Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 242)
- Language
- German
- Belongs to
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hatte. Und Hinde wusste, dass er sie endlich gesehen hatte. Und ein Zittern durchflog ihren ganzen Körper. Sie legte die Kittel weg, und ihre Hand wurde geschüttelt. Sie lief hinaus. Und er folgte ihr mit einem kurzen Blick. „Bist Du gar ein Mädchenkenner?" fragte ihn der Alte. Leibke antwortete nicht. Er fühlte nur, dass es im Zimmer lichter und schöner wurde, wenn sie da war, und dass seine Seele ihren Durst erst erkannt hatte, als er sie erblickte. Er wartete auf ihr Wiederkommen. Aber der alte Hirsche witzelte: „Bei ihm frag' ich nach Mädchenkennerschaft! Ist denn ein Mädchen ein Kommentar?" Und die Mutter antwortete: ,,Macht nichts, soll nur die ihm Zugedachte kommen, so wird er schon ein Kenner sein." Aber Leibke warf Blicke auf die Thüre und wartete auf Hinde. Im Zimmer war es nicht hell genug, und seine Seele bangte. Alles war schon in Ordnung. Der Vater und der alte Hirsche zogen die Kittel an, man setzte sich zum Seder. Hinde kam herein, erledigte ihre letzte Arbeit, schloss die Gassenthür. Leibke sah sie an, und es war wieder heller" in der Stube. Es strömte von ihr ein Aufleben, das Entzücken . einer Siegerin. In seiner Seele aber blieb etwas von der Bangigkeit. Es zog ihn im Herzen wie von einer stillen Trauer. Man setzte sich. Der Vater obenan, auf seinem Thron aus zusammengestellten Stühlen, die Mutter an seiner linken Seite, Leibke an seiner rechten auf dem Sofa, neben ihm am anderen Ende des Sofas der alte Hirsche, und ihm gegenüber, neben der Mutter, sass Hinde. Man machte Kidusch und begann die Hagada. Leibke konnte kaum die ersten Worte herausbringen. Augen hoben sich zu ihm. Er erzitterte und wurde rot. Sein Solo, die vier Fragen, kam ihm schwer an. Sonst trug er sie stets mit einer eigenen, lauten Fröhlichkeit vor. Diesmal sagte er sie mit einer müden, trockenen Stimme her und fühlte fragende Blicke auf sich. Er hob die Augen nicht von der Hagada. Sonst hatte er in ihr immer neue Deutungen und Stoff zu einem Vortrage gefunden, und alle hörten aufmerksam zu und freuten sich, obgleich sie nichts oder nicht viel verstanden. Heute hat er „gebrockt". Er konnte an nichts denken und sich in nichts finden. Er fühlt nur, dass Hinde ihm gegenüber sitzt und dass sie ihn nicht anschaut, und dass er sie nicht anschaut. Und es war ihm, als sässe er da mit geschlossenen Augen und wüsste mit jedem G-lied und mit jedem Nerv, dass es wunderlicht in der Stube ist, und er wollte die Augen öffnen. 226