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Bar Kochba · 1927-01-01 · 9 (1.1.1927) · p. [Seite]

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Journal
Bar Kochba
Volume
1926-1927
Issue
9 (1.1.1927)
Date
1927-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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BAU KOCHBA Mitteilungen des südwestdeutschen 6aues im deutschen Kreis des Makkabi Weltverbandes Alle Reclite vorbehalten. Einsendungen müssen bis zum 20. jeden Monats im Besitz der Schrit'tleitungsein. . Schriflltitunff: Herbert Wolff, Frankfurt a. M., Gwinnerstraße 34. Carolus 42 010. 1. Januar 1927 Nr. 9 / Jahrgang 1927 27. Teweth 5687 Moderne Medizin und Gymnastik. Lange war der Sinn der Aerzte von der unerhörten Fülle von neuen Einzelerkenntnissen, dem Geschenk der neugefundenen naturwissenschaftlichen Methoden, gefesselt. Mehr und mehr gelangt er heute dazu, den Menschen wieder als Ganzes, als Einheit, als Persönlichkeit zu betrachten. Mehr und mehr sieht er, diese oder jene Krankheit hat ihre Ursache in einer fehlerhaften Beschaffenheit der Gesamt organe.' Ist oft die Krankheit auch glücklich geheilt, der fehlerhafte Organismus .ist der alte geblieben. Es ist heute oft seine Aufgabe, aus ihm, dem Organismus, der krank geworden ist und daher nicht die Kraft hat, Schädlichem zu widerstehen, einen gesunden Organismus zu schaffen, der aus sich selbst, aus eigener Kraft seine Feinde niederkämpft. In einem interessanten Aufsatz, den wir der „Deutschen Medizin. Wochenschrift" entnehmen, setzt Prof. Bier, der Nestor der deutschen Aerzte, die Gleichung: Zur Erreichung der Gesundheit des Körpers, Harmonie des Körpers und Harmonie der Seele, sei heute die Gymnastik diejenige von allen körperlichen Betätigungen, welche dieses Ziel: Harmonie des Körpers und Harmonie der Seele, bewußt erstrebe. Prof. Bier schreibt: Der beschäftigte Arzt, der jährlich mehrere Tausende von nackten Menschen sieht, findet nur selten einen, der wirklich schön und wohlgefällig, d. h. harmonisch gebaut ist. Im allgemeinen findet sich die Medizin mit dieser bedauerlichen Tatsache leichthin ab; sie hält die weitverhreitete Disharmonie nun einmal für etwas Gegebenes und im allgemeinen Unabänderliches. Sie soll in den meisten Fällen durch Vererbung festgelegt sein. Der eine hat nun einmal durch diese eine fette, der andere eine magere Konstitution mitbekommen: der eine wird zu lang, der andere zu kurz; der eine hat einen phthisischen, der andere einen apoplektischen Habitus. Die heutige Medizin kennt den Allgemeinbegriff der Disharmonie gar nicht, sie spricht von diesem und jenem „Habitus" oder „Konstitution" und behandelt die verschiedenen Disharmonien als besondere Krankheiten und im allgemeinen mit kleinen und symptomatischen Mitteln; zu diesen gehören die diätischen Maßnahmen, verschiedene chirurgische und orthopädische Eingriffe und vor allem die sogenannte „Organtherapie" bei Störungen der endokrinen Drüsen, die gar keinen Versuch macht, die Krankheit, die die Disharmonie hervorruft, wirklich zu heilen, sondern nur den Ausfall, den die Krankheit der endokrinen Drüse bedingt, durch künstliche Zufuhr decken will. Mir scheint, daß die alten Griechen hier einsichtiger, zielbewußter, wirksamer und großzügiger vorgingen als wir. Sie wurden auch noch nicht durch einseitige Forscher, wie unsere heutigen Vererbungsforscher, gehemmt, die uns jetzt klar zu machen suchen, daß es ein vergebliches Beginnen sei, die „Konstitution" des Menschen wesentlich verändern zu wollen, da sie durch eiserne und unabänderliche Vererbungsgesetz e festgelegt sei. Ich weiß auch, daß man nie aus einem Neger einen Weißen, aus einem konstitutionellen Schwächling einen Athleten, aus einem Dummkopf einen Geisteshelden machen kann. Aber innerhalb des Rahmens der ererbten Konstitution läßt sich vieles erreichen, wenn man die andere Seite des Organismus, die Veränderlichkeit, richtig zu nehmen weiß. Das verstanden die Griechen. Sie erstrebten und erreichten die Kalokagathia, die Schönheit und Güte oder die Harmonie des Körpers und darüber hinaus die der Seele, d. h. also des ganzen Menschen. Dazu bedienten sie sich u. a. ihres hervorragendsten Erziehungsmittels, der Gymnastik. Gymnastik heißt auf Deutsch Nacktbetätigung. Dieser Name für die Leibesübungen im allgemeinen ist sicherlich nicht ohne Ueberlegung gewählt. Er soll aussprechen, daß das Nackte, also das, was wir jetzt Luft- und Sonnenbäder nennen, die Vorbedingung für die Kalokagathia war. Ich sah Kranke nach größeren Pausen wieder und fand, daß sie nach längerer Nacktübung harmonische Körperformen bekommen hatten. Ich wiederhole, was ich in einer früheren Arbeit in d. Wschr. gesagt habe: „Die Fetten verlieren Fett und gewinnen an Muskeln, die Mageren nehmen an Fett und Muskeln zu, die Aufgeschwemmten verlieren ihre unförmige Gestalt, die Blutarmen bekommen nach Menge und Zusammensetzung besseres Blut. Dabei nehmen die Menschen in der Regel an Gewicht zu, oder sie erhalten sich auf ihrem Gewicht, wenn sie fett (der aufgedunsen waren. Kurzum, die Körperformen gewinnen an Schönheit und Brauchbarkeit." Sehr schwierig ist die Frage der Gymnastik der Frauen, denn überall ist diese auf die Männer eingestellt. Es ist aber eigentlich selbstverständlich, daß der ganz anders gebaute und dementsprechend auch zu anderen Aufgaben bestimmte weibliche Körper andere Uebungen verlangt als der männliche und eine gemeinschaftliche körperliche Erziehung beider Geschlechter deshalb nicht stattrinden sollte. Ich wies darauf hin, daß schwere körperliche Arbeit, die den Männern sehr gut bekommt, die Frauen vorzeitig alt und häßlich macht und daß Turnlehrerinnen, die schwere Leibesübungen treiben, oft ein unweibliches Aussehen haben. Was bei dem Manne die Harmonie erzeugt, kann oder muß beim Weibe die Disharmonie verursachen. Wie viele andere, so habe ich vom ärztlichen Standpunkt aus immer wieder auf die hohe Bedeutung der Gymnastik, die unbedingt im alten hellenischen Sinne getrieben werden muß, für die Gesundheit und auch für die Erziehung des Volkes hingewiesen. Daneben aber habe ich immer wieder die Anregung gegeben, die Gymnastik wieder, wie das im alten Griechenland der Fall war, als Heil - mittel zu benutzen. Man führt sie als solches bei uns wohl viel im Munde, gebraucht sie aber nur unvollkommen, in beschränktem Maße und in verkehrter Weise. Denn unsere sogenannte Heilgyymnastik ist, wie ich schon mehrfach ausgeführt habe, ein Zerrbild von wirklicher Gymnastik. Die vielseitige Gymnastik aber wird kaum verwandt. Und doch dürfte sie bei den vielen Disharmonien der Menschen, worunter ich vor allem die Fettsucht, die

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