatur, die im unbewußten, aber schmerzlichsten Krampf ihre Entwicklungszeit allein durchkostet, und auf dem Fensterbrett sitzt das vierjährige Kind der Christine, Kiki, ungezogen und häßlich, einer Sängerin nachäffend, die, auch seit Jahr und Tag, aus dem Parterre im Vorderhaus ihre eintönigen Gesangsübungen ertönen läßt, Skalen und Läufe, Solfeggien und Triller, Etüden und Arien, und wiederum Skalen, Läufe und Triller. Die Stimme der Sängerin Marina folgt einem überallhin in diesem Hause, was man auch tun wollte, womit man sich auch beschäftigen wollte. Zu Marina kommt der Impresario Glaxmann, -er ist entsetzt von ihrer Stimme, aber er hört auf einmal Kikis nachäffenden Gesang über den Hof schallen. Er entdeckt das vierjährige Wunderkind, dessen Kehlkopf mühelos die Arien bewältigt, das unmusikalisch, nur Marinas Stimme imitierend, die phantastischste gesangliche Leistung vollführt. Und nun beginnt die Fratze eines knappen Lebensabschnittes der Familie Malina zu feixen, zu grinsen. Das vierjährige Kind stellt alles auf den Kopf, eine sinnlose Tyrannin, die vor nichts, nicht einmal'vor dem heilig gehaltenen Rollstuhl der Großmutter haltmacht, ein sinnloses, verspieltes, unbekümmertes Kind, das als Werkzeug der quälenden Sehnsucht, sich aus Nöt und Elend, aus dem enervierenden grauen Meer der Sorgen zu retten, seine Macht mißbraucht, bis es mit unheimlicher Gewalt Ordnung, Vernunft und Gefühl vernichtet. Das Kind verkörpert mrt seiner unbewußten Grausamkeit die Grausamkeit eines harten erbärmlichen Lebens, und der mensch-' liche Wille, diesem Leben zu entrinnen, verzerrt sich zur bösartigsten und tragischsten Lächerlichkeit. Wie ein Spuk ist es über die Familie gekommen, wie ein Spuk muß auch der Versuch, sein Schicksal umzubiegen, verschwinden. Die Sängerin Marina stirbt, und Kiki, das Kind, vergißt von Tag zu Tag mehr Partien aus den Arien, die sie Marina nachsingen konnte. Keine andere Stimme aber reizt sie zum Nachahmen, der vierjährige Kehlkopf vollführt keine Wunder mehr. Die Mutter kehrt zur Nähmaschine, zurück, Kikis Tyrannei hat ihr Ende gefunden . . „Die Ohrfeige, die jetzt auf Kikis Wange niedersauste, klatschte laut. Sie klatschte, von der Estrade durch ein plötzlich totenstill gewordenes Treppenhaus, klatschte hinaus in das Weltall, das in ihr seine Ordnung und seinen Frieden Wiedersand." „Katzenmusik" ist ein ausgezeichneter Roman. Rene Fülöp-Miller hat nicht nur zu dem seltsamen Thema den passenden Titel, sondern auch die feinste Ausdrucksform gefunden, um sein Einfühlungsvermögen, seine psychologische Schärfe und feine unsentimentale dichterifche Kraft unter Beweis zu stellen. G. H. Oesterreichische Romane Das alte Oesterreich, Wien,' der Semmering — das Bild, das sich aus den neueren Romanen ergibt, entspricht kaum noch jenem romantisch gebildeten Vorurteil der früheren Jahre. Der Charme Arthur Schnitzlers, der. Esprit Peter Altenbergs sind verloren, der Rest ist hart, bitter, bloß und — aufregend, das Oesterreich von heute ist keine im Kino-Grinzing-Rausch erträumte Legende, und auch das Oesterreich von gestern und vorgestern war keine. In Theodor Heinrich Mayers Roman „Geld . . . Geld!" (Verlag Carl Fromme, Wien) sind Oesterreichs Gründerjahre beschrieben, die Weltausstellung 1873 ist ihr zentrales Ereignis, die atemlose Geldjagd ist das eigentliche Thema. Die Papiere steigen in Schwindelhöhen, hohe Beamte, kleine Handwerker, alle Schichten spekulieren, und der große Kladderadatsch am Ende ruiniert Unzählige. Haussiers und Baissiers, Menschen von hilflofer Gutmütigkeit bis zur teuflischen Gemeinheit, alle die verschiedenartigen Typen der Geldbeherrscher und Geldsklaven, brutale Natur- . burschen und große Kokotten wirbeln im Tanz um das goldene. Kalb. Das Thema Emile Zolas wird im tollen Rhythmus bis zur Banalität Eugene Sues ausgeschöpft, und der Kitsch wird, noch sym- . pathisch.durch