Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i. 'Tv/wa v/rf 1 ' ■.$?$& uus itäW»i5 *v*sCfejv<y Lord Rcadingi letzte Fahrt i London, 2. Januar. (ITA) Am 1. Januar, 11 Uhr 30 Min., fand im Goldersgreen - Krematorium die Einäscherung Lord Readings statt. Die religiösen Zeremonien wurden nach dem Ritus der Reformshnagoge von Rabbi Harold S. Reinhart unter Assistenz von Reverend M. S. Perlzweig vollzogen. Der Trauerzug wurde von zwei mit Kränzen reich beladenen Wagen eröffnet. Der Sarg war mit der Flagge der „Fünf Hafen" bedeckt, deren Wardein der Tote gewesen war. Dem Bestattungsgottesdienst wohnte ein kleiner erlesener Kreis bei. Der neue Marqueß of Reading, Harry Jsaaes, begleitete Lady Reading. Ihm folgte Lord Melchett und Sir Herbert Samuel. Am 2. Januar nachmittags fand in der West-London-Shnagoge unter der Leitung von Rabbi Reinhart und M. S. Perlzweig ein Trauergottesdienst für Lord Reading statt. Rabbi Reinhart hielt die Gedenkrede. Als Vertreter des Königs, des Prinzen von Wales, des Herzogs von Dork, des Prinzen von Connaught, wohnte dem Gottesdienst der Earl of Munster bei, ferner zahlreiche Vertreter der Hofkreise und des hohen Adels. An der Spitze einer Reihe von Mitgliedern des englischen Kabinetts beteiligte sich Außenminister Anthony Eden an der Trauerfeier. Man sah ferner zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten des englischen öffentlichen Lebens und Mitglieder des diplomatischen Corps. ft 5* Weitere Beileidstelegramme: Lady Reading erhielt ferner Beileidstelegramme von dem englischen Außenminister Anthony Eden, dem französischen Ministerpräsidenten Laval, von Colonel E. M. House, der „rechten Hand" des früheren Präsidenten Wilson. Es telegraphierten ferner Borden, Kanadas Ministerpräsident im Kriege, Mackenzie King, der gegenwärtige kanadische Ministerpräsident, Sir George Clerk,, der britische Botschafter in Paris, Senhor Dr. Regis de Oliveira, brasilianischer Botschäster in London. In einen: Telegramm an den Staatssekretär für Indien, Marqueß of Zetländ, yührt Eearl of Willingdon aus: „Die! indische Regierung hat mit tiefstem Bedauern die Nachricht vom Tode Lord T^eaKngs'-'■' des' ' Vizekönigs und . General-' Gouverneurs von Indien von 1921 bis 1926,. empfangen.. Mll seinem Hinscheiden, cheklagt sie den Verlust eines' hervorragenden Staatsmannes, der nicht nur Indien während / seiner Amtszeit große Dienste erwies, sondern / auch nach seiner. Rückkehr nach England einen k hervorragenden Anteil an den Round Table A Conferences hatte, und der der beste Fürsprecher -Ai'ür.'eine Großindische Federation war. Sie r( bittet Sie, Lady Reading, ihre tiefgefühlteste Anteilnahme zu übermitteln." Lavals Telegramm lautet: „Tiefbewegt über den Tod des großen Staatsmannes, mit dem . ich im Jahre 1931 zu- Uch, sämmenzüarbeiten den Vorzug hatte. Ich bitte meine verehrungsvolle Anteilnahme und. MM Sympathie entgegenzunehmen." Eden versichert seine Anteilnahme „in seinen Namen und im- Namen des Auswärtigen Amtes und des . Diplomatischen Dienstes, die stolz spien, sich Lord Readings doppelter Verbindung mit ihnen zu erinnern/ 1 Der Generalgouverneur von Australien: Av „Man kann nicht verfehlen, den glanzvollen tz^und meteorischen Aufstieg Lord Readings sestzustellen. Er war nicht nur phänomenal, sony dern, als er in eine kritische Situation während Mdes Großen Krieges kam, von lebenswichtiger /Bedeutung für die Einigkeit des englischen ../Weltreiches. Ein bedeutsames Leben öffentlicher - Hund privater