Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 6 (6.2.1936)
- Date
- 1936-02-06
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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C/-V.-Zeitung Nr. 6 '4. Beiblatt DAS NEUE BUCH 6. Februar 1936 „Der Barockdenker“ Anlässlich der Vollendung des Spinoza-Werkes von Stanislaus v. Dunin Borkowski S. J.* j Man. erinnere sich: das Jahr 1932 war nicht nnr das' Jahr Goethes, es jährte sich damals — dip Zeit scheint uns merkwürdig serngerückt — zum dreihundertsten Male der Geburtstag Spinozas. Diese schlimm-heilige Gestalt kann einen durch ein ganzes Leben begleiten, auch wenn Lehensdaten und Grundanschauungen des Philosophen nebensächlich geworden sind, ja wenn wir die Ueberzeugung gewonnen haben, daß uns auch die peinlichste Kenntnis der Gedankenwelt um und über Spinoza nicht weiter bringe. Ueber 30 Jahre hat sich der hochgelehrte Jesuit und berühmte Pädagoge Stanilaus v. Dunin - Borkowski mit Lehre und Leben des jüdischen Denkers mit nicht ermündender Hingebung besaßt. 1910 erschien der mächtige e r st e Band, der bis nah an die Zeit der Ausstoßung aus der Synagoge sührte. Man kann innerhalb der neueren Wissenschastsgeschichte nur den vor kurzem verstorbenen Spinoza-Forscher Carl Gebhardt mit Dunin-Borkowski vergleichen; beide waren gleichgerichtete, befreundet^ Gelehrte aus ein- und demselben Spezialgebiet. Erst 1933 konnte die Fortsetzung des Duninschen Grundwerkes erscheinen: nicht nur wegen der Förderung der Philosophiegeschichte und des Biographischen ein großer Wurf! Am 1. Mai 1934 entschlief der greise Jesuitenpater in München; vor kurzem, 1935, ist der Schlußband seines „Spinoza" aus der nachgelassenen Niederschrift sorgsam und pietätvoll herausgegeben worden. Es liegt hier viel mehr als ein neues gelehrtes Werk in der Flut gut und systematisch durchgeführter Deutungen des Spinozismus (von der Unzahl der weniger wichtigen Werke darüber nicht zu reden) vor uns. Diesem Verfasser ist nämlich im schmerzlichsten eigenen Erleben der Wesensunterschied zwischen großen Deukern und großen Philosophen aufgegangen, und noch mehr: ein langes unabhängiges "Forscherleben hat ihn gelehrt, daß die Verabsolutierung eines bestimmten philosophischen Systems, etwa Kants oder Spinozas, eine höchst unphilosophische Haltung ist, die Ähnlichkeit hat mit dem unzulänglichen Streben, mit dem man immer wieder in gewesenen Systemen die neuesten Errungenschaften der eigenen Zeit und alle modernen Bedürfnisse aufzuspüren versucht, nicht bloß ihre Keime und Vorahnungen, ihre geheimnisvollen Weissagungen der Zukunft. Dieser stille, welt- *) S t. v. Dunin Borkowski, Spinoza. Bd. I: Der junge Spinoza. 1. Auflage 1910. — 2., unveränd. Äusl. (mit einem Anhang über die neuere Forschung) 1933 (Münster, Verlag Aschendorss). Mit zwei Vierfarbendrucken, 13 Autotypien und sieben Faksimiles. . XXIV, 634 Seiten. Bd. II: Das Entscheidungsjahr 165 7. Im gleichen Verlag, 1933. IV, 495 Seiten. Bd. III: Das neue Leben. Ebendort. 1935. VI, 444 Seiten. abgewandte Gelehrte hat ferner noch entdeckt, welche Bewandtnis es mit Der Fortpflanzungsschwäche einer großen Lehrordnung habe. Ueber Entstehen und Nachwirkung philosophischer Systeme wie überhaupt über die Motive des philosophisch wertenden Urteils, ferner über die verschiedenen Denkformen und die in einem Philosophen übergelagerten geistigen Arbeitsprozesse ist selten so entscheidendes gesagt worden. Das Unternehmen, Geist und Werk eines Philo- . sophen, und sei es Platon, Hegel, Kant, Thomas v. Aquino, zu einer Art unverbrüchlicher neuer Lehre und Denkvorschrift zu machen, stellt sich schon deshalb (wie bei Spinoza am deutlichsten wird) als Widersinn heraus, weil diese Philosophen alle Worte, Ausdrücke und Begriffe von anderen in verschiedenem Sinn herübernahm. So haben es auch