Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 3 (16.1.1936)
- Date
- 1936-01-16
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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y-tj'- Nr. 3. 3. Beiblatt « ||w tw w> > wgwy ^mmwimap nwwp!<>swijmiy.>Mij^Mwrminjywiwv,W">l>,l,Vw"lt,|ipWwwull^l>111 yy,,ww9y^ 16. Januar 1930 .1 \ 'tzDAD ****«£SxSf GH WWW 1 ,/• *" Jedem Besucher der böhmischen Hauptstadt muß sich das düster Schicksalhafte in dem Bild, das sie bietet, einprägen. Wenn man aus dem Altstädter Ring, in der Mitte der Stadt, steht, wird man an die Massenhinrichtung der 27 böhmischen Aufrührer erinnert, die Kaiser Ferdinand II. aus dem Platz vor dem Altstädter Rathaus nach der Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1621 zum Tod führen ließ. Die Mariensäule, die er auf dem gleichen Platz später ausstellte, wurde im Jahre 1918 als ein Symbol überwundener Fremdherrschaft von der wütenden Volksmenge umgestürzt und zerbrochen. Heute steht auf dem Platz ein gut gemeintes, aber schlecht gemachtes großfiguriges Monument des tschechischen Reformators Hus. Wenn man über die Moldaubrücke geht und die schier unerschöpflichen Schönheiten der Kleinseite mit den vielen barocken Palästen des böhmischen Adels aus sich wirken läßt, Palais Lobkowitz, den an den Abhang gelehnten Fürstenberggarten, in dem heute zauberhast schöne Konzerte im Freien stattsinden, Palais Schönborn und wie sie alle aufgestellt ist. Von der geheimen Audienz, die er bei Kaiser Rudolf hatte, hat nie ein Mensch Sicheres erfahren. Aber von dem Verfertiger des Golem, wie von den berühmten Prager hebräischen Druckern, den Gersoniden, hat sich ein Strom kabbalistischen Wissens mit alten böhmischen Lehren in der Mystik der Barockzeit vereinigt. In Meyrink und Kafka, in Rilke und Kubin und in manchen anderen bricht immer wieder der aus so vielen Dunkelheiten gemischtemagische Fluß ans Tageslicht. Ein schöneres Denkmal, als aus dem Platz vor dem neuen Rathaus, hat der Rabbi Löb auf dem großen Judenfriedhof gesunden. Jüdische Wallfahrer von überallher haben es rings um die Kanten des breiten Steins mit kleinen Steinchen zum Andenken übersät. Durch eine Lücke im Grabstein wirft man Briefe und Zettel, aus denen man seine Wünsche ausschreibt, in die schwarze Höhlung. Man ist so überzeugt, daß sie erfüllt werden, wie die Schüler des Rabbi Löb ihre Seelenruhe gesichert glaubten, wenn sie sich in langer Reihe neben seinem Grab begraben ließen. . -4' n Die Alchymistengasse heißen mögen, bleibt man plötzlich vor einem langgestreckten älteren, im Stil der Renaissance errichteten Gebäude stehen. Es ist das Palais Waldsteiu, das Albrecht v. Wallenftein bewohnt hat. Man durchschreitet die Toreinfahrt und einen kleinen Hof und gelangt plötzlich in den regelmäßig angelegten, großen Garten, an dessen einer Seite hohe Bäume stehen. Der Garten wird von der Rückfront des Palais her von einer fürstlich hohen, wie eine riesige triumphale Loggia wirkenden Halle beherrscht. In dieser, mit Fresken ausgeschmückten Sala terrena mag man sich den Generalissimus Wallenstein vorstellen, wie er mit unruhigen Schritten aus und ab geht, ganz in Schwarz gekleidet, aus dessen Düster nur die scharlachroten Aufschläge hervorleuchten: ein Sinnbild nicht nur für das vulkanische Temperament des Mannes, sondern des ganzen Landes und seiner wechselvollen Geschichte. Der Hradschin, die Burg der alten böhmischen Könige und der