Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-01-19 · 20 (19.1.1947) Sonderbeilage · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
20 (19.1.1947) Sonderbeilage
Date
1947-01-19
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/9498581-9366319-9386222--226-9366224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ein kleines KZ-Erlebnis In einem der vielen Konzentrationslager, die ich durchwandern mußte und in dem ich nach einigen Wochen schwerster körperlicher Arbeit als Häftlingsarzt eingesetzt wurde, häuften sich die Krankheitsfälle, insbesondere die Darmkatarrhe. Eines Tages erschien ein höherer SS-Arzt, der gerade eine Inspektionsreise der Lager vornahm. Er' fragte mich inziemlich kollegialem Tone, welche medizinische Auffassung ich über die Ursache der Darmkatarrhe hätte und welche Behandlung ich vo'rzuschlagen wüßte. Ich er-* klärte ihm im Beisein der Häftlingsä’rzte und Sanitäter, daß eine- Uebertragungsgefahr nicht zu befürchten sei, weil die Durchffälle ihre Ursache in dem starken,- durch Unterernährung bedingten Hünger hätten. Diese Ansicht begründete ich mit Hinweisen auf bestimmte ärztliche Erkenntnisse und auf meine Beobachtungen, die ich schon früher'bei Sektionen machen konnte. Zur Frage der Behandlung äußerte ich mich dahin, . daß ich eine Zufuhr von Eiweiß und Fett für notwendig halte. Da ich mir darüber im Klaren war, daß .ein Anfordern von Fleisch nur ein Lächeln bei der SS hervörgerufen hätte, bat ich den SS-Arzt, dafür Sorge zu' tragen, daß'wenigstens Weißkäse in genügender Menge an die Häftlinge gegeben würde. Das wurde bewilligt. Ich schlug aber noch etwas anderes, vor: Beim Vorüber gehen an der Lagerküche sah ich immer große Körbe mit Kartoffelschalen stehen; mir ist dabei aufgefallen, daß an den Kartoffelschalen noch ein ganz erheblicher Teil des Kartoffelfleisches ^haftete. Ahnungslos machte ich nun den Vorschlag, die Schalen gründlich waschen zu'lassen, und dann so zu kochen, daß sie als. Brei den hungrigen Häftlingen zusätzlich zu der Ernährung gegeben würden. Dieser Vorschlag wurde erst recht angenommen,-;; Am nächsten Tage wußte das ganze Lager davon und - die Häftlinge, die ja meistens vor lauter Hunger Schon heimlich von den rohen Kartof-felschalen gekostet hatten, fielen mir voller Freude um. den Hals. Das Volk stand also ganz auf meiner Seite. Aber die — wahrlich-nicht vom Volke Auserwählten waren anderer Meinung. Am Abend, würde ich vor den Küchenchef (Kapo) zitiert. Er* war ein Wiener Fassadenkletterer, Berufsverbrecher ersten Ranges, darum auch — obgleich selbst Häftling — besonderer Günstling der SS. Um ihn herum befanden sich 5 andere Häftlinge, ebenfalls Berufsverbrecher, oder solche, die es nach dem Kriege noch werden wollten. Wie die wilden Tiere stürzten sie auf mich zu, brüllten mich an und schrien: ich wäre ein Lump und hätte .kein Kämeradschaftsgefühl, denn mein Vorschlag,, deri ich dem SS-Arzt in bezug auf die Kartoffelschalen gemacht hätte,-würde nun dazu führen, daß die armen Häftlinge jetzt nur noch .Kartsffelschalen bekämen unter Entzug der übrigen Ernährung. — Soweit hatte ich natürlich' nicht gedacht. Und da der Grad der Bosheit bei der SS. nicht abzusehen war, konnte’ an der Argumentation schön, etwas Wah-'(: res sein. Man drohte mir mit Fäusten und wollte mich in den elektrischen Draht treiben. In meiner'Not —- (wir standen 6:1) — gab ich die. Erklärung ab, daß ich sofort'an den SS-Arzt schreiben,'die Vorhaltungen meiner „ehrenwerten Kameraden” mitteilen und ‘um. meine Versetzung in ein anderes Lager als .Häftlingsarzt, evtl, sogar als Sanitäter, bitten würde. Da trat plötzlich Ruhe ein. Die 6-Verbrecher wurden mit einem Male höflich und nett und meinten, ich sollte dies nur ja nicht tun, ein solcher Schritt wäre keineswegs notwendig,, schließlich .wäre ich ihnen-ja als Arzt nur allzusehr erwünscht,, besonders im Hinblick auf so manche Bombenangriffe. \ . - Ich' hörte nichts mehr wieder von dieser Bande. — Meine -hungrigem Kameraden erhielten den versprochenen Weißkäse. und erfreuten sich an dem zusätzlichen Kartoffelbrei Und ich konnte sehen, daß meine Behandlung Erfolg hatte; denn die Durchfälle ließen "nach. ' ' ' . ■; . Nach einer gewissen Zeit erfuhr ich durch Zufall, warum, die „Küchenbullen” ein%so große Wut auf mich hätten: der Küchenchef (Kapo) lie'ß nämlich die Kartoffeln mit Absicht ganz dick sehälpn, weil dadurch nur der - geringste Teil davon an uns Häftlinge kam. Diese Kartoffelschalen (also beste -Qualität), übergab man dann bestimmten Bauern als Schweinefutter und erhielt dafür Butter und Brot. Kein Wunder, daß die Berufsverbrecher mich als „Lump” bezeichneten: ich hatte ihnen doch, ohne es zu ahnen, das Geschäft verdorben, - * Dr. .Lewin, Köln. „Soll erscheinen und zaubern!