fast alle klassischen Denker und Philosophen gemacht. „Ein Mosaik aus blauen Steinchen, die man rot nennt, wird aber nie in der Welt rot." Man hat, vor allem seit Dilthey, bis heute . die großen Renaissance- und Barockdenker zu Wortführern und gleichsam Zeigern umfassender geistiger Bewegungen, geformt. Dunin-Borkowski hat erkannt, daß die Melodie ihrer Weisheit mehrstimmig war und daß eine künstliche Vereinfachung des Spinozismus ebenso wie jede apologetische Neigung gegenüber diesem Philosophen und genau so wie jede Sucht früherer Gegner, „Spinoza mit allen möglichen Schmäh- und Nachtnamen, aus einem Füllhorn des Abscheus geschöpft, zu bedenken", daß alle solche Auffassungen zu einem verzerrten Gesamtbild führen. Eine verkürzende schulmüßige Charakterisierung der spinozistischen Lehre als Pantheismus ist wertlos. Der Leitgedanke der damaligen Philosophie (Giordano Bruno, Paracelsus usw.) war, ein gemeinsames Prinzip für das Körperliche und Geistige, womöglich auch für das Göttliche und Endliche zu finden. Es gilt ein Doppelbild des Denkers zu gewinnen, damit er uns einigermaßen in der Art seiner Verknüpfung mit der Umwelt seiner Zeit und in einigen Abbildern seines menschlichen und philosophischen Eigenseins scharf ausgeprägt sichtbar wird. Das gelingt Dunin besser als allen bisherigen Darstellern. Die großen neuen Ergebnisse, die der ältere Band Dunins aus dem Jahr 1910 gezeitigt hat, sind in der Spinoza-Forschung allgemein anerkannt. Die fast 25 Jahre später erschienenen Bände enthalten ebenfalls eine Fülle von Entdeckungen: Das starke politische Interesse Spinozas wird in den Vordergrund gerückt und als Frucht des Entscheidungsjahres 1657 enthüllt. Die wundervoll bewegte und glanzvolle politische Umwelt, in der Spinoza atmete, muß seiner ganzen Denkart gemäß schon früh in ihm den Oie innigste Hebräerin Zu Else Lasker-Schülers 60. Geburtstag „Jüdische Dichter, schöpferische Dichter aus Judäerblut sind selten. Die Glut einer entlegenen Urseele ursprünglich, stark und bei Schmähungen ungereizt zu erhalten, ist nicht leicht..." So schrieb der Dichter Peter Hille zu Anfang dieses Jahrhunderts, als „Styx", der erste Gedichtband der Else Lasker-Schüler. erschien. Da aber war die junge Jüdin aus Elberfeld, nach kurzer Ehe mit Hem Arzt Lasker, schon manches Jahr in der Welt umhergestreut, und die schönste Zeit mit diesem vagantenhasten, großbärtigen, leuchtäugigen Dichter, in dem sie einen Propheten, einen Heiligen sah. Das „Peter-Hille-Buch", kleine „Mythen", bald in der härteren, strengeren Sprache der Bibel, bald in schweifenden, ausschweifenden Orientalismen, bald in nordeuropäischer ‘ Romantik, ist ein .hymnisches Denkmal dieser Wanderungen mit „St. Peter". Aus ihren ersten Gedichten erkannte dieser seherische Mensch das Wesen der Dichterin und ihrer Dichtung besser, als es jemals wieder jemand zu erklären und zu formulieren vermochte. Auch nachdem nun, mehr als 30 Jahre später, die vielen Bände ihres Lebenswerks vor uns liegen, wird jede Betrachtung über Else Lasker-Schüler nur eine weitersührende Paraphrase seiner damals ausgesprochenen Grundsätze sein können, von denen hier einige stehen mögen: „Else Lasker-Schüler ist die jüdische Dichterin. Von großem Wurf. Was Deborah! Sie hat Schwingen und Fesseln, Jauchzen des Kindes, der seligen Braut fromme Inbrunst, das müde Blut verbannter Jahrtausende und greiser Kränkungen . . . Ihr Dichtgeist ist schwarzer Diamant, der in ihre Stirn schneidet und wehe tut. Sehr wehe. Der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzweigegangen ist. Strahlt kindlich, ist ursinster... Else Lasker-Schüler ist von dunkelknisternder Strähne auf heißem, leidenschaftsstrengem Judenhaupte, und so berührt so etwas wie Volksweise, wie Morgenwind durch die Nardengassen der Sulamith überaus köstlich." Er