Wirksamkeit hat geendet." /sämtliche englischen Zeitungen widmen lem Verstorbenen seitenlange Nachrufe mit \% Mzähligen Bildern aus seinem Leben. Der Aufstieg Lord Readings sei der markanteste seiner Generation gewesen und fügt Die Trauer der jüdischen Organisationen Anläßlich des Todes Lord Readings hat der Präsident des Board ok Depots es ok Lritisli Jews, Neville Laski, der Jüdischen TelegraPhen-Agentur folgende Erklärung übergeben: Gemeinsam mit unseren Mitbürgern betrauern wir den Hingang einer der hervorragendsten Erscheinungen des zeitgenössischen Lebens. Der Roman seiner Laufbahn vom . Schiffsjungen zum Vizekönig von Indien überstiege fast jede Phantasie, hätte er sich nicht in - der Welt der Wirklichkeit ereignet. Ausge- ■ zeichnet als Jurist, Gouverneur, Botschafter, Diplomat und hoher Staatsmann, wie Lord; Reading es war, hinterläßt sein Tod eine Lücke, die nicht ausgefüllt werden kann. ' Ich gedenke mehrfachen Kontakts mit Lord Reading, insbesondere in den letzten drei , Jahren. Bei vielen Gelegenheiten hatte ich den , Vorzug, mit ihm Fragen ernstester Bedeutung, zu erörtern, die sich aus der Lage der Juden im Ausland ergaben, und nie fand ich ihn - anders als mitfühlend, hilfsbereit und weise in ' seinem Rat. Er war zutiefst bewegt von seinem Gefühl für Tragik, und sein ganzes Herz war - erfüllt ■ von dem Wunsche, seinen Glaubensgenossen zu helfen. Schwierigkeiten, die wir zu . würdigen wissen, verhinderten ihn, häufiger . und öffentlich seine Anschauungen in diesen Angelegenheiten zu äußern, aber mein enger Kontakt mit ihm in dieser Beziehung läßt keinen Zweifel über seine Meinung übrig. Sein Tod bedeutet sowohl für die englische Judenheit als auch für die weitere Gemeinschaft, mit der wir diesen Verlust teilen, einen schweren Schlag. Der Präsident der Anglo-Jewish Asso» eiation, Leonard G. Montefiore, erklärte der Jüdischen Telegraphen-Agentur: Gemeinsam mit unseren Mitbürgern betrauern wir den Verlust dieses großen Staatsmannes und Juristen, dessen glänzende Laufbahn und hohen Erfolge auch der jüdischen Gemeinschaft Auszeichnung gebracht haben, deren treuer Angehöriger er stets war. Oer Lebenslauf eines grossen Mannes England trauert an der Bahre eines ferner großen Staatsmänner. Aus dem kreise der Persönlichkeiten, die vor ceißia Jahren den englischen Liberalismus .ach langer Depression wieder zum Siege Ehrten, ist jetzt Rufus Jsaaes, der feit 1913 \t d Reading hieß, dahingeschieden, ein inzender Jurist, ein hervorragender Poli- Iß; - I lyliv-/ : 1 ^7 * . : tiker und Diplomat, ein patriotischer Engländer und glaubenstreuer Jude. Sieht man auf dies fünfundsiebzigjährige Leben zurück, so ist sein schwankender Anfang ebenso auffällig wie sein späterer geradliniger Verlaus. Vor fünfzig Jahren hätte niemand dem jungen Rufus Erfolge, sei es als Jurist, sei es als Staatsmann, vorhergesagt. Denn damals war er nicht viel mehr als eine gescheiterte Existenz. Als Sohn eines wohlhabenden, aus Deutschland stammenden Kaufmanns in London geboren, hatte er die Schule, aus der sich der künftige englische Politiker sonst auszuzeichnen pflegt, mit nur recht mäßigem Erfolge besucht. Von der Schule aus war er nicht etwa zur Universität. sondern zur See gegangen: als Schiffsjunge war er bis nach Indien gekommen, das er vierzig Jahre später als — Vizekönig Wiedersehen sollte. Dieser abenteuerlichen Episode, der er immerhin eine ungewöhnliche Bekanntschaft mit dem Leben und Denken der handarbeitenden Menschen verdankt, folgten einige