Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 2 (9.1.1936)
- Date
- 1936-01-09
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Untergang der russischen Judenheit Zu einem Buch von A. Heller Es ist ein übertriebener Opitimismus von Heller (Die Lage der Juden in Rußland, von der Märzrevolution 1917 bis zur Gegenwart: M. L H. Marcus, Breslau. 1935) zu glauben, daß die Lage der Juden im zaristischen Rußland in Europa bekannt sei; vollkommen Recht hat er dagegen, wenn er behauptet, daß über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung seit der Revolution die unklarsten und seltsamsten Vorstellungen herrschen. Manche haben noch vor kurzem geglaubt, Rußland sei ein Paradies für alle geworden; viele meinen auch jetzt noch, daß für die Juden dort paradiesische Zustände bestünden. Um so weniger sind Arbeiten, die die wirklich trostlose Lage der Juden in Rußland mit Tatsachen und Zahlen belegen. Der Verfasser ist in der Lage, dies zu tun, indem er aus Materialien schöpft, die in russischer, ukrainischer, jiddischer und hebräischer Sprache veröffentlicht wurden, und die den meisten Forschern in Europa unzugänglich sind. Er bearbeitet nicht nur das offizielle bolschewistische Material (bis zur zweiten Hälfte der 20er Jahre), sondern auch viele jüdische Berichte, Monographien u. ä. Hierin liegt eine bedeutende Bereicherung der Quellen, wofür man dem Verfasser zu Dank verpflichtet sein muß. Es werden vornehmlich zwei Fragen im Buche behandelt: die Po grome, als Begleiterscheinung des Bürgerkrieges in der Ukraine (Ende 1917 Mitte 1921), und die Auswirkung der bolschewistischen Wirtschaft s.p o l r t i k auf das jüdische Leben. ' - Was die P o g r o m e anbelangt, so wurden sie mehr oder weniger von allen am Bürgerkrieg Beteiligten veranstaltet, — von den nationalen ukrainischen Truppen und aufständischen Banden aller Art, von den „weißen" Freiwilligen bis zur roten Armee und dem polnischen Militär. Manche Ortschaften wurden von ihnen mehrmals — biszu zehnmal hintereinander (!) heimgesucht. Der Zahl der Pogrome und ihrer Opfer nach steht an erster Stelle das ukrainische Militär (53 Prozent der Ermordeten); hinter ihnen kommen verschiedene Banden (der berüchtigte Grigoriew inbegriffen), die zuweilen aus eigene Faust wüteten, zuweilen sich zu den großen Gegnern schlugen, gewöhnlich um sie dann zu verraten (26 Prozent der Ermordeten)! an dritter Stelle stehen die Freiwilligen (17 Prozent): Die Zahl der registrierten Opfer beträgt 31000, aber zusammen mit der Zahl der,^>ren Wunden erlegenen und von Epidemien gestorbenen schätzt sie der Verfasser aus über 100 000. Nach Tausenden wird die Zahl der abgebrochenen und verbrannten Häuser, zerstörten und geplünderten Läden usw. gezählt. Die ruinierten, heimatlos gewordenen, auch in die Nachbarländer geflüchteten Menschen sind nicht zu errechnen. Das „u n b e k a n n t e Opfer" bleibt eben unbekannt. Doch auch aus einem anderen Grunde muß das Bild unvollständig bleiben: der Verfasser studiert ja nur die Verfolgungen von Juden „alssolche n". Damit werden alle die Verfolgungen außer Acht gelassen, die die Juden „als Bürgerliche", „als Konterrevolutionäre", „als Nepmänner" usw. erlitten haben. Durch die vollständige Einzelbetrachtung der „jüdischen Frage" wird die richtige Perspektive der Judenverfolgungen verschoben. Denn in dieser Zeit stand ganz Rußland in Flammen. Wie viele Menschen — Gutsbesitzer und Offiziere, Kaufleute und Bauern, darunter auch Juden — den Tod oder den Ruin in diesem allrussischen „Pogrom" fanden, wird niemals zu ergründen fein. Manches kann darüber berichtet