den wilden Ernst von Mayers Darstellung. Natürlich stehen auch Juden im Vordergrund dieses Geldromans, darunter unglaubhaft papierene Figuren wie ein Millionärssohn als zurückgestoßener Weltverbesserer, und sein Bruder als enttäuschter Wagnerianer, darunter aber auch die ergreifendste Gestalt des ganzen, der alte Bankier Loewy, der sein Leben lang nur dem Geld, nur seinen Kunden ehrlich gedient, nie Zeit für sich selbst, für das eigentliche Leben gefunden hat und dann, als Greis fast, noch einmal von vorn ansängt,. das Unrecht eines leichtsinnigen Sohnes gutmacht und eine neue Familie gründet. Grete G a r z a r o l l i . („Zerbrochene Posaunen", im Rowohlt-Verlag, Berlin) ist in der Darstellung anspruchsvoller. Auch sie schildert das Vorkriegs-Oesterreich, auch sie sieht es mit den Augen eines „Geschäftsmannes", aber eines, der es nicht sein will und der viel Sinn für psychische Zwischentöne hat. Im Vordergrund steht die überlebensgroße Gestalt eines Juden, der sich taufen läßt um eine Försterstochter zu heiraten und eine Karriere zu machen, der gegenüber ein Rockefeller. sich blaß und Waisenhaft Vorkommen müßte. Die Familie aber, für die er Industrien geschaffen und Millionen gehäuft hat, geht unter, und die.Degeneration ist das eigentliche Thema des Romans. Sie ist manchmal unheimlich gut, immer erregend dargestellt, und das Erregendste ist, daß ein Schwiegersohn des gigantischen getauften Juden, ein junger Adliger, diesem in seiner v Energie, und Vereinsamung immer ähnlicher wird. Auch hier ist eine Fülle von Figuren, meist faszinierend gesehen, überhaupt hat Grete Garzarolli Stil, selbst wenn sie sich die Zügel schießen läßt und übertreibt, auch hier ist Rhythmus, auch hier ist das Lesen Spannung und oft Genuß. Otto Z a r e k s „Liebe auf dem Semmering" (Bibliothek zeitgenössischer Werke, Zürich) liest sich im Anfang schwerer, der Exposition ist vielleicht zuviel Gewicht beigelegt, die Sprache mit ungewöhnlichen Metaphern nicht immer überzeugend erfüllt, und der Vorwurf erscheint fast arm gegen, die großen Themen der anderen Romane, auch gegen Zareks letztes Buch. Es ist eine Liebesgeschichte zwischen einer amerikanischen Millionärstochter, d die inkognito auf dem Semmering Schauspielerin „lernt"> erst einen naturburschenhaften Maler, dann einen adligen Gentleman liebt, der Hintergrund ist viel Theater und Musik mit Schlüsselromantik, und das von Anfang an feststehende happy end wirkt leicht enttäuschend. __ L. H. S. Müller: Der Weg in die jüdische Neuzeit. Jüdische Geschichte von Moses Mendelssohn bis zur Gegenwart, in Charakterbildern dargestellt. Verlag der „Jüdischen Schulzeitung“, Ludwigshafen 1936. besteht kein Mangel an wissenschaftlichen und Populären Abhandlungen über die Emanzipationsepoche, im ganzen und im territorialen Ausschnitt. Ellbogens „Geschichte der Juden in Deutschland" widmet der jüdischen Neuzeit beinahe die Hälfte seines Raumes. Das hier angezeigte Werk Müllers tritt mit keiner der vorhandenen geschichtlichen Darstellungen in Wettbewerb. Es ist im besten Sinne des Wortes eine populäre Umreißung der gesamten, auch der gegenwärtigen jüdischen Situation aus der Grundlage einer 150jährigen Entwicklung. Der Verfasser hat bei der Behandlung der Emanzipationszeit den Aufbau des jüdischen Gemeinschaftslebens. den Weg nach innen,, als oberstes Ziel im Auge. Darum zieht er zur . Darstellung der Geschichte die religiöse jüdische Literatur, auch die hebräische und jiddische, weitgehend heran. Dabei betont er, daß das Hebräische nicht aus reinen Nützlichkeitsgründen, zur Ermöglichung von Hachschara und Alija, gepflegt werden soll, sondern als Schlüssel zur Erschließung hohen jüdischen Kulturgutes. Die besondere Schwierigkeit in der Behandlung der Judengesetzgebung erforderte ein hohes Maß von Zurückhaltung; diese Aufgabe ist mit hervorragendem pädagogischem Takt gelöst. Aber der Leser