Jahre kaufmännischer Tätigkeit — erst im väterlichen Geschäft in Magdeburg und dann an der Londoner Börse —, die ihm nicht viel Ruhm brachten; denn im Jahre 1884 mußte eines Tages der Börsenbeamte mit den berühmten dumpfen Hammerschlägen verkünden, daß der junge Jfaacs seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen könne. Diese Tragödie war der Wendepunkt seines Lebensweges. Von verzweifelten Entschlüssen brachte ihn dgs Zureden und der gute Rat seiner Mutter ab. die trotz seines Mißgeschicks an ihn glaubte. Drei Jahre später konnte er sich als Rechtsanwalt niederlassen, und von da ab blieb ihm der Erfolg treu. Auch bei ihm mußte sich natürlich Verdienst und Glück verketten; niemand kann ihm nachsaaen, daß er sich die Erfolge seines Lebens nicht verdient und erarbeitet hat, und vielleicht zeigt sich die Stärke seiner Persönlichkeit auch darin, daß er die bitteren Erfahrungen seiner Anfangszeit fruchtbar zu machen verstand. Als er etwa ein Jahrzehnt später den großen Finanzschwindler Wittaker Wright zur Strecke brachte, zeigte er in glänzendem Ausmaße, daß er nicht umsonst im Kaufmanns-Kontor gesessen hatte. Dieser Prozeß gegen Wittaker Wright brachte Jsaaes an die Spitze der großen Advokaten Englands, nachdem er schon vorher in manchem schwierigem Rechtssall sein reiches Können gezeigt hatte. Er war ein Meister des Kreuzverhörs, der nicht wie sein großer Rivale, der kürzlich verstorbene Lord Carson, durch die Wucht des Angriffs, sondern durch die Einfühlung in die Seele des Zeugen und durch seine überlegene logische Schärfe unvergleichliche Erfolge erzielte, und er war ein Meister der forensischen Rede wie der Rede überhaupt. Der Schreiber dieser Zeilen hat vor einem Menschenalter Rufus Jsaaes in einer Volksversammlung in Oxford hören können, e8 war wirklich ein Vergnügen, diese im klastischen Englisch gebauten Perioden zu hören, die sich zwingend zur seingeWifsenen, unfehlbar einschlagenden Pointe ausbauten. Kein Wunder, daß die Führer der liberalen Partei sich die Mitarbeit dieser glänzenden Persönlichkeit sicherten, dessen Ueberzeugungstreue sich auch in ungünstigen.Zeiten bewährt hatte. 1904 zog er ins Parlament ein, als Mitglied für Reading, das ihm bis zum Schluß treu blieb und ihm zujubelte, als er sich antisemitischen Angriffen gegenüber stolz zu seinem Judentum bekannte. Sechs Jahre später, 1910, war er Sollicitor- General, das heißt einer der beiden Kronjuristen, die dem Kabinett zur Seite stehen. Die Uebernahme dieses Amtes bedeutete natürlich eine sehr große materielle Einbuße, da er seine glänzende und überaus lukrative Advokatenpraxis ausgeben mußte. Wenige Monate später rückte er züm Attorney- General auf und trat als erster Träger dieses Amtes in das Kabinett ein. - Nach weiteren drei Jahren wurde er — unter dem lauten Beifall aller Juristen ohne Unterschied der Partei — der höchste Richter des Landes, Lord Chief Justice. Aber während dies Amt in England sonst eine Laufbahn zu beschließen pflegt, führte ihn der Weltkrieg wieder zu politischen Aufgaben zurück. Er wurde der ideenreiche Ratgeber des Schatzkanzlers Llohd George bei der Finanzierung des Krieges, er ging als Spezialkommissar und als Spezialbotschaster nach den Vereinigten Staaten, wo er die diplomatischen Fähigkeiten, die er schon als Anwalt ausgebildet hatte, mit großem Erfolg in den Dienst seines Vaterlandes stellte. Und als die Sturmflut des Krieges vorübergebranst war, stellte ihn die englische Regierung wieder auf den verantwortungsreichsten, aber auch glänzend st en Posten, den das britische Weltreich ausweist: als Vizekönig ging er nach Indien, dessen Leitung so schwierig war, wie kaum je zuvor; und Indien, das das Grab schon so mancher staatsmännischen Reputation geworden war, wurde für ihn der glänzendste in der Kette seiner Erfolge, da er dort den Resormplan für die Selbstverwaltung durchführte, der von seinem Vorgänger, Lord C Helmsford, in Gemeinschaft mit dem Staatssekretär für Indien, Edwin S. 