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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-08-20 · 10 (20.8.1946) · p. Seite 61

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
10 (20.8.1946)
Date
1946-08-20
Page
Seite 61 (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE NORD-RHEINPROVINZ UND WESTFALEN NUMMER 10 20. AUGUST 1946 1. JAHRGANG Der Jude im Dritten Reich Von Oscar Goetz Die-Überschrift „Der Jude im Dritten Reich“ und nicht „Die Juden im Dritten Reich“ ist kein Zufall. Sie ist bewußt gewählt, umi hervorzuheben, daß es sich hier um eine betont subjektive Stellungnahme handelt, die auf eigenen Kenntnissen und Erlebnissen beruht, und nicht um eine objektive historische Darstellung handeln kann, die vielleicht einmal nach Jahren und Jahrzehnten auf Grund eingehender Quellenforschung möglich sein wird. „Vielleicht“ — denn einer solchen Quellenforschung wird in vielen Fällen nicht mehr das reale Leben gegenübergestellt werden können, denn allzuviele von denen, die in demi letzten Jahrzehnt unter den Gesetzen des Dritten Reiches zu leiden hatten, die gegen sie erlassen worden sind, haben das Ende dieser Zeit nicht mehr erleben dürfen. Allein die Berliner Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Kaum zwei Prozent der Zahl der Juden, die im Jahre 1933 in Berlin lebten, sind heute noch am Leben, kaum sechs Prozent sind wieder nach Berlin zurückgekehrt. Fast 98 Prozent der einstigen Berliner Juden sind zum geringen Teil ausgewandert, zum großen Teil ermordet worden. In vielen Städten des Reiches ist der Prozentsatz noch schlechter. Es; gibt Orte, in denen die jüdische Bevölkerung getreu der Ankündigung, die Hitler für ganz Deutschland und für ganz Europa ausgesprochen hatte, restlos vernichtet worden ist. Wenn nun Tatzeugen und Aussagen von beteiligten Personen nicht zur Verfügung stehen, ist eine spätere Forschung vornehmlich auf Dokumente angewiesen. Auch die Dokumentarbeweise werden verhältnismäßig gering sein* denn bei der Gründlichkeit, die die Nazis an den Tag zu legen pflegten, wenn etwas Besonderes zu vertuschen und zu verschleiern war, wurden die Dokumente zur Judenfrage, insbesondere über die Beseitigung der Juden, weitestgehend beseitigt. In Theresienstadt beispielsweise haben wir es erlebt, daß alles beiseite geschafft werden mußte, was darüber Auskunft gibt, wer jemalsin Theresienstadt war, wer in Theresienstadt gestorben ist und wer aus Theresienstadt in ein anderes Lager weitertransportiert wurde. (Wie sich später herausstellte, war das. andere Lager stets Auschwitz, wo Frauen über 45, Männer über 50 Jahre alt und Kinder im noch nicht arbeitsfähigen Alter ausnahmslos sofort bei der Ankunft in die Gaskammern geschickt wurden.) Die Gründlichkeit der Vernichtung aller Spuren ging beispielsweise so weit, daß wenige Monate vor Schluß in Theresienstadt von einem Tag zum andern die Asche aller Toten, die bis dahin in der Urnenhalle in Pappschachteln mit Namensaufschrift aufbewahrt wurde, durch uns selbst auf Lastautos der SS verladen werden mußte, die sie in die nahe Elbe schüttete. Nachdem man auf Befehl der SS die Listen der sämtlichen Abtransportierten vernichten mußte, war es uns geglückt, auf dem Postamt die Vollmachtskartei zu retten. Aus dieser waren wenigstens die Leute zu ersehen, die einmal in Theresienstadt gewesen waren und bei ihrem Abtransport oder vor ihrem Tod eine Vollmacht zur Empfangnahme von Postsendungen hinterlassen hatten. Diese Kartei mußten wir noch in den letzten Apriltagen 1945 der SS ausliefern. Sie hätte wertvolles Beweismaterial dargestellt, um wenigstens den Verbleib eines großen Teils der Juden zu erklären, die in Theresienstadt gewesen sind. Auch diese Quelle ist der Vernichtungswut der Nazis zum Opfer gefallen. (Soeben erhalte ich allerdings aus Prag übeT Hamburg die zuverlässige Nachricht, daß es noch nachträglich gelungen ist, Material aus Theresienstadt sicherzustellen, dessen Vernichtung in den letzten Tagen in Theresienstadt nicht