empfindet den verhaltenen Schmerz des Verfassers, und unsere Jugend wird sich zu mutiger Haltung und reinem Menschentum aufgerusen fühlen. Die Darstellung in lebendigen Charakterbildern und die schlichte, aber gepflegte und warme Sprache unterstützen wirksam diesen Appell. Im ganzen: Man möchte wünschen, daß dieses reife und besonnene Werk recht eigentlich zum Lehr- und Lesebuch in allen bestehenden und neu entstehenden jüdischen Volks- und Mittelschulen : wird. Seine unparteiliche Haltung dient der ganzen jüdischen Jugend, ohne Unterschied der Richtung. Es ist auch eine vortreffliche Doll> enduna der „Jüdischen Geschichte" des.gleichen Verfassers. _Dr. Jakob. Marx. „Das Siebenfache Licht“, ein neues Lesebuch Mehr als siebenfach leuchtet „das Siebenfache Licht", das Emanuel bin G o r i o n im Austrag des Schocken- Verlags zu einem handlichen Lesebuch gesammelt hat. In acht Versreihen und in neun Prosakäpiteln wird eine klassische Auswahl dessen dargeboten, was an Gestalten und Stoffen des Judentums in der deutschen Dichtung durch alle Jahrhunderte ihrer Geschichte sich vorsindet. Jüdische Themen in deutscher Sprache vom Wessobrunner Gebet bis zu den großen Geistern des 19. Jahrhunderts breiten sich vor uns aus: Schöpfungsgeschichte und Ghettoleben, Israel in Kanaan und unter den Völkern, Belehrung und Legende, Schrifttum und Bräuche, historische Erzählung und religiöse Betrachtung. Die Kraft Luthers erscheint und die Weltoffenheit Goethes; die Verskunst Rückerts und die Behaglichkeit Auerbachs; Fritz Reuters Humor und dre Düsterkeit der Droste-Hülshosf; die Innigkeit Flemings und die ' Klarheit Mommfens; das Pathos Hebbels und Geibels und des Johann Peter Hebels gesunder Menschenverstand. Was auf den Höhen des geistigen Deutschland wie in den weiten Ebenen schöpferischer Mitte der Nation über Juden und Judentum, über Israel und die Völker gedacht und gesagt worden ist, fügt sich zu einem überaus reich gegliederten Bild zusammen. Mancher mag es bedauern, daß die jüdischen und nichtjüdischen Autoren unserer Tage, daß insbesondere die Prosa Thomas Manns und die Bibelgedichte Rainer Maria Rilkes, denen unsere Generation so tief verpflichtet ist, mit Absicht ausgeschieden wurden. Aber das hat seinen guten Grund: nicht nur, weil uns Mitlebenden der Abstand zum Denken unserer Zeit noch fehlt, sondern auch deshalb, weil der Abstand vom betrachteten Objekt, den lebendigen Juden nämlich, in früheren Zeiten ein größerer war und sein mußte, als es . heutzutage möglich ist. Ob man die Geschichte . Israels als Heilsgeschichte gläubig aufnahm, ob man sie romantisch verklärte oder ob man.'den kühlen Blick des Historismus auf ihr ruhen ließ, ' es war nicht so sehr diel andrängende Wirklichkeit des Tages und der Stunde, als vielmehr (eine allgemeine Gültigkeit/die man in Versen oder Prosa sesthielt. So liegt über Emanuel bin Gorions Lesebuch bin unverkennbarer altväte- ' rischer Hauch von Entrücktheit, der uns manchmal eigentümlich schattenhaft anrührt, der uns aber vielfach auch das Dargestellte in einem reineren Licht erscheinen läßt, als es die Scheinwerfer-'der modernen Psychologie jemals vermöchten. Dieser Umstand macht das Buch zu einer erziehlichen 'Lek- .' türe für junge Menschen und, vor allem in seinen kurzen Prosastücken, höchst geeignet für Schulen und Jugendbünde; aber auch zu einem Zufluchtsort, an dem die Aelteren, während „Throne bersten" und „Reiche stürzen", die . „Patriarchen^ tust" einer uralten Geschichte kosten sonnen. Ca. Die vollständige deutsche Uebertragung des babylonischen Talmud von Lazarus Goldschmidt. Dieses zwölfbändige Monumentalwerk, an dem Lazarus Goldschmidt seit dem Jahre 1896' arbeitet, steht jetzt vor dem Abschluß. Soeben gelangte der 11. Band des Werkes, das der Jüdische Verlag, Berlin W 50, herausgibt, zur Ausgabe. Er enthält die Traktate Chulin, Bechoroth und Arachin. Der 