'M o n t a g u , übrigens gleichfalls ein Jude, ausgearbeitet worden war. Die Uebernahme des Auswärtigen Ministeriums im ersten nationalen Kabinett MacDonalds war der Schlußstein seiner beispiellosen Laufbahn, die ihn nebenbei zum Baron, zum, Viscount, zum Earl und schließlich zum Marqueß machte, und ihm auch die formelle Würde eines „Wardeins der fünf Häfen" brachte als Zeichen der Wertschätzung, die ganz England diesem glänzendsten seiner jüdischen Söhne ent- Fot. (1,2,3) Herbert Sonnenfeld gegenbrachte und der Englands König damit Ausdruck verlieh. Auch im jüdischen öffentlichen Leben hat Lord Reading eine bedeutende Rolle gespielt. Bis 1921 war er Vizepräsident der Anglo Jewish Association. Als 1917 die Balsour-Deklaration erlassen wurde, begrüßte er diese Erklärung als ein „großes Licht in Israel". 1926 wurde er Vorsitzender des Direktoriums dev Palestine Electric Corporation. Die Jewish Agency hat er bei der englischen Regierung in * * ihren politischen Bemühungen zur Förderung des Jüdischen Nationalheims wiederholt tatkräftig unterstützt, und ebenso beteiligte er sich an den Aktionen zur Sicherung und Wahrung der Rechtslage der Juden rn verschiedenen Ländern. . EriEyck. Neues Verbandsabzeichen der Boy-Scouts Die Boy-Scouts, der englische Pfadfinder- Verband, verbreitet im „Daily Expreß" eine Erklärung, nach der das Hakenkreuz auf den Verdienstmedaillen des Verbandes künftig fortfallen soll. Das Hakenkreuz, so wird erklärt, sei von einer ausländischen politischen Bewegung zu ihrem Symbol gemacht worden, die Boy-Scouts aber seien unpolitisch. Arier und Nichtarier in der Kriminalstatistik des Deutschen Reichs Wie die „Berliner B ö r s e n - Z e i t u n vom 25. Dezember meldet, hat der Reichs- und preußische Innenminister in einem Runder lag für alle Polizeidienststellen des ganzen Reiches fortlaufend die zahlenmäßige Aufstellung aller von der Polizei bearbeiteten Straftaten ab 1. Januar 1936 angeordnet. Als „Fälle" gelten bei der Zählung nur diejenigen Vorgänge, bei deren Bearbeitung sich bis zur Abgabe an die Staatsanwaltschaft mindestens ein dringender Verdacht einer strafbaren Handlung ergeben hat. „Versuche" zählen als vollendete Handlung. Als das wesentlichste Merknial dieser neuen Reichskriminalstatistik wird in der Mitteilung die strenge Unterscheidung zwischen Ariern und Nichtariern bei der statistischen Ermittlung bezeichnet. Keine nichtjüdischen Säle mehr für jüdische Veranstaltungen in München Für alle jüdischen Organisationen in München hat die dortige Polizeidirektion die Benutzung solcher Säle verboten, welche nicht in jüdischem Besitz sind. Die Ortsgruppe München des Jüdischen Kulturbundes in Bayern hat daraufhin ihre für den Museumssaal geplanten Veranstaltungen in den Saal des Körperkulturhauses Rhea Glus an der Germaniastraße verlegt und in einem Rundschreiben seine Mitglieder aufgefordert, damit verbundene Unbequemlichkeiten der jüdischen Sache zuliebe auf sich zu nehmen und dem Kulturbund auch weiterhin die Treue zu bewahren.