“ Einer, der im Konzentrationslager um sein Leben zauberte Ein Abschied „Lachen und Weinen’’ . . . .steht draußen auf den bunten' Plakaten des Schiffhauerdamm-Theaters. — „Lachen und Weinen’’, ja, ein Märchenspiel ist’s für kleine und . große Kinder. In diesem Märchenspiel tritt er auf, der Mann, der im KZ um seirj Leben gezaubert hat, wie er jetzt hier auf den „weltbedeutenden’’ Brettern vor dem Märchenkönig und den Prinzeßchen seine Taschenspielerkünste zum besten gibt! — — Und .alle kleinen und großen Zuhörer klatschten ihm dann begeistert Beifall. - ' f Lachen und weinen möchte man, sitzt man Nivelli in der kleinen, mit buntem Tand angefüllten -Künstlergarderobe gegenüber, der nun das gestreifte Straf lingsgewänd des KZ mit dem farbenfreudigen Harlekinkostüm . vertauscht hat — — lachen, daß das Schicksal ihn so glücklich behütet hat, weinen über all das, das-er hinter den stromgeladenen Gattern hat durchstehen müssen ... ' - ’ . Nivelli —. ra>men 'est omen — diesen Artistennamen hat er sich aus den Buchstaben seines bürgerlichen zusammengesetzt,. und der heißt Lewin, und das besagte in Hitlers Reich alles! Also „rassisch verfolgt”, Flucht aus Deutschland, .und immer wieder Flucht vor den Hitlerschen Okkupatiortstruppen, die ein Land nach dem andern besetzten, in das er sich gerade flüchtend gerettet hatte . . .'Und schließlich KZ, ein KZ nach dem andern und am Ende* dieses martervollen Wegs drohte die Gaskammer: , Aber Lewin-Nivelli konnte' zaubern, verstand sich auf die tollsten Taschenspielerkünste mit Spielkarten, konnte Zigaretten aus dem Nichts hervorzaubern, und'Farben ■ in der Luft mischen, weiße Fähnchen rosa und lila und Milch in Purpursaft verwandeln Und so Was sprach sich im. Lager der tausend Schrecken und Qualen herum, laüffeuerartig verbreitete sich das Gerücht vom-Zauberer. Natürlich machte es auch nicht halt vor den Pforten der Lagergewaltigen, .des Blockführerstabes, und diesen Herren, die vor .Selbstherrliehkeit und Uebermut gar nicht mehr wußten, w^e sie den Tag ,Kleinkriegen” konnten, kam so ein „Zauberonkel” nur zu gelegen. . ‘ ■ „Süll erscheinen und. zaubern!’’, befahlen sie, und Lewin- Nivelli ■ erschien. Und der eine KZ.-Herrscher sagte es dem andern. „Di&sen Juden müssen Sie gesehen haben!’’ und natürlich wollten ihn alle sehen, und so gabs für Lewin 'kaum eind Atempause, immer mußte er zaubern, zaubern um sein Leben, denn während er sich auf .derlei Galgenfrist sein Leben Hag für Tag erzaüberte, gingen Tag für Tag Transporte mit den anderen Leidensgefährten des Lagers, die sich eben nicht auf Zauberkünste verstanden, nach den Gaskammgren ab . . .. Und mit-einem dieser Transporte auch Lewins Mutter, Frau und Kind, obgleich man. ihm,, da er sich doch stündlich um sie sorgte, immer ‘wieder versicherte: „Ach, denen geschieht nichts, wir passen schon auf!” Lewin-Nivelli kam dann von Auschwitz; dessen Memento ihm mit der Nummer A 1676 aufs Handgelenk tätowiert wurde, mit tausend Häftlingen nach Schwarzheide zur „Knochenarbeit’’. ' Und. beinahe wäre es dort um ihn geschehen, wäre nicht das — Zauberwort vom Zaubern gefallen. Also auch , hier wieder rettete er sich das Leben, durch seine Zauberkünste ... ' - 1; Jetzt nimmt Lewin-Nivelli Abschied von Berlin, wo er auch in der Boheme: am Gardepionierplatz auf trat. Abschied von Deutschland. Er geht in diesen Tagen nach Amerika, wo ihn seine Schwester erwartet, die das Glück hatte, sich noch mit dem „letzten Schiff” nach drüben zu retten. Auch sie ist der Magie verfallen und hat sie sich zum Beruf erwählt, so daß wir bald von einer neuen Nummer der Zauberkünste hören werden: Nivelli and sister! Dehn er will wiederkommen, versichert er beim Abschied!;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.