12. (Schluß-) Band, mit dem diese erste und einzige vollständige Uebersetzung des babylonischen Talmud in eine europäische Sprache zUm Abschluß gelangt, erscheint voraussichtlich schon im Frühjahr. Damit ist das Lebenswerk Lazarus Goldschmidts vollendet. bewußte Jüdin gefühlt, von ihren ersten Gedichten an bis zu ihren allerletzten Prosawerken. Aber es ist eine Entwicklung in ihrer Darstellung des Jüdischen zu beobachten. Zuerst hat sie ein märchenhaftes Bibel-Judentum in ihren merkwürdigen Orient eingebaut, in dem Zebaoth ein „Götterjüngling" im „Rosenkleide", ein „Gespiele" ist und Abraham zum Schmuck des Altars „vom Kamm des Meeres Muscheln abbricht und Schwamm", und ihre „Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems . . ." Später formt sie größere jüdische Stoffe in Prosa, so „Der Wunderrabbiner von Barcelona", die Erzählung vom weltfremden, frommen Rabbi in Spanien, der, als er erkennt, wie weit die Wirklichkeit der Judenverfolgung von seiner schwärmerischen Verzücktheit entfernt ist, im Tode wie Simson die Säulen niederreißend, sein Haus über die Stadt stürzt. Gerade ihr zu allerletzt erschienenes Büchlein „Arthur Aronymus. Die Geschichte meines Vaters" ist in kindlichem Zauber und reifer Weisheit ein herrliches Ineinander des heimatlichen Judentums und des heimatlichen Westfalens; hier wird Gut und Haus des Großvaters nüt den dreiundzwanzig Kindern lebendig, der dem bei ihm ein kehrenden und ungesäuertes Brot mit ihm essenden Bischof erklärt: „Und gehalten wird das Gesetz sorgtrch wie c'n Kind tm. samtenen Tragkleid und. Schellengeschweide." Immer klarer, tiefer, reifer, einfacher ist ihre jüdische Dichtung geworden, nicht nur in späteren Gedichten, sondern vor allem in diesem ,Aronymus" und besonders in den Betrachtungen des 1932 erschienenen Sammelbarwes von Poesie und Prosa „Konzert". Dort bekennt s'c sich als „innigste Hebräerin", „treu zu rbrem.alten Bol?': sie schwelgt in Kenntnis und Auslegung der Kabbala und gelangt in den Hauvtsilicken des Buches „Meine Andacht", „Der Versöhnungstag", „Das Gebet" zu jüdischen Bekenntnissen, vor dessen Größe, Tiefe und Schönheit, man sich, das kritische Auge niederjchlagend, in verehrender Zuneigung verneigt. „Es ist schön, Jude zu sein, ist man ihm nie aus dem Weg gegangen, um eher das Ziel zu erreichen, ist man ihm treu geblieben und mit ihm verwachsen, von keiner äußeren Nichtigkeit verführt, aber vom Jordan umspült. Wer vermag mich zu entreißen dem uralten Jehovagebein, dem unerschütterlichen Fels!" Zu ihren frühen Dichtungen gehören die früh berühmt gewordenen „Hebräischen Balladen", Motive der Bibel aus dichterischer Schau' neuschafsend, knappe Gebilde glühender Religiosität. Aber da ist neben biblischen Gestalten auch schon Bekenntnis, und am ausfallendsten das, welches überschrieben ist „Mein Volk" und beginnt „Der Fels wird morsch, dem ich entspringe und meine Gotteslieder singe .. . .", sie fühlt sich fernab, „abgeströmt von meines Blutes Mostvergorenheit", doch sie hört in sich dennoch „immer, immer noch den Widerhall, wenn schauerlich gen Ost das morsche Felsgebein, mein Volk, zu Gott schreit." Dies Einsamkeitsgesühl des Juden in der Diaspora, diese Trauer der Heimatlosigkeit, der Herzverlorenheit, diese immer wieder enttäuschte Sehnsucht nach Liebe wird zum Hauptmotiv vieler ihrer schönsten Gedichte. So singt sie „Das Lied meines Lebens". „Sieh in mein verwandertes Gesicht . . . Alle meine Blumenwege Führen aus dunkle Gewässer". Die meisten Gedichte nähern sich der Sprache der Psalmen und der Propheten in dem Parallelismus des dichterisch Gesagten, in der Symbolik, die nicht klärt und erklärt, sondern ein größeres, weiteres, tieferes Ding für ein reales Ding setzt. Dieser Form, auch in der Prosa, ist sie bis heute treu geblieben; sie sieht, sie spricht, sie fühlt, sie lebt in dieser dichterischen Form, welche die Form der Prophetie ist. Wehe Traurigkeit klagt auch noch in der eingestreuten religiösen Poesie ihres Buches „Konzert",. das, nochmals sei es nachdrücklich gesagt, von der ersten bis zur letzten Zeile, auch wenn es von nichtjüdischen.. Motiven und Menschen spricht, eines der herrlichsten jüdischen Bekenntnisse ist, die je geschrieben wurden. Da ist das Gedicht „Gott hör": „. . . Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen Und doch war alles grau und kalt um mich. O Gott und bei lebendigem Tage, Träum ich vom Tod. Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot. Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß aus deiner Waage. Wo ende ich? — O Gott!! Denn in die Sterne, Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal. Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal'. . . Und überall — die Bitternis — in jedem Kerne." Aber es klingt in diesem Buch neben Trauer und Weisheit, in manchen Prosastücken, und gerade in den jüdischen, auch ein froher Ton, ein „Verliebtsein in die Welt". „Dein Glauben sei ein fröhlicher! König David tanzte voran im Zuge vor der Bundeslade". — Wie sie in einem ihrer ersten Gedichte von ihrem Kind nach der Geburt spricht: „Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen, Nun aber wandle ich um meines Kindes Goldgedichtete Glieder Und suche Gott", — so spricht sie jetzt in dem Gedicht zum Andenken dieses einzigen Sohnes: „Die Liebe zu dir ist das Bildnis, Das man sich von Gott machen darf." Jetzt, da sie ruhiger geworden ist, wird ihr manches klar, weshalb sie so dichten mußte, wie sie seit fast vierzig Jahren gedichtet hat. Und sie berichtet von einem kleinen Triumph, über den Wert dieser Dichtung aus der inneren Schau. Sie hatte einen kleinen Aufsatz geschrieben: „Die Bäume unter sich"; da heißt es: „Bäume, überhaupt jede Pflanze, besitzen ein wirklich pochendes Herz, das das Blut durch die Zellen treibt, durch die allerkleinsten ihres Blattes, Pflanzen besitzen wirkliche Herzen..." Nun 'druckt sie den Artikel eines Unbekannten ab, der diese Sätze zitiert, und dann erklärt: „Und doch hat bekanntlich erst vor wenigen Wochen aus dem Kongreß der Naturforscher der indische Gelehrte Bose seine aufsehenerregende Entdeckung über das Herz der Pflanzen bekanntgegeben. Mit Hilfe genialkomplizierter Kontrollsysteme konnte er den Nachweis des Blutkreislaufes und der Herztätigkeit, ja sogar der Herztöne der Pflanze erbringen." Und der Verfasser meint, daß dies Beispiel „einer der verblüsfensten Beweise ist, wie weit sich das ,Schauen' des wahren Künstlers der ,objektiven Wahrheit' nähert." So hat Else Lasker-Sch'üler aus ihrer Schau nicht nur so wunderherrliche, man darf sagen vollendete Gedichte wie den „Tibetreppich" geschaffen, sondern auch, wie bereits angedeutet, über ganz bestimmte Menschen Gedichte und Plaudereien, die einst wegen ihrer „Verstiegenheit" verlacht wurden . .. und jetzt nach Jahrzehnten erweisen, daß die Dichterin bereits damals die Stufen zur menschlichen Erkenntnis so hoch erstiegen hatte, daß sie mit magisch intuitivem Auge voraussah, wie diese Menschen wirklich waren und wie spätere Zeiten über sie urteilen würden. Das Urteil der Schau und des Herzens hatte das Urteil des kritischen Verstandes und der historischen Entwicklung vorweggenommen. Else Lasker-Schüler ist sicherlich die größte jüdische Dichterin, welche die Diaspora hervorgebracht hat. Hätte sie in der Epoche Juda Halevis gelebt und in hebräischer Sprache gedichtet, manche ihrer Psalmen wären wohl in die Liturgie der Synagoge übernommen worden. Wir wollen heute nicht nur die . Dichterin beglückwünschen, sondern auch uns, weil ihre Gedichte, unter allen Sprachen der Diaspora, gerade in deutscher Sprache geschrieben sind. Kurt Pinthus. Plissee-Busch & Co. Berlin SW 19, Kommandantenstr. 72 Expedition nach auswärts am gleichen Tage

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