Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 165)
- Language
- German
- Belongs to
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WIE DER SAND. EIN GLEICHNIS VON ANSELM LUTWAK (WIEN). Wir sind nicht wie die Anderen, diejenigen, die an ihrer Scholle kleben; die Unerschütterlichen, Trägen und Gelassenen, die nur „hier" gedeihen: die Sesshaften, die sich ihres Anteils freuen, sich ihrer Grenzen rühmen, ihre Beschränkung lieben und ihr alltägliches Brot segnen; die Unterthanen, die sich selig unterordnen und auf ihre Zaunherrlichkeit pochen; die Bäume, die selbst dafür sorgen, dass sie nicht in den Himmel wachsen; die Verträglichen, die Getreuen, die Wir-Bewussten . . . Wir sind wie der Sand. Ein Schwärm, ein Haufen, aber keine Gemeinschaft. Ein Schwärm ichsüchtiger Mittelpunkte, ein Haufen schwärmerischer Atome, und ein jedes weiss seinen Psalm dem Unsichtbaren zu singen .... Ein jedes gebärdet sich wie ein Universum und leidet an Gott und an der Umgebung. Ein jedes unabhängig und haltlos, unstät und unersättlich, eigensinnig und in sich gekehrt, mit gekränkter Seele zwischen den Ewigkeiten sich herumtreibend, rastlos nach dem Unerreichbaren haschend, nach dem Geheimsten und Verborgensten spähend, über den Finsternissen grübelnd, mit der Sonne um den Glanz wetteifernd und in die abscheulichsten Moraste hinabsinkend..... So sind wir. Und wir sind preisgegeben „den Widerwärtigkeiten des Daseins". Aber so, wie wir sind, sind wir die Sanduhr der Geschichte. Und so oft wir aus den Sphären unseres Wüstenfluges zu Boden fallen, schägt die Stunde der Zeiten . . . Sie schlägt, denn wir fallen auf einen tönenden Boden . . . Dieser Resonanzboden hat einen ehernen Klang von hinreissender Macht und zauberischer Schönheit. Und wenn wir auf diesen Boden fallen, geschieht mit uns das herrlichste der Wunder. Sofort erwachen in uns bei diesem Klange die versiegten Erinnerungen und die verjährten Träume und gemahnen uns an unser vieltausendjähriges, gemeinsames Schicksal, an die wechselvollen Abenteuer der langen Irrfahrt und sogar an den unvordenklichen, glorreichen, krystallschönen Ursprung; und es erwacht in uns all die unausgeweinte Wehmut, all die unaufgeopferte, tiefe Menschlichkeit, und es erwacht in uns all das, wovon schon geglaubt wurde, dass es für immer und ewig in uns versiegt war — und aus jedem Sandkorn bricht wieder das farbenprächtige Wasser des Edelsteines hervor . . . Und die einzelnen Sandkörper fügen ihre Reibungsflächen gar liebevoll an einander und beginnen zu hüpfen und zu tanzen, zusammenzulaufen mit fassungsloser Lust und fieberhafter Behendigkeit. Denn sie tanzen den Verbrüderungs- und Wiedervereinigungsreigen. Sie tanzen, bis sie im Tanze aufgehen . . . Und sie hören auf, ein 149