Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 268

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 268 (sequence 284)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1112869-9323001--275-9304857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Eine Hochzeit mit Strudel und Honigkuchen, wo es gewürzten Fisch und Sabbat- Semmeln gibt, goldene Suppen*), gefüllte Hühner und gebratene Enten; und bei der man guten, unverfälschten Wein aus weissen, nüchternen Flaschen trinkt. Eine Hochzeit mit einem Armenmahl**) und mit allen guten, altjüdischen Gebräuchen. Reb Eisik in Berkowe hatte auf allen Hochzeiten seiner Kinder ein Armenmahl gegeben, und so lud er auch jetzt zur Hochzeit seiner jüngsten Tochter alle Armen aus dem Städtchen Lipowetz zu sich ins Dorf, in dem er seit Jahren seinen Wohnsitz hatte. Es war bereits zwei Uhr nachmittags, die Trauung sollte bald stattfinden, und noch waren die Armen nicht erschienen, obwohl der Diener mit drei grossen Wagen noch am frühen Morgen nach ihnen gesandt worden war. Weshalb kamen sie nicht? Die Gäste wurden ungeduldig. Endlich kam der Diener auf einem Pferde clahergeritten, ohne Leute und ohne Wagen. „Warum allein?" rief ihm Eisik entgegen. „Die Bettler wollen nicht kommen", erklärte der Diener, vom Pferde herabsteigend. „Sie wollen nicht?" fragten wir alle erstaunt. „Sie wollen nur unter der Bedingung kommen, dass jeder von ihnen einen Kübel erhält." Wir lachten alle auf. Der Diener fuhr fort: „In Lipowetz war heute eine andere Hochzeit, und da sie sich dort alle sattgetrunken und sattgefressen haben, sind sie jetzt frech geworden und wollen unsere Hochzeit nur besuchen, wenn man ihnen einen Rubel bezahlt. Am frechsten von allen benehmen sich der Krumme mit den Krücken, der Hagere, Feitel der Stotterer und Jekel mit der eingedrückten Nase, die anderen wären vielleicht gekommen, aber diese haben sie zurückgehalten. Ich habe eine Stunde lang mit ihnen debattiert und ich wusste keinen Rat. Endlich habe ich eines der Pferde genommen und bin gekommen, um Sie zu fragen." Wir kamen alle aus dem Lachen nicht heraus, nur Eisik war erregt. „Hast Du mit ihnen nicht unterhandelt?" fragte er, „wollten sie nicht billiger?" „Ich habe mit ihnen mehr als eine Stunde gestritten", sagte der Diener, „und sie wollten keine Kopeke nachlassen." *) D. h. eine Suppe mit vielen Fettaugen. **) Ein separater Tisch neben den Tischen der Gäste, an dem die Annen der Stadt gespeist und mit Almosen beteilt werden. 268

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.