mehr gelungen ist, obwohl die letzten Tage buchstäblich Tag und Nacht Rauchwolken über der Stadt lagen, die vom Hofe der SS-Unterkunft, der Sudeten-Kaserne, herkamen. Dieses „fast vollständig gerettete Karteimaterial“ befindet sich in Prag im tschechischen Sozialministerium und wird dort von Frau Beck und Herrn Dr. Simonsohn bearbeitet. Dieses Material müßte über den Verbleib der meisten Juden Auskunft geben können, die von irgendwoher einmal nach Theresienstadt verschleppt worden sind.) Als 1933' der Nazismus in Deutschland ans Ruder kam, traf er die deutschen Juden nicht vorbereitet und doch vorbereitet. Nach den Anstrengungen der letzten 12 bis 15 Jahre mußte man damit rechnen, daß auch diese Pest einmal über Deutschland kommen würde. Aber in Wirklichkeit rechnete man nicht damit. Man hielt die Nazis für närrische Großmäuler oder für großmäulige Narren. Kaiser Friedrich III. hatte als Kronprinz den Antisemitismus der Ahlwardt und Stöcker als den „Sozialismus der Dummen“ bezeichnet. Man nahm aber nicht an, daß die politische Verdummung des deutschen Volkes einmal so weit vorgetrieben werden könnte, daß ein derartiges Regime überhaupt auf längere Zeit Fuß fassen konnte. Die politische Unmündigkeit des deutschen Volkes, die sich in einer Parteienzersplitterung von niemals geahntem Ausmaß manifestierte und die das deutsche Volk so infiziert hatte, daß es dem Bazillus des Nationalsozialismus erliegen mußte, hatte auch das deutsche Judentum nicht minder geschwächt. Die Verhältnisse, wie sie innerhalb des Judentums vor 1933 bestanden, beweisen es jedem objektiven Beschauer eindeutig, daß es einen Begriff wie „deutsches Judentum“ ebensowenig gab wie den von den Nazis so oft zitierten Begriff des „Weltjudentums“. Es gab deutsche Juden, jüdische Deutsche, Deutsche jüdischer Abstammung, oder wie man es sonst bezeichnen will, aber ein deutsches Judentum, eine einheitlich zusammengefaßte Gruppe von Menschen, die sich zu einer bestimmten Religion oder Rasse bekannten, gab es in Deutschland niemals, wie auch niemals in der Welt. Es gab Gruppen und Grüppchen, aber es gab niemals eine einheitliche Vertretung aller deutschen Juden. Diese schufen erst die Nazis. Die im Dritten Reich geschaffene „Reichsvertretung der Juden“, die unter dem Vorsitz des Berliner Rabbiners Dr. Leo Beck stand, der jetzt, nachdem1 er eine fast dreijährige KZ-Haft in Theresienstadt überstanden hat, als Mann von über 70 Jahren zu seiner Tochter nach London übersiedeln konnte und dort in vorbildlicher Weise für die in Deutschland verbliebenen Juden zu sorgen versucht, wurde erst durch die Nazis zur „Reichsvereinigung“ gemacht. Es liegt in der Natur der Sache, daß diese „Reichsvereinigung“ aber keine Vereinigung der Juden zur Wahrnehmung ihrer Interessen war, sondern eine zentrale Befehlsempfangsstelle für Anordnungen der Nazibehörden an die Juden geworden ist. Da es also kein geeintes Judentum gab, konnte es keine geeinte jüdische Abwehr geben, soweit überhaupt dem Nazismus gegenüber, sobald er an das Ruder gekommen war, von einer „Abwehr“ die Rede sein konnte. Man war in die Rolle des Entrechteten gezwungen worden und mußte sich mit dieser Rolle abfinden. Auch dieses „Abfinden“ konnte und mußte je nach dem Fall verschieden aussehen. Für einen großen Teil der Juden gab es, als das Dritte Reich ausgebrochen war, nur die eine Parole: möglichst schnell ins Ausland. Aber diese Parole, die so leicht klang und die so logisch erschien, war nicht so leicht in die Tat umzusetzen. Wer sich einmal entschlossen hatte, auszuwandern, konnte dies in fast allen Fällen nur dann durchführen, wenn ihm Hilfe aus dem Ausland zuteil wurde. (Genau so liegt es übrigens auch heute wieder: Wer jetzt auswandern will — und ich komme auf dieses Problem später noch einmal zurück —, kann es nur, wenn alle Voraussetzungen vom Auslande aus erfüllt werden. Schon die Tatsache, daß Deutschland für die meisten Länder der Welt noch feind-

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