schließt: „Tino ist der urpersönliche Name, den ich für die Freundin und den Menschen fand, die flammenden Geist und zitrernde Welt wie mit Blumenkelchen umfangende Seele." — Tino, Prinzessin Tino von Bagdad, war sie. nicht nur für ihn, sondern ist sie bis heute für sich und ihre Freunde geblieben. Unstet, arm. heimatlos war fast vierzig Jahre ihr Dasein. Aber ihr „Dichtgeist" lebte in einer anderen Welt, in zwei anderen Welten durch all diese Jahre: in einer blühenden, glühenden, bunten orientalischen Welt voll Pracht, Macht und Flitterglanz . . . und in der westfälischen Welt ihrer glücklichen, behüteten Jugendzeit bei der gütigen Mutter, die Goethe und Napoleon verehrte, und dem eulenspiegelhaften, lustig-leichtsinnigen Vater, der eins von den 23 Kindern ihres . patriarchalischen Großvaters war. Wunderlich und wundervoll verschmelzen manchmal diese beiden Welten. Viele Gedichte, viele Dutzende von Geschichten, ganze Prosabücher: „'Die Nächte der Tino von Bagdad", „Der Prinz von Theben", „Der Malik" durchschwürmt die Dichterin mit den üppigsten orientalischen Phantasien, in denen sie bald Tino ist, bald Prinz Jussus von Theben, bald der Malik, und all ihre Verwandten, Freunde und Feinde, die Dichter und Maler ihrer Zeit verwandeln sich in Scheichs, Sultane, Emire, Herzöge, Statthalter, Kaiser, Propheten, Kardinäle. Für alle erfindet sie die klingendsten Namen, die malerischsten Situationen und wildesten oder sanftesten Abenteuer. Da geht es großartig her mit Festen und Aufzügen, mit Schmuck, Gelagen, Tänzen und Leidenschaften. Alle Menschen, die sie liebt, tragen aus Lippen, Schläfen, Wangen: Herz oder Blume, Stern, Nachtigall oder Mond. Diese malerische Phantasie drückt sich auch mit Zeichenstift und Farben aus, und so malt sie sich selbst in Dichtung und Zeichnung immer wieder in orientalischen Kostümen als Gedanken geweckt haben, Philosophie und politisches System miteinander zu verknüpfen. Die Gleichsetzung von Macht und Recht, und zwar von der Macht aus, gilt ihm als ein im unendlichen Wesen begründetes Naturgesetz; aber nirgendwo treffen wir bei Spinoza auf eine rein opportunistische Begründung der Politik, noch weniger aus eine brutale Machtbetonung ohne jede Wahlverwandtschaft zum Recht. Macht ist dem Philosophen kein Erzeugnis eines gewalttätigen Willens, sondern einer aus innerer Notwendigkeit ordnenden Vernunft; die Machtübung ist nach ihm eine Wahrheitserkenntnis, die in das Leben umgesetzt wird, und kann sich auf die Dauer nur halten, wenn sie auf wahren Ideen, nicht aus Irrtum aufgebaut ist. Wir greifen in diesem knappen Hinweis auf das überreiche Werk das Hauptanliegen des dritten Bandes heraus: Spinozas Freiheitsideal und die Verquickung von Gewissensfreiheit und Bibelkritik. Die Religionskritik Spinozas als Grundlage seiner Bibelwisfenschast ist 1930 von Leo Strauß behandelt worden. Volle Freiheit zum Philosophieren aus Grund einer weitgehenden religiösen. Duldung und eine breitgespannte Ungebundenheit in der kritischen Behandlung der heiligen Schriften, diese beiden Hauptforderungen des Philosophen sind für Dunin die Ausgangslinie ungewöhnlich gründlicher Untersuchungen zur Geschichte des Toleranzgedankens. Er kommt zur Feststellung, daß das Problem der Gewissensfreiheit in der damaligen Zeit nicht philosophisch oder systematisch-grundsätzlich behandelt wurde, sondern daß Klugheitsrücksichten, politische Gesichtspunkte und Parteinützlichkeiten maßgebend waren. Wilhelm, v. Oranien machte sich beispielsweise die Theorie der christlichen Solidarität und der daraus hervoxgehenden Gewissensfreiheit nur zu eigen, soweit sie seinen politischen Plänen günstig war. In den berühmten Eingaben Menasse - ben - Israels an Cromwell sind keine grundsätzlichen Ausführungen über Duldung und Gewissensfreiheit enthalten, der Cromwell im