Habsburger, aus der heute Benesch residiert, erhebt sich über der Kleinseite und beherrscht das ganze Stadtbild. Hinter seinen weitläufigen Mauern und Höfen, in deren Mitte der gotische Sankt- Veits-Dom steht, kommt man zu einem schmalen Gäßchen, in dem winzige, einstöckige Häuschen mit kleinen Fensterläden, wie an die Innenseite der großen Burgmauer, an die sie sich anlehnen, geklebt erscheinen. Die Gasse heißt das Alchymistengäßchen. Der Name erinnert an die Zeit, in welcher der sonderliughaste Kaiser Rudolf aus dem Hradschin saß. In seiner Person vereinigt sich der alte böhmische Mystizismus mit den naturwissenschaftlichen Bemühungen der Renaissance. Tycho de Brahe und Kepler, die großen Astronomen, wirkten damals in Prag, und es wird erzählt, daß manche Adeligen ein Vermögen an die Alchymie verschwendet haben. 1584 erschien sogar eine „Zeitschrift der Magier". Auf der anderen Seite steht der berühmte Arzt Jessenius, der unter dem Kopsschütteln der Geistlichkeit im Rezekschen Kolleg 1601 zum erstenmal eine Leiche seziert hat. Das jüdische Prag hat an der geheimnisvollen Atmosphäre, die vom Hradschin ausgeht und sich über die ganze Stadt verbreitet, teil in der Person des Rabbi Juda (Löwy) ben Bezalel, des sagenberühmten Hohen Rabbi Löb, dessen wenig gelungenes Denkmal, das von dem Bildhauer Saloun stammt, am Eingang zum ehemaligen Ghetto Der Pulverturm In der Altneuschul steht an der rückwärtigen Wand neben dem Thoraschrein noch der Sessel, auf dem der Hohe Rabbi während des Gottesdienstes zu sitzen pflegte. Seit seinem Tode hat es niemand mehr gewagt, ihn zu benutzen. In die Altneuschul steigt man zum Niveau des Fußbodens einige Treppenstufen, wie in ein Kellergewölbe, hinunter. Im Frühmittelalter war es nämlich den Juden verboten, ihre Gotteshäuser so auffällig zu bauen, daß man sie mit christlichen Kirchen hätte verwechseln können. Aber im 14. Jahrhundert erlaubte ein besonderes Privileg den Hochbau auszuführen, so daß sich nun das „neue" Gewölbe über dem alten Fundament erhebt. Das Gebäude, das mehr einer Kapelle wie einer Synagoge gleicht, ist in herber früher Gotik aufgesührt. Das Raumbild aber zeigt schon den neueren Geschmack des Hochmittelalters. Das christliche Basilika- Schema war den Juden verboten. Sie bauten deshalb zweischifsig mit fünfrippigen Gewölben. Die fünfte Rippe ist in der architektonischen Gesetzmäßigkeit völlig unnötig; ihre Einsetzung erklärt sich daraus, daß vier Nippen allein die Form des Kreuzes ergeben hätten, die bei den Juden verpönt war. Eine zarte Laubornamentik im Tympanon deutet auf deutsche Vorbilder des späten 13. Jahrhunderts, die Ornamentik im Inneren aber, die achteckigen Pfeiler und manches andere weisen auf die ersten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts, in denen sie aufgesührt worden sind. Der gitterumschlossene Almemor steht, wie bei allen alten Synagogen, in der Mitte des kleinen dunklen Raumes, die Sitze der Beter rings um ihn herum an den Seitenwänden. Wie dick die Mauern dieser Seitenwände sind, läßt sich an den tiefen, schräg nach rückwärts geführten kleinen Fensteröffnungen erkennen, welche die einzige Verbindung des Betraumes mit der klostergangartigen, rings um ihn herumlausenden Frauenschule darstellen. Weder herausnoch hereinzusehen war möglich. Das „inulier taesat in synagoga" war auf diese Weise bündig erreicht! Im Jahre I960 erfolgte die durchgreifende Assanierung der Judenstadt, bei der fast das