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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 91

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 91 (sequence 107)
Language
German
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IRI
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Klingen, jetzt aber lag Müdigkeit und Trauer darin, so wie die Stimme eines altem Vorbeters am Ausgang des Versöhnungstages. Und das Aechzen wurde immer grösser, immer trauriger, und alle sahen wir, wie es dem Vater zu Herzen ging. Es that ihm so weh, dass er ihr nicht helfen konnte. Es schien, dass ihr letztes Stündlein herannahte . . . Immer seltsamer wurden die Gebärden des Pendels. Er schüttelte sich, nahm nach der einen Seite einen starken Anlauf, um desto kläglicher nach der anderen Seite zu humpeln. Wie ein greiser, müder Mensch, der seine Füsse nachschleppt, so war jetzt die Uhr. Bald sollte sie für immer still bleiben, ach! für immer. Ein Glück, dass mein Vater rechtzeitig die Gefahr erkannte und aut Mittel sann, sieabzuwehren. „Zu wenig Gewicht," murmelte er, und er eilte in die Küche, suchte den Kolben des Mörsers hervor (er wog drei Pfund) und befestigte ihn an der Uhr. Sie schien, wie neu belebt, und fröhlich wiegte sich der Pendel. Doch nicht lange dauerte dies. Bald begann die Uhr wieder zu kränkeln, und der Pendel schien neuerdings zu ermatten. Bald schüttelte er sich langsam, bald allzuschnell, dazwischen hörte man ein seltsames „kchie", es war entsetzlich, es ging; auf die Nerven. Das war Agonie! Wir zweifelten nicht länger, und es war schrecklich, die Leiden des Vaters mit anzusehen. Wie ein Leibarzt alle Mittel anwendet und selbst sein eigenes Leben in die Schanze schlägt, um seinen geliebten König zu retten, so sann mein Vater unaufhörlich auf Mittel, um seine teuere Uhr zu erhaltenr um sie nicht sterben zu lassen . . . „Zu wenig Gewicht," murmelte er, und er eilte in die Küche und brachte eine kupferne Pfanne, später ein Bügeleisen, dann ein Säckchen Sand und endlich zwei Ziegel. Alle diese Dinge befestigte er an ihr, und sie erholte sich jedesmal, zog neue Lebenskraft aus ihnen und ging, schwer und stöhnend zwar, aber sie ging, bis eines Abends ein grosses Unglück geschah. Das war an einem Sabbat-Abend. Wir sassen alle um den Tisch und assen gewürzte Fische mit Kren, die Sabbat-Suppe und alle Vor- und Nachspeisen, wie es die Vorschrift verlangt. Die Sabbat-Kerzen waren niedergebrannt . . . das Mädchen brachte aus der Küche frisch gedörrte, wundervolle Kürbiskörner. Muhme Jenthe erschien und nahm teil daran, bedauerte jedoch lebhaft, dass sie keine Zähne habe.. Dann erzählte sie eine höchst verwickelte Geschichte, die sich gestern beim Fischstand zugetragen habe. Die Weiber hätten sich aneinander gedrängt und eine der wohlhabendsten hätte geschimpft, Pöbel denke an nichts als an das Fressen, worauf sie,. Muhme Jenthe, selbstverständlich nicht ermangelt habe, die gehörige Antwort zu erteilen . . . 91

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