Innersten feindlich gegenüberstand. Der Lordprotektor ist mit ganz anderen Gründen für eine Zulassung der Juden in England gewonnen worden. Dunin erörtert eingehend Menasses eigentümliches altjüdisch-christlich gemischtes Schrifttum und seine Einwirkung auf Spinoza. Das umfangreiche Werk Dunin-Borkowskis ist nicht über drei Bände gediehen und Torso geblieben. Aber seine Methode, die selbständige und souveräne Stossbehandlung aus ersten Quellen machen das Ganze zu einem Standardwerk über die Möglichkeiten und die Grenzen des menschlichen Geistes. Die Gediegenheit dieser Forschungen über den. von den Juden geächteten Philosophen und die prachtvolle, allerdings nicht immer leicht faßliche Plastik der Darstellung sind in jedem Kapitel unvermindert aus der Höhe. Der Abschnitt aus dem zweiten Band „Spinoza als Barockphilosoph" enthält eine grundlegende Abhandlung über den Zeitstil im philosophischen Schrifttum, vor allem die Erörterungen über Vergleichbarkeit der künstlerischen und philosophischen Aeußerungen überhaupt. Carl Gebhardt hat, wie Dunin anerkennt, zuerst in Spinoza den Barockphilosophen aufgespürt und wichtrge Zusammenhänge aufgedeckt. Auch Kar? Joel hat in seinem Hauptwerk „Wandlungen der Weltanschauung" die Barockart Spinozas gesehen; aber Dunin scheidet scharf die barocke architektonische Grundidee des spinozistischen Gedankenbaues von dem systematischen Inhalt, der nach seiner Ansicht zu einem Teil (die Affektlehre nimmt er aus) nur einen anregenden, hochinteressanten geschichtlichen Zwischenfall bedeutet. Hier sei diese notwendig kurze Anzeige eines Werkes über Spinoza geschlossen, das mit den solidesten Mitteln der freien, voraussetzungslosen Forschung gearbeitet ist und nur der Ergründung der Wahrheit über diese große jüdische Gestalt, der alle großen Geister ihre Ehrfurcht gezollt haben, dienen will. Ludwig Feuchtwanger.; Neue Romane Helen Waddell: Peter Abälard (H. Goverts, Hamburg) An den „historischen Roman" wird man eine doppelte Forderung für seine Anerkennug als literarische Kunstsorm stellen müssen: Die Beherrschung aller die behandelte Zeitepoche bestimmenden geschichtlichen Tatsachen, das heißt geistiges Erfassen der „geschichtlichen Wirklichkeit", — und die dichterische Kraft, hinter den äußeren Geschehnissen, hinter den Akten, Urkunden und sonstigen Zeugnissen der Ueberlieferung das blutvolle, tätige Leben zu' sehen, das Leben mit seinen handelnden und leidenden Menschen, ihrer Sehnsucht und ihren Wünschen, ihren Zielen und ihren Leidenschaften. Geschichtsschreibung wird zum dichterischen Werk, wenn durch schöpferische, seherische Intuition hinter den einmaligen, zeitlich begrenzten Einzelschicksalen das Bleibende und Ewige einer Zeit, ihr Geist und sein Wirken in die Zeit lebendig wird. So gesehen wird der moderne historische Roman Ausdruck des „neuzeitlichen Realismus" in der Dichtkunst bedeuten. Ein Werk, das nicht nur solchen Forderungen genügt, sondern geradezu Vorbild für die Form des historischen Romans ist, schuf Helen Waddell mit „Peter Abälard". Irische Historikerin und Frau tiefsten dichterischen Einfühlungsvermögens, läßt sie vor uns die Zeit des frühen zwölften Jahrhunderts neu entstehen, die Zeit der Scholastik, des erbitterten Kampfes zwischen „Realist mus und Universalismus". Aber der Geist dieses Jahrhunderts, das mit seinen starren Dogmen, seinen dialektischen Ueberspitztheiten, seinen glasklaren, aber blutlosen Grundsätzen dem modernen Denken und Fühlen unendlich fremd, manchmal weltenfern zu sein scheint, wird lebendig und vertraut durch die Menschen, die die Träger dieses Zeitgeistes sind, Menschen, die gleichsam hinter der Maske der Zeitgebundenheit das Ewigmenschliche ahnen und erkennen lassen. Peter Abälard, der Magister der Scholastik, der begeisternde und hinreißende Lehrer an den Uni- Prinzen