werden — der Rest ist Schweigen. Denn private Registrierung war hier unmöglich, und bei der offiziellen zeigten die Tschekisten u. a. an der Religions- oder Nationalitätszugehörigkeit ihrer Opfer kein Interesse. Dadurch wird das Bild des jüdischen Lebens (oder Sterbens, der Unterschied war damals nicht sehr groß) ganz entschieden verschleiert, denn ob ein Jude „als Jude" oder „als Bourgeois" ermordet oder ruiniert war — er bleibt doch gleich ermordet oder ruiniert. Der zweite Teil der Arbeit ist der s o - z i al-wirtschaftlichen und auch den r e l i g i ö s - k u l t u r e l l tz n F o l g e n der bolschewistischen Politik gewidmet. Eine Fülle von Tatsachenmaterial ist hier bearbeitet, und in anschaulichen Tabellen gedrängt gegeben; dadurch wird diese Arbeit im höchsten Grade nützlich und sogar unentbehrlich für das Studium der Lage der Juden in Sowjet- Rußland. Die zentrale Tatsache besteht darin, daß die russische Judenheit vor der Revolution vornehmlich im Handel (beinahe 40 Prozent), Handwerk und in der Kleinindustrie beschäftigt war; durch den Kommunismus wurde diese Bevölkerung um ihre Erwerbsmöglichkeiten gebracht. Daher die völlige Rechtlosigkeit eines Drittels der jüdischen Bevölkerung, daher der große Prozentsatz der Arbeitslosen (fünfmal so groß, wie bei der nichtjüdischen Bevölke- - rung), daher der Verfall des jüdischen Privathandwerks, der illegale. Handel und die damit im Zusammenhang stehenden Verfolgungen usw. Daher auch das Drängen in das Sowjetbeamtentum und in die kommunistische Partei, als einzige Rettung vor dem Untergang. Daher auch die Zusammenfassung: „Eine wirtschaftliche Gesundung der jüdischen Bevölkerung erscheint unter dem bolschewistischen Regime undenkbar" (S. 98). Treffend charakterisiert der Verfasser auch die landwirtschaftliche Lage der Judenheit, die seinerzeit soviel probolschewistischen Lärm, besonders in Amerika, auslöste. In den alten jüdisch "n Kolonien hat sich, die Zahl der Kolonisten, (zum Jahre 1924) um 12 Prozent verringert; dagegen wurden mehr als zwölstausend Familien neu angesiedelt — oder sollten es zum Jahre 1928 sein. Doch 20 Prozent der Siedler pflegen rebelmäßig die Ansiedlungen zu verlassen; ber Mißernten „steigert sich die Landflucht ins Massenhafte" und es waren Jahre, in denen aus Biro-Bidjan mehr als die Hälfte der Siedler flüchtete. Verzweifelt ist die Lage der Ansiedler, denn auch „in der Kleinstadt bleibt sowieso nichts übrig, als vor Hunger zu sterben." (S. 94.) Auch die , Verfolgungen und den unaufhaltsamen Verfall . des jüdischen-kulturellen und religiösen Lebens und den zugleich um sich greifenden Antisemitismus beleuchtet der Verfasser klar und überzeugend. Von seinem Standpunkte aus, die Lage der Juden nur „als Juden" zu studieren, verzichtet der Verfasser leider daraus, auf die Frage der „assimilierten Bolschewiken jüdischer Abstammung" näher einzugehen, „denn sie wirken nicht als Juden ... im nichtjüdischen Interesse". Die Voraussetzungen sind vollkommen richtig, nicht aber der Schluß. Denn diese Schichten sind aus der Judenheit hervorgegangen; der Trennungsstrich zwischen assimilierten und nichtassimilierten Kreisen läßt sich keineswegs einfach und eindeutig ziehen, und das Wirken der ersteren ruft Folgen hervor, wodurch die Lage der Judenheit mitbestimmt wird. Der Verfasser, der über soviel Material verfügte, könnte manch ein schädliches Vorurteil in dieser Beziehung. mit Leichtigkeit zerstreuen. Erdrückend ist die Lehre aus der Abhandlung. Aber in dem dunklen Bilde, das der Verfasser aufzeigt, glaubt er „wenig e L i ch t st r a h l e n" zu sehen, die später