Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 140)
- Language
- German
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Du salbtest mich, und ich ward dein, o Herr, Und treulich that ich meine schwere Reise. Denn wer die V^ahrheit trägt in dieser Welt, Der trägt ihr Weh, und schwer, mein Vater, schwer Ist's, so zertrümmert noch dein Bild zu sein, Ich that's, ich hielt dich fest, ich trug dich weiter, Und tausend Wunden decken meinen Leib Mein Geist ist heil — doch nun auch blutet er,' Vom Geisseihieb des Zweifels angefallen. Bist du gerecht? Du bist es, Herr, mein Gott. Sie sahen dich und blendeten sich selbst, Sie hörten dich und stopften ihre Ohren, Sie hatten dich und schmückten ihren Baal, Den gold'nen Moloch, der ihr Mark verzehrt, Mit ihrer Jugend, ihrer Unschuld Blüte, Ich predigte umsonst. Er lag im Blut Und heischte Blut, der dunkle Bruderkrieg. Nun steigt die Flamme der Vernichtung hoch, Wie rotes Gold und goldnes Blut erstrahlend, Und schwarze Trümmer, Kinderleichen, Glück Von Tausenden verschafft der Flamme Nahrung. Sie weinen, raufen sich die Haare, schlagen Die gramverzehrte Brust, und starren Fluges, Mit jenem Vorwurf, der den Schlaf mir raubt, Umstehn sie mich und flüstern: Jeremias! •Du sprachst die Wahrheit, hast uns gut gewarnt, Doch sprich, ist dies Gerechtigkeit bei Gott, Dass wir, die Erben tausendjährigen Fehls, Mun büssen sollen unsrer Väter Sünde? Dass unsre Kindlein, die wie Sonnenstäubchen Rm Weinberg spielten, jetzt gemordet sind, Gemordet von des Pöbels Tigerpranken? Dass unsre Jungfraun, Rosen, bleiche Rosen, Zerpflückt, geschändet nun im Kehricht liegen? Und wir, wir selbst, die wir das Haupt so hoch, So frohgemut zur Mutter Sonne trugen, Dass wir den Tempel Salomos zerstört Und uns in Ketten, uns verspottet sehn? Prophet, Prophet! Du hast nur dich erkannt, Micht uns und unsres Daseins tiefe Wurzel. Denn unser Leben, siehe, ist zu kurz, Um nur zu ringen, zu entsagen nur — Es blüht die Welt, und ihr geliebtes Bild, Ihr Weckruf ist uns mehr als dein Gewissem Wir thaten, was wir mussten, Musstest du Mit einem Richter, den du nie geseh'n, Die freie Schwinge unsrer Seele lähmen? Die Sünde ist ein Schatten nur der That — Rls wir sie kannten, unterlagen wir, Rls wir bereuten, waren wir gefallen, Micht Gold, nochGoldes Trug ist das Verderben — Der Starke kann nur am Gewissen sterben. So sprachen sie, mein Gott, und ihre bleichen, Erzürnten Mienen hoben sich gespenstisch Vom Feuerscheine der Zerstörung ab. Ich aber hob die Faust schon, dein gedenkend, Um Schlimm'res noch den Frevlern zu verheissen Da sah ich einem Kinde ins Gesicht, Das wund und schwach im Schoss der Mutter lag Und mich mit dunklen Fieberaugen ansah, Rls wollt' es sagen: Wehe dir, du Böser. 124