mit Stern und Halbmond im Antlitz. Golden, blau, süß, Himmel, Stern sind die Worte, die man in ihren Werken am häufigsten zählt. Aber es ist ein höchst merkwürdiger, höchst unhistorischer Orient, in dem sie lebt. Da ist alles zugleich: nicht nur die Zeiten schweben durcheinander von Urbeginn bis heute, sondern auch alle Räume und Länder: Aegypten und Persien, Palästina und Mesopotamien, Türkei, Indien und Afghanistan. Dieser Orient ist nicht aus Büchern erlesen und nicht ertüstell, sondern er ist, zeitlos und raumlos, wie sie selbst behauptet, ihr angeboren, eingeboren, mitsamt seiner Sprache, in die sie mitunter verfällt, „der Ursprache, noch aus der Zeit Sauls, des königlichen Wildjuden herstammend". Und so muß ein Mißverständnis beseitigt werden, dem manche ihrer Leser, Beurteiler und Freunde anheimfielen. Diese orientalische Welt mit ihren Gestalten ist nicht eine auf der Furcht vor dem Elend der Wirklichkeit gesuchte und gefundene tröstliche Maskerade, kein Verkleidungs- oder Versteckspiel, sondern das ist ihre wirkliche Welt, in der sie heimisch ist. Sie sieht ihre Freunde und Feinde aus dem Boden und unter dem Himmel dieser Welt, mit den Augen dieser Welt: mit dem magischen Blick des Orients. Das fühlt nicht nur, wer sie selber kennt und ihre Sprechart, sondern wer ihre Gedichte und Essays liest, sogar ihre wütende polemische Schrift gegen ihre Verleger „Ich räume auf". Auch wenn sie sich noch so sehr bemüht, in der Realität zu verweilen, immer * schwindet Mensch und Umwelt und sie selbst in die Wirklichkeit dieses merkwürdigen Orients. Und aus der intuitiven, uraltweisen Anschauungs- und Schauungsweise des Ostens gibt sie dann über Menschen unserer Zeit in wenigen Worten die verblüffendsten und treffendsten Urteile und Erkenntnisse. Sie ist in diesem Orient heimisch, aber er ist doch nicht ihre Heimat. Denn sie begibt sich immer wieder aus dieser eingeborenen überirdischen Erinnerungswelt in die erlebte, irdische Erinnerungswelt ihrer Jugend, ins, Elternhaus nach Westfalen, an die Wupper, nach der sie ein soziales Schauspiel betitelt, oder zu ihrem geliebten Sohn Paul, den sie als jungen Maler dann verlieren mußte, von der Geburt bis über den Tod hinaus dichterisch zu ihm sprechend aus allen ihren Welten. Aber auch die Landschaft Westfalens ist ihre Heimat nicht: „Ich kann die Sprache dieses kühlen Landes nicht, und seinen Schritt nicht gehn... Immer muß ich an die Pharaonenwälder denken und küsse die Bilder meiner Sterne." Ihre Heimat wurde Berlin, das Cafe, das möblierte Zimmer, die Hotelstube. Aber auch hier gehörte ihr Herz allen und niemandem, auch hier kann sie die Heimat nicht finden. Immer wieder klagt sie: „Ich habe keine Heimat." „Ich bin so allein." „Wo soll ich mit meinem Herzen hin?" Denn alles in ihrem Leben und ihren Werken ist mit dem Herzen, aus dem Herzen erlebt. „Mein Herz" heißt eines ihrer Profabücher, durchgeistert von vielen Gestalten des Berliner künstlerischen Lebens, ein merkwürdiges Jneinanderwehen der Cafehauswelt und der orientalischen Welt. Dies Sehen und Sprechen aus dem Herzen, dies Egozentrische, dies Heranziehen privatester Beziehungen, diese Vergleiche, die nicht in realer Verengung verdeutlichen, sondern ins Weite schweifend das Bild phantastisch-malerisch verwischen, . . . das alles hat ihre Art manchem Leser fremdartig erscheinen lassen. Und doch gibt es in diesem „Fremdartigen" vieles, was gerade den jüdischen Leser zu ihr führen müßte. Unter allen jüdischen Dichtern deutscher Sprache ist sie die am meisten jüdische Dichterin . . . und nicht nur wegen ihrer Vorliebe für den Orient. Sie hat sich stets, wie man heute sagt, als New-YorR bestempfohlenerKaufma nn hervorragend verkehrsgewandt, wünscht anläßlich vorübergehender Reise S6MÖSG GefI. Offerten: N. 2831 on C.-V.-Zeitung, Berlin W 15.