Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 283 (sequence 299)
- Language
- German
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Und Resele machte sich mit soviel Eifer an die Arbeit, als sie nur konnte. Wie denn anders? Moschele verlobt sich, Moschele bekommt eine Braut, und die Braut ist gewiss ein schönes Mädchen, nicht ein blasses, krankes, hässliches Ding wie sie, und ist eines reichen Mannes Kind, nicht wie sie, die Tochter Scheindels der Krämerin. Und Resele denkt bei sich: Wenn er Hochzeit machen wird, dann will ich mich bei ihm verdingen. Und behüten will ich ihn und sein Weib wie meine Augen, und in Feuer und Wasser will ich für ihn gehen. Moschele wird Bräutigam! Welches Glück! Welche Freude! Und mit dem grössten Fleiss thut sie ihre Arbeit, ein Stück nach dem andern. Und doch zankt.Frau Rebekka mit ihr: „Was ist heute mit Dir, Resele, — alles fällt Dir aus der Hand!" . . . * * * Bei Anbruch der Nacht sitzt Resele wieder auf ihrem Bänkchen in der Küche. Aus dem Nebenzimmer klingt Moscheies Stimme. Und die Stimme Moscheies ist süss und scharf zugleich, lieb und streng, weich und schmerzlich. Und die Pfanne an der Wand sagt: „Ein hässliches Mädchen bist Du, Resele, ein mageres krankes Ding! Und sterben wirst Du . . . Und der gelbe Kessel fügt hinzu: „Und ein schönes Mädchen nimmt sich Moschele, ein gutes, ein reiches Mädchen!" Und alles Küchengeschirr fängt an zu klirren: „Du närrisches, krankes, armes Ding! Ha, ha! Sie denkt an Moschele. Schämen magst Du Dich aus ganzer Seele! . . . ." Und Moscheles Stimme sagt: „Was hast Du mit mir zu schaffen? Wie kommst Du dazu, an mich zu denken? Halt Dich an deinesgleichen! . . . ." Und ihr Bild im Spiegel spricht zu ihr: „Ein hässliches, armes, krankes Mädchen bist Du! Und wirst sterben! . . . ."-- Und plötzlich tritt die wohlbeleibte Mutter der Braut in die Küche und legt einen Rubel „Letztgeld" für sie hin. Und alles, was in der Küche ist, beginnt sie zu höhnen. Und es schreit ihr in die Ohren: „Gekauft hat man Dich! Abgekauft hat man Dir Moschele für einen Rubel! . ." 283