ganze alle Ghetto niedergerissen wurde. Außer der Altneuschul sind noch zwei kleine, unbedeutende Synagogen, die Klaus- Synagoge und die Pinkas-Shnagoge, sowie das jüdische Rathaus unmittelbar hinter der Altneuschul übriggeblieben. Das jüdische Rathaus ist ein gefälliger Barockbau, der aus Grund eines Privilegs, das nach dem Dreißigjährigen Krieg erteilt wurde, mit einem Türmchen und einer mit hebräischen Ziffern versehenen Turmuhr gekrönt ist. Sogar eine Orgel und ein Organist wurden damals erlaubt! Das Rathaus selbst ist eine Stiftung des berühmten Mordechai Meist. Meist, der von 1528 bis 1601 gelebt hat, lebt in der Erinnerung als der größte Wohltäter des jüdischen Prag fort. Er hat die nach ihm benannte Meisl-Synagoge, ein Lehrhaus, ein Hospital, Scbulen und wohltätige Stiftungen errichtet unck alle Straßen der Judenstadt aus eigene Kosten pflastern lassen. Sein Reichtum machte ihn zum unentbehrlichen Freund der Krone. Dies hinderte nicht, daß nach seinem Tode das gesamte Vermögen der Witwe auf Grund der Bestimmung, daß der Nachlaß kinderloser Verstorbener dem Kaiser als dem Herrn des Judenschutzes gehöre, vom Fiskus eingezogen wurde. Der größte Verlust, den das jüdische Prag erlitten hat, ist die im Jahre 1903 erfolgte Enteignung eines großen Teiles des alten Judenfriedhofes, auf dem man eine Straße anlegte. Aber es bleibt immer noch ein genügend großes Areal übrig, um einen Eindruck von dieser einzigartigen Begräbnisstätte zu erhalten. Mehr als 20 000 Grabsteine befinden sich auf gedrängter Fläche. Da eben dieser Raum durch Jahrhunderte hindurch benutzt werden mußte, ohne daß er hätte erweitert werden können, andererseits aber der fromme Sinn es verbot, ein bereits belegtes Grab wiederholt zu benutzen oder gar die Leichen zu exhumieren, so blieb nichts anderes übrig, als auf die belegte Fläche neue Erde auszuschütten, in der dann wiederum begraben wurde. Im Juni bietet der alte Friedhof das schönste Bild. Unzählige hohö Holunderbüsche, die niemand gepflanzt hat, stehen dann im Schmuck der großen weißen Blüten, und der Wind rrägt den Dust weithin. Die Grabsteine selbst sind zum Teil weit WW Wappen des Bassewi aus dessen Palast im Ghetto, jetzt in der Altneuschul (abgebr. 1897) Fahne der jüdischen Studenten in der Altneuschule Foto-Archiv Grotte (2) . in die.Erde gesunken, andere aber, wie biß des Hohen Rabbi Löb oder Mordechai Meisls, der Hendel Bassevi, die 1628 vom Kaiser? Ferdinand den Adelstitel mit dem Prädikat „von Treuenberg" erhielt, des Arztes und Mathematikers Rabbi Joses del Medigo und des Rabbi Avigdor Karo ben Jizchok, der die schmerzzerrisfene Selichah über das Judengemetzel vom Ostersonntag des Jahres 1389 gedichtet hat, stehen ausrecht unter ihren vielen kleineren Genossen. Im jüdischen Museum ist neben vielen anderen, teils schönen, teils interessanten alten Gegenständen und Dokumenten das handgeschmiedete Gitter des Almemor mit den gewundenen messingenen Säulen auf? gestellt, das bei dem Abbruch der alten Zigeinershnagoge hierher übertragen wurde. Auch die Zunftfahne und das Zunftzeichen der Prager jüdischen Metzger sind im Museum aufbewahrt. 1850, bei Anwesenheit des jungen Kaisers Franz Josef, wurden sie zum letztenmal ausgetragen. Sie sind ebenso wie die große rote und goldbestickte, mit dem Mögen Dovid und dem Schwedenhut als Ehemalige Rabbinergasse Fot. Zikm. Eeach (Prag) Pinkas-Synagoge (vermutlich aus dem XIII. Jahrhundert) Fot. Bondy (Prag)