von dem tiefen Dunkel verdrängt worden sind. In Wirklichkeit aber waren keine Lichtstrahlen zu verdrängen. Die optimistische Bewertung der Lage der Juden in der ersten vorbolschewistischen Periode der Revolution ist eine Illusion: die Epoche der „Provisorischen Regierung" war nur der Anlauf zu Bedeutungslosigkeit und Verfall, die fchon damals einsetzten und dann zum Oktober- Umsturz führten. Insbesondere aber erscheint uns die hohe Bewertung der „p e r - s o n a l - a u t o n o m i s ch e n" D e k l a r a - tio n en, die von den jüdischen „Ministern" der ukrainischen Republik veröffentlicht wurden, unbegründet. Die Wirklichkeit zeigte stetig anwachsende Anarchie („Chaos", wie es der Verfasser treffend charakterisiert) und Üeberspannung der Forderungen. Alle ■ damaligen „Regierungen" gaben allen Bewerbern (natürlich nur auf dem Papier) alles, was sie nur forderten. Darunter war auch die national-perfonäle Autonomie. Aber die ukrainischen Regierungen waren vollkommen machtlos, und die „Minister" in jüdischen Angelegenheiten waren dazu noch machtlos in den an sich schon machtlosen Regierungen. Also saßen jüdische Intellektuelle in den Scheinregierungen der ukrainischen Republik, deren Militär die meisten Pogrome veranstaltete (493 Pogrome, 16 706 ermordete;— s. 57), saßen dort als Scheinminister, eifrige Verehrer von Springer und der österreichischen Schule und veröffentlichten kurze und nichtssagende Konzepte über national-personale Autonomie. War das ein Lichtstrahl — diese unschuldige schrifstellerische Tätigkeit der bedauernswerten „Minister" — oder eine groteske doktrinäre Grimasse auf dem tragischen Antlitz eines sich von Leiden krümmenden Volkes?" Diese Bemerkungen sollen die Verdienste der Arbeit von A. Heller keineswegs schmälern. Die Einwirkungen der Sowjetpolitik aus das jüdische Leben — das Hauptthema der Arbeit — sind gewissenhaft durchgearbeitet und zusammengestellt. Auch der grausame Schluß ist richtig gezogen: „Unter solchen Bedingungen sind die russischen Juden dem Schicksal ausgeliefert, als Volk zu degenerieren oder völlig unterzugehen." (S. 97.) Grigori Landau. Jüdische Flieger. Der „Schild", des Organ des R.j.F., widmete kürzlich eine ganze Ausgabe (Nr. 52 vom 27. Dezember 1935) der Darstellung des jüdischen Anteils an der Eroberung der Luft. An. der Entwicklung der Apparatkonstruktion wie der Flugtechnik, mag es sich um Flugzeuge, Luftschiffe, Freiballons handeln, haben jüdische Menschen tatkräftig, .oft bahnbrechend und richtungweisend, mitgewirkt. Namen wie David Schwarz, Rumpler, Katzenstein, Kgrl Arnstein werden uns ins Gedächtnis zurückgerufen. Von 200 jüdischen Kriegsfliegern, von denen hier nur Wilhelm Frankl und Jakob Ledermann genannt seien, starben über 50 den Fliegertod. - ERZIEHUNG und UNTERRICHT Paula OIlendorff-Hauslialtungs- SchulB mit Internat, Breslau einzige staatlich anerkannte Haushaltungsschule, im Osten Deutschlands, streng rituell geführt Gründung der Breslauer Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes. - Als Haclxschara anerkannt Gibt gründliche Ausbildung in allen Zweigen der Hauswirtschaft, sowie Gartenbau, Stenographie, Maschinenschreiben, Buchführung und bietet Gelegenheit zur Weiterbildung in Fremdsprachen, hebräisch und englisch Berufsvorbereitung in Jahreskursen mit Abschlussprüfung zum Hausfrauen-, Wirtschafts-,. Sozial- und Lehrberuf Berufsausbildung (Hausgehilfin) mit Abschlussprüfung, Einjährig rein praktische Ausbildung für den eigenen und fremden Haushalt und Grossbetrieb Beginn des neuen Schuljahres 15. 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