Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 17 (10.12.1946)
- Date
- 1946-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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10. DEZEMBER 1946 NUMMER 17 1, JAHRGANG JCuh&at GadL&cAtnii ojAjbK...t Wir wissen alle, daß wir in einer schnellebigen Zeit leben und daß die Ereignisse sich seit vielen Jahren überstürzen. Die Folge davon ist, daß wir vieles schnell vergessen. Manches'Mal zum Guten, .sehr oft zum Schlechten. Es gibt Dinge, die. wir gerne vergessen möchten, aber nicht können, und wir haben oft erlebt, daß wir andere Dinge vergessen, die wir nie vergessen sollten. Das kurze Gedächtnis hat also vieles für sich und manches gegen sich. . Mir scheint aber, daß es Menchen gibt, die dieses Symptom unseres Zeitalters bei vieler} Gelegenheiten als Vorwand nehmen, daß sie' so tun, als hätten sie vergessen. Diese Beobachtung können wir sehr oft. machen, wenn es sich um Dinge handelt, die dem Betreffenden, unangenehm sind. Denn, so habe ich'mir sagen lassen, zum Zugeben einer schlechten Handlung oder eines Fehlers gehört Mut. Und wenn man diesen Mut nicht besitzt, dann tut man so, als habe man diese Handlung garnicht begangen oder man übergeht sie, hat sie -also vergessen. Ich bin seit cirka 6 Monaten wieder in Deutschland. Ich kam aus der Emigration zurück, weil ich zu denen gehöre, die glauben, als deutsche Juden verpflichtet zu sein, einmal am Wiederaufbau der jüdischen Institutionen, .dann aber beim Aufbau eines wirklich demokratischen Deutschlands ‘ mitwxrken zü müssen. Einem derartigen Entschluß gehen das dürfte selbstverständlich sein — Ueberlegungen voraus. Und bei diesen Ueberlegungen stellte ich mir schon seit langer Zeit die Fragen: In welchem Zustand werde^ich das deutsche Vqlk antreffen? .v oder wie wird die Reaktion des deutschen Volkes auf die Bekanntgabe der fürchterlichen Grausamkeiten; die besonders 'den Juden gegenüber begangen wurden, sein? oder werden sich große Volksteile finden, die nach der fürchterlichen Enttäuschung, die ihnen der Natonalsozialismus gebracht hat, eirisehen, daß die Judenfrage nur als Mittel zum Zweck gedient hat und daß das deutsche Volk in dieser Sache genau so belogen und betrogen worden ist, wie in allen anderen Dingen? . Ich war mir natürlich im Klaren -darüber;,, daß ich in Deutschland sehr viele Menschen finden werde, die. glaubwürdig erklären und z. T. auch beweisen können, daß sie innerlich gegen die Degradierung der Juden waren und daß sie darüber 'hinaus keine Kenntnis von den Greueltaten und übrigen Verbrechen, die an den Juden begangen wurden,’ hatten. Ich war fest überzeugt davon, daß viele Deutsche erklären würden, daß .der 9. November 1938 von ihnen abgelehnt worden sei,, sie aber infolge des bestandenen Terrors nichts dagegen hätten tun können. " Ich bin.aber bei meinen Ueberlegungen davon ‘ausgegangen, daß in Deutschland viele Menschen unmittelbar nach dem Zusammenbruch' des Nationalsozialismus den Mut besitzen würden in Erinnerung der Dinge, die an den Juden begangen wurden und deren Augenzeugen sie waren, an die Qeffentlichkeit zu treten und zu sagen: „Wir'haben die heilige Pflicht, vor allem an deri Resten der Juden wieder etwas gutzumachen.” Ich kam nach Deutschland und sah mich bitter enttäuscht. In den ersten Monaten fand ich, trotz vieler hundert Unterhaltungen keinen Nationalsozialisten. Ich fand bis heute keinen Menschen, der den Mut besessen hat, zu sagen: „Jawohl, auch ich war dabei und habe gegen die Juden mitgearbeitet, ich bin heute nicht nur enttäuscht, sondern auch belehrt.” ■ Ich fand bis heute nur Deutsche, die mir erzählten, daß sie von Nichts, was den Juden geschehen ist, etwas gewußt haben, daß sie riur „zufällig” am 9. November 1938 etwas oemerkt hätten, gegen das sich, ihr Inneres gestreübt habe. Haben alle deutschen Menschen wirklich ein solch kurzes Gedächtnis oder . . . .? Ich wage die Frage nicht ganz auszusprechen. - ~ ~ - Haben wirklich alle deutschen Menschen vergessen, daß die Degradierung der Juden damit begann, daß Schilder ausgehangen wurden: „Juden, unerwünscht”. Ist es wirklich nicht mehr in Erinnerung. der Deutschen, daß Juden keine Badeanstalten besuchen .durften, daß sie in der Straßenbahn zunächst Sitzverbot hatten, sie dann überhaupt nicht mehr benutzen durften? Ist. aus dem Gedächtnis der Deutschen wirklich die Erinnerung verschwunden an den Judenstern,, der getragen werden mußte und der die Juden zu Freiwild RUINEN (September 1946) Von Marie Junker (siehe heutigen Leitartikel); Ich geh’ durch die Ruinen Und seh’ zum Himmel, auf. Da fühl ich Gottes Klage Zu diesem Wejtenlauf. Er gab uns beide Augen Zu sehn der Erde Pracht, Er gab uns beide Hände „7 Zu tun, wie er’s gedacht. Er senkte tiefes Fühlen In uns’re Herzen ein, Dem Göttlichen’ zu dienen „Sollt’ uns’re Losung sein. Gott hat zu seinem Bilde Uns alle ausersehn, Wenn wir in Bruderliebe Vor seinem Antlitz stehn. . Es zeigen die Ruinen ' s J Die Gottesferne an, Aus Lieben wurde Hassen, . So wuchs die Schuld heran. Nur wer aus Gottes Händen Die Leiden auf sich nimmt, Der hebt, zu neuer Würde Das wunde Menschenbild. llllliiniilfllllllllilillillllllllllllUlinilllllllllllM^ erklärte? Wissen die Deutschen nichts mehr davon, daß ein Einkaufs,- und Ausgehverbot für die Juden zu bestimmten Stunden bestand? Und weiß man nichts mehr davon, daß die Lebensmittelrätionen weit unter denen lagen, die heute dem deutschen Volk zugeteilt werden? Wenn ich heute nur von diesen und vielen anderen Degradierungen der Juden spreche und hicht eingehe auf die fürchterlichen Grausamkeiten, die begangen wurden und die ehemalige führende Nationalsozialisten im Nürnberger Prozeß bestätigt haben